Review: The Front Bottoms

The Front Bottoms – „Going Grey“

Indie, das Wort wieder. Es bedeutet alles und nichts. Es bezeichnet für jeden etwas anderes. Man kann Indie in verschiedenste Schubladen aufteilen. Ich habe das Ganze für mich mal in zwei Kategorien gesplittet, die ein Münchner versteht. Erstens: Atomic-Indie. Zweitens Backstage-Indie.

Zum Atomic-Indie gehört das affige Posen, aber halt auch die Coolness. Pulp, The Strokes, Blur, das wären typische Atomic Indie-Bands. Blink 182, Chili Peppers, Bloodhound Gang dagegen – das wäre Backstage-Indie. Sonnenbrille im Club tragen? Atomic Indie. Als Weisser Dreadlocks haben? Backstage Indie. Nicht schwer.

Also, nicht falsch verstehen. Ich habe im Backstage tolle Konzerte gesehen. Ich finde es super, dass es das gibt. Aber meine Welt war und wird für immer der Atomic Indie sein. Muss ja so sein.

Am Atomic-DJ-Pult konnte das zu Komplikationen führen, wenn sich ein Backstage-Mensch ins Stüberl verirrte. Solche Leute erklären mir dann irritiert, da liefe ja gar kein Indie und ob ich etwa kein Green Day und Kraftklub auflegen wollte. Wollte ich nicht. Bei mir gab’s Kasabian, Timo Räisänen und Delays.

Das US-Label Fueled By Ramen ist natürlich sowas von Backstage-Indie. Paramore, Twenty One Pilots, Panic! At The Disco, die Fall Out Boy Connection. Aber dann mitten auf Fueled By Ramen: Eine Band, die meine Atomic-Indie Sensibilitäten anspricht, aber auf dem Backstage-Label trotzdem nicht fehl am Platze ist. The Front Bottoms.

The Front Bottoms stammen aus einem Kaff namens Woodcliff Lake, New Jersey. Sie haben als Lokalband schon zwei Alben veröffentlicht und daheim genug Wirbel gemacht, dass sie vor zwei Jahren mit ihrer dritten Platte „Back On Top“ zu Fueled By Ramen umziehen konnten. Das führte zum respektablen Platz 32 in den US-Charts. Auch die Singles „Help!“ und „Cough It Out“ machten Wellen.

The Front Bottoms machen nun ein paar Dinge, die eigentlich total britisch sind. Oder total Atomic-indiemäßig: Ein gewisser fieser Humor in den Texten. Refrains, die fast Beatles-k, mindestens Britpop-esk sind. Versmaße in den Strophen, die man von Insulanern kennt wie Billy Bragg oder Frank Turner.

Andere Dinge sind aber dann doch typisch amerikanisch. Da ist definitiv ein Jimmy Eat World – Einfluss. Auch hat Sänger Brian Sella hat eine erkennbar amerikanische Stimme. Ihr wisst, was ich meine? Die knarzen doch gerne beim Sprechen. So ziegenmäßig. Brian wird damit immer mehr nach Blink 182 als nach Morrissey klingen, auch wenn die Inhalte andersrum sind.

Andere Bands, an die ich denken muss, wenn ich The Front Bottoms höre: The Lemonheads. Violent Femmes. Idlewild („Ocean“). David & The Citizens. („Vacation Town“) Death Cab. („Everyone But You“ in den Strophen)

Bands auflisten ist keine besondere journalistische Leistung, Sorry. Es ist spät. Ich habe mir vorgenommen, diese Rezi heute noch zu schreiben, bevor’s ins Bett geht. Dabei will ich euch und auch mir selbst erklären, warum diese Band bei mir was auslöst.

Da ist ein Nostalgiefaktor. Die Erinnerung an einen Mid-Nineties-US-Indie. An schrammeligen Slackerpop mit Melodien. Stichwort Lemonheads eben.

Was mag ich noch? Dass diese Band krass poppige Refrains schreibt, die dann aber im Inhalt ganz schön fies sein können. So eine Diskrepanz zwischen Gesagtem und dem Ton, in dem es gesagt wird, liebe ich, seit mir The Smiths’ „There Is A Light That Never Goes Out“ unter die Ohren gekommen ist. Beispiele gibt’s gleich mehrere.

Denn Brian Sella schreibt echt clevere Texte. Manchmal sind es richtige Geschichten. Man hört ihm zu. In „Grand Finale“ lässt er das Ende eines Konzerts, das ihn zur Zugabe nicht mehr packt, ins Ende einer Beziehung übergehen. Das Ende einer Beziehung ist auch der Kern von „Backyard“ – hier kannte sich das Pärchen schon, als die zwei Nachbarskinder waren. Mann, Brian ist echt gut darin, zu formulieren. „You and me, backyard to backyard, trampoline to trampoline“. Das ist also die Erinnerung an frühere Zeiten, als man hüpfte vor Freude. Und die Realität heute? „Sometimes, when we’re together, we’re not together. And sometimes I try to fake it, but you know me better.“ Mann. Das killt. In so einfachen Worten.

„It was raining when they let me out of the hospital. I had nothing in my pockets, still with my bracelet on.“ So muss man einen Song mal anfangen. Wer will jetzt nicht wissen, wie „Raining“ weitergeht? Ich verrat’s nicht, das müsst ihr schon selbst anhören.
Und immer mal wieder eine hingeworfene, geradezu geniale Zeile. „You take pictures of everything. So scared of remembering.“ (aus „Far Drive“). Mein Favorit? Aktuell ist’s „Bae“. Diese Nummer beginnt mit der Zeile „When you realise the crew you roll with is actually what makes you anxious“ – da ist wohl jemand im Gruppenzwang gefangen? Aber wie ist der Übergang in DIESEN Refrain passiert? Wer hat mich gerade dazu gebracht, durch die Küche zu hüpfen und „I’ve gotta wake up early, I’ve gotta move your couch!“ zu jubeln?

Übrigens, wirklich super auch: Diese Songs, so flott sie ins Ohr flutschen, bestehen aus komplexen Kompositionen. Das sind Lieder mit Bridges und Middle Eights, mit Brakes und Tempowechseln, mit Mitpfeif-Intros, mit Drums, die dynamisch aus- und wieder einsetzen. Sowas lobe ich jedes Mal wieder gern.

Tja. Und das alles auf Fueled by Ramen. Ein Umfeld und eine Assoziationskette, die eigentlich mit meiner Atomic-Indie-Religion wenig Überschneidungen hat. Kannst mal sehen.

Warum in meinem Text diese Betonung darauf? Naja, mein Blog spricht wegen meiner Person als Ex-Atomic-Heini und wegen seiner üblichen Themenwahl ja vermutlich vor allem Hörer an, die wie ich beim Stichwort Fueled By Ramen die Ohren eher vorsichtshalber einklappen, als sie zu spitzen. Leute, die sich eher als Atomic-als als Backstage-Indie-Hörer sehen.

Aber klar, natürlich gab’s immer Bands, die man in beide Schubladen stecken konnte. Weezer zum Beispiel, als sie gut waren. The Lemonheads, da ich den Namen heute schon mal nannte. The White Stripes. The Front Bottoms gehören jetