Review: Shed Seven

Shed Seven – „Instant Pleasures“

Tatsächlich! Ein neues Album von Shed Seven! Eine Band, die mehr Lieblingslieder der 90er auf dem Kerbholz hat, als man denkt.

Nun gab es bekanntlich in den letzten Jahren zahlreiche Wiedervereinigungen, die sehr ermutigend abliefen. Es gab Comeback-Platten, die völlig okay (Pixies, OMD, JAMC) und sogar richtig gut waren (Suede, Ride, Swervedriver). Sogar ein paar begeisternde Highlights gab’s: Die Post-Reunion-Alben von Slowdive und Blur gehören zum Besten ihrer Diskographie.

Der Unterschied bei Shed Seven ist der, dass nach einem neuen Album keiner gefragt zu haben scheint. Pixies, Ride, Suede, Slowdive – alles Kritikerlieblinge. Shed Seven? Schon kichern so einige Medien, nach dem Motto: „Wie, was wollen DIE denn wieder?“

Ich glaube, es ist mal wieder eine Geschichtsstunde angebracht.

Also, tief Luft holen.

Der Stern von Shed Seven ging Mitte 1994 auf, als Britpop gerade so richtig in die Gänge kam. Die ersten Singles des Quartetts waren bombig: Ich war sofort begeistert von ihrem Debüt „Mark“. Die Nummer hatte eine Smiths-eske Gitarre und einen Refrain, der sexy und hinterfotzig gleichzeitig war: „Lover! I wanna swap you for another, and another!“ Die zweite Single „Dolphin“ legte nach und etablierte ihren drahtig-dürren Sänger Rick Witter als frechen Charmebolzen. Die Mädchen aus meinem Umfeld waren sich einig: Der Typ ist hot!

Die UK-Medien fanden das sonderbarerweise weniger. Sie konnten sich von Anfang an nicht mit den Nordbriten anfreunden. Eher zähneknirschend nahmen NME und der damals noch existierende Melody Maker wahr, dass Shed Sevens Debütalbum „Change Giver“ sich zum Hit entwickelte und dass mit„Speakeasy“ und „Ocean Pie“ zwei weitere Songs die Singlecharts hoch kletterten.

Es mag an der Herkunft gelegen haben: York liegt ja nicht wirklich abgelegen, aber es ist halt kein Zentrum wie Manchester oder London. Wenn eine Band aus den etablierten Szenen nach oben kommt, dann kennen Journalisten und Musiker sich oft schon. Man ist sich beim Weggehen über den Weg gelaufen, schuldet dem Bandmanager noch einen Gefallen, solche Dinge. Londons Menswear waren zum Beispiel Saufkumpanen der NME-Autoren, noch bevor sie sich gegründet hatten. KLAR kriegten die Star-Dandies des Szeneclubs Schlagzeilen, als sie ihren Medienkumpels sagten „Wir haben jetzt auch ne Band.“ In solchen Fällen kann man sich als Schreiber selbst auf die Schulter klopfen und einreden, man hätte die Band mit entdeckt.

Shed Seven hatten diese Seilschaften nicht. Okay, immerhin hatte eine Plattenfirma in London mitgekriegt, dass da oben im Norden eine Band lokal abräumte, deren Sound praktischerweise in die Britpop-Schublade passte. In Londons Clique der Szenebands aber wurden Shed Seven nie aufgenommen. Für die Autoren waren die Provinzboys zu hemdsärmelig: Nicht so stylish wie Pulp, so clever wie Blur, so szenig wie Elastica, aber auch wiederum nicht so cartoon-prollig wie Oasis. Der NME und der Melody Maker konnten Shed Seven nicht ab, das war nicht nur zwischen den Zeilen leicht heraus zu lesen – teilweise gab es offene Anfeindungen.

Shed Seven antworteten auf ihre Weise: Indem sie einfach weiter ihren Stiefel machten und immer größere Hits landeten. „Going For Gold“ und „Chasing Rainbows“ vom zweiten Album „A Maximum High“ (1996) gingen in die UK-Top Ten. Die Jungs aus York entwickelten sich zu einer dieser „Bands des Volkes“. Will heißen: „Normale“ Leute, die keinen NME lasen, schlossen sie ins Herz, vor allem in Nordengland. Diese Fans sorgten für ausverkaufte Tourneen noch und nöcher, da konnten die „Tastemaker“ im Süden noch so viel Galle spucken und immer abfälliger werden.

