Review: Franz Ferdinand

Franz Ferdinand – „Always Ascending“

Okay, komplett irre Geschichte: Ein Musiker einer erfolgreichen Band lernt eine Künstlerin kennen. Er verfällt ihr, quasi. Fängt an, ihre experimentelle Kunst irgendwie in die Band mit einzubringen und startet mit ihr eigene sonderliche Art-Projekte. Am Ende steht seine Trennung von der Band. Man stelle sich das mal vor! Ist das, was Franz Ferdinand und ihrem Gitarristen Nick McCarthy passiert ist, etwa schon jemals in der Musikhistorie vorgefallen?

Höhö. Also, das war natürlich ein Witz jetzt. Den ich einfach nicht auslassen konnte. Es ist aber ja auch viel lustiger, sich das so vorzustellen, anstatt einfach den üblichen Verlautbarungen Glauben zu schenken, oder? Der offiziellen (und, zugegeben, glaubwürdigen) Version nach herrscht weiter dicke Freundschaft und Nick verließ die Band schlicht und ergreifend, weil er Papa geworden war und deshalb nicht mehr auf Tour gehen wollte. Seine Frau, die Künstlerin Manuela Gernedel, tauchte offenbar auch nicht mal eben plötzlich auf, sondern ist, wie man hört, schon seit Studienzeiten Nicks Partnerin. (Nun gut, sowas ist letztlich persönlicher Tratsch, den man vermutlich auch googlen könnte. Aber auf diesen Level will man ja nicht sinken.)

Fakt bleibt, Nick McCarthy ist eben nicht mehr dabei. Und Nick war natürlich ein substantieller Teil der bisherigen Franz Ferdinand. Nicht nur für deutsche Fans, für die es sich immer ein bisschen so anfühlte, als sei „einer von uns“ Mitglied dieser Band. Nick ist bekanntlich zwar Schotte, aber im Landkreis Rosenheim aufgewachsen und in München auf die Musikhochschule gegangen. Was Franz Ferdinand immer, auch und gerade für englischsprachige Ohren, einen teutonischen Touch gab. Der Bandname alleine, Songtitel wie „Auf Achse“, deutsche Fetzen in den Lyrics. Auch andere UK-Bands wandten sich an Nick, wenn sie ihren Songs etwas Deutsches geben wollten.  

Wenn Bands ein Mitglied verlieren, betrachten die Fans dessen Nachfolger oft argwöhnisch. Es gibt eine neue Taktik, dem aus dem Weg zu gehen: Gleich zwei Neue. Als die Editors und Gitarrist Chris Urbanowicz getrennte Wege gingen, ersetzten sie ihn mit sowohl einem neuen Gitarristen als auch einem Keyboarder. Auch The Vaccines kompensierten jüngst den Ausstieg von Drummer Peter Robinson, indem sie gleich zwei neue Mitglieder aufnahmen. Auch Franz Ferdinand sind neuerdings ein Quintett. Neu an der Gitarre: Dino Bardot, früher bei The 1990s. An den Keyboards: Julian Corrie, auch bekannt als Elektronik-Solist Miaoux Miaoux. Ein Ergebnis dieser Umstellung ist, dass die Band gleich mal viel jünger aussieht.

Soweit die Personalsituation.

Jetzt folgendes: Wenn Franz Ferdinand sich in ihrer Diskographie über eine Phrase totlachen dürfen, so ist es „Return To Form“. Es ist schon ein regelrechter Running Gag.

Rückblende: Als die Schotten 2004 ihr Debüt veröffentlichten, da waren sie eine Saison lang die unbestritten heißeste neue Band des Planeten. „Darts Of Pleasure“, „Take Me Out“, „Matinee“, „Michael“ und „This Fire“ hört man heute noch in den Indie-Diskos. Ein Klassiker.

Als ganze 18 Monate später schon „You Could Have It So Much Better“ erschien, führte „Do You Want To“ ihre Hitstrecke gleich mal eindrucksvoll fort.

Trotzdem, als vier Jahre später „Tonight:“ kam, hieß es zum ersten Mal, dies sei eine „Return To Form“. Als hätte man im Nachhinein festgestellt, dass „You Could Have It So Much Better“ so toll doch nicht war. So oder so, auch „Tonight:“ hatte wieder Hits: „Ulysses“ und „No You Girls“. Man erkannte: Das sind immer noch unsere Franzen, aber sie spielen mit ihrer Formel, es bleibt spannend.

2013: „Right Thoughts, Right Words, Right Action“ erscheint und wird allgemein als „Return To Form“ gelobt. Im Nachhinein war „Tonight:“ dann nämlich doch zu verkopft, zu bemüht, das sagt Alex Kapranos in Interviews sogar selbst. Die Band setzt jetzt wieder mehr auf „Action“, das hört man in den Hits „Right Action“ und „Love Illumination“.

2015:  „FFS“, das gemeinsame Projekt mit den Sparks. Ziemlich arty, das Ganze. Für zahlreiche Kritiker eine, richtig geraten, „Return To Form“.

2018: „Always Ascending“ erscheint, mit zwei neuen Mitgliedern und Shift in Richtung French Disko. Eh klar, dass man auch jetzt wieder lesen kann, es sei ihre „Return To Form“ .

