Interview: George Ezra

Die meisten meiner Interviews mache ich heutzutage mit dem Telefon. Die Zeiten, in denen man als Musikjournalist durch die Welt jettete, sind nun mal vorbei. Wenn wiederum die Musiker selbst nach Deutschland geflogen werden, dann quasi immer nach Berlin. Das Label von George Ezra aber hat seinen Sitz in München, also kam der Brite höchstselbst in die Landeshauptstadt, um über sein zweites Album „Staying At Tamara’s“ zu sprechen. Das muss man ausnutzen, wenn man jemand schon mal von Angesicht zu Angesicht vor sich haben kann. 

Und da ich das Interview also schon habe und George sich als freundlicher, sympathischer Typ entpuppte, teile ich es hier doch auch, oder? Ruft da irgendwer „Das ist nicht indie genug! Das ist zu mainstream für diesen Blog! Der läuft ja sogar dauernd im Radio!“? Dazu sage ich: Ach Gottchen. Ihr müsst jetzt ja nicht weiterlesen. Und der nächste Text über eine obskure Band kommt bestimmt.

Lief ja ziemlich gut, die Erste.

Hahahaha. Stimmt. Besser als ich es mir je hätte ausmalen können!

Was war der irrealste Moment, den du erlebt hast?

Tja. Also, was ich wirklich bereue am ersten Album, ist, dass ich es gar nicht schaffte, das alles richtig wahrzunehmen, weil ich zu sehr beschäftigt war. Erst ganz am Schluss gab es die Momente, an denen man mal sagt: „Oha. Das ist gerade passiert!“ Weil man nie die Möglichkeit bekommt, das mal so richtig wirken zu lassen. Das ist unerbittlich. Auf eine gute Art, weil man eben busy, busy, busy ist. Ich habe nie innegehalten. Alles war neu. Absolut alles war eine neue Erfahrung. In jeder Stadt, in die ich kam, war ich noch nie gewesen. Und In jeder neuen Stadt gibt es eine neue Währung, eine neue Küche, eine neue Sprache… also, noch mal, das ist eine tolle Sache, ich beschwere mich nicht. Aber ich ich tat mir einfach schwer damit, das alles aufzusaugen. Mal abgesehen von „Jetzt bist du in diesem Land Nummer Eins!“ und „Jetzt hast du im jenem Land so und so viel verkauft!“ Ich habe es gar nicht zugelassen, dass ich darüber nachdenke, es war immer so: Weiter, weiter, weiter!  Erst, als das vorbei war, kam der Moment, an dem ich durchatmete: Boah! Puh! Wir waren hier! Wir waren dort! Diesmal versuche ich, das Ganze bewusster mitzunehmen.

Heisst das, du wirst zum Beispiel auf Tour mehr freie Tage einlegen und die Städte, in denen ihr spielt, auch anschauen?

Das nicht, denke ich. Aber, also, letztes Mal, da haben wir schon drei Tourneen in England und Kontinentaleuropa gespielt, noch bevor die Platte überhaupt draußen war. Um den Boden zu bereiten. Deswegen wird diesmal glaube ich weniger Touren passieren. Aber was ich meine: Beim ersten Album, da war ich oft so erschöpft. Als Beispiel, gestern: Ich war im englischen Frühstücksfernsehen, also um fünf Uhr schon wach. Später am Tag flogen wir hier nach München, landeten abends um sieben. Dann gingen wir noch was essen. Das ist eine kleine Sache – aber beim ersten Album hätte ich mir den Room Service aufs Zimmer bestellt und wäre gleich ins Bett gegangen. Ich lerne, mich lockerer zu machen. Ich mache mir nicht mehr den Druck, immer überall gleichzeitig zu sein.

Nachdem die erste Platte also so erfolgreich war, ist die Klischeefrage immer: Standest du beim zweiten Album unter Druck? Aber ich denke mir immer: Der Druck wäre doch viel größer, wenn das erste Album KEIN Erfolg gewesen wäre. 

