Review: Fascinator

Fascinator – „Water Sign“

Positive Überraschung! Ich nehm’s gleich mal vorweg: Das zweite Album von Fascinator ist famos. Damit habe ich nicht gerechnet.

Den schrägen Vogel, der sich Lord Fascinator nennt, habe ich bisher nämlich nur so halbernst genommen. Ich hatte ein paar Videos von seinem Debütalbum „Man“ (2015) gesehen und mir mein Urteil gebildet. Die Single „Dead Of The Night“ war lässig, keine Frage. Obwohl dies Musik war, die synthetisch und tanzbar war, passte sie aufs Perth-Psychedelia-Hauslabel Spinning Top zu Kollegen wie Pond, GUM und Tame Impala. Denn erstens steckte eine unzweifelhaft experimentell-psychedelische Komponente drin. Zweitens war das auch visuell verspult und es nahm sich sichtbar nicht so bierernst. Was ja durchaus auch für Pond & Co gilt.

Nun ist es aber die eine Sache, auch mal über sich grinsen zu können. Eine andere ist es, vor lauter Humorigkeit übers Ziel hinaus zu schießen und albern zu werden. Fascinator andere Tracks, die mir auffielen, wie z.B. den „Bukkake Dance“ fand ich albern. Nicht, dass ich nicht hätte kichern müssen, als ich den Clip das erste Mal sah. Aber hey, auch gut gemachter Blödel-Pop bleibt Blödel-Pop. Mein Urteil also: Okay, ganz lustig, dieser Fascinator, aber auf Albumlänge hält mich der nicht bei der Stange.

Tja, das hat sich geändert. Alle drei Tracks, die Johnny Mackay (ja, inzwischen habe ich mich informiert, wie der Kollege heisst) seinem zweitem Album als Fascinator voraus schickte, waren so richtig stark. Also geben wir dem Album seine Chance. Und werden belohnt.

Was meinen persönlichen Geschmack angeht, hilft natürlich, dass Fascinator sich auf dieser Platte auf einen Sound beruft, der bei mir auf ewig Begeisterung entfachen wird. Ich machte gerade mein Abi, als in England im Groove der „Madchester“-Welle schwofte. Bands, die die Happy Mondays und „Screamadelica“ als Ansatzpunkt nehmen, um ihr Ding zu drehen, werden bei mir immer offene Türen einrennen. Weil es nun mal eine Musik ist, die den Soundtrack zu einer sehr prägenden Phase meines Lebens gab. Da packt man mich bei meiner nostalgischen Ader. Andererseits glaube ich, dass einen diese Musik auch ohne meinen Ballast begeistern kann, denn die „baggy“ Beats und Gitarren der Wende von den 80s auf die 90s sind ein Sound, der noch längst nicht ausgereizt ist. Wenn man ihn heute aufgreift und mit zeitgenössischen Klängen und frischen Ideen auflädt, kann man das Ganze wieder superspannend machen.

Fascinator macht genau das. Er macht’s superspannend, Er gibt den Tracks schräge Persönlichkeit mit, abschätzigen, aber nicht blöden Witz  und zu guter letzt auch psychedelischen Schwurbelfaktor.

So baut „My Own Private I Don’t Know“ auf einer Sitar-Loop auf, „Sex Crystals“ wippt und wuppt und wummert wie eine beschleunigte Version von Primal Screams „Loaded“. Bei „Snake Charmer“ ist der Name Programm: Eine Wahwah-Gitarre mimt eine orientalische Tröte, die versucht, die Kobra aus dem Korb zu locken, das Ganze läuft über einen hypnotisch-linearen Krautrock-Beat – (auch so ein Mittel, das sowohl Primal Scream als auch King Gizzard gerne einsetzen). Auch „Drenched Out“ ist ein Lieblinglied, schnurrt und groovt wie ein Highlight von Jagwar Mas letztem Album. Weitere Etappen führen uns in eine verrucht-neblige Psycho-Disco („Baby“) und nehmen uns auf dem fliegenden Teppich mit („Midnight Rainbow“), bis uns die Ballade „Sepia Sandshoes“, deren Gospelgroove mich an Spiritualized erinnert, aus dem Album heraus geleitet.

Das ergibt ein immer abwechslungsreiches und lässig pulsierendes Album, das ein smartes Gleichgewicht zwischen Artyness und Ironie findet. Lord Fascinator entpuppt sich dann auch als tatsächlich ziemlich schillernde Figur: Mittlerweile weiss ich erstens, dass Mackay auch als bildender Künstler arbeitet – in einem New Yorker Hotel kann man ein Zimmer buchen, das er als Licht- und Soundinstallation gestaltet hat. Zweitens stelle ich zu meinem Erstaunen fest: Mackay ist auch der Sänger der Gitarrenband Children Collide! Die finde ich gut! Die haben ein paar Spitzentracks und ein AUS-Top-10-Album! Und jetzt erst kriege ich mit, dass das auch der Typ von Fascinator ist?

Was letztendlich nur unterstreicht: „Water Sign“ ist ein gewieftes Werk, fabriziert von einer facettenreichen Charakterfigur. Dass es sich dazu auch supersmoof tanzen lässt, kommt obendrauf.

  

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