Vinterview: Johnny Marr

Letzte Woche erschien „Call The Comet“, das dritte Soloalbum von Johnny Marr. Ein Grund, mal wieder im Archiv zu kramen. 2013, als „The Messenger“ erschien, die erste Soloplatte des Ex-Gittaristn von Modest Mouse, The The, Electronic, The Cribs und (jaja) The Smiths, da konnte ich nämlich ein Interview mit dem Meister führen. Das Transkript gab’s auch auf meinem alten Blog zu lesen, der nicht mehr online steht. Ich habe das Ganze mal wieder hervor gekramt. 

Ja wer guckt mir denn da auf meinem Laptop entgegen? Johnny Marr ist‘s! Himself! Oooooh, was für ein stolzer Moment in meiner Musikjournalisten-Karriere! Ein echter Smith!!! Nee, echt jetzt! Ein ECHTER SMITH! 

JOHNNY MARR!!!! 

Wenn das jemand meinem 17jährigen Ich in Sonthofen erzählt hätte! Ich hätte dem Menschen ja die Füße geküsst! 

Gitarrengott, Geschmacksmacher, Kenner, Könner, coole Sau! 

Astronaut, Zen-Meister und Formel 1-Rennfahrer an der Gitarre! Auch Johnnys Soloplatte „The Messenger“ ist genau nach meinem Geschmack! 

Hooray for skype – Interview! Wir gründen sogar kurz eine Band!

Johnny: Hey there!

Hey! Wie geht‘s?

Gut, Mann!

Du hast schon den ganzen Tag Interviews hinter Dir.

Ja, und es kommen noch weitere. Aber das liegt daran, dass die Platte so gut ankommt, also ist das doch eine super Sache.

Jetzt mache ich erst mal einen Screenshot, als Beweis, dass ich wirklich Johnny Marr auf meinem Laptop hatte.

So, dein Album kommt also großartig an – trotzdem, eine Sache fällt mir auf, wie ich die britische Presse dazu so verfolge: Die Schreiber reden praktisch nur von deinem Gitarrespiel. Was ja einerseits klar ist, denn Du bist als Gitarrist bekannt geworden. Aber du bist ja nicht ohne Grund diesmal Frontmann. Frontmänner nehmen diese Position normalerweise ein, weil sie etwas zu auszusagen haben. 

(er hört zu)

Ich meine, du standest ja sicher vor der Entscheidung: „Singe ich diese Lieder selbst?“ Und du hast Dich dafür entschieden. Weil Dir die Lieder entsprechend am Herzen liegen. Richtig?

Korrekt, ja. Ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Was half, war, dass ich zu dem Zeitpunkt, als ich die Songs gerade schrieb, ein paar kleine Shows spielte. Und ich fühlte mich gut dabei, diese Songs zu singen. Wir spielten „Upstarts“, „Word Starts Attack“,  „European Me“, „Sun And Moon“, sechs, sieben Songs. Und ich fühlte mich gut. Ich glaubte an das, was ich sang. Das war sehr hilfreich. 

Außerdem, ich kenne es, in Bands zu sein, und ich kenne das in verschiedenen Positionen. Ich war in einer sechsköpfigen Band mit Modest Mouse. Ich weiss auch, wie es in einem Quintett ist, das Keyboards und Sequencer benutzt. Wie man den Frontmann gibt, weiss ich auch, schon seit meiner Teenagerzeit. Das nehmen viele Leute ja nicht wahr – ich weiss sehr wohl, wie das ist, in der Mitte der Bühne zu stehen. Das wollte ich nicht immer, und ich wurde bekannt dafür, es NICHT zu tun – aber brandneu ist es für mich nicht. 

