We Need To Talk About Steven. Pt.1

Seit Freitag ist das neue Morrissey-Album draußen. Trotzdem habe ich hier noch nichts darüber geschrieben. Der Grund liegt auf der Hand: Moz hat in seinem Leben schon eine Menge Bullshit von sich gegeben, aber das Spiegel online – Interview, über das die Welt spricht, das ist schon noch mal ein neuer Level. Das muss sich erst mal setzen.

Man liest den Scheiss, den er verzapft und sitzt nur konsterniert kopfschüttelnd da. Das ist doch nicht der Typ, dessen Werk man immer so begeistert allen Leuten ans Herz legte?!
Okay, damals bei The Smiths, da war er halt viel jünger, geistig frischer. Ist es das? Aber der Idiot aus dem Interview ist ja nicht mal der Typ von „All The Young People Must Fall In Love“, dieser witzig-trotzigen Hymne von „Low In High School“, die so viel abdeckt, was man an Morrissey arg super fand!

Was ich an mir feststellen musste bei all der Enttäuschung: Ich bin noch nicht bereit, meine Smiths-Platten einzuschmelzen und meine Morrissey-CDs zu zerbrechen. Das kann ich nicht. Da hängen zu viele gute Erinnerungen dran. Mann, Morrissey!

The Smiths haben mein Leben verändert. Hundertpro. Ich säße jetzt nicht an diesem Tisch in München an meinem Laptop. Mein Leben als Musikjourno, als Indie-DJ, das gäbe es so nicht. Wollen wir dahingestellt sein lassen, ob das wirklich was Gutes ist – aber alles, wirklich alles! Wer meine Freunde sind, was meine Ziele sind, wogegen ich mich abgrenze, wofür ich mich interessiere… sogar die Frisuren und die Koteletten, die ich in meinem Leben trug – wirklich alles kann ich auf die prägenden Minuten zurück führen, als „The World Won’t Listen“ auf meinem Sonthofer Schallplattenteller lag, ich die Nadel drauf legte und das, was dann kam, alles, alles andere, das ich kannte, so mit links an die WAND klatschte, alles, was ich überhaupt je gehört und gelesen hatte.

The Smiths trennten sich nur wenige Wochen, nachdem ich sie als Spätkommer für mich entdeckt und alle Platten nachgeholt hatte. Morrissey begann sehr schnell mit seinen Soloalben und gab mir viel Stoff, in den ich mich reinsteigern konnte. Aber klar, mit den Jahren vergrößerten sich die Zweifel. Und die Entschuldigungen, mit denen ich Idiotie von seiner Seite erduldete. Und die Scheuklappen, die ich wohl aufsetzte.

Aber immer noch: Fucken hell, ich kann Moz nicht aufgeben.

Es muss einen Weg geben, mündiger Morrissey-Hörer zu bleiben. Ihm wütend zu widersprechen, wenn er Bullshit redet. Aber trotzdem zu sagen: „Dieses Lied hier finde ich toll, da hat er Recht!“ – und dann wieder: „Aber hier bin ich absolut anderer Meinung!“
Auf gar keinen Fall kann gehen, hörig alles abzunicken, was er heute von sich gibt, weil er in den 80ern ein Genie war. Aber ebendiese 80er-Platten nicht mehr zu lieben, sie zu verwerfen, nicht mehr hören zu dürfen, mich von ihnen distanzieren zu müssen, sie verschämt aus der Sammlung zu verbannen – das ist keine Vorstellung, mit der ich mich anfreunden will. Noch nicht.

Mein Plan ist jetzt: Erstens, in den kommenden Tagen auf einige von Morrisseys Zitaten aus dem Interview zu antworten. Ihm meine Meinung zu sagen, als würde sie ihn interessieren. Zweitens, die einzelnen Songs auch noch mal anzugehen. Das wird sich sicher immer mal wieder überschneiden.

Vielleicht bin ich zu gnädig. Möglich, dass Moz sich längst disqualifiziert hat. Aber ich kann ihn einfach nicht so kategorisch aus meinem Leben werfen. Ich muss mich zumindest noch mal damit auseinander setzen.

Manche Leute sagen, man muss den Künstler und sein Werk voneinander trennen können. Sonst könnte ja niemand Wagner hören. Bei Klassik mag das gelten, da geht’s um die Töne. Seine Meinungen aber hat Wagner nicht wirklich vertont, oder? Hatte sein Werk politische oder gesellschaftspolitische Untertöne? Ihr merkt schon, da bin ich nicht im Thema…

Bei Indie geht’s viel mehr auch um die Weltanschauung, den Humor, die Opposition, als nur um die Musik. Oder? Morrissey und seine Lieder kann man also nicht getrennt voneinander betrachten, finde ich. So wie man Picasso (der ja ein misogynistisches Arschloch gewesen sein soll) als Typen nicht mögen muss, um seine Bilder trotzdem schätzen zu können.

Also gut, das nehme ich mir für die nächste Zeit vor: Diesen Faden in unregelmäßigen Abständen aufzugreifen. Aber stellt danach nicht eure Uhr, denn das kann sich hinziehen.
Menschenskind, Moz. So ein Dreck.

p.s. Gerne Mitdiskutieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s