Review: Johnny Marr

Johnny Marr – „Call The Comet“

Also, zuerst mal: Johnny Marr ist ein Heiliger. Was der Mann in seinem Leben schon geschaffen hat, das würde reichen, um fünf verschiedene Musiker zu Kultfiguren zu machen. Ich muss es hier nicht aufzählen, oder? Nein, muss ich nicht. Aber, andererseits – bremsen kann ich mich ja auch nicht.

Also: Zuerst mal hat Johnny Marr als Teenager n Manchester The Smiths gegründet und lässig, sich souverän zurückhaltend den perfekten kreativen Partner für den (damals noch) genialischen Selbstdarsteller Morrissey gegeben. Mit seinem unbemühten, nie angeberischen, aber zielsicheren und, wenn nötig, filigran-präzisen Spiel hat er ganzen Generationen späterer Indie-Gitarristen quasi die Schablone für ihren Sound abgeliefert. (Dass er, nebenbei bemerkt, die Smiths zwischenzeitlich auch managte, weil Morrissey diese Tendenz hatte, alle Businesspartner zu vergraulen, ist da nur eine Fußnote.)

Marr war der, der trotz seines Images als treuer Sidekick die Traute hatte, die Smiths schließlich zu verlassen und damit aufzulösen. Gleich darauf hatte er auch schon zwei neue Jobs: Als Co von Bernard Sumner (New Order) in Electronic und als Gitarrist von Matt Johnsons The The – auch hier war sein Spiel natürlich prägend und ideal auf seine Nebenmänner zugeschnitten. Als gefragter Studiomusiker arbeitete er u.a. mit den Talking Heads und Crowded House, zu Hause in Manchester förderte er die Szene u.a. als Mentor der Britpopper Marion und Haven, oder indem er dem jungen Noel Gallagher eine seiner Gitarren schenkte, als Oasis sich eine solche noch nicht hätten leisten konnten. In den 2000ern stieg Johnny dann bei Modest Mouse ein, nahm in Hollywood mit Hans Zimmer den Soundtrack zu „Inception“ auf, trat fürs The Cribs-Album „Ignore The Ignorant“ den drei zwanzig Jahre jüngeren Jarman-Brüdern als viertes Mitglied bei. Puh! Und das war nur das Wichtigste!

Vor allem war Johnny immer ein cleverer, gebildeter Typ mit hohem popkulturellen Horizont und klarer politischer Meinung. Auch wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung der ewige Wingman war, war er keiner, der sich hinter seinen wechselnden Frontmännern hätte verstecken müssen. Das war er von Anfang an nicht. Und irgendwann hat er’s nicht mehr getan. 2013 veröffentlichte Johnny Marr sein erstes Album als Solist bzw als auch nach außen sichtbarer Anführer seiner Band. 

Hundertpro überzeugt hat er damit aber nicht jeden. So einige Leute bezweifeln, dass er der Richtige für die Rolle des Frontmanns ist. 

Da muss man diskutieren, was wir uns von einem Frontmann wünschen. Ich sage: Zuallererst mal will ich eine Charakterfigur. Eine Type, die speziell ist. Und der ich das abnehme, was sie sagt. Keine Frage, dass Johnny Marr diese Kriterien mehr als erfüllt. 

Aber klar, Charisma und eine Stimme, das hilft dabei. So ehrlich muss man auch als Jünger der Religion Marr sein: Die Lichtgestalt ist kein geborener Sänger. Es ist nicht mal so, dass er eine miese Stimme hätte, die unangenehm auffiele. Es ist so: Johnny hat einfach gar keine Stimme. Sein Gesangsorgan hat keine negativen Merkmale, aber auch keine positiven Merkmale. Sie ist halt da, so wie Bohnenkeimlinge im Thai-Food sind. Nicht als Geschmacksträger.

Das ist ein Handicap. Weil eine tolle Stimme nun mal eine unbedingte Stärke sein kann, gerade in diesem Genre. Und wir haben ja wiederholt erlebt, auf welchen Level Johnnys Gitarre eine gute Stimme heben kann. 

Aber es ist ein Handicap, das Johnny akzeptiert hat. Er hat was zu sagen und er will’s selber sagen. Er schreibt die Texte, sie sind gut, er will sie singen. Fair enough. 

Okay, das war jetzt eine Sache, die ganz grundsätzlich für alle drei seiner Soloalben gilt. Jetzt müssen wir aber mal zur Neuen kommen. 