Ich bilde mir nichts darauf ein – als Frontmann habe ich eine Verantwortung gegenüber meiner Band, und auch gegenüber dem Publikum. Ich habe auch eine Verantwortung meiner früheren Arbeit gegenüber, es ist eine ernste Sache – aber dass es eine ernste Sache ist, weiß ich schon mein ganzes Leben lang. Wenn ich eine Band live angucke, dann erwarte ich vom Frontmann, der er verdammt noch mal gut ist. An diesem Punkt in meinem Leben will ich Bands sehen, bei denen der Frontmann eine Gitarre hat. Das ist kein Zufall, dass ich der Frontmann dieser Band bin. Ernsthaft jetzt, wenn ich jetzt den jungen Mick Jagger oder den jungen John Lydon kennenlernen würde, und der würde sagen: „Ich will der Frontmann deiner Band sein!“ – Ich würde „Nein“ sagen! Denn die Band, in der ich gerade spielen will, in der muss der Frontmann eine Gitarre haben!

Ja, das entnehme ich der Platte. Denn es wäre ja ein Leichtes für Dich gewesen, dein Telefonbuch durchzugehen und den Santana zu machen. So-und-so-viele Promi-Sänger für die Songs zu suchen und das Ganze zu deinem Ego-Ding zu machen.

Solche Platten habe ich nie gemocht! So eine Platte käme nie in meine Sammlung! Vor ein paar Jahren traf ich Slash in Santa Monica. Ich gratulierte ihm zu seinem Album, das ja auch eine solche Platte ist, die du beschrieben hast. Es ist eine knifflige Sache für einen Gitarristen, eine Platte zu machen. Also, ich respektiere ihn durchaus dafür, dass er seine Platte auf diese Weise gemacht hat. Aber, weil ich schon in diesen New Wave Bands war, als ich noch ein Kind war, noch vor The Smiths, habe ich es eben auf die andere Weise gemacht.

All die anderen Bands, in denen du Mitglied warst und für die Du bekannt warst… Um es mit Fußball zu vergleichen, deine Rolle war die des Pass- und Flankengebers. Du machtest all die Assists, aber du überließt es den Anderen, die Tore zu schießen.

Yeah! Genauso war ich auch, als ich noch Fußball gespielt habe!

Echt jetzt? (Johnny war ein talentierter Jugendspieler, der Angebote von Manchester City und Leicester City hatte – Anm.)

Ja! Ich habe einfach nicht das Ego, der zu sein, der die Tore schießen muss. In Bands war das ebenso. Das ist jetzt auch kein Ego-Ding, aber bei dieser Band jetzt mag ich es, der Leader zu sein.

Ich denke auch – wie gesagt, ans Mikrofon zieht es zumeist die Leute, die etwas aussagen wollen. Deswegen denke ich, die Texte müssen dir doch hier eine Menge bedeuten.

Ich finde, meine Texte sind echt gut. Wenn ich sie vergleiche mit dem, was es sonst zur Zeit so gibt, sind dies genau die Texte, die ich schreiben will. Ich finde: Sie sind nicht halbbacken,  sie sind nicht obskur. Und es stimmt schon, mehr noch im UK als in Amerika – wenn ich mit Journalisten spreche, dann haben die folgendes Bild von mir: Dass ich, wenn ich meine Texte schreibe, angestrengt aus dem Fenster schaue und auf meinem Bleistift kaue, nach dem Motto „Was soll ich nur schreiben?!“ Aber ich finde, meine Worte – und ich will hier jetzt nicht unbescheiden klingen – also, ich habe gemerkt, dass ich in dieser Sache mehr in die Offensive gehen muss. Die Leute denken, ich vergleiche meine Texte mit denen von Morrissey oder denen von Matt Johnson – aber ich setze mich nicht in einen Bezug zu diesen Leuten. Ich MAG es, wie ich schreibe. 

Es ist aber ja auch so, dass du bisher mit einigen der außergewöhnlichsten Texter gearbeitet hast. Morrissey, natürlich, aber auch Isaac Brock hat ja einen ganz individuellen Umgang mit Worten. Die Texte von diesen beiden könnte man auch als Gedichtband veröffentlichen. Mit diesen Leuten gearbeitet zu haben, kann also entweder einschüchternd sein – oder aber eine große Herausforderung und ein toller Einfluss.

