Interview: Marlon Williams

Gestern (16.02.) erschienen: Das zweite Album von Marlon Williams. Wer hier regelmäßig auf dem Blog vorbei schaut, kennt den Namen – schon Marlons erstes Album hat mich sehr begeistert. Der Neuseeländer hat erstens eine dieser Stimmen, bei der es einem kalt den Rücken runterläuft. Zweitens setzt er diese Stimme sehr geschmackssicher ein – bevorzugt als Interpret und Sänger von Country, Folk und Americana. Auf seinem neuen Album „Make Way For Love“ kommen sogar ozeanische Klänge mit ins Spiel. Davon – und darüber, dass „Make Way For Love“ ein Trennungsalbum ist – soll uns der gute Mann aber selbst erzählen. Ein Telefongespräch von München nach Lyttelton, NZL.

Hallo?

Hallo Neuseeland, spreche ich mit Marlon?

Das tust du! Wie geht’s?

Gut, Danke! Wie war dein Tag? Deiner geht zu Ende, meiner beginnt gerade. 

Deiner beginnt gerade erst? Meiner war gut. Ich habe ein bisschen Basketball gespielt, nachher will ich noch schwimmen gehen. Eine Schwimmrunde am Abend.

Ooh!

Ja! Es ist Sommer. Die Zeit, die wir haben, ist eine gute.

Mensch, da beneide ich dich jetzt. Wir haben hier einen regnerischen Wintertag.

Ha, Sorry.

Du bist zu Hause? In Lyttelton?

Das bin ich, ja

Ich habe Lyttelton vor diesem Interview besucht. Sozusagen. Ich habe mir den Ort mit Google Maps angeschaut.

Ach, echt?

Es sieht ja echt sehr idyllisch aus. Eine Radtour quer durch die Banks Peninsula steht jetzt auf meiner Liste der Dinge, die ich tun werde, falls ich mal im Lotto gewinne.

Prima! Ich muss gestehen, das habe ich selbst noch nicht gemacht. Ich habe gar kein Fahrrad. Aber ich verbringe hier auf jeden Fall viel Zeit und ich kann deinen Plan auf jeden Fall gutheißen.

Was bedeutet dir Lyttelton? Ich frage, weil ich selbst aus einer Kleinstadt komme, am Rand der Alpen. Als ich da als Jugendlicher groß wurde, wollte ich nur raus. Aber heute versuche ich, möglichst oft vorbei zu schauen und die Berge und die Natur zu fühlen. 

Da geht es mir wie dir. Je mehr ich durch die Welt reise, umso glücklicher macht es mich, zu wissen, dass Neuseeland meine Heimat ist, die mich immer wieder bei sich aufnehmen wird. Ich denke, es ist ein echtes Glück, so eine Perspektive auf die Dinge zu kriegen. So ist das, Lyttleton ist Heimat, ist Komfortzone. Ich lade jedes Mal meine Batterien auf, wenn ich hier bin.

Aber es bedeutet viel Zeit in Flugzeugen.

Ja. Nach Hause zu kommen, ist jedesmal ein langer Trip. Aber jetzt hat es sich gut ergeben. Ich hatte ein paar Wochen keine Termine um Weihnachten, da hat es gut gepasst, heim zu kommen. Seitdem bin ich hier, habe einfach nur dies und das gemacht.

Freust du dich dann überhaupt auf die anstehende Tour oder graut dir auch ein bisschen davor?

Also, nervös bin ich ein bisschen. Es wird eine lange Tour. Da bin ich durchaus nervös, wie ich damit klarkommen werde. Aber mir geht’s seelisch gut, ich bin körperlich fit, ich habe Bock auf Musik, das wird schon. Es gibt keinen Grund, warum es nicht wie geschmiert laufen sollte.

Das klang jetzt gerade so, als ob du auf Tour auch schon Probleme hattest und es dir auch zu viel werden kann.

Das ist leider wahr. Die Sache auf Tour ist die: Wenn du mal ins Stolpern kommst, vielleicht weil du mal im falschen Moment einen zu wilden Abend hattest, oder vielleicht, weil’s Probleme auf der Fahrt gab – da kann es einen Schneeballeffekt geben. Einfach, weil man immer rennt. Wenn man da mal stolpert, tut es gleich richtig weh. Es gibt immer ein unbekanntes Element, das um einen herum ist und einen wach hält.