Natürlich ist „Call The Comet“ mal wieder eine Meisterklasse in Sachen Gitarren. Der Kerl spielt wieder, dass einem nur der Kiefer runterklappen kann. Das geht schon los mit jeder einzelnen Gitarrenspur auf dem Opener „Rise“: Das zerhackte Tremolo-Intro (siehe: „How Soon Is Now“). Die sofort ins Ohr gehende Intro-Hookline. Das satte rhythmische Riff. Die greinende Bridge. Und so geht’s weiter. Man kann das ganze Album einfach nur auf die Gitarren achten und wird happy sein. 

Wer wie ich geprägt ist auf die Smiths, der stürzt sich zuerst mal auf die Momente, in denen der Maestro ganz unverwechselbar seine erste Erfolgsband in Erinnerung ruft. Die Gitarren auf der Single „Hi Hello“ zum Beispiel, sie treffen genau in die kleine Lücke zwischen „Well I Wonder“ und „Oscillate Wildly“. Das Jangle-Intro von „Day In Day Out“ muss jeden sehnsüchtig an „There Is A Light That Never Goes Out“ denken lassen. „Bug“ wiederum ist quasi eine leicht abgebremste Variante von „Barbarism Begins At Home“. Also, keine Angst – Johnny wiederholt sich nicht in dem Sinne. Er greift halt seine Muster auf. Muster, die er zum Teil in den Smiths schon verwendete, aber das ist ja nur legitim, denn es sind nun mal SEINE Muster. 

Außerdem: Johnny macht auch so einiges, was es bei den Smiths so nicht zu hören gab und zum Teil sicher nicht gegeben hätte: „Walk Into The Sea“ geht eher in die Richtung dessen, was er auf dem „Inception“-Soundtrack veranstaltet hat. „New Dominions“ ist ein ziemlich dissonantes New Wave-Dings, für das ich in seinem Backkatalog kein Äquivalent finde. „Actor Attractor“ ist Johnnys Ausflug in Richtung Krautrock/Spacemen 3-Motorik-Blues. Ds 80s-eske „My Eternal“ übergibt sogar den Synthies die Hauptrolle vor den Gitarren klingt wie etwas, das The Cure zwischen „Pornography“ und „The Walk“ gemacht haben könnten.

Eine besondere Wichtigkeit kommt dem letzten Lied zu: Johnny schrieb „A Different Gun“ über den Terroranschlag von Nizza, als in seiner eigenen Heimatstadt die Manchester Arena Bomben hoch gingen. Am nächsten Tag bat ihn die kanadische Band Broken Social Scene, an ihrem Konzert als Gast teilzunehmen, um den Opfern Tribut zu zollen. Johnny dachte erst, er würde das nicht packen, aber er sagte doch zu. Darauf bezieht sich „Stay and come out tonight“, die Schlüsselzeile im Refrain. Es geht um’s Weitermachen, darum, sich dem Hass nicht zu öffnen. 

Also, fassen wir zusammen: Johnny Marr. Guter Typ. Dass seine Stimme nicht so toll ist, das ist nun mal so, damit müssen wir halt arbeiten. Sein Songwriting ist dafür immer mal überraschend, andere Male zeitlos klassisch, immer gekonnt. Johnnys Gitarrespiel ist eh über jeden Zweifel erhaben. (Wobei, okay: Die Tatsache, dass der Gute so ein brillanter Gitarrist ist, die bringt ihn nicht eben dazu, sich zu bremsen. 57 Minuten für 12 Songs, das ist schon arg lang. Nur ein einziges Lied bleibt hier unter 4 Minuten, es ist bezeichnenderweise das gitarrenarme „My Eternal“. Es ist aber natürlich nicht so, dass ich mich trauen würde, bei einem konkreten Song den Rotstift anzusetzen und hier oder da ein Solo oder ein Intro zu kappen. Nur so allgemein: Wenn dein Album 57 Minuten dauert und du bist keine Psychedelia-Band, die konkret die 9-Minuten-Hypnose-Songs sucht, dann hast du vermutlich zu lax editiert.) 

Na jedenfalls: Ja okay, wir wissen bereits von Johnnys bisherigen Soloalben: Als Sidekick ist er unschlagbar, als Frontmann hat er seine Defizite. „Call The Comet“ ist trotzdem ein gutes Album. Was Marrs Solowerk angeht, ist es zweifellos seine bisher stärkste LP. Denn „The Messenger“ (2013) hatte zwar ein paar echte Bringer, aber auch ihre Durchhänger. „Playland“ (2014) hat zwar die Hitsingle „Easy Money“, war aber sonst ein Schnellschuss und schwächer als der Erstling. „Call The Comet“ hat dagegen eine große Indiehit-Trefferquote und seine interessanten Überraschungsmomente. Außerdem: Johnny Marr ist eh ein Heiliger.

  

 

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