Ja. Ich stimme zu, Morrissey ist ein fantastischer Texter, keine Frage. Und Isaac Brock auch – er ist sogar mein Lieblingstexter aller Zeiten. Wen ich auch noch sehr mag, ist Graham Lewis von Wire. Und David Byrnes Texte mag ich auch sehr. Aber ich habe absolut kein Problem damit, Isaac die Texte meines Albums zu schicken. Isaac mag die Platte! Darüber bin ich sehr happy! Er weiss, dass ich nicht schreiben will wie er. Warum sollte ich das auch wollen? Auch wenn ich seine Texte klasse finde! Also, ich verstehe deine Frage. Aber ich bin nicht eingeschüchtert von diesen Textern, und zwar deswegen: Da draußen sind so viele Leute unterwegs, die nicht so gefordert werden wie ich, aber deren Texte auch lange nicht so gut sind wie meine. Also sage ich: Scheiß drauf! 

Erkenne ich in den Texten eine Menge aufgestauter Wut? Liege ich da richtig? Ein Song wie „Generate Generate“ hat eine gewisse Aggression. Für mich als jemanden, für den Englisch nicht die erste Sprache ist, ist es manchmal nicht ganz leicht, alles auch richtig zu deuten. Zwei Stellen habe ich mir mal rausgepickt: Ein mal singst Du von „fast track philosophy“ an anderer Stelle „If a bill can never get lost, how is it going to be found?“ Meine Assoziation dazu war jeweils die Bankenkrise. Vielleicht liege ich komplett daneben, aber das war meine Assoziation.

Oh, es freut mich, dass du das sagst, aber du lässt mich cleverer klingen als ich bin. Wenn ich über eine „fast track philosophy“ singe, singe ich über mich selbst. In dem Song singe ich auch „Cogito ergo dumb“. Wie Descartes, „Cogito ergo sum“ – aber bei mir heißt es „Ich denke, also bin ich blöd“. In dem Song geht es ums zu-viel-Denken, um Hyperaktivität. „Same old song, what‘s going on“. Was ich sage, ist, dass ich – und vermutlich auch viele Leute in meinem Publikum – zu viel nachdenken. Ich mache auch den Witz, Descartes sei im Publikum. Deswegen auch „Calculate, calculate“ – er hat ja die imaginären Zahlen erfunden. Und gleichzeitig ist der Text ein Tribut an die Hyperaktivität. Wenn ich auf dem Album Kommentare ablasse über die Gesellschaft, dann sind das keine Beschwerden. Das sind mehr so Beobachtungen, es ist mehr, wie zu sagen „Vive la resistance!“ 

Die andere Zeile war: „If a girl just wants to get lost, how ist she going to be found“ – das stammt aus einem Abschiedsbrief. Von einem russischen Model, das unter sehr verdächtigen Umständen gestorben ist. Sie schrieb: „Ich kann nie verloren gehen, wie soll man mich also finden?“ Eine sehr traurige Geschichte. Ich habe das dann aber neu verknüpft. Ein Freund erzählte mir, sie sei auf Acid gewesen. Also habe ich eine Geschichte geschrieben über ein verwirrtes Model, das glaubt, der Catwalk sei 200 Fuß hoch, und das manipuliert wird und nun versucht, sich umzubringen, indem es sich vom Runway stürzt.

Sieh an, da hätte mir jetzt ein Lyric Sheet geholfen. Statt „Girl“ hatte ich „Bill“ verstanden. Und ich dachte, es ginge um dubiose Geschäfte und Überweisungen.

Die Idee klaue ich! Danke! Komm, wir schreiben einen Song zusammen!

Das mache ich gerne! Furbach/Marr, klingt super, oder?

Nee! Andersrum! Oh je, wir streiten schon! Schon ist da die Reibung der Egos, wir müssen uns wieder trennen!