Dieses Mal wird es auch deshalb nicht leichter, weil du ein Album über ein gebrochenes Herz geschrieben hast. Die alten Wunden musst du jetzt alle wieder öffnen, in Interviews und auf Tour.

Ja, also, ich verstehe, warum das von außen vielleicht schwierig ausieht. Ich habe das Schreiben dieser Songs aber als große Befreiung erlebt, als Katharsis. Entsprechend kathartisch ist es, diese Lieder zu singen. Das gibt mir ein Gefühl der Selbstverständnisses – dass ich nicht durch jemand anders definiert werde. Denn das Album geht ja nicht über Sie. Es geht über mich. Es geht über meine Reise. Das Album ist eine Selbsterklärung und, naja, es fühl sich gut an, zu beichten. Hehe.

Wie bei den Christen.

Ja, also, ich bin kein Christ, aber dies ist meine Beichte.

Ja, ich bin auch keiner. Ich kenne das Gefühl des Beichtens nicht.

Tja. Du solltest vielleicht eine echt fiese Trennung durchmachen und dann ein Album drüber schreiben.

Also, meine fiesen Trennungen, die habe ich erlebt. Immerhin. 

Hahahaha.

Ein Album habe ich noch nicht drüber geschrieben. Aber Stufe Eins – da war ich SEHR erfolgreich.

Tja, äh, dann: Gratuliere!

War das Album dann also erfolgreich als Aktion, um die Sache aus deinem System zu kriegen? 

Das war so. Wirklich. Ich weiss nicht, ob ich die Sache andernfalls so heil überstanden hätte. Es gab Dinge, als die Trennung passierte – die konnte ich einfach nicht fassen, die kriegte ich nicht in den Griff. Und es war erst, als ich diese Songs schrieb, dass mir die Dinge offenbar wurden. Dass man Musik für so etwas einsetzen kann, war eine neue und spannende Erfahrung für mich. Dass Songwriting als kreativer Prozess diese Funktion erfüllen kann.

Mann, da hätte ich damals wirklich Alben schreiben sollen! Ich habe schon Jahre verloren an Nach-Trennungs-Depressionen. Ich habe wunderbare Mädchen nicht an mich ran gelassen, weil sie „nicht wie sie“ waren… 

Ja, klar. Es ist nicht leicht, diesen Kreis zu durchbrechen.

Hast du wieder neue Menschen in dein Leben lassen können?

Ja, aber es hat gedauert. Und ich glaube auch, wenn man jemanden wirklich geliebt hat, dann hatte diese Person auch ihre kleinen Eigenheiten, an die man sich gewöhnt hat und die man von jemand anders dann auch erwartet. Ich glaube, das wird die andere Seite genauso sehen, auch wenn die Trennung von ihr ausging. Aber ich habe gerade echt ein gutes Gefühl – und ich vergleiche nicht jeden anderen Menschen, den ich treffe, mit ihr.

Du hast ja auch das Lied „Love Is A Terrible Thing“. Da geht es um die Phase der Post-Trennungs-Depression, richtig?

Hmm. Also für mich geht es in dem Song darum, das bestmögliche zu tun, um etwas vorzutäuschen. Die Titelzeile lautet „Love Is A Terrible Thing“, nach dem Motto: Wenn man sich einredet, die Liebe sei etwas fürchterliches, überlebt man vielleicht länger, bis es einem nicht mehr so schlimm geht. Tja, es geht darum, sich das vorzumachen, bis man’s überstanden hat.

Tja, ich muss noch mal genauer hinhören.

Aaach, ich bin natürlich auch ein bisschen obskur in dem Text. Man kann ihn gerne auf alle möglichen Arten und Weisen deuten. Das ist auch eine gute Sache, das mag ich.

Trotzdem finde ich die Sache mit der Nach-Trennungs-Depression aber auch spannend. Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass die chemischen Prozesse nach einer Trennung im Gehirn sehr ähnlich sind mit dem, was ein Junkie auf Entzug fühlt.

Wow.