Total richtig! Deswegen habe ich auch keinerlei Druck empfunden. Da muss man auch komplett eigensinnig sein: Wenn MIR die Musik nicht gefällt, dann ist die Sache von vornherein gelaufen. Das würde nicht funktionieren. Ich denke nicht drüber nach, dass andere Leute die Platte hören werden. Ich stelle nur die Frage: Liebe ich es selbst? JA! Deswegen hat’s auch ein bisschen länger gedauert. Ich wollte sicherstellen, dass es perfekt ist. Also, perfekt, das geht natürlich nicht, aber bestmöglich.

Da darf man dann auch nichts überstürzen.

Genau. Ich will schon, dass die dritte schneller kommt. Aber wer weiss? Vielleicht dauert’s sogar länger, höhö. Deswegen: Nein, ich fühle keinen Druck. Druck ist was albernes. Denn entweder es passiert, oder es passiert nicht. Und darüber habe ich letztlich keine Kontrolle.

Ich frage immer gerne: Was hast du gelernt? Zwischen den beiden Alben?

Hmmm. Ich habe gelernt, dass es mir besser geht, wenn ich nicht alles kontrollieren will. Auf Tour zum Beispiel, da organisiert jemand anders für mich meinen Tagesablauf. Auf die Minute. Und schau – ich bin relaxt. Denn ich werde rechtzeitig da sein und ich werde meinen Job erledigen. Als ich nach dem ersten Album von der Tour zurück kam und meinen Tag wieder selbst regeln musste, habe ich mich in Dinge reingestresst, die letztlich echt unbedeutend waren. Ich wollte irgendwas kontrollieren, mit irgend etwas meine Tage füllen. Ich musste erst lernen, ein bisschen mehr zu relaxen, wenn ich frei habe. Ich lernte auch, dass die Welt viel kleiner ist, als ich dachte. Ich komme aus einer Kleinstadt und die Welt draußen wirkte immer so groß. Aber die Welt, sie ist… vorhersehbar. Manchmal auch völlig unvorhersehbar. Das habe ich gelernt. 

Ich las: Als der Album und Tourzyklus vom ersten Album vorbei war, da bist du erst mal wieder zu deinen Eltern in dein altes Kinderzimmer gezogen?

Stimmt, ja.

Was ja ungewöhnlich ist. Jeder denkt doch: Klar, jetzt hat er Kohle, jetzt zieht er nach London in ein schickes Apartment. Steckte da ein Gedanke dahinter? Wolltest du so vielleicht wieder in den alten Modus zurück zu finden?

Das stimmt, ich ging zurück in die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Jeder, den ich kenne und liebe, lebt da. Meine Familie und meine Freunde leben da.  

War es leicht, wieder die Connection zu finden?

Ja. Ich lebe inzwischen aber doch in London. Seit sechs Monaten etwa. Die Arbeit hat das enorm erleichtert. Morgen früh zum Beispiel fliegen wir nach Berlin und morgen Nacht noch fliegen wir zurück nach London. Und anstatt vom Flughafen nach Hause noch mal eineinhalb Stunden zu brauchen, werde ich in 20 Minuten da sein. 

Hast du dir also eine Wohnung in Flughafennähe gesucht?

Nah genug. Keine halbe Stunde weg. So ich kann jetzt auch zu einer TV-Show in London fahren, setze mich ins Auto und bin zurück in 20 Minuten. Das ist SO angenehm!

Aber jetzt lass uns über Tamara reden! Denn sie ist eine reale Person. Du bist nach Barcelona gereist, nach der ersten Zeit der Ruhepause. Hattest du das Gefühl, aus deiner Komfortzone raus zu müssen?

Genau. Es ist nicht so leicht, sich zu erinnern: Es gibt George, und es gibt George Ezra. Ich versuchte, neue Lieder in meiner alten Umgebung zu Hause zu schreiben, aber es gab einfach zu viel Ablenkung. Es ist schon schwer, sich klar zu werden: Ich bin jetzt auch George Ezra, der Popstar. Wenn man wieder in seiner alten Stadt ist.

Aber du hast deine ersten Songs ja auch dort geschrieben, oder? Oder passierte das schon auf Tour?

Ich war damals nach Bristol gezogen, mit 18. Viele Songs entstanden da. Außerdem war ich per Interrail unterwegs und da entstand auch viel. Ich verstehe aber, was du meinst. Es fühlte sich einfach so an, als müsste ich raus.