Wie heißen wir denn?

Wir heißen… Ramones 2! 

Okay. Naja.

Denn ich bin hier im Ramones-Museum. Warst du schon mal da?

War ich nicht – denn, und jetzt darfst du mich hassen – die Ramones haben mich nie so interessiert. Ich meine, ich find‘ sie okay. Aber sie haben mich nie so gepackt, wie andere Bands mich gepackt haben. So wie Deine Arbeit mich gepackt hat, zum Beispiel. Na, habe ich das gut wieder hin gedreht?

Ah, ich verstehe. Nicht genug Moll-Akkorde. Die brauchen ein paar interessantere Akkordwechsel.

Und sie müssten ein bisschen verzwickter spielen. Wobei – klar, verzwickt, das ist genau das, was die Ramones nicht machen.

Yeah.

So, zu meinen Fragen zurück. Du hast in einem Interview den Song „We Share The Same Skies“ erwähnt, den Du mit den Cribs gemacht hast. Dass dies ein Wendepunkt war, an dem Du Dir wieder erlaubt hast, wie Johnny Marr zu klingen, sozusagen. 

Das stimmt. Das Riff, das war einfach zu gut, um es in die Tonne zu werfen.

Diese Cribs-Platte war meine Platte des Jahres 2009, ich fand sie SO gut!  

Danke, toll!

Und ich weiß noch genau, als ich diesen Song zum ersten Mal hörte, das war, als träfe man einen alten Freund wieder.  

Oh, gut. Klasse, Mann.

Das machte mich SO happy! Der Song, an den es mich am meisten erinnert, ist „Slow Emotion Replay“ von The The.

Stimmt, das ist die gleiche Art Song, yeah.

Wobei mir auffällt: Du hast gar keine Mundharmonika gespielt auf dieser Platte.

Ich hab‘s versucht, Mann! Ich habe es auf einem der Songs probiert, aber es hat einfach nicht gepasst. Ich wollte es sehr wohl!

Jedenfalls, es gab folglich davor eine Phase, in der hast Du versucht, nicht so zu klingen wie Johnny Marr?

Ja, aber ich finde, das ist was sehr Gesundes. So sollte man doch drauf sein als junger Mensch! Nicht das Erwartete machen – sondern die Sache weiter interessant halten, für sich selbst und fürs Publikum! 

Ich wurde bekannt, da war ich noch sehr jung. Danach musste ich schon manchmal damit kämpfen, den Leuten klar zu machen, dass ich jetzt auch alle möglichen anderen Sachen mache. Soundtracks zum Beispiel, und dass ich die Gitarre einfach auf viele verschiedene Arten spiele. Und ich singe auf verschiedene Weisen. Endlich wissen das die Leute heute von mir, aber ich habe das Gefühl, dass ich eine sehr lange Lehrzeit hatte. Ich hatte eine echt gute Karriere, die mir wirklich Spaß gemacht hat. Aber es war nicht immer leicht. Ich bin echt mutig, haha. Oder doof, haha. 

Das mit der „Lehrzeit“ habe ich mir in meinen Fragen notiert. Du bist schon so lange dabei,  wenn Du dann einer neuen Band wie Modest Mouse oder The Cribs beitrittst, lernst Du dann noch etwas Neues? Was hast Du mitgenommen aus deiner Zeit mit Modest Mouse, was aus der mit den Cribs?

Bei Modest Mouse habe ich gelernt, dass man die Bühne nicht als etwas Selbstverständliches sehen darf. Dass man die Bühne betritt, wie man sie ein einem Theater betritt – die Bühne ist Theater. Alles ist Theater. Isaac Brock ist ein… sehr einzigartiger Künstler. Das geht weit übers ein-endgeiler-Musiker-Sein hinaus. Da steckt ein Künstlertum dahinter. Schon alleine, wie er sein Feuerzeug aus der Tasche holt! Er hat verstanden, dass die Bühne dazu da ist, um darauf etwas darzustellen. Und selbst wenn Du NICHTS auf der Bühne machst, tust Du etwas. 