Es geht auch genauso los. Am Anfang fühlt man dieses High und alles ist rosig. Dann gewöhnt man sich langsam an diesen Rausch. Dann braucht man mehr, um den Rush noch zu kriegen. Irgendwann spürt man den Rausch fast gar nicht mehr – aber sobald er weg ist, zieht es einem den Boden unter den Füßen weg.

Menschenskind, das ist eine interessante Allegorie. Das bringt einen doch zum Nachdenken.

Es ist ja nicht mal eine Allegorie, sondern ein biochemischer Fakt. Schon irre, oder? Dass die Evolution das so entwickelt hat! Dass sie uns diesen irren Drang, uns fortzupflanzen, mitgibt, so dass wir im Gehirn diese enorme Belohnung spüren, wenn wir eine Partnerschaft bilden – und diese regelrechte Strafe, wenn sich die Partnerschaft auflöst. Was natürlich keine Frage ist. Trotzdem, naja, was sind deine Gedanken dazu?

Also, da teile ich mit dir dieses Staunen über die Welt, wenn man sie aus einem Blickwinkel der Evolution betrachtet. Irgendwie ist es auch tröstend, das Ganze als einen evolutionären Treib zu sehen. Das ist etwas vollkommenes, es rundet das Bild vollkommen ab. Ich habe auch immer mal wieder solche Momente, in denen mir so ein Licht aufgeht. Dass man sich sagt: „Aha, da habe ich deswegen mich so verhalten!“ Auch wenn das natürlich auch oft eine Vereinfachung ist und nicht unbedingt richtig sein muss. Gerade die Theorie der Evolution ist auch schon auch fürchterliche Art und Weise fehlinterpretiert worden. Als Gedankenexperiment ist es aber immer interessant.

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, dass gerade das, was wir für Liebe halten oder für Soul, doch genauso nur von komplexer Biochemie gesteuert wird. Andererseits schließt das Eine das Andere ja nicht notwendigerweise aus.  

Genau. Und hat die Komplexität des Ganzen nicht auch etwas Magisches? Mir fällt jetzt kein besseres Wort ein als „das Design“ des Ganzen – ist das nicht genauso wunderschön und poetisch wie die Vorstellung von der absoluten Liebe?

Mir gefällt das Video von „What’s Chasing You“, das du gerade veröffentlicht hast.

Ah, ja.

Ich mag den Kontrast. Du singst dieses tragische Lied aus dem traurigen Zyklus, machst dich im Video aber zum Clown.

Es ist ein Versuch, Ergebenheit auszudrücken. Ich gehe hier auf jemanden zu, völlig entwaffnet. Schau mich an, wie ich mich zum Affen mache! Um zu zeigen, wie wichtig du mir bist. Mir gefällt, dass die Idee dieses Videos so schlicht ist. Einfach nur komplette Offenheit zu zeigen, keine Angst davor zu haben, dass man ausgelacht wird.

Wie war der Tag am Strand? Die Leute, die man im Video sieht, waren die zum Teil auch zufällig am Strand? 

Jaja, das sind alles Freunde von mir.

Ach, ich dachte schon, ihr drehtet an einem Strand und die Leute fragten sich: Was geht DA denn ab?

Ein paar Leute sind vorbei gelaufen, und die haben sich natürlich gewundert. Was ich besonders mag: Ich bin in einem Haus geboren worden, das nur 50 m von dem Strand entfernt ist, an dem wir gedreht haben. Für mich ist das also auch ein netter kleiner Nostalgie-Trip.

Ach, das ist aber echt nett! Okay… zurück zu den Songs. Wer ist der „Party Boy“?

Wer ist der Party Boy? Er ist ein Konstrukt, eine Zusammenstellung. Zu allererst mal steckt darin mein Frust, meine Eifersucht und meine Unsicherheit. Zum Anderen ist es einfach Beobachtung. Wenn man selbst auf Parties geht und diese Typen trifft, die auf Parties lebendig werden. Während die Party läuft, sind sie die großen Zampanos. Aber dann guckt man sie sich an und fragt sich: Was wird aus dir, wenn die Party vorbei ist? Kannst du überhaupt existieren außerhalb einer Party?

Ich hatte so den Eindruck, dass du auf diesen Party Boy herab siehst.