Neue Eindrücke zu sammeln, das ist also quasi eine Quelle deines Schreibens.

Ja. Total. Einen Monat habe ich in Barcelona mit einer Fremden namens Tamara zusammen gewohnt. Für sie ist ihre Wohnung langweilig, normal. Für mich ist es ein bildhübsches katalonisches Apartment mitten in Barcelona, das mich inspiriert.

Ich las, Tamaras Freunde waren Künstler, und du hast viel mit ihnen verbracht. Hast du ein Beispiel, wie ein solcher Mensch oder ein solches Treffen dann in einen Song gefunden haben?

Also, ich nehme Notizbücher mit und eine Gitarre, wenn ich reisen gehe. Aber ich schreibe keine kompletten Songs. Ich schreibe nur die Notizbücher voll. Mit Tagebüchern. „Liebes Tagebuch. Heute wurde ich um neun wach. Ich spazierte zur Bäckerei und traf dort Alfonso. Er erzählte, dass er am Wochenende fischen war.“ Und so weiter… wirklich, so langweilig. Aber wenn ich nach Hause komme, schreibe ich Lieder aus diesen Notizen. Denn ich halte meine Gedanken fest, in dem Moment. Und aus einem Abstand betrachtet wird eine Philosophie draus. Ich liebe das! Immer wieder entstehen Songs aus meinen Reisen – nicht während ich dort bin, sondern, wenn ich wieder zu Hause bin.

Das klingt nett. Auch diese Erinnerung zu haben, wie die Tage waren.

So ist es.

Bei mir verschwimmen Erinnerungen viel zu schnell. Ich nehme mir immer mal wieder vor, Tagebuch zu führen. Aber ich habe wohl nicht wirklich die Zeit und noch weniger die Disziplin.

Weisst du, was noch gut ist? Und womit ich jetzt angefangen habe? Jeden Morgen, nach dem Aufwachen, schreibst du als erstes deinen Traum auf. So lange du dich noch erinnerst. Nur drei, vier Sätze. Und du hast ein Traumtagebuch.

Boah. Das will ich machen!

Ja!

Das nehme ich mir jetzt fest vor! 

Super!

Trotzdem, dein neues Album! Ich habe mal einen Song heraus gepickt: „Pretty Shining People“. Der Refrain geht: „What a terrible time to be alive if you’re prone to overthinking.“ Bist du so jemand, der zu viel nachdenkt?

Das sagt jeder von sich, oder? Jeder, den man trifft, sagt von sich: „Bei mir ist die Sache so: Ich denke viel zu viel nach!“ Damit bist du nichts Besonderes! Wir alle wälzen die Dinge im Kopf hin und her. Wir zerdenken die Dinge, bis es uns schadet. Das löst normal nicht das Problem.

Vor allem bildet man sich nur immer neue Probleme ein.

Ja, wir machen’s nur schlimmer! Was, wenn dies passiert? Was, wenn das passiert? Rubbish! Deswegen ist der Song eine Hymne für alle von uns.

Ja, der Refrain „We’re alright together“ – das ist eine Message der Zusammengehörigkeit. Kennst du den Wissenschaftler Steven Pinker?

Nein?

Er ist derjenige, der all denen widerspricht, die sagen, dass die Menschheit vorm Abgrund steht.

Das tut die Welt ja angeblich immer!

Tatsächlich herrschte nämlich nie so wenig Krieg auf der Welt und nie so viel Wissen wie heute. Klar gibt es Entwicklungen, die wir geradebiegen müssen. Aber im Großen und Ganzen war die Menschheit nie so zivilisiert wie heute und nie so gebildet, und es geht nur aufwärts. 

Also ich glaube, dass es vielen Menschen sehr schlecht geht. In England sind mehr und mehr Menschen auf das Essen der Food Banks angewiesen. Das will ich nicht kleinreden. Aber insgesamt leben mehr von uns komfortabler. Wobei ich mich eh nicht beschweren darf. Mein Job ist, zu singen. 