Von den Cribs habe ich mitgenommen… das hat auch wieder mit der Bühne zu tun. Dass von der Bühne Energie kommen muss. Ich glaube, diese Band funktioniert vor allem übers Live-Spielen. Denn, bei aller Bescheidenheit, ich glaube es gibt nicht mehr viel, dass man mir erzählen kann über Aufnahmestudios. In denen habe ich 30 Jahre verbracht. Die kompletten 90s durch war ich im Studio. Deswegen haben mir Modest Mouse und die Cribs beide wieder viel beigebracht übers Touren. Über die Beziehung, die man zum Publikum aufbaut. Das ist DIE Sache bei den Cribs, wie sie sich auf ihr Publikum beziehen. Das ist was ganz Besonderes. Die wissen ihr Publikum auch wirklich zu schätzen und einzuschätzen.

Weswegen die Cribs für mich auch heraus ragen in der aktuellen Szene, ist, dass sie wirklich für etwas stehen und etwas zu sagen haben. Da ist eine Wut da und ein Drang, etwas auszusagen. Das fehlt mir bei vielen neuen Bands – da gibt es mir zu viele, die kopieren nur Two Door Cinema Club, wollen auf dem Indie-Dancefloor funktionieren – aber in ihnen steckt keine Aussagekraft. 

Gleichzeitig mit Dir kommen gerade viele Langzeit-Acts zurück. Pulp haben eine neue Single, Suede kommen zurück, My Bloody Valentine, die Stone Roses. Ist es nicht sonderbar, dass es die Künstler deiner Generation sind wie Morrissey oder Liam Gallagher, die im NME die interessanten Sachen sagen? Findest Du auch, dass den jungen Bands da etwas abgeht? Was gibst Du den jungen Bands mit auf den Weg?

Wo ich Dir zustimme, ist dass die Cribs eine Band sind, die etwas zu sagen hat. Die sind von einer echten Leidenschaft angetrieben. Ihre Musik ist Strassenmusik, ich nenne sie Strassenmusik. Strassenmusik hat eine Funktion, nämlich zu verändern, wie Du dein tägliches Leben führst. Wie du dich mit der Konsumgesellschaft auseinandersetzt, wie du dich auseinandersetzt mit… all dem täglichen Bullshit. Ich hoffe, dass das auch das ist, was ich mit meiner Platte aussage. 

Aber es wäre echt unwürdig, wenn jemand in meiner Position… sich beschwert. Deswegen erwähne ich diese Dinge auf meiner Platte. In Texten wie „Word Starts Attack“, „Sun And Moon“ oder „The Right Thing Right“ sage ich sozusagen „Vive le resistance!“ 

Schlimm wäre, wenn ich Lieder über Rockstar-Neurosen schreiben würde. Ich bin in den 70s groß geworden, da gab es das – Songs von Leuten, die sich beschwerten, wie schwer sie es hatten. In ihren Interviews sprachen sie davon, wie viele Steuern sie zu zahlen hatten. 

Ich stimme aber nicht zu, wenn du sagst, dass Morrissey und Liam Gallagher die einzigen sind, die etwas haben, worüber sie sich im NME aufregen. Das sind einfach nur Interviews.

Ich finde aber ja gerade, dass die anderen jungen Bands eben eine Unmenge Dinge haben, über die sie sich aufregen sollten. Ich sehe sie nur nicht, wie sie sich aufregen!

Aber man muss mehr machen, als nur gute Interviews geben. Wichtiger ist doch, eine gute Platte zu machen! Der NME und all das kommt doch erst an zweiter Stelle. Wenn jemand Spitzenplatten macht und dafür in den Interviews cool bleibt, ist es doch die bessere Reihenfolge. Leute, die im Interview „Blah blah blah“ sagen, aber dann Scheissplatten abliefern, wen jucken die denn?