Das steckt auf jeden Fall mit drin. „Du bist so sehr dieses Ding, du wirkst nicht mal mehr wie ein echter Mensch.“ Wenn dir jemand nicht mehr echt vorkommt, dann wird er dir verdächtig. Dann fragst du dich auch, ob sie anderen Menschen wehtun werden. Denn da ist etwas in ihnen, das du nicht durchschaust und du traust ihnen nicht. Dann ist deine natürliche Reaktion, andere Menschen um dich herum beschützen zu wollen, vor etwas, das so unberechenbar ist.

Ich habe den Text so verstanden, dass du quasi verhindern willst, dass der Party Boy mit jemand zusammen kommt.

Ja, das kommt hin. Das hat natürlich auch ein bisschen was Macho-haftes. Muskeln zu zeigen und zu sagen: „Du siehst aus, als wärst du auf Spaß aus – aber wildere ja nicht in meinem Revier!“

Okay, jetzt zum Titelsong. Der klingt ja so richtig klassisch, 50s, 60s-mäßig. Für mich hat er sogar ein bisschen was Hawaiianisches.

Stimmt. Das Lied wollte ich eigentlich unbedingt auf Maori schreiben. Leider war mein Maori nicht gut genug. Ich war dann nicht selbstbewusst genug, ich wollte nicht, dass ich alles falsch betone. Trotzdem ist es für mich wie ein typischer Maori-Folksong, nur dass er nicht auf Maori ist. Naja, ich wollte jedenfalls, dass zum Schluss des Albums ein Song kommt, der den Hörer von all der Last befreit, die auf den anderen Liedern liegt. Etwas, das einen durch die Nacht trägt. Weil ich Alben liebe, die mit einer positiven Note enden. Wie ein Märchen. Gleichzeitig aber: Eigentlich findet sich gar nichts ausdrücklich Positives in dem Lied. Es ist ja passiv, das Lied. Es sagt: „Die Liebe kommt zu dir, ob du willst oder nicht.“ Es ist fast schon eine Warnung: „Da kommt etwas Unvermeidbares auf dich zu – also mach dir deine Gedanken, wie es dich betreffen wird und wie du damit umgehen willst.“

Den Maori-Aspekt finde ich interessant. Der ist mir natürlich nicht aufgefallen, weil ich keine Maori-Musik kenne. Kann ich mir traditionelle Maori Musik so vorstellen, was die Harmonien und die Melodien angeht?

Ganz genau. als du vorhin Hawaii gesagt hast, lagst du durchaus richtig. All die melanesischen und mikronesischen Inseln, Tahiti, Moorea, Samoa, Fiji, Tonga – das sind ja alles Maori, die nur früher vom Boot gestiegen sind! Sie haben es halt nicht ganz bis Neuseeland geschafft. Aber sie haben alle die gleichen Wurzeln. Mit dem Inselgefühl lagst du also richtig.

Ist es dein Ziel, in Zukunft doch noch ein Lied in Maori zu singen?

Ja! Ich werde meine Sprachkenntnisse festigen. Ich werde einen Fernkurs machen, während ich auf Tour bin.

Wie jetzt, während der Tour?

Ja, ein Online-Kurs. Einfach, damit ich mehr habe, um mich zu beschäftigen, als nur Musik.

Wow. Die Frage „Womit beschäftigst du dich, während du auf Tour bist“ stelle ich immer mal wieder. Dass jemand einen Kurs belegt, hatte ich noch nicht. 

Mein Bassist hat auf der letzten Tour einen Schein in Ökologie gemacht. Tja, das hat mich inspiriert, das auch machen zu wollen.

Also keine wilden Alkoholparties, morgen muss gelernt werden!

In der Tat, ich will das Ganze runterfahren. Sonst überlebe ich diesmal nicht.

So ein Leben ständig auf Achse – das ja deine Ex-Freundin als Sängerin ebenfalls führt – ist natürlich auch nicht wirklich geeignet dafür, um eine Beziehung langfristig am Laufen zu halten. Wenn du dich entscheiden müsstest: Der Lifestyle eines reisenden Musikers oder eine super-stabile Beziehung, was würdest du aussuchen?