Auch als es mit dem Britpop an sich abwärts ging, blieben Shed Sevens Zahlen respektabel. Klar, das dritte Album „Let It Ride“ verkaufte nicht mehr so viel wie sein Vorgänger, aber so ging es 1998 allen Gitarrenbands. Noch mal fast die UK-Single-TopTen zu knacken, das schafften die wenigsten. Shed Seven schon: „She Left Me On Friday“ (1998, #11) und „Disco Down“ (1999, #13) muckten noch mal gehörig auf und wurden auch, das wollen wir hier im Post-Atomic-Blog nicht unerwähnt lassen, nebenbei auch langjährige Smart Club und Britwoch-Klassiker.

Aber klar, irgendwann war die Luft raus. Zwar hatte das 2001er-Album „Truth Be Told“ noch ein paar richtig gute Songs, aber jetzt wurden Shed Seven nicht mal mehr verrissen, sondern nur noch ignoriert. Sie hatten weiter ein treues Live-Publikum, aber 2003 gab’s die Trennung.

Die war nicht von langer Dauer, denn auf der Insel sind Shed Seven nun mal ein Garant für volle Shows. Schon 2007 gab’s eine ausverkaufte Reunion-Tour. Seitdem spielen sie wieder regelmäßig, auch auf den Hauptbühnen der großen Sommerfestivals. Die Begeisterung ihrer Fans auf der Insel ist ungebrochen: Wenn es im Dezember wieder on the road geht, werden Shed Seven die größten Hallen ihrer Karriere spielen. Tja, und jetzt sind sie also wieder ins Studio gegangen. 16 Jahre nach „Truth be Told“ ein neues Album.

Drei Geschichten zu Shed Seven, die ich erzählen will.

Erstens: Klar, „Schuppen Sieben“ ist ein blöder Bandname. Die Story dahinter finde ich aber doch ganz drollig. Demnach fuhren Rick Witter und Gitarrist Paul Banks mal mit dem Zug in den Bahnhof von York ein und sie bemerkten neben den Gleisen eine Reihe nummerierter Hütten: Shed 1, Shed 2, und so weiter. Allerdings: Shed 7 fehlte! Was war da los?! Zerstört? Nie gebaut? Falsch nummeriert? Jedenfalls: Wenn man weiss, der Bandname bezieht sich auf ein nicht existentes, geradezu mysteriös absentes Gebäude – dann ist er gleich nicht mehr so blöd, oder?

Zweitens: Als Teenager lief Rick Witter immer mit einem Staubsauger durch York. Das war sein Ding. Denn, so Rick, Leute suchen sich ein Markenzeichen – Frisuren, bestimmte Outfits, usw. Man will wiedererkannt werden, Reaktionen ernten. Rick entschied: „Ich bin der Typ mit dem Staubsauger!“ Ich weiss ja nicht, wie’s euch geht, aber ich finde das so beknackt, dass es genial ist. Es kontert diesen Gedanken, Eindruck machen zu wollen, augenzwinkernd aus. Es bringt was Surreales in jedes Treffen. Man muss schon eine spezielle Denke haben, um auf eine solche Idee zu kommen. Wie kann man einen Typen, der als Teenie überall einen Staubsauger mit sich schleppte, nur um Leute zu verwirren, nicht schon mal grundsätzlich lässig finden?

Drittens: Was persönliches. Am 1.6. 1996 spielten Shed Seven im alten Backstage an der Donnersberger Brücke. Das Münchner Studentenradio M 94,5 war frisch gegründet worden und ich durfte mitmachen. Rick Witter war mein aller-allererstes Interview. Mann, war ich aufgeregt! Tja, und hier sind wir. Musikjournalismus (Hüstel!) ist zu meinem (Hüstel!) Beruf geworden (lasst euch durch diesen Blog nicht täuschen – in meinem Dayjob kriege ich echt Geld dafür und ich lebe (Hüstel!) ernsthaft davon). Und Shed Seven machen immer noch Musik.

So viel Vorgeschichte! Wie klingt sie denn nun, die Platte?

Zuerst mal: Shed Seven backen hier keine kleinen Brötchen. Sie sind – das darf man einfach nicht vergessen – auf der Insel eine richtig große Nummer. Mit einem mistigen Album könnten sie einiges verspielen. Also haben sie sich auch einen teuren Produzenten geleistet: Martin Glover, besser bekannt als Youth. Der arbeitete schon mit U2 oder Paul McCartney, hat aber auch den Britpop-Sound mit geprägt als Mann hinter den Reglern von Bands wie The Verve, James, Embrace oder The Charlatans.

Daran schon sehen wir: Hier wird die gute alte Britpop-Keule geschwungen – und es entschuldigt sich niemand dafür.  Wie bescheuert wäre es auch, wenn Shed Seven sich davon abwenden würden? Wenn sie uns jetzt beweisen wollten: „Doch, wir können auch Minimal Electronica!“?
Wir kriegen also: So richtig satte Gitarren. Arrangements, die in die Vollen gehen. Drums, die man im Weltall hören kann. Streicher, Bläser, Gospelchöre. Bombastomat!