Tja.

Wenn das ist, was Du tun willst, dann schreib doch einfach einen Blog!

Was ich tue, zufälligerweise, hihi.

Umso besser!

Da wiederum geht es nur um Musik.

Voll in Ordnung. Aber du verstehst, worauf ich hinaus will? Lieber ist mir, Leute machen super Platten und geben schlechte Interviews als andersrum. 

Alles klar. Wir haben darüber gesprochen, was Du schon alles gemacht hast mit der Gitarre, im Studio. Gibt es jetzt auf dem Album etwas, das du so noch überhaupt nie gemacht hast?

Schon, ja. In einem Take durchzusingen. Bei „Sun And Moon“ habe ich das gemacht, bei „New Town Velocity“. Sonst… las mich nachdenken. Mann, ich habe schon so viele Platten gemacht, da ist es wirklich schwer, etwas zu finden, das ich nicht schon irgendwie so gemacht habe. Das ist echt lustig! Die letzten 25 Jahre habe ich mich mit Leuten rumgeschlagen, die zu mir sagten: „Mach doch bitte wieder das, was Du früher gemacht hast!“ Und jetzt fragst Du mich: „Ist da nichts, was Du früher noch nicht gemacht hast“? Schon ironisch, was?

Kennst Du die South Park-Folge mit der Punchline „Das gab‘s schon bei den Simpsons!“?

Nee, kenne ich nicht.

Daran hat mich das nur gerade erinnert. Deswegen, weil Du schon so viel, praktisch alles, mit der Gitarre gemacht hast, kommst Du vielleicht gar nicht daran vorbei, dich hier und da zu wiederholen.

Ich meine, ich habe ja auch Electronic gemacht, was ziemlich anders war. Der Song „Sun And Moon“ fing auch ursprünglich als Electro-Song an. Das Riff, dieses fiese Riff, das entstand eigentlich auf einem Synthie. Ich habe es dann nur bei den Livegigs mit der Gitarre spielen müssen – und das habe ich gemocht, weil es mich so erinnert hat an meine erste Band, die Synthpunk-Band, wir hießen Sister Ray. Es war die gleiche Technik auf der Gitarre. Aber hey, gerade in meiner Zeit mit Modest Mouse, da habe ich echt so viele verschiedene Arten Gitarre gespielt, da wäre es echt sauschwer, noch einmal was zu finden, das ich noch nicht gespielt habe.

Bei „Word Starts Attack“ dachte ich zum Beispiel an „The Draize Train“. 

Hey, das gefällt mir. Stimmt, ich habe da noch nicht dran gedacht. Sehr cool.

Ich habe gelesen, dass Du jetzt Dozent an einer Uni bist!

Nein, ich habe nur zwei Vorträge gehalten. Ich habe nicht die Zeit, wirklich als Lehrer zu arbeiten. Aber zwei mal habe ich‘s gemacht, das war echt cool.

Ich habe mich gefragt – was hast Du den Schülern denn beigebracht?

