Review: Superchunk

Superchunk – „What A Time To Be Alive“

Ich freue mich schon aufs Charlatans-Konzert am Freitag. Vor vier Tagen kam eine neue Ride-EP. Aber nicht übersehen: Ein neues Superchunk-Album erschien am gleichen Tag auch. Jetzt mal echt: Bin ich im Indierock-Groundhog Year 1991 gefangen?

Also, mich soll’s nicht stören. Ich mochte 1991. Superchunk waren eine Band, die damals voll in meinen Herbst rein knallte. Meine erste Begegnung mit Mac, Laura & Co hieß „Skip Steps 1 & 3“. Es war die erste Nummer von ihrem Album „No Pocky For Kitty“. Ein hämmerndes Zickzack-Riff, ein Song in Punk-Tempo, aber der Sänger schrie nicht, sondern er nörgelte. Seine dünne Stimme konnte seiner eigenen Melodie nicht ganz folgen. Das haben Superchunk über all die Jahre beibehalten: Ohrwürmer mit tollen Melodien zu bringen, die Mac dann gar nicht sang, sondern durch die er im One-Note-Nasal-Modus durchpreschte, während man sich die eigentlichen Melodien dazu vorstellte.

„What A Time To Be Alive“ könnte – und das macht mich happy – vom Klang und Feeling her auch eine Woche nach „No Pocky For Kitty“ veröffentlicht worden sein. Superchunk sind immer noch innerlich so aufgekratzt und haben immer noch die gleichen Hummeln im Hintern wie in der Ära George Bush, des Älteren. Wow.

Wow, aber leider auch der Anzeiger unguter äußerer Umstände. Es ist ja nicht so, dass sich Superchunk in all den Jahren einfach nur nicht entwickelt hätten. Ganz im Gegenteil. Im Verlauf der 90s machten sie sehr wohl eine Wandlung durch. Sie gingen mit dem Fuß immer ein bisschen weiter vom Gas. „Come Pick Me Up“ (1999), um ein Beispiel zu nehmen, würde man nicht Punk nennen, sondern im Plattenschrank neben Pavement stellen. Mac McCaughan erlaubte sich zu der Zeit auch ein Solo-Ding namens Portastatic, das so lo-fi war, als hätte er es mit 4-Spur-Staubsauger aufgenommen. Will sagen: Da tat sich sehr wohl was.

Und das mal ganz davon abgesehen davon, dass Superchunk gewieft ein Indierock-Imperium aufbauten. Als Studenten in Chapel Hill hatten sie 1989 für ihre ersten Vinyl-Singles ihr eigenes Label gegründet: Merge. Mit dem Label halfen sie bald auch anderen befreundeten Acts, lernten weiter dazu, nahmen neue Bands zu sich auf. Inzwischen ist Merge ein globaler Player in Sachen Indierock, mit einem beeindruckenden Künstler-Lineup, das der Welt Platten von Arcade Fire, Spoon, Neutral Milk Hotel, Caribou, Lou Barlow und vielen mehr schenkte.

Weswegen über die Jahre die Labelarbeit zum Hauptjob von Mac und Laura wurde. Zwischen „Here’s To Shutting Up“ (2010) und „Majesty Shredding“ (2010) lag die Band praktisch auf Eis, Bassistin Laura tourt nicht mehr wegen Tinnitus, auch bei „I Hate Music“ (2014) war sie nur im Studio dabei. Superchunk ist nicht mehr das Hauptaugenmerk von Laura und Mac. Auch Drummer Jon Wurster hat längst ein zweites Standbein als Teil des Comedy-Duos Scharpling & Wurster.

Entsprechend stand ein neues Album der Band eigentlich gar nicht auf der Agenda. Aber dann – und jetzt sind wir bei den oben erwähnten unguten Umständen – kriegten die USA einen neuen Präsidenten. Einen, den Mac & Co nicht unkommentiert lassen konnten. Zitieren wir dafür ausnahmsweise das Presseinfo. Darin sagt Mac: „It would be strange to be in a band, at least our band, and make a record that completely ignored the surrounding circumstances that we live in and that our kids are going to grow up in”. Zitieren wir ihn gleich noch mal, diesmal schon zur Platte: „The album is about a lot of things of course but mainly dealing with anxiety and worse in the face of incipient authoritarianism.” Und zuletzt: „I think that’s important to not be completely bummed out about everything all the time.”

Will heißen: „What A Time To Be Alive“ ist keine destruktives Dokument der Wut, sondern ein Aufruf zum Trotz, zur Aufmüpfigkeit. Superchunk versuchen, hier in Zeiten eines Rechtsrucks Zusammengehörigkeit und  positive Motivation für den Widerstand zu vermitteln. Den Refrain des Titelsongs bringt’s auf den Punkt. Man kann die Zeilen als Zynismus deuten, aber auch als Proklamation: „To see the rot in no disguise – Oh what a time to be alive! – The scum, the shame, the fucking lies – Oh what a time to be alive!“. Anderes Beispiel: „All For You“. Hier  stellt sich Mac der Rechten mit diesen Worten in den Weg: „Fight me! I’m not a violent person but fight me! Can’t really get any worse so fight me!“

Die Mittel, die Superchunk dafür einsetzen, kennen wir. Peppige Vorwärts-Songs, Radau-Gitarren, Ohrwurm-Riffs. Hier haben Superchunk in all den Jahren nicht verlernt, wie man den Hörer am Kragen packt und durchschüttelt.„Erasure“ beispielsweise ist ein richtiger Indiepophit, wie er im Buche steht. „Reagan Youth“ und „Cloud Of Hate“ fegen in Punkgeschwindigkeit durch die Ohren. Das komplette Album ist nicht mal 33 Minuten lang – da gibt’s kein Gramm Fett.

Endergebnis: Superchunk sind eine Band, die längst zu den Granden des US-Indierock gehört. Sowohl aufgrund ihrer prägenden Musik in den 90s als auch für ihre Rolle als Labelmacher und Förderer. Dass sie sich immer noch ab und an mit Musik zurück melden, ist schon mal erfreulich genug. Hier tun sie das hier mit einem Album, das erstens den gleichen Sturm und Drang mitbringt wie die Fetzer, die sie mit Anfang 20 machten, das dabei aber konkret Position zur aktuellen Trump-Ära bezieht und Haltung zeigt. Man muss Superchunk nicht seit 1991 verfolgt haben, um das stark zu finden.

(Fotocredit Superchunk: Merge Records, Lissa Gotwals)

for good measure: Superchunk 1991

 

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