Review: Ride

Ride – „Tomorrow’s Shore“ EP

Ride.
Play.
Fall.
Today Forever.
Twisterella.

Das, was Ride in ihren Anfangsjahren prägte, waren nicht nur ihre zwei Longplayer „Nowhere“ und „Going Blank Again“. Wer richtig Fan war, der sammelte auch ihre EPs. In ihren ersten Jahren kam das Quartett aus Oxford alle paar Monate mit vier Songs um die Ecke, deren Qualität sich hinter den Albumtracks nicht verstecken musste. Im Gegenteil – einige ihrer besten Songs überhaupt platzierten Ride hier. Für uns Anhänger war das wichtig. Ich weiss z.B. noch, als ich Tobi aus Würzburg kennenlernte, da fanden wir den Draht zueinander, indem wir uns Sachen sagten wie „Und DRIVE BLIND!!!“ „Und HOWARD HUGHES!!“. „SENNEN!“. „Ohh, ja, Sennen! Aber UNFAMILIAR ja auch!“ „Total! FURTHEST SENSE!!!“ „Wahnsinn!“

Also, was ich sagen will: Für jemanden, der die Ride-Reunion bejubelte, hat dies einen nostalgischen Wert: Mark, Andy, Loz und Steve nehmen auch die Tradition der 4-Track-EP wieder auf.

Ich habe letztes Jahr hier keine ausführliche Rezension von „Weather Diaries“ auf den Blog gestellt. (Deshalb, weil ich Mark Gardner im Interview hatte. Wenn ich eh einen so ausführlichen Text über jemand auf dem Blog habe, spare ich mir die zusätzliche Albumrezi.) Aber ich war wirklich happy mit der Scheibe. Perfekt war das Album bestimmt nicht, oh nein. Es gab zwei, drei schwächere Titel, die vor Rides Trennung bestenfalls auf „Tarantula“ unter gekommen wären. Aber es gab dafür auch fünf, sechs herrliche, umwerfende Songs, in denen Ride tatsächlich in die Sphären ihres Frühwerks aufstiegen. Das hatte ich nicht zu hoffen gewagt.

Nicht alle Tracks, die Ride bei den „Weather Diaries“-Sessions mit Erol Alkan angefangen hatten, landeten auch auf dem Album. „Catch You Dreaming“ zum Beispiel. „Wir haben einfach nicht die endgültige Version für diesen Song gefunden und entschieden, uns später noch mal damit zu befassen“ hat Andy Bell im Vorfeld der EP-VÖ erzählt. So ist es passiert. Ride verlautbaren: „Wir haben an der EP auf die identische Weise gearbeitet wie beim Album und wir sehen die beiden Veröffentlichungen eng miteinander verbunden.“ Wir schließen daraus: Man war wieder mit Erol Alkan im Studio, man hat wieder streng demokratisch gearbeitet, weder Mark Gardner noch Andy Bell haben sich in den Vordergrund gedrängt. Entsprechend werden in den Autorencredits der Songs auch alle vier Mitglieder genannt.

So, die Songs: „Pulsar“ ist prima. Der Song wurde schon im November voraus geschickt, daher wissen wir: Es ist eine der inzwischen typischen Ride-Nummern, die in die Kerbe der letzten zwei Songs auf „Going Blank Again“ schlägt: Wie „Time Machine“ und „OX4“ ist „Pulsar“ fast näher an New Order-Synthpop als an Shoegazing und folgt einer 4-Akkorde-Schleife, die im Verlauf des Songs durch ihre Repititon nicht etwa langweilt, sondern sich vertieft, changiert, aufblüht. Vergleiche auch: „Cali“ von „Weather Diaries“. Prima. Toll.

Es folgt „Keep It Surreal“. Hier geht’s von der Melodie her in Richtung Sixties. Diese Art, klassische Gitarren-Songs zu schreiben, hat Andy Bell bei Oasis und Beady Eye ausgelebt. Nach diesen Bands aber klingt’s nicht, dafür sorgt Steve Queralts Bassline, die mehr in eine Cure-wenn-sie-poppig-sind-Kerbe (so a la „In Between Days“) schlägt.

„Cold Water People“ ist der Durchhänger auf „Tomorrow’s Shore“ – wobei dieser erste Eindruck täuschen mag, denn auch früher schon haben sich Ride-Songs, die man wegen ihres schleppenden Rhythmus erst mal übersah, langfristig als Favoriten entpuppt. Anyway, der Song fließt im niedrigeren Midtempo vor sich hin. Gegniedelte Mac diMarco-Gitarren und flötige Mellotron-Sounds geben dem Ganzen eine unerwartete Verwandtschaft zum jüngsten MGMT-Album.

Zuletzt: „Catch You Dreaming“. Auch dieser Song wurde bereits als Single vorab veröffentlicht. Ich muss gestehen, da überzeugte er mich nicht. „Brauchen wir Chillwave-Ride?“ war die Frage, die ich mir stellte. Im EP-Zusammenhang entfaltet der Song allerdings eine ganz neue Wirkung. Ich bin echt erstaunt. Das ist doch komplett das gleiche Lied? Neulich noch fand ich’s eher zäh. Auf einmal erlebe ich sein Klangbett aus rauschenden und spacig gleitenden Synthies als wunderbar berückend und trippig.

Und schon sind wir durch. Also ich bin happy. Ride legen hier vier Songs vor, auf denen sie sehr wohl Fäden ihres alten Schaffens aufgreifen, aber, mehr noch als auf „Weather Diaries“, etwas für sie durchaus Neues draus stricken. Auch und gerade, weil sie auch aktuell gefragte Stoffe einfädeln. „Tomorrow’s Shore“ ist damit eine sehr gelungene Ergänzung zum Comebackalbum. Besser noch: Diese Songs so kurz nach dem Album dürfen uns optimistisch machen, dass Ride noch die eine oder andere weitere starke Post-Reunion-Platte noch in sich tragen.

 

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