Es wird gesagt: Ein Kind in Afrika hat heute die Chance, mehr aus sich zu machen, als ein König vor 150 Jahren. Damals hatte noch nicht mal jedes Schloss ein Wasserklosett. Heute hat man selbst im abgelegenen Afrika Zugang zu Smartphones und Internet und somit zu allem Wissen der Menschheit – Wissen, das frühere Bibliotheken nicht speichern konnten.
Naja, das Ganze habe ich angesprochen, weil mir eben aufgefallen ist, dass viele deiner Songs etwas Positives ausstrahlen. Kommt das aus dir heraus, liegt das in deiner Natur? Oder ist es auch ein bewusster Versuch, ein Gegengewicht zur Negativität zu liefern, die uns oft umgibt?

Es liegt sehr in meiner Natur. Wenn die Zeiten schwer sind, warum sollte man dann traurige Lieder schreiben? Dann schreibt man doch etwas, das die Sache verbessert. Ich sehe meine Songs gerne als eine Art Medizin.

Wozu einige sagen werden: Das ist nur beschönigend, das ist ein Schmerzmittel.

Aber das ist okay. Ich finde, die Leute brauchen so eine Zuflucht. Ich sage auch nicht, dass es falsch ist, die Songs zu schreiben, die die schweren Zeiten betonen. Aber das bin halt nicht ich. Ich bin ein fröhlicher Mensch.

Das heißt, du könntest dir nicht vorstellen, etwas Politisches zu schreiben, über den Brexit oder so?

Nie und Nimmer. Klar habe ich meine politische Einstellung und klar vertrete ich die sehr leidenschaftlich. Aber ich sehe einfach nicht, was das in Popmusik verloren hat. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Manche Leute können das, die verbinden das großartig. Aber nicht ich. 

Okay. Was macht für dich einen guten Song aus?

Aaaahh. (überlegt.)

Gar nicht so leicht, gell? Sehr grundsätzlich, die Frage, aber nicht leicht.

Also, ich kann nur aus meiner Erfahrung reden. Was für mich ein Lied großartig macht, das ist dann, wenn das Lied eine Erinnerung aus meinem Leben als Soundtrack untermalt. Das kann ein ganzer Sommer sein, vielleicht auch nur eine Party. Aber dieser Song hat sich richtig festgeklebt an dieser Erinnerung und er wird immer damit verknüpft sein. Was mich selbst angeht: Die Lieder, die ich am allerliebsten live spiele, sind „Budapest“ und „Blame It On Me“. Weil sie so euphorisch sind. Und jeder mitsingt. Die Sache mit der Popmusik ist ja: Man versucht, etwas aufs Neue zu schreiben, das schon tausendmal gesungen worden ist. Wir alle schreiben die Beatles um: (singt) „I wanna hold your hand!“ Man will jemandem sagen, das man ihn/sie liebt. Da geht es auch um die Jagd. Kann man’s noch mal tun? Und das macht einen tollen Song aus.

Hast du sowas wie einen Trick in deinem Repertoire, den du gerne einsetzt?

Habe ich. Wobei, vielleicht würde ich es eher als Angewohnheiten bezeichnen. Dinge, wo man weiss: Wenn ich das einsetze, wird es funktionieren. Ich LIEBE Texte, die nicht konventionell sind. Also, nicht im Sinne von „Was will uns der Künstler DAMIT sagen?“ Ich meine nicht Radiohead.

Aber es gibt einfach Klischees und Phrasen, die man zu oft gehört hat und die man vermeidet.

Genau. In England sagt man zum Beispiel „See you later, Aligator!“ Auf meinem Song „Shotgun“ drehe ich’s um. „Homegrown Aligator, see you later“. Und das ist irgendwie schräg. Es ist nicht genial, um Himmels willen, gar nicht. Aber es ist so ein „Oha!“-Effekt. Das wird man stutzig. Wieso singt der „Aligator“?

Das stimmt. Von den fünf Tracks, die ich hörte, ist es Song 1. Ist er das auch auf dem Album?

Nein. Wir beginnen mit „Pretty Shiny People“.  

Gibt es auch etwas, das du beim Schreiben bewusst vermeidest?