Was sagt uns das? Dass alle neuen Alben der Franzies nach dem Debüt immer erst mal positiven Eindruck machen. Denn Alex Kapranos hat ein Händchen für Hooklines, Hits gibt’s immer. Wenn man nach längerer Pause eine neue FF-Single hört, weckt sie sofort die Erinnerung, wie viel Spaß ihr Debüt damals machte, wie es einen aufkratzte.

Gleichzeitig verrät’s uns auch, dass die späteren Alben im Nachhinein halt doch nicht die Hitdichte und die „Staying Power“ vom Erstling entwickelten. Ist das schlimm?

Ich finde nicht. Es liegt doch in der Natur der Sache. Es gibt immer nur ein erstes Mal. Ein Witz mit toller Pointe wird uns ja auch nicht so zum Lachen bringen, wenn wir ihn zum zweiten Mal hören. Insofern KANN gar kein neues FF-Album die gleiche Wirkung haben wie ihre erste, egal wie sie sich strecken. Zu doll sollen sie sich auch gar nicht strecken, dann wird’s unnatürlich. So lange sich was tut und ein paar knackige Hits auf jedem Album zu finden sind, gibt es keinen Grund, sich zu beschweren.

Im Großen und Ganzen machen Franz Ferdinand das richtig und  respektabel. Ich habe auf diesem Blog schon wiederholt gesagt, dass Bands auf neuen Alben immer eine Gratwanderung hinkriegen müssen: Wir wollen einerseits, dass sie sich weiterentwickeln, aber auch, dass sie erkennbar den eigenen Bandcharakter behalten. So gesehen darf man Franz Ferdinand ein gutes Zeugnis ausstellen. Denn auf jeder Platte variieren sie ihr Ding, aber sie brechen nicht damit und widersprechen sich nicht. Das ergibt ein logisches und konsequentes Gesamtwerk, in dessen Rahmen immer angemessene Abwechslung herrscht.

Auch „Always Ascending“ sprengt diesen Rahmen nicht. Ja, darüber, dass Philippe Zdar (u.a. Cassius, Phoenix, The Rapture, Cut Copy) hier die Producer-Rolle übernommen hat, wurde viel geschrieben. Zdar sorgt in der Tat für ein Klangbett, welches das fünfte der FF-Alben von allen anderen hörbar unterscheidet. Es gibt Synthieflächen, Pianoläufe, Discobässe. Alles ist sehr shiny, glitzy und schnittig. Cleaner als je zuvor. Das Feeling der Platte aber bleibt trotzdem ganz typisch: Franz Ferdinand.

Denn Franz Ferdinand, das ist immer erstens Alex’ Kapranos hochgezogene Augenbraue und zweitens stampfende Rhythmen, die insistierend einen Refrain in die Hirnrinde einhämmern. Es ist ne prima Kombi. Sie funktioniert. Okay, es ist Franz Ferdinands Formel. Ich meine, hört euch „Lazy Boy“ an und sagt mir, dass der Song nicht auch stellenweise 1:1 in „Do You Want To“ übergehen könnte.

Übrigens: Auch wenn Nick McCarthy nicht mehr an der Gitarre steht, soo anders macht’s Dino Bardot nicht. Dass er all die alten FF-Hits einüben musste, hat möglicherweise abgefärbt? Jedenfalls: Das, was für McCarthys Spiel charakteristisch war, darauf greift auch Bardot zurück: Erstens Zackige, nagende Intro-Melodien in Schleifenform, die im Kopf bleiben, zweitens… was ist das Wort dafür, wenn man mehrere Saiten anschlägt, aber nicht ausschwingen lässt, sondern so als funky Disco-Staccatos stop-startet? Da gibt’s doch bestimmt einen Ausdruck für, den Gitarristen verwenden. Jedenfalls, Nick McCarthy setzte das gerne ein. Dino Bardot tut’s auch. Es passt ja auch in Franz Ferdinands Rhythmus-Indie.

Ah je. Schon wieder fast 7.000 Zeichen geschrieben. Das ist zu viel. Ich lasse mich jetzt nicht mehr über einzelne Songs aus, sondern zwinge mich zum Fazit.

Das lautet: Hey, Franz Ferdinand, you’re alright. Die neue Synth-Ausrichtung auf eurer fünften Platte fühlte sich im Studio vielleicht radikaler an, als sie letztendlich beim Hörer ankommt. Aber das ist in Ordnung so. Wichtig ist: Ihr schreibt immer Songs, zu denen der Körper zucken will und deren Lyrics Schläue an den Tag legen. Auch wenn ihr ein gewisses Grundrezept verwendet, versucht ihr doch wenigstens immer, dieses zu variieren. Die aktuelle Spielart, die euch klanglich näher an Phoenix führt und weiter weg von Bloc Party, steht euch dabei zweifellos gut.
„Always Ascending“ ist keine Revolution, aber für eure durchaus stolze Diskographie ist es eine wirklich gelungene Addition. Ein neuer Flavour. Dass ihr fast 15 Jahre nach „Darts Of Pleasure“ die Leute immer noch interessiert, sagt doch auch eine Menge.

Wenn in drei, vier Jahren euer sechstes Album kommt, wird man das trotzdem wieder als „Return to Form“ bezeichnen und am Debüt messen, nicht an „Always Ascending“. Aber auch das verkleinert nicht die Neue, sondern bezeugt letztlich nur den Einschlag, den die erste Platte hinterlassen hat – und auch das ist etwas, worauf ihr euch durchaus was einbilden dürft. Also: Franz on!

 

 

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