Review: Editors

Editors – „Violence“

Ach ja, die Editors. Eine Band, die einem viel Material gibt, um sie mächtig albern zu finden. Aber auch eine Band, der man viel zugute halten kann.

Ich habe mich mit mir selbst zuletzt auf folgenden Umgang mit Tom Smith und seinen Jungs geeinigt: Wenn sie wieder auf Pathos machen und sich U2-mäßig auf die Brust schlagen (wie zum Beispiel auf den Balladen vom vorletzten Album „The Weight Of Your Love“), dann sind sie mir ein bisschen peinlich. Wenn sie aber die Popkeule rausholen und so ’nen richtigen Indie-Dancefloor-Burner hinlegen (z.B. „All The Kings“ vom letzten Album oder die frühen Bringer wie „Munich“ oder „All Sparks“), dann erlaube ich mir auch, sie famos zu finden. Zumal: Live langen sie zu. Live sind die der Bringer. Keine Widerrede.

Die Editors sind also die Band, die man sowohl scheiße als auch geil gleichzeitig finden kann. Und wenn jemand als Hörer nur eine der beiden Seiten empfindet, sage ich: I hear you. Ich sehe sowohl ein, wenn jemand als bekennender Indiehead nicht über ihren Popanz und Bombast hinweghören will, als auch, wenn sich jemand von der erschlagenden Wucht, die die Editors immer heraufbeschwören wollen, nur allzu gerne erschlagen lässt. Bei den Editors gehört das nun mal zusammen. Das ist ihre Stärke, das ist ihre Schwäche, das ist ihr Ding, das ist die Haut, aus der sie nicht herauskönnen, das ist ihr USP, das sind die Editors.

Album sechs, „Violence“, nimmt trotzdem ein paar Veränderungen vor. In der Durchführung, nicht in der Wirkung.

Ich habe oben gesagt, dass man den Editors viel zugute halten kann. Zugute halten kann man ihnen zum Beispiel, dass sie versuchen, nicht nach Schema F zu verfahren. Dieses Mal zum Beispiel haben sie ihre Herangehensweise regelrecht radikal aufgebrochen, indem sie dem Elektronik-Musiker Blanck Mass mit in die Arbeit einbezogen. Der kriegte von ihnen erstens die Tonspuren, die sie im Studio aufgenommen hatten, und zweitens freie Hand, wie er sie arrangieren und verfremden wollte. Tom Smith & Co haben da sehr viel Kontrolle abgegeben, sind sich aber sicher, dass das zum Besten war. Denn Blanck Mass habe Ideen gehabt, die ihnen selbst nie eingefallen wären. Beispiel: Der Song „Magazine“. Den hatte die Band lange schon im Archiv, sie spielten ihn regelmäßig live, aber waren mit früheren Aufnahmen nie zufrieden genug. Mehrfach wurde er eingespielt und schaffte dann nicht den Cut, um auf frühere Alben zu kommen. Mit der Blanck Mass-Version waren die Editors aber nun so happy, dass sie den Song zur ersten Single von „Violence“ machten.

„Magazine“ ist aufgeteilt in einige Breaks und Laut/Leise-Kontraste. Das ist eine Sache, die sich durchs Album zieht. Die Songs sind hier keine kurzen, abgeschlossenen Einheiten. Jeder ist in mehrere Sektionen aufgeteilt, in denen mal reduziert wird, dann wieder volle Breitseite Sound herein schmettert – oder in denen der Song auch mal eine komplette Verpuppung durchmachen kann. Siehe „Counting Spooks“: Bei Minute 3 changiert er aus einer pompösen Ballade zum flüssigen Midtempo-Groove.

Das sind natürlich Abläufe, die die Pathos-Seite der Editors nicht eben einbremsen. Die kriegt auf „Violence“ wirklich viel Sonne ab, das kann man nicht bestreiten. Immerhin, diese ständige Metamorphose der Songs belohnt das Zuhören. Es ist nicht so, dass die Lärmwand immer dann herein bricht, wenn man es erwartet. Auch ist die Klangwelt, in der sich das Ganze abspielt, ist nicht uninteressant.
Denn bisher konnte man die Editors-Longplayer in zwei Kategorien trennen: Gitarrenbetonte Alben („The Back Room“, „An End Has A Start“, „The Weight Of Your Love“) und Synthie-lastige Alben („In This Light And On This Evening“, „In Dream“). „Violence“ fällt aus der Reihe, denn hier sind sowohl mehr Gitarren als auch mehr Elektronik. Es ist einfach insgesamt MEHR. Manchmal, zum Beispiel im typisch geschwollen betitelten „Hallelujah (So Low)“ stürzen die Sounds mit der Brachialgewalt des Industrial-Rock ins Ohr. Eine Power, die die Editors bisher noch nie so entfacht haben. (Heisst ja aber auch „Violence“, die Platte.)

Der definitive Nachteil dieses Approach: Naja, ich mag die Editors am liebsten, wenn sie so nen richtig knackigen Powerriegel-Indierocksong hinlegen. Ein solcher scheidet natürlich aus, wenn man sich entschieden hat, die Songs auf einem Album über ihre Brüche und Kontraste zu definieren. Jede Editors-Platte hatte bisher ihre Lieder für den Indie-Dancefloor, aber auf „Violence“ drängt sich mir keiner auf.

Nichtsdestotrotz: Ich habe die eine oder andere Kritik dieser Platte gelesen. Kurz gesagt wird gerne „früher waren sie besser“ gejammert. Als müsste man sich dafür entschuldigen, dass man dereinst auf dem Atomic Dancefloor zu „Munich“ begeistert mittobte. Aber das stimmt so ja auch nicht. Schon auf „The Back Room“ (2005) haben die Editors sich satt im Pathos gesuhlt. Das war immer Teil ihres Gesamtpakets. Entsprechend ist es auch unnötig, wenn nicht sogar kindisch, der Band jetzt komplett abzuschwören.

„Ridicule is nothing to be scared of“ sang Adam Ant in „Prince Charming“. Es ist eine meiner Lieblingszeilen ever und eine der Grundwahrheiten des Pop. Mit ihrem Hang zur übertriebenen Geste haben sich die Editors immer der Lächerlichkeit geöffnet. Sicher nicht ganz freiwillig. Trotzdem, das gibt ihnen auch eine gewisse Freiheit, die andere, der ewigen Coolness verpflichtete Bands, nicht haben. Die Editors können mit vollen Händen in den Fundus des Pathos greifen. Damit werden ihre Alben immer Stellen haben, an denen man mit den Augen rollt. Aber man wird ihnen nie vorwerfen können, dass sie nicht ambitioniert wären oder dass sie einen kalt ließen.

Es besteht letztlich ja kein Zwang, sich festzulegen. Ich für meinen Teil finde die Editors manchmal doof und manchmal prima. Und ich weiss: Zu den Momenten, in denen ich sie prima finde, würden sie nicht gelangen, wenn diese doofe Seite nicht ein unwiederbringlicher Teil von ihnen wäre. Das ist ein Deal, den ich akzeptiere. Das neue Album in dem Zusammenhang? In der Sprache der Fußballer würde man sagen: Vertragsverlängerung unterzeichnet.

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