Ja, Klischees eben. Wobei, ein paar sind super. Manchmal ist „Ich liebe dich“ alles, was du sagen willst. Aber wenn man sie vermeiden kann, ist das auch gut. 

Zwei deiner größten Hits bisher sind „Budapest“ und „Barcelona“ – zwei europäische Städte vom Festland. Da muss ich dich schon zum Brexit befragen.

Okay.

Diese Entwicklung gefällt dir bestimmt nicht, oder?

Nein. Ehrlich gesagt haut es mir den Schädel weg. So viele Sachen an dieser Entscheidung verwirren mich. Warum musste die Öffentlichkeit überhaupt darüber abstimmen? Für mich kam das aus dem Nichts. Es war ja nicht so, dass die Leute vorher in den Pubs diskutiert hätten: „Wann lässt man uns endlich drüber abstimmen, ob wir Teil der EU sein wollen oder nicht?“ Das verwirrt mich schon mal, und mich verwirrt auch: Was soll das Positives bringen? Dass man sich von einer anderen Gruppe Menschen isoliert? Die Welt wird kleiner, Tag für Tag. Ich könnte jetzt mein Telefon nehmen und mit jemandem in Sydney in Australien telefonieren. Wir könnten sogar facetimen und ihn in realtime vor uns sehen! Die Welt ist heute ein winziger Ort. Warum sollte man das bekämpfen?

Und sonderbarerweise gibt es auf der ganzen Welt ähnliche Bestrebungen. Ich meine, du warst in Barcelona. Auch dort will man sich plötzlich von Spanien lösen, obwohl das jahrzehntelang kein Thema war. Manche schreiben das grundsätzlich der Entwicklung zu, dass sich uns alle auf den Vorteil von uns als Individuum konzentrieren und nicht mehr darauf, dass wir Teil einer Gesellschaft sind.

Meine Lösung dafür ist, dass sich alle Leute auf ihre Heimatstadt konzentrieren sollten. Für mich wäre das Hertford, wo ich groß geworden bin. Ich finde, die Leute sollte Zeit darauf verwenden, den Ort, wo sie aufwuchsen, zum bestmöglichen zu Ort machen. Wenn das jeder in seiner Stadt macht, dann wird jede Kleinstadt ein schöner, angenehmer Ort, den die Leute gerne besuchen und in dem die Leute, die dort leben, gerne leben. Das ist dann in England nicht anders als in Süddeutschland. Wenn dieser Funke von Stadt zu Stadt springt, dann bauen wird alles zu einem … Utopia.

Ja, wir sollten keine Angst davor haben, uns ein Utopia auszumalen.

So sehe ich das auch.

Auch dein kleiner Bruder (alias Ten Tonnes) macht seinen Weg im Musikbusiness!

Oh ja!

Also – arbeitest du auch als sein Mentor, oder sagst du: Du musst deine eigenen Fehler machen!

Eher letzteres. Als er seinen ersten Vertrag unterschrieb, sagte ich zu ihm: Hör zu, ich helfe dir so viel oder so wenig wie du willst. Du kannst mir jede noch so blöde Frage stellen und ich werde bestimmt nicht lachen. Ich will mich aber auch nicht unnötig einmischen. Er fragt auch normal nicht um Hilfe. Seine Musik und seine Erfahrungen sind einfach ganz anders als meine. Aber ich finde es unglaublich spannend, ihn zu beobachten, wie er sein Ding macht. 

Mir ist auf jeden Fall aufgefallen: Die Tatsache, dass er dein Bruder ist, wird nicht gerade heraus trompetet.

So ist das, ja.

Wenn man sich im Internet über ihn informiert, findet man es recht schnell. Verheimlicht wird es nicht. Trotzdem ist nicht das erste, was man über ihn sagt: Übrigens, George Ezras Bruder!

So sollte das am besten sein. Ich habe zu ihm gesagt: Schau, die Leute werden immer darüber reden. Sieh’s positiv und stör dich nicht dran. 

Ok. Was ist die häufigste Fehleinschätzung, die Leute über George Ezra haben?

Äähm. Ach. (überlegt)

Vielleicht gibt’s ja noch gar keine?

