Review: Henric de la Cour

Henric de la Cour – „Gimme Daggers“

Ich habe drei Lieblingsgoths. Einer davon ist Robert Smith, eh klar. Der zweite ist Richmond aus The IT Crowd (Noel Fielding, yay!). Der dritte in der Runde ist Henric de la Cour.

Henric macht jetzt auch schon 23 Jahren Platten. Trotzdem nimmt sein jüngstes Album eine Sonderstellung ein. Es ist das erste Album nach der Rettung. Oder: Das erste in der Normalität. 

Aber von Anfang an. 

Henric kennt man in Schweden schon seit 1995. Damals veröffentlichte seine erste Band, sie hieß Yvonne, ihr Debütalbum. Die Platte kriegte in der Heimat viel Aufsehen, obwohl sie komplett gegen alle Trends lief. Denn 1995, da war Grunge noch relativ groß, vor allem aber war der Britpop in vollem Schwung. Kein Mensch setzte auf Synthies, schwarze Klamotten, Kajal und Klänge aus der Mitte der 80er. Goths, Grufties, schienen ein absolutes Nischendasein in der Indieszene zu führen. Aber Henric und seine dunklen Boys aus Eskilstuna (ja, die gleiche Heimatstadt wie Kent) überzeugten ihre Mitschweden, weil sie’s so konsequent durchzogen – und weil sie enorme Songs auf ihrer Seite hatten. Hört euch „Modern Love“ von ihrer zweiten Platte „Getting Out, Getting Anywhere“ (1997) an, „Sleepless Nights“ von „True Love“ (1999) oder „Bad Dream“ von „Hit That City“ (2001) und sagt mir, dass das in einer gerechten Welt keine Evergreens sind! (Side note: „Hot That City“ wurde in D als „Lost In The City Nights“ veröffentlicht – der Titelsong ein Duett mit Karin Dreijer, heute The Knife/Fever Ray)

Yvonne trennten sich, Henric gründete mit einem Teil der alten Band sowie neuen Musikern Strip Music und veröffentlichte zwei weitere Spitzenalben. („Strip Music“, 2004 / „Hollywood & Wolfman“, 2006). Auch Strip Music zerfielen und nun machte Henric solo weiter. Seinen Stil hat er in all den Jahren nie groß verändert, aber immer weiter verfeinert. Meiner Meinung nach sind „Henric de la Cour“ (2011) und „Mandrills“ (2013) die beiden Höhepunkte seines bisherigen Schaffens. 

2014 eine Zäsur. Die Filmdoku „Henric de la Cour“ vom Regisseur Jacob Frössén erschien. Hier lernten wir erstmals, dass Henric seit frühester Kindheit an Mukoviszidose leidet.

Mukoviszidose ist eine Stoffwechselkrankheit, die als unheilbar gilt. Erkrankte Menschen sterben meistens noch im Teenageralter. Es gibt Patienten, die 20 oder gar 30 werden, aber die sind selten.

Vereinfacht gesagt: Im Körper von Mukoviszidose-Patienten bilden Organe zähe Schleime, wenn das normal funktionierende Organ eine Flüssigkeit produzieren würde. Bei Henric betraf das die Lunge. Nicht mal seine Bandmitglieder wussten, dass er oft wochenlang außer Gefecht war, klebrigen Mucus abhustend. 

Ich hab’s schon in einem Text zu dieser Doku geschrieben: Henric dachte ein Leben lang, er müsste wohl bald sterben. Schon als kleiner Junge musste er mit anderen Totgeweihten in die Reha, wochenlang weggesperrt. Ab da machte er keine großen Pläne, wollte kein tiefgehenden Beziehungen eingehen, weil er ja immer damit rechnen musste, in spätestens fünf Jahren nicht mehr da zu sein. Und klar, wenn das nahende Ende dein ständiger Begleiter ist und du oft wochenlang in Isolation hustest, wird der Tod ein Thema sein, mit dem du dich befasst. Auch wirst du die Gesellschaft aus einer Perspektive sehen, die eine andere ist als die der „Normalen“. 

Aber Henric wurde 20, wurde 30, wurde 40, wurde Vater.  

Und die Medizin machte in diesen Jahren enorme Fortschritte. 

Es ist die Schlüsselszene in der Doku: Eine Ärztin präsentiert Henric glücklich das Präparat, das ideal auf seine Form der Mukoviszidose zugeschnitten ist. Seine schleimbildenden Zellen, die so überaktiv sind, sie werden hiermit ab jetzt blockiert. Mit dieser Medizin. Henric wird künftig einfach nur regelmäßig diese Pille schlucken müssen – und der Spuk hat ein Ende.

Henric blickt das Pillendöschen unverwandt an. Die Krankheit, ob er will oder nicht, sie ist ja nun mal das, was ihn zu dem macht, der er ist. Seine Persönlichkeit, sein Weltbild, sein Schaffen sind geprägt durch die Wochen der Einsamkeit, durch die Klinikaufenthalte, durch den baldigen Tod, durch den Abstand von den „Gesunden“. Und das soll jetzt so einfach ausgelöscht sein, mit dieser Pille? Er weiss gar nicht, was er damit machen soll. Er formuliert seine schlimmste Vorstellung: „Werde ich jetzt einer von euch?“

Als wir die Doku verlassen, ist sich Henric nicht sicher, ob er die Pille überhaupt nehmen wird. 

2018. „Gimme Daggers“ ist da. 

