Review: Phobophobes

Phobophobes – „Miniature World“

„We have nothing to fear but fear itself“ sagte Franklin D. Roosevelt.

Der Bandname Phobophobes klingt aufs erste Hören wie ein Wortspiel. Er hat aber durchaus eine düstere Bedeutung, denn Phobophobie gibt’s wirklich. Befallen sind Menschen, die schon derart traumatische Angstzustände erlitten haben, dass alleine die Vorstellung vor einem weiteren der Auslöser sein kann, um sie in einen neuen zu versetzen.

Erst mal Schmunzeln und sich dann der Stockdüsternis gewahr werden – ein Name, der sehr passend ist die Stimmungen, die dieses Sextett aus Südlondon erzeugt. Denn was die Phobophobes machen, das ist ein Sound, der mit einem Bein im Varieté steht und mit dem anderen im Gothic. Sagen wir’s so: Es ist die Musik, die solche Figuren wie Papa Lazarou (von The League of Gentleman) oder the Hitcher (von The Mighty Boosh) machen könnten. Was, zugegeben, vielleicht hierzulande recht obskure Referenzen sind.

Versuchen wir also, das auf die übliche Weise zu beschreiben.
Beginnen wir bei Sänger Jamie Taylor. Der intoniert alles mit einer Stimme, die so tief und theatralisch kommt, als sei er aus den Genen von Nick Cave, Ian McCulloch und Jim Morrison geklont.  Tastenspieler Chris OC würgt aus seinen diversen Orgeln dazu Sixties-Schauermelodien, die direkt aus den Soundtracks von Vincent-Price-Filmen stammen könnten. Auch der Gitarrist macht seine Sache bemerkenswert, ergänzt das alles mit Garagenriffs und gleißendem Feedback, je nachdem, was gerade besser passt.
(Warum ich seinen Namen nicht nenne? Ich habe bisher nur ergooglen können, dass Gründungs-Gitarrist George Russell leider 2016 starb. Offenbar ist nun ein neuer Mann an Bord.)

„Klingt ja ganz schräg, okay,“ könnte man jetzt einwenden, „aber trägt sich diese Idee auch ein ganzes Album lang? Wird das nicht irgendwann eindimensional?“ Da kann ich beruhigen. Phobophobes haben in Sachen Tempo und Dynamik sehr wohl einige Varianten zu bieten. Auf dem Album gibt’s muntere Stampfer, die auch in der Madness-Diskographie nicht komplett fehl am Platze wären („No Fun“), trägen Sumpf-Western („Free The Naked Rambler“), grummelnden Rock („Child Star“), Zirkusdisko („Chucetta“), The Coral als ihre eigenen Zombies („The Never Never“), Seemannswalzer („Give Me Flowers, Give Me Dirt“)… reicht das? Mehr als genug!

Klar übrigens, dass auch die Texte der Phobophobes Texte diesen morbiden Witz haben. Ich meine, wer nennt zum Beispiel ein Lied „Human Baby“ und singt dann im Refrain „Put it in the bin, let the children fish it out“? Böse!

Oha. Damit bin ich schon fast fertig. Was ist da los? Manchmal schreibe ich über ein neues Lieblingsalbum hier mehrere Seiten, heute aber fällt mir nicht mehr ein, womit ich die Platte noch genauer auf den Punkt bringen sollte. Was aber nicht gegen das Album spricht, sondern mehr für meine Müdigkeit. Oder dafür, dass gar nicht mehr gesagt werden muss, sondern ihr euch das Ganze selber einfach mal aufs Ohr packen solltet.
Wenn ihr das tut, achtet auf die Texte und ihr werdet einen teuflischen Spaß haben! In fast jeder Zeile entdeckt ihr dann dunkle Sonderlings-Poesie. Stichproben? „I was a bird that preferred to walk, I was a monkey that learned to talk“ (aus „Mama Power“) fand ich gerade ganz witzig. Aus „Where Is My Owner“ stammt der doppelbödige Wunsch „I want to feel like I’m pretending“. Haha! Denkt da mal drüber nach! Auch aus „Free The Naked Rambler“ kann man mal eben Zeilen aus dem Zusammenhang reißen und sie bleiben bemerkenswert: „It’s gonna be a shitshow / will you marry me in a borrowed suit / with a borrowed attitude?“ Wer schreibt sowas?

Echt jetzt. Dies ist mal eine gallige, spitzbübische und gerne auch hundsgemeine Band. Ihr kriegt meinen Applaus, Phobophobes! So ein Album wie „Miniature World“ als Debüt abzuliefern, das ist eine saubere Ansage.

(Bandfoto von Phobophobes facebook, Phobograph: Steve Gullick)

 

p.s. Ich kann ja vielleicht noch ein paar mehr Bandnamen nennen? Also: Wenn ihr die Phobophobes jetzt gut findet, werdet ihr wohl auch an Graveyard Train, The Band of Holy Joy, The Cramps oder Rituals Gefallen finden. Bzw umgekehrt.

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