Hmm. Phhh. Haha. Also, klar erhebe ich eine Partnerschaft und dieses Gefühl über alles andere. Aber andererseits ist mir natürlich bewusst: Wenn du dich auf ein solches Opfer einlässt, garantiert es dennoch nicht notwendigerweise, dass du glücklich bleibst. Naja, ich bin der Typ, der sich sehr schnell verliebt. Ich versuche eigentlich immer nur, den Kopf über Wasser zu halten. Deswegen habe mir vorgenommen, das Ganze etwas weniger ernst zu nehmen und andere Dinge im Leben mehr zu geniessen. Dinge, die nicht unbedingt was mit einer Lebensgefährtin zu tun haben.

Die letzten zwei Jahre warst du ja sehr viel international unterwegs und hast die ganze Welt gesehen. Eine Frage, die ich dazu immer gerne stelle, ist: Was hast du gelernt?

Hmm. Was habe ich gelernt? Naja, wovon wir gerade gesprochen haben – die Beziehung und die Trennung haben eine Zeit lang mein Leben bestimmt und ich habe gelernt, das etwas weniger zu betonen. Was ich auch gelernt habe, ist meinen persönlichen Freiraum zu schätzen. Ich war nämlich immer ein Ja-Sager. Wenn man mich um was gebeten hat, habe ich immer zugesagt, zu so ziemlich allem. Jetzt sage ich auch mal Nein, wenn ich Zeit für mich brauche. Das ist ein gutes Gefühl. Was mein Selbstbewusstsein und mein Selbstwertgefühl angeht, war das eine regelrechte Offenbarung.

Durch Neuseeland bist du ja vorher schon getourt, jetzt ging es für dich auch lange durch die Staaten. Gibt es da einen Unterschied – mal abgesehen von den Distanzen?

Auf jeden Fall, ja. Es gibt in den USA natürlich ein Element des Unbekannten. In Neuseeland, da gibt es nicht viele Clubs, da spielt man auch oft in Kleinstädten, da ist alles irgendwie heimelig. Man hört den neuseeländischen Akzent und fühlt sich schon zu Hause. In den USA ist das natürlich anders. Da ist man von vornherein schon mal in einer anderen, manchmal etwas sonderbaren Position.

Ach ja, der neuseeländische Akzent. Wenn du einen solchen Akzent in den Staaten hörst, fühlst du dich dann gleich zu Hause?

Lustigerweise ja. Wenn man neuseeländische Expats trifft, dann fühlt man sich natürlich gleich so, als gehöre man irgendwie zusammen. Was aber natürlich auch komische Situation geben kann. Wenn Leute dich quasi vereinnahmen und du feststellst: Ich hänge gerade mit Typen rum, mit denen ich normal nie Umgang hätte – nur weil sie auch aus Neuseeland kommen. Das gibt’s beides.

Der neuseeländische Akzent erlebte ja zuletzt einen Aufschwung in der Popkultur. Angefangen natürlich mit Flight of the Conchords, oder aber mit dem Erfolg von Regisseur Taika Waititi. 

Ja, stimmt.

Hast du die Leute schon getroffen?

Ob ich Taika schon getroffen habe?

Naja, vielleicht ist das eine doofe Frage. Ich meine, sowas fragen Amerikaner: „Wie, du bist aus Deutschland? Kennst du Klaus aus Berlin?“

Ach, da ist die neuseeländische Kulturszene natürlich schon was anderes. Ich habe mich also schon ein paar Mal mit Taika unterhalten. Aber nicht so, dass ich sagen könnte, dass wir uns gut kennen. Es ist aber natürlich so, dass unsere Szene doch sehr überschaubar ist. Da lernt man sich zwangsweise kennen. Ich bin gefühlt bestimmt 90% der neuseeländischen Musikszene schon mal über den Weg gelaufen. Dass man sich mal trifft, ist so ziemlich garantiert.

Die Chancen, dass Taika mal eins deiner Videos dreht oder dich in einem seiner Hollywood-Filme castet, wenn er einen Sänger in einer Bar braucht, stehen also noch.

Vielleicht, vielleicht.