Naja, ich bin halt rein gegangen in den Saal mit der Einstellung, dass ja diese 80-100 Studenten schon eine Menge verschiedener Sachen getan hatten, um überhaupt in diesem Kurs zu sitzen – dass ich aber trotzdem mit ihnen so reden wollte, als wären sie Neuanfänger. Das habe ich vorher auch gleich dazu gesagt, nur einfach, damit sich alle auf dem gleichen Level bewegen. „Ich will nicht Eure Intelligenz beleidigen, aber stellen wir uns jetzt einfach vor, ihr habt Eure Band gerade gegründet oder seid zum ersten Mal im Aufnahmestudio“. Und dann sagte ich: „Schauen wir, was ich in meiner Tasche habe“. Ich meine, wenn Du zu Interviews gehst, hast Du wahrscheinlich auch etwas dabei, dein Aufnahmegerät, und so. Also holte ich Stück für Stück die Dinge aus meiner Tasche und diese Dinge, die führten dann zu Geschichten. Über das Schreiben mit bestimmten Leuten, über den Schreibeprozess, über das Leben in einer Band, übers Produzieren, übers Zusammen-Arbeiten – einfach über mein ganzes Leben. Denn mein Leben ist meine Arbeit. Ich dachte, ich würde all die Fragen kriegen über Liam und Noel Gallagher, und es wäre vielleicht leichter gewesen, wenn diese Fragen wirklich gekommen wären. Es waren sehr unterschiedliche Typen anwesend in diesen Vorträgen – ich habe ihnen halt einfach gezeigt, wie ich mir wünsche, dass ein Produzent meine Platte produzieren würde.  Das Ganze war wirklich sehr lohnend. Vieles, das ich in meinem Leben so geschaffen habe, waren eigentlich nur Fehler, die ich irgendwie gerade rücken wollte – und die dann rüber kommen als Absicht. 

Alles klar. Okay, du bist bei Modest Mouse eingestiegen, weil Du Fan warst, und auch bei den Cribs, weil Du sie so super fandest. Gibt es momentan sonst eine Band, die du so klasse findest, dass du sagst: „Mann, da würde ich gerne etwas zu beitragen, wenn ich könnte?“

Nah. Niemand.

Niemand?

Nö. Ich mag die neue Wire-Platte, die ist sehr gut. Aber nach den Cribs glaube ich nicht, dass es noch mal jemanden gibt, dem ich drei, vier Jahre meines Lebens widmen möchte. Mit ihnen in den Van steigen und mich durch die halbe Welt schleppen. Mit den Cribs habe ich das wirklich gerne gemacht, aber ich sehe keine Band am Horizont, für die ich das wieder machen würde. Vor allem, wo ich doch jetzt mein eigenes Ding mache! Wenn ich wirklich in einer anderen Band sein wollte, dann wäre ich bei den Cribs geblieben, denn die sind einfach so wahnsinnig gut! Und vielleicht gehe ich zurück zu Modest Mouse.

Davon war ich irgendwie eh ausgegangen. Sehr schnell arbeiten sie ja nicht, darum dachte ich, du würdest sowieso auf ihrer nächsten Platte wieder irgendwie in Erscheinung treten.

Ob es bei der nächsten Platte klappt, bin ich mir nicht sicher. Aber Isaac und ich sind echt enge Kumpel. Das ist meine Lieblingsband von allen, in denen ich je war!

Hui, das wird manche Leute schockieren.

Yeah.

Jetzt wird man uns bald unterbrechen und ich muss zum Ende kommen. Ich schließe meine Interviews immer gerne mit einer Anekdote ab, und meine Frage wäre die folgende: Was war die verrückteste Show, die ihr je gespielt habt?

Das war ganz am Anfang mit den Smiths, wir spielten in einer Kleinstadt, gar nicht weit von Manchester. Es war eine Sommernacht, ein Samstagabend, also dachten wir: Das wird ein netter kleiner Trip. Wir kamen dann an, und die Bühne war in einem Zelt, nicht so groß. Als wir zu spielen anfangen, kamen auf einmal, aus dem Nichts, hunderte Skinheads. Keine Ahnung, niemand wusste, von wo die alle kamen. Wir standen noch ganz am Anfang, hatten damals noch nicht mal einen Plattenvertrag, wir wussten auch nicht, was tun und haben erst mal weiter gespielt. Das war fürchterlich. 

(krrkrk – Ton-Loch – Knister!)

Und damit reißt leider unsere Verbindung ab. Wohl doch noch nicht so perfekt, das Skype-Interview. Leider komme ich nicht dazu, mich bei Johnny Marr fürs Gespräch zu bedanken und mich so zu verabschieden, wie es sich gehört. Nun denn. Jedenfalls: The Messenger. Tolle Platte. Johnny Marr, ein Held. Es war mir ein Fest.

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