Bestimmt, ich versuche, zu überlegen. (Pause) Aber ich weiss es nicht. Also, Leute, die mich noch nicht gesehen haben, denken manchmal, ich wäre ein 50 Jahre alter Mann. Das stimmt natürlich nicht. Aber was ist der größte falsche Eindruck, den die Leute von mir haben? 

Ich frag’ auch gerne nach Anekdoten. Was war die irrste Show, die du je gespielt hast?

Oh Mann. Da gab es echt verrückte. Einmal in Australien spielten wir auf einem Grillfest, inmitten einer Wohnsiedlung. Das wurde organisiert, weil das in der „Budapest Street“ lag. Aber niemand von den Anwohnern hatte Bock auf mein Konzert, die kamen nur für die Burger, die’s umsonst gab. Das war weird. Was noch? In L.A., nein es war Las Vegas, da spielten wir auf einer rotierenden Bühne. Jede Band hatte nur drei Songs. Während die eine spielte, baute die andere auf der anderen Seite der Bühne auf bzw ab und kam als nächste an die Reihe. Das war natürlich auch schräg. Aber nicht schlecht.

Gehen wir doch noch mal zurück nach Barcelona und reden über Tamara, wenn die Platte schon so heisst. Bist mit ihr noch in Kontakt?

Ja!

Ist sie stolz, Namensgeberin der Platte zu sein? Oder ist ihr das eher unangenehm?

Nein, ich glaube, sie findet das spannend. Sie ist jedenfalls schon sehr gespannt, die Platte zu hören. Und doch, ich denke, sie fühlt sich schon geschmeichelt.

Taucht sie denn in einem der Texte auf, oder geht es mal um Gespräche, die ihr geführt habt?

Nein, sie war meistens in der Arbeit. Es war mehr die Zeit, die ich mit mir selbst verbracht habe, die wichtig war.

Ja, du hast das ja schon gesagt: In Barcelona selbst hast du also keine Lieder geschrieben, dafür war der Aufenthalt trotzdem die Basis für Lieder, die du im Nachhinein geschrieben hast, als du deine Tagebücher durchgingst.

Mm-Hm.

Okay. Damit ich das auch richtig zusammen puzzle. Was kommt dir noch in den Sinn, wenn du an Barcelona denkst? Was war so anders als Hertford?

Einfach, dass ich keinerlei Verpflichtungen hatte. Mein Telefon klingelte nicht. Ich schlief jeden Tag aus und dann ging ich spazieren, und ich ging und ging. Ich fühlte mich, als sei ich wieder 16 oder 18, das war super. 

Du schreibst ja Liebeslieder. Gab es da auch eine Romanze in Barcelona, die in die Songs findet?

Nicht in Barcelona. Ich habe meine Freundin kennengelernt, so gegen Ende des ersten Albums. Das heisst, wir waren noch nicht lange zusammen, als ich mit den neuen Liedern anfing. Klar, unsere Beziehung war eine vorzügliche Quelle der Inspiration. Wenn du mit jemand zusammen bist, den du bewunderst, dann wird diese Person dich inspirieren. Es macht es auf jeden Fall leichter, Lieder zu schreiben. 

Ich finde es schon interessant, dass du in deinen Songs das Positive hervorhebst. Viele Künstler finden es ja leichter, sich auszudrücken, wenn es ihnen schlecht geht.

Ich nicht. Denn mir geht es oft so: Wenn ich etwas im traurigen Zustand geschrieben habe und das dann wieder lese, in einem Zustand, in dem ich happy bin – dann finde ich das immer irgendwie peinlich. Nein, ich schreibe lieber aufmunternde Songs. 

Ich bin bereits mit meinen Fragen durch – dabei haben wir alles angesprochen. Du bist offenbar jemand, der nicht lange drumrum redet in seinen Antworten.

Ah!

Tja, was haben wir ausgelassen, was können wir noch ansprechen? Gibt es ein Lied, das dir ganz besonders am Herzen liegt?

Ja: „Hold My Girl“. Das Lied liebe ich. Und „Getaway“. Die zwei sind speziell für mich.

… und zwar warum?