Schwedens größte Tageszeitung Dagens Nyheter hat Henric groß im Kulturteil unter der Überschrift „Die Platte ist ein Abschied vom Tod.“
Dem Magazin festivalrykten.se erklärt er: „Es ist nicht so, dass die Krankheit weg ist, sie ist nur eingedämmt. Der Tod steht nicht mehr so unmittelbar vor mir. In gewisser Weise ist das Thema abgeschlossen. Ja, eine innere Leere war da. Aber zum Glück bin ich auch so kaputt genug, um noch zahllose weitere Alben in mir zu haben.“

Was sagt man da als Fan? Sind wir erleichtert, dass Henric auch ohne Husten noch kreativ ist und dass ihn die Dämonen immer noch nicht in Ruhe lassen? Sollten wir ihm nicht eher wünschen, dass er sein inneres Gleichgewicht findet, wenn wir’s wirklich gut mit ihm meinen? Ganz schön egoistisch von mir, dass ich weiter solche Platten hören will. 

Jedenfalls: Henric ist der Alte geblieben. Auch die neuen Tracks drehen sich schwermütig um Tod und um psychische Qualen. Eins muss man Henric dabei aber lassen: Ihm ist bewusst, dass der dauerleidende Weltschmerzmensch auch eine durchaus groteske Figur ist, über die man auch lachen darf. Das wissen wir spätestens seit seinem Video zur 2012er Single „Grenade“, aber auch hier unterstreicht er’s wieder. 

Nehmen wir „Worthless Web“. Einerseits ein Angebot an eine interessierte Partnerin, andererseits das ehrlichste, und gleichzeitig auch abschreckendste Tinder-Profil aller Zeiten. „If you dive right into my arms, I will keep you away from the things you love, I will give you shelter from the rain, but I’ll keep you way from the sun, too“. Das ist ernst gemeint, traurig und böse, aber auch bewusst überzogen, es ist gleichzeitig Pathos und Selbstironie. 

Diese Gratwanderung an der Komik erlaubt Henric, wirklich dunkle Themen anzuschneiden. „Hank Sometimes“ behandelt ganz offensichtlich sowohl Depressionszustände als auch die Unfähigkeit anderer, damit adäquat umzugehen. „Here’s to the boys and girls who left town, from the narrow bridge, face down“ (Hihi, Selbstmord!)  salutiert Henric und klagt: „I tried my best, i tried really hard, I had a go, but i never got far. I tasted love, I tasted glee, there is a light, but the light ain’t me“. Auf dieses Geständnis der persönlichen Finsternis antwortet der Refrain mit dem gut gemeinten, aber deplatzierten „Come on, come on, let’s hug it out“. Fies.

Wir sehen also: Auch wenn die Lungenprobleme im Griff sind, ist Henrics Zynismus weiterhin intakt. 

Was ebenso weiterhin funktioniert: Die Schichten und Sphären aus Synthies. Mit ihnen erzeugt Henric Spannung, Reibung und dräuende Stimmung, wie wir’s von seinen besten Alben kennen. Klangbeispiel: Das Intro „Slow Death“, für mich ein mit weniger Glitzer behangener Cousin vom The Cure’s „Disintegration“-Opener „Plainsong“ 

Henrics große Stärke waren auch immer die Melodien, die seine düsteren Gedanken ins zugängliches Popsongformat übersetzten. Auch hier herrscht auf „Gimme Daggers“ kein Mangel. Der Refrain von „New Building“ beispielsweise, das ist ein dicker fetter Ohrwurm, auch wenn er schwarz trägt. „Two Against One“ hat eine dunkle Popwucht, dass die Nummer eigentlich auf jeden Indie-Dancefloor des Planeten gehört.

Leider ist „Two Against One“ neben dem vorletzten Song („Arkham Supermarket“) allerdings auch der Einzige, der so richtig Schub gibt. Und damit kommen wir zu meinem Kritikpunkt an der Platte: Diese schnelleren Songs, das sind die, die ich von Henric / Strip Music / Yvonne eigentlich immer am liebsten mochte. Keine Frage, auch seine Slowburner können ihre ganz eigene Macht entwickeln. Das tun sie aber umso effektiver, wenn ihnen die Pop-Brecher auf dem Album einen Kontrast geben. In dieser Hinsicht waren Henrics erste zwei Soloalben nahezu perfekt: Stampfer und Beisser, Brodler und Schleicher ergänzten sich ideal.

Auf „Gimme Daggers“ sind die Songs, die ich „Brodler“ nennen würde, in der Überzahl. Ich meine damit Lieder im Midtempo, die brennen wie eine Zündschnur – aber die Explosion wird nicht gezeigt. Solche Songs beziehen ihre Power durch das, was man erahnt, nicht das, was man passiert. Ein starker Effekt, klar. Aber dennoch einer, den man wohl auch nicht überstrapazieren sollte. Ab und zu muss es halt doch knallen.

Also, was ich eigentlich sagen will: Ich sehe ein, dass man sowas nicht forcieren kann. Sowas muss von innen heraus kommen. Trotzdem hätte ich halt gerne ein paar mehr schnellere Songs auf der Platte gehört. Weil ich die von ihm so mag.

Aber hey. Alles in allem bin ich sehr happy, dass Henric zurück ist. Dass es ihm gesundheitlich besser geht, dass aber auch seine Befürchtung, er könnte ohne Krankheit den Zugang zu seiner kreativen Ader verlieren, nicht eingetreten ist.

Henric ist keiner „von uns“ geworden. Seine Persönlichkeit und seine Ausdruckskraft, die kam aus ihm selbst heraus und war nicht nur Folge der Krankheit. Er wird uns weiter starke Alben liefern. Das ist der wichtigste und der erfreulichste Schluss, den wir aus der Platte ziehen können. 

    

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