Übrigens haben wir bei deinem letzten Album schon telefoniert – und damals hatte ich eine Frage an dich, die deine Country-Musik betraf. Nämlich, ob du nicht in gewisser Weise Eulen nach Athen trägst, wenn du damit in den USA auf Tour gehst. Und ich fragte, wie die Reaktionen in den USA sind. Deine Antwort war damals: „Wir werden sehen, die Tour beginnt erst noch.“ Tja, jetzt warst du also dort – und wie waren sie, die Reaktionen?

Also, was die Reaktionen angeht, die gingen in der Tat diesbezüglich sehr weit auseinander. Es gab Amerikaner, die nicht verstehen konnten, dass ich einen Bezug zu Country haben konnte. Die gar nicht auf die Idee kamen, dass das Country sein könnte und wissen wollten, was das für ein schräges Musikgenre sei. Es gab Leute, die dachten, ich müsste wohl aus dem übernächsten US-Staat kommen, die konnten sich gar nicht vorstellen, dass ich von ganz woanders sein könnte. Und diese Typen, die der Meinung sind, dass Country nur „ihre“ Musik ist, die gab es auch, auf die bin ich auch vereinzelt gestoßen. Diese Quasi-Nationalisten: „Das ist UNSERE Musik über UNSERE Leute!“ Aber das ist natürlich Bullshit! Das war nie nur Eure Musik! Das sind afrikanische Banjos und irische Folksongs!

Zumal: Dann hört man ein Lied wie „Make Way For Love“, von dem du sagst, es sei eine Maori-Melodie – aber es klingt gar nicht so doll anders als Country.

Exakt! Wir sind uns oft verwandter, als wir denken.

Bevor du all die Liebeslieder geschrieben hast, hast du eine Durststrecke durchgemacht und ewig gar keine Lieder geschrieben.

Hmmm.

Also, das steht zumindest in dem Pressetext, den die Plattenfirma rausgegeben hat.

Ja.

Da steht auch, du hast dann 15 Songs in wenigen Wochen geschrieben. Elf davon sind auf dem Album. Das bedeutet ja, du hast eine ziemlich gute Trefferquote.

Ach, naja, das hängt natürlich davon ab, was man von der Platte denkt. Ha. Aber stimmt schon, ich scheine ziemlich wenig zu verwerfen. Ich schreibe auch nicht genug, um mir das leisten zu können.

Hast du denn Neues geschrieben, seitdem du diesen Zyklus beendet hast? Oder wird erst mal wieder das Leben zuschlagen müssen?

Naja, also ich trage schon so einige Ideen mit mir rum, ich habe eine Handvoll halbfertiger Songs. Aber ich denke schon, dass es eines bestimmten Anlasses bedürfen wird, damit ich diese Songs auch abschließe. Sei es, weil die Plattenfirma ruft und ein neues Album will, weil genug Zeit vergangen ist oder weil das Leben wieder zuschlägt und mir einen Kreativschub quasi aufdrängt, als Katalysator von außen, der alle Rädchen ineinander verzahnt.

Kannst du dir zum Beispiel vorstellen, etwas Politisches zu schreiben? Ich denke, das ist wieder im Kommen, in diesen Zeiten, in denen autoritäre Bestrebungen in den Regierungen im Aufwind sind. Oder ist Politik etwas, das du bewusst vermeidest?

Das vermeide ich ganz bewusst. Ich reagiere ganz allergisch auf jede Art Kunst, die versucht, emotionale Erpressung auszuüben, um politische Ziele zu erreichen. Es gibt einen Punkt, wo die Politik endet und die Menschlichkeit beginnt, und nur über den zweiten Bereich will ich auch schreiben. Das andere ist: Wenn ein Song gut ist, dann ist er immer ein Spiegel. Kein Finger, der auf etwas zeigt. Nein, in einem Lied sollte man den Leuten nicht sagen, was sie zu tun haben. Man sollte ihnen, wenn, dann die verschiedenen Optionen aufzeigen und sie ihre eigene Entscheidung fällen lassen. Aber eine Meinung rein drücken, das ist mir zu aggressiv. Politisches Schreiben und Protestsongs, das kann ich den Leuten nicht abkaufen.

Vor dem Album hast du noch eine für sich stehende Single gemacht: „I’m A Vampire Again“

Genau, ja.