Ah! Tja, „Hold My Girl“, da weiss ich gar nicht richtig, warum. Da habe ich einfach nur das Gefühl, dass uns ein richtig guter Wurf gelungen ist. Wenn ich den Song höre, kann ich selbst nicht glauben, dass der von mir ist. Der ist fast zu gut. Bei „Getaway“ glaube ich, dass ich eine recht knifflige Sache gut hingekriegt habe, denn da ist der Text dann doch mal ziemlich ernst. Trotzdem ist der Song insgesamt fröhlich. Und wenn einem sowas gelingt, dann gibt einem das einfach ein gutes Gefühl.  

Du schreibst das ja alleine, an der Akustikgitarre, nehme ich an. Wie einfach oder schwer fällt es dir, das mit der Band umzusetzen?

Also, ich schreibe schon sehr viel mit einem guten Freund von mir, Joel.

Ach ja, genau, Joel Pott von Athlete! Das weiss ich doch eigentlich! 

Genau der.

Was ja auch eine Story für sich ist. Ich meine, Athlete waren mal richtig erfolgreich. Die ersten beiden liefen richtig gut in England. Aber die dritte lief plötzlich gar nicht mehr.

Ich glaube, sie wollten damals zu cool sein. 

Hat Joel auch bewusst entschieden, aus dem Rampenlicht hinter de Kulissen zu wechseln?

Ich denke ja. Er hatte junge Kinder und sah sie wenig, weil er auf Tour war. Aber letztlich müsstest du ihn selbst fragen. Naja, was das mit der Umsetzung der Songs angeht: Wenn wir aufnehmen, ist es so, dass ich im Studio oft die meisten Instrumente selbst spiele. Die Band kommt dann erst bei den Shows ins Spiel. 

Ach, du spielst alles selbst?

Mmmmmm, nicht alles. Aber fast.

Aber ist es leicht, da spontan zu sein? Wenn man immer nur an einzelnen Tonspuren sitzt?

Es ist sogar leichter! „Hey, was war das, das übernehmen wir!“ „Das war Scheisse, das kommt gleich weg!“ „Das klang gut, spiel das noch mal!“ Aber wenn du mit einer kompletten Band spielst, musst du versuchen, etwas aus anderen Leuten raus zu kitzeln. 

Alles klar, so jetzt sind meine 30 Minuten um.

Cool. Hast du alles?

Ja, ich bin happy. Vielen Dank!

Cool, Danke!

3 Kommentare zu „Interview: George Ezra“

  1. Wow, ich glaube bei so einem Interview wäre ich total aufgeregt. Bist du auch nervös, wenn du erfährst, dass du einen VIP interviewen darfst? Und wenn ja, wie gehst du damit um?
    Tolles Interview, übrigens. Hat Spaß gemacht, es zu lesen! 🙂

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    1. Danke für die Blumen und Danke fürs Feedback!

      Nervös werde ich normal nicht mehr. Ich mache das Ganze jetzt ja schon länger und es war schon der eine oder andere große Name dabei. Klar, komplett Routine ist es nicht. Es ist schon immer mindestens interessant und manchmal klopft vorher auch noch das Herzchen. Wie bekannt die Person ist, hat auf die Aufregung dabei gar nicht unbedingt so viel Einfluss. Sondern mehr, wie sehr ich selbst Fan bin.
      So als Beispiel: Ich finde ja, die Middle Kids sind eine der besten neuen Bands. Wenn ich morgen ihre Sängerin Hannah Joy vor mir hätte, wäre ich aufgeregter, als wenn ich z.B. Dave Grohl sprechen sollte.
      Was jetzt George Ezra angeht – der Junge hat ein sehr bescheidenes und lockeres Auftreten. Selbst wenn ich aufgeregt gewesen wäre, hätte er mir etwaige Nervosität damit schnell genommen.
      Alright! Greetings, Henning

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      1. Das ist wirklich sehr interessant. Ich hatte auch überlegt Interviews mit Autoren auf meinem Blog zu veröffentlichen, war mir aber bisher nicht sicher, wie ich das mit meiner Nervosität vereinbaren würde. Aber wahrscheinlich gehört sie einfach dazu.
        Danke dir für die Aufklärung 🙂

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