Es war bei Shed Seven immer so: Vollkommen Unrecht hatten ihre Hater auch nicht. Die Jungs hatten schon so manche Klischee-Britrock-Songs im Set. Aber sie hatten auch auf jedem Album drei, vier absolute Höhepunkte, die den Durchschnitt wettmachten.

So ist es auch auf „Instant Pleasures“. Ich bin zum Beispiel kein Fan von der ersten Single „Room In My House“. Das sind einfach die typischen Power-Akkorde und der „Who-hoahhoah-Yeah Yeah Yeah“-Chor kommt mir viel zu unsubtil rein. Die Nummer zieht alle Register, um zu knallen, aber mir fehlt etwas, das den Song besonders macht.

Dafür finde ich aber andere Favoriten auf der Platte. „Nothing To Live Down“ zum Beispiel hat genau eine dieser Melodien, für die ich Shed Seven früher liebte und kommt auf einer Bringer-Bassline eingerollt. Auch die schmissige 60s-Pop-Nummer „Victoria“, der knallige Stampfer „Star Crossed Lover“ oder den Hochglanz-Closer „Invincible“ machen mir wirklich richtig Spaß.

Wie fett alles klingt und dicht und knallig all die Songs aufbereitet sind, das habe ich schon gesagt. Aber es wird dermaßen dick aufgetragen, dass es nicht reicht, das nur einmal zu erwähnen. Ich muss es sogar ein drittes Mal sagen, damit das nur annähernd angemessen rüber kommt: Boah, ist das satt produziert!

Das Musterbeispiel hierfür heisst „It’s Not Easy“. Auf der zweiten Single von „Instant Pleasures“ wird nur der breiteste Pinsel akzeptiert. Zur Erinnerung: Die zwei größten Shed Seven-Klassiker hießen, das erwähnte ich oben, „Chasing Rainbows“ und „Going For Gold“. Beides waren Balladen, regelrechte Powerballaden sogar. „It’s Not Easy“ – ein Walzer – ist nun die Killer-Schunkel-Ballade to end all Killer-Schunkel-Balladen. Es beginnt mit einem echten Bringer-Riff von Gitarrist Paul Banks, ab da fährt Producer Youth mit Pauken, Trompeten und Gospelmamas alles auf, was das Budget hergibt.

Man könnte sagen: Dieser Song gibt den Fans fast schon zynisch genau das, was sie wollen. Nur: Shed Seven waren nie zynisch. Sehen wir diesen Song also vielleicht nicht als Anbiederung an die Fans. Sondern als Gefallen, ja vielleicht sogar als Liebeserklärung von Shed Seven an ihre Getreuen.

Und das ist „Instant Pleasures“ in a nutshell. Auf dieser Platte tun Shed Seven und Producer Youth einfach so, als wäre es immer noch 1996. Als wären Shed Seven immer noch eine der größten Bands der Insel (kurioserweise sind sie es ja sogar wieder!). Als wäre dies der Nachfolger von „A Maximum High“, mit dem sie Oasis vom Thron stoßen wollen.

Denn auf ihren Konzerten ist es ja auch so: Ich mag mich irren und das Publikum könnte voll sein mit Kids – aber ich rate mal: Da gehen vor allem die Leute hin, denen Shed Seven vor 20 Jahren sehr viel bedeuteten. Einen Abend lang können sie ausnahmsweise mal wieder abgehen wie damals. Klar, das ist nostalgisch. Vielleicht sogar weltfremd. Man kann darüber die Nase rümpfen. Man kann es den Leuten aber auch gönnen und das zelebrieren. Souveräner – und auch ein viel größerer Spaß – ist es doch, letzteres zu tun. Shed Seven erlauben sich und ihren fans diese Freude. Mit zwölf Songs, die all das noch mal betonen, unterstreichen, lackieren und anstrahlen, was sie in den 90ern bei ihren Anhängern so beliebt (und bei der Presse zu personae non gratae) machte.

Es ist ein Klischee zu sagen: „Dieses Album ist ein Best-Of, nur mit neuen Songs“. Klischees zu umschiffen aber hat Shed Seven nie interessiert. Dann darf ich das auch über diese Platte sagen, oder?
Wer Shed Seven also in den 90s mochte – und auch wer die Band wegen ihrer gefühlten Uncoolness lange nicht mehr angehört hat – wird erstaunt sein, wie lebhaft sie hier ihren alten Sound entstauben. Ob das ein Publikum außerhalb ihrer treuen Fanbase erreicht – wen interessiert’s? Klar ist dies im Jahr 2017 keine in dem Sinne wichtige Platte. Aber diejenigen, an die sich diese Platte richtet, werden begeistert sein.

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