Ich habe mich gefragt: Warum ist der Song nicht auf dem Album? Und meine Theorie war, dass er nicht so gut gepasst hat. Weil du den Song erst nach den anderen traurigen Liebesliedern geschrieben hast und seine Aussage ist: „Ich bin wieder auf der Pirsch, aufgepasst, Ladies!“

Das ist tatsächlich die Intention, haha. Aber ich habe den Song sogar als ersten in diesem Zyklus geschrieben. Trotzdem hat er zu den anderen dann irgendwie nicht ganz dazu gepasst. Er war aber definitiv Teil dieses Heilungsvorgangs, in dem Sinne, als dass er meinen Emotionen Ausdruck verliehen hat und zeigt, dass ich aus der Sache am Ende gut raus gekommen bin. Abgesehen davon musste ich eine Single rausbringen, und das war der Song, der passte.

Du putzt dich in dem Song aber auch ganz schon runter. Du sagst ja quasi: Wer mit mir zusammen kommt, den lauge ich aus.

Ja, aber das ist natürlich witzig übertrieben gemeint. Da nehme ich eine ernstere Sache auf die leichte Schulter.

Auch ein Video, das aussieht, als habe der Dreh Spaß gemacht.

Auf jeden Fall, ja. Videos drehen macht mir Spaß.

So, meine halbe Stunde ist gleich vorbei. Zum Abschluss frage ich immer nach einer Anekdote – und im Pressetext zum Album wird etwas erwähnt, das klingt, als stecke da eine   lustige Geschichte dahinter. Der Produzent vom Album erzählte dir, dass es im Studio spukt?

Oh ja.

Da musst du uns natürlich von erzählen.

Okay. Ich gebe dir eine gekürzte Version einer langen Geschichte. Das ist während der Aufnahmen passiert, Das Studio, in dem wir aufnahmen, war in einem Haus, das in den Sixties von einem Mormonen gebaut wurde. Dieses Haus war riesig, wie ein kleines Schloss, inmitten der Wildnis von Nordkalifornien. Das Studio war im Keller, und neben dem Keller lag ein Fluchttunnel. Den hatte dieser Typ damals gebaut, falls der Weltuntergang kommt, oder sowas in der Art. Naja, die ganze Zeit hörten wir hinter der Wand sonderbare Geräusche. Am Anfang war es nur ein Kratzen, später wurden es irgendwelche Tiergeräusche. Nach einer Woche etwa war dann klar eine weinende Frau zu erkennen. Naja, das hat mich und unseren Gitarristen total verrückt gemacht. Wir dachten, wir drehen durch. Aber am Ende stellte sich raus, dass alle Bescheid wussten außer uns. Jemand hatte einen Lautsprecher in einer Echokammer platziert und Samples abgespielt, mit einer Fußtaste. Ich war mir schon ziemlich sicher, dass ich an Geister glauben würde – bis der Zauber aufgelöst wurde. Es war schon auch irgendwie schade, so auf den Boden zurück geholt zu werden. Auch wenn ich natürlich erleichtert war, dass da keine weinende Frau in der Mauer steckte. Aber die Magie war damit auch verfolgen.

Trotzdem eine irre Story. Hat die auch irgendwie zum Album beigetragen? Zu deiner Gesangsperformance?

Also, es gibt ein paar Takes, die es auch aufs Album geschafft haben, die habe ich mit einer Scheisspanik eingesungen. Der Vocal Booth war am ganz anderen Ende des Hauses, isoliert und nur von Kerzen beleuchtet. Ich war während so einigen Aufnahmen so richtig verängstigt.

Der Producer wollte also nur die besten Aufnahmen aus dir raus kitzeln.

Haha, tja, das muss ich wohl annehmen.

Alles klar, vielen Dank für deine Zeit! Ich freue mich auf deine Show in München, wir liegen diesmal nämlich auf deinem Tourplan!

Ah, klasse.

Dann wünsche ich dir viel Spaß beim Schwimmen heute abend!

Vielen Dank! Auch dir viel Spaß, was immer dein Tag bringen wird!

Ach, das wird nur ein normaler Tag im Büro.

Na, dann hab viel Spaß dabei.

Vielen Dank! Cheers, bye!

Take care, bye!

 

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