Review: Embrace

Embrace – „Love Is A Basic Need“

Warum habe ich in den späten 90’s eigentlich Embrace so unglaublich geliebt? Klar, so ein UK-Hype hilft immer. Der Britpop war gerade am Abflauen, als die Magazine das Brüderpaar Danny & Richard McNamara aus Huddersfield als das nächste große Ding durchs Dorf trieben. Zuerst war’s spannend. Wie Embrace mit den Singles „The Last Gas“ und „We Are Family“ rauschende, scheppernde Swervedriver-Shoegaze-Gitarren mit Oasis-Britpop kombinierten, wie sie mit Klavierballaden wie „Fireworks“ aber auch eine fragile Seite zeigten. Ihr Markenzeichen und ihre größten Hits wurden dann die Momente, in denen sie das Leise und das Laute zu Mega-Schmachtfetzen verschmolzen. Pathos regierte auf „All You Good Good People“, auf „Come Back To What You Know“, auf „My Weakness Is None Of Your Business“.

Embrace platzierten sich genau zwischen Oasis und The Verve, hatten dabei aber weder die breite Brust der Gallaghers noch die Grandezza von Richard Ashcroft. Sie standen zwischen diesen Bands wie ein kleiner, verschämt grinsender Junge in einem viel zu großen Anzug. Der Hype war bald vorbei. Noch bevor ihr Debütalbum „The Good Will Out“ erschien, waren Embrace schon die Zielscheibe der Britpresse, besonders Sänger Danny kriegte es ab und den Spitznamen „Nebelhorn“. Komischerweise waren es aber gerade ihre Makel, weswegen ich Embrace umso mehr ins Herz schloß. Ihre Texte zum Beispiel, die waren nicht selten eher holprig als elegant formuliert, aber so konnte ich sie ihnen erst recht abnehmen. Auch dass Danny live auch mal herzlich die Stimme durchging, fand ich total okay. All das machte das Ganze viel ehrlicher und menschlicher. Embrace waren eine Band, die’s so gut meinte, dass sie sich in ihren Ambitionen manchmal verhedderte. Dahinter konnte man stehen.

Ja, Embrace waren mal ein paar Jahre so richtig meine Lieblingsband. Natürlich auch, weil ihre Musik damals der Soundtrack einer sehr emotionalen Phase meines Lebens war, so mit Trennung und Liebeskummer und neuer Liebe. Auch dass ich mit Danny in meinen Interviews immer besonders gut klar kam, hat ihren Platz in meinem Herzen gefestigt. Danny ist einfach ein guter, netter Typ – was sich später noch für sie bezahlt machen sollte.

Denn Anfang 2000 nahmen Embrace eine junge Band mit auf Tour und schlossen Freundschaft, was ja nicht immer üblich ist zwischen Headliner und support. Die junge Band trug den Namen Coldplay. Eine enge Freundschaft zwischen Danny und Chris Martin besteht immer noch und heute sind’s Coldplay, die Embrace weiter unterstützen. 2003 gaben sie ihren Song „Gravity“ an die damals im rasanten Sinkflug befindlichen Embrace weiter, weil er „besser zu ihnen passte“. Die Story sorgte für neues Interesse, einen Top3-Hit und ein Comeback an der UK-Album-No.1 für Embrace für „Out Of Nothing“ (2004, Bild). Die Freundschaft besteht weiter – letztes Jahr erst nahmen Coldplay ihre alten Buddies als Support auf ihrer UK-Stadiontour mit.

Jetzt ist er gefallen, der Name Coldplay. Ein Name, der Lesern entweder einen warmen oder einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Ich? Mochte die frühen Coldplay. Echt. So sehr es ein Klischee ist, zu sagen „früher waren sie besser“, bei Coldplay trifft’s nun mal zu. „Parachutes“ und „A Rush Of Blood To The Head“ haben tolle, stimmungsvolle Songs. Ja weiter Coldplays Karriere aber fortschreitet, desto mehr stößt mich das Glattgebügelte, das Plakative und der Zuckerguss ab.

Wenn man in den 90s Embrace hörte, dachte ja noch niemand an Coldplay. Die Referenzen, mit denen man sie verglich, waren Oasis, The Verve und – die wollen wir als Zeit- und Soundgenossen der späten 90s nicht vergessen – Travis. Heute dagegen kann man Embrace nicht hören, ohne an Coldplay erinnert zu werden. Denn die haben das, was Travis/Embrace kurz vor der Jahrtausendwende machten, nun mal hergenommen, gestreamlinet und in die weltweiten Hitparaden gepusht. Coldplay – okay vielleicht nicht NUR Coldplay, überhaupt die aktuellen Normen, was Produktion angeht – haben den Sound dabei auch verändert.

Vergleichen wir mal: Ich habe eben noch mal in zwei meiner frühen Embrace-Lieblingsballaden rein gehört: „That’s All Changed Forever“ vom Debüt und „Make It Last“ vom dritten Album. Was auffällt: Man hat damals einfach karger produziert. Heute wären diese Songs zugekleistert worden mit Synthie-Flächen. In den 90s waren Synthies out. An Tasteninstrumenten hört man Klavier („That’s All Changed Forever“) und Hammondorgel („Make It Last“). Okay, man hört auch Streicher. Embrace galten damals sogar als Band, die dick auftrug. Aber im heutigen Pathospop wird jedes freie Frequenzfeld auch mit einer Tonspur belegt, damals gab es noch Freiflächen im Klangbild. Sind Coldplay dafür Auslöser oder nur Symptom? Naja, das wollen wir hier gar nicht ausdiskutieren, denn wir wollen ja:

Zurück zu Embrace, die zwischendurch noch einmal völlig weg vom Fenster waren. Ganze acht Jahre lang hörte man nichts von ihnen, zwischen ihrem 2006er-Album „This New Day“ und ihrem 2014er Comeback, das einfach nur „Embrace“. hieß. In dieser Zeit haben sie sich neuen Entwicklungen nicht versperrt. Als sie sich aus der Isolation zurück meldeten, wollten sie nicht nach gestern klingen, klar. Und in der Zwischenzeit hatte der Rest der Welt eben entschieden: Mehr ist mehr. Embrace wollten mithalten. Exemplarisch damals die überambitionierte Comeback-Single „Refugees“. Beats, mehrere Synthlines, crashende Gitarren, Chöre… einfach zu viel Brimborium um ein eher okayes als tolles Lied. Embrace wollten auf diesem Comeback-Album eine Menge beweisen und das merkt man. Sie haben sich auf dieser Platte zu sehr darauf konzentriert, alles irgendwie abzudecken – und zu wenig darauf, ihre Stärken auszuspielen. Embrace, die Band der glorreichen Schmachtfetzen, packte gerade mal zweieinhalb Balladen auf ihr Comeback. Trotzdem, es zeigte sich: Auch nach acht Jahren Abwesenheit blieben ihre UK-Fans treue Seelen. Es gab eine Top5-Position und ausverkaufte Tourneen. (Ach ja, ich hatte in der Zeit auch mal wieder ein Interview mit Danny)

Womit wir endlich bei „Love Is A Basic Need“ angekommen sind. Wir haben also vor uns: Eine Band, die seit 20 Jahren dabei ist und die nach dürren Jahren wieder einen gefestigten Stand hat. Vielleicht nicht bei den Kritikern, aber bei einer loyalen UK-Fanbase.

So. Die Neue geht los mit „The Finish Line“ – einer typischen, sich aufplusternden Ballade. Einerseits. Andererseits: Ich habe oben darüber gesprochen, dass bei Embrace-Balladen immer Makel gab, die das Ganze menschlich machten. Diese fehlen mir auf „The Finish Line“. Da wird das Brot zu fett beschmiert, mit Chor, mit U2-Gitarre, mit Streichern.

„Never“ arbeitet ähnlich. Hier hat Danny sogar eine Duettpartnerin, eine gewisse Kerri Watt. Ihre Castingshow-artige Intonation pusht das Ganze in Richtung ESC-Ballade. Schwierig.

Auch „Wake up Call“ beginnt mit reinem Pathos. Mit einer Bombast-Fanfare, zu der in Zeichentrickfilmen ein besonders alberner König auf seiner Sänfte in den Palast getragen werden würde. Abgesehen davon setzt der Song auf Leise/Laut-Kontrast, zieht den Prunk aber durch.

Der Piano-Lauf und die Schimmer-Gitarre von „Snake Oil“ als nächstes könnten Coldplay-esker nicht sein. Das von Gitarrist Richard gesungene „Where You Sleeping“ ist ein Lichtblick. Eine Midtempo-Gitarren-Nummer, die so auch auf einem Ryan Adams-Album zu hören sein könnte.

„All That Remains“ ist dagegen wieder ein Schleicher, der nach dem Motto „Fahren wir nach dem ersten Refrain alle Regler hoch!“ agiert – ein Ansatz, den man nicht überstrapazieren sollte, wenn er effektiv bleiben soll. Embrace können sich aber nicht bremsen, ihn auch bei „Rabbit Hole“ erneut auszureizen. Immerhin, „Horseshoe In My Glove“ beschränkt sich doch tatsächlich darauf, einfach nur eine Piano-Ballade zu sein. Auch „My Luck Comes In Threes“ bleibt ein ordentliches Halbgas-Gitarrenlied, das sich zwar im Verlauf steigert, aber den Bombastfaktor nicht auf 100 fährt. Geht doch. Damit darf das abschließende Titelstück „Love Is A Basic Need“ doch noch mal tief in die Kiste langen. Hier tobt sich Richard McNamara so richtig aus und führt uns in einem abschließenden Feuerwerk all seine Effektpedale vor. An dieser Stelle, auf dem letzten Song, als Abschluss eine Albums, ist das ja auch legitim.

Okay, jetzt sind wir durch. Wir halten fest: Im Gegensatz zum Vorgänger setzen Embrace auf ihrem zweiten Album nach der langen Pause wieder verstärkt auf die Powerballade. Es hätte ihnen jedoch besser zu Gesicht gestanden, die Arrangements dabei nicht je-des-mal ganz so massiv aufzufahren.

Klar, Embrace haben immer schon Pathos in sich getragen. Die Tatsache, dass sie sich nie zu fein waren, auch in den ganz großen Gefühlen zu rühren, war ja sogar immer auch ein Grund, warum man die Band so gerne hatte (auch wenn mans nicht jedem gegenüber zugab). Aber das hat eben früher auch deshalb funktioniert, weil dem Popanz eine emotionale Nacktheit und Zerbrechlichkeit gegenüberstand, die das Ganze austarierte. Auf „Love Is A Basic Need“ fehlt mir dieses Gegengewicht. Nichtsdestotrotz werden Embrace von mir immer Nostalgiepunkte kriegen. Denn sie waren, wie gesagt, echt mal eine Lieblingsband von mir. Ich freue mich, dass sie weiter ihr Ding machen können und machen. Dafür muss ich nicht jedes ihrer neuen Lieder lieben.

Anm. „Love Is A Basic Need“ steht noch nicht auf Spotify, aber in den Downloadstores.

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