Review: The Charlatans

The Charlatans – Totally Eclipsing EP

Ich mag EPs. Die EP ist ein unterbewertetes Medium. Denn so ein Album, mit dem man sich ja meistens nur alle zwei, drei Jahre wieder zeigt, muss ja zwangsläufig immer auch ein Statement sein. Eine EP von 3-5 Songs und 12 – 20 Minuten Musik dagegen ist wie ein unmittelbarer Wasserstandsbericht. Nicht der Familienbesuch an Weihnachten, an dem man alles aufarbeitet, was im Jahr passiert ist. Mehr ein kurzer Anruf oder eine Postkarte: „Hey, wir sind übrigens gerade hier!“

Weil eine EP immer so konzis diesen derzeitigen Standpunkt mitteilt, ist sie auch ein Format, das Bands vor allem in ihren Anfangsphasen nutzen. EPs gibt’s normalerweise vor dem ersten Album und vielleicht noch in den ersten 20 Monaten danach. Im Abschnitt des Bandlebens, in dem ihre Entwicklung noch am markantesten voran schreitet. Weswegen so eine EP dann immer als Dokument dieses Fortschritts dient. Auch The Charlatans haben ihre Karriere mit EPs eingeleitet und ihre früheren Alben damit begleitet: „Indian Rope“ zum Beispiel, „Over Rising“ oder „Me. In Time“. (Weitere Singles mit oft drei B-Seiten kann man aber sicher auch mitrechnen.) „Over Rising“ erschien 1991. Unglaublich, wie lange her das ist. 

Unglaublich aber auch, wie viel weniger lang sich das anfühlt. Wir Fans feiern die Charlatans ja nicht zuletzt dafür, dass sie auf unbemühte Weise eine ewige Frische zu konservieren scheinen. Die Tatsache, dass sie im 30sten(!) Jahr ihres Bestehens eine EP rausbringen, die ja, wie oben dargelegt eher das Medium der jungen Bands ist, ist dafür auch wieder bezeichnend.

Auch wenn Tim Burgess und seine Jungs heute nicht mehr unbedingt an einem Punkt sind, wo sie sich als Band rasant fortentwickeln. Sie sind, das haben die letzten zwei sehr, sehr guten Alben „Modern Nature“ und „Different Days“ gezeigt, sehr gefestigt. Auf den beiden Alben, die seit dem Krebstod ihres Drummers Jon Brookes erschienen sind, erleben wir die Charlatans nachdenklich, aber optimistisch. Musikalisch brechen sie nicht unbedingt zu neuen Ufern auf, sondern bündeln das, was in ihren dreißig Jahren als Band gelernt haben. Das tun sie mit der Stilsicherheit, mit der ein Kunsthandwerksmeister nach drei Jahrzehnten Berufserfahrung schnitzt oder schreinert. Dem seine Arbeit in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Die vier Songs von „Totally Eclipsing“ schließen somit direkt ans letztjährige Album „Different Days“ an. Auch wenn sie auf dem Titelsong von einem neuen Producer arbeiteten (David Wrench, der u.a. the xx und Frank Ocean in seinem CV stehen hat), bringt der sie doch nicht aus ihrer sicheren Spur. Die EP erscheint übrigens auch als Teil einer Neuauflage des letzten Albums, was unterstreicht, dass sie der Platte stilistisch logisch folgt.

Die vier Songs: „Totally Eclipsing“ hat die Gitarren, das Tempo und das Feeling vom Charlatans-Klassiker „North Country Boy“. „Standing Alone“ ist ein netter Ohrwurm mit Handclaps und Refrain zum Mitsingen. Sowohl „Indefinitely In Your Debt“ als auch „Hopelessly Hoping“ sind einfach feine Midtempo-Songs, weder besonders auffällig noch spektakulär, und doch beeindruckend in ihrer mühelosen Versiertheit.

Kürzlich haben The Charlatans ihr 30jähriges Bandjubiläum gefeiert. Dafür haben sie (siehe „Standing Alone“-Video oben) quasi 10 Tage lang das Städtchen Northwich in Cheshire übernommen, den Heimatort von Tim Burgess und damit auch der Charlatans. Denn auch wenn die anderen Mitglieder aus Manchester kamen, hier hatten sie ihren ersten Proberaum und spielten erste Shows. In den zehn Tagen des „North by Northwich“-Festivals gaben die Charlatans vier Konzerte mit immer neuer Setlist in der Halle Memorial Court (wo sie früher mal Hausverbot hatten), sie organisierten Shows anderer Bands in den Pubs und Clubs ihrer Stadt, sogar eine Ausstellung gab’s.

Ich finde, diese Aktion beschreibt die Charlatans sehr gut. Einerseits, klar, feierten sie hier ihre Vergangenheit und guckten auf gute Zeiten zurück. Aber es war kein reiner Nostalgietrip, sondern letztlich eine Feier des Hier und Jetzt. Denn sie gaben ihr Fest auf eine sympathische und originelle Weise – wann hat man sonst davon gehört, dass eine Band sowas im Heimatort auf die Beine stellt? So wurde dieses Jubiläum für die Band, die Fans und ein ganzes Städtchen (die Pubs, Bars und Clubs erlebten in der Woche teils 100%ige Einnahmesteigerungen) zum positiven Gemeinschaftserlebnis. Zu neuen Erinnerungen.

Zurück zur EP: Die Charlatans sind in dem, was sie tun, einfach gut. Die vier Songs dieser EP unterstreichen das. Which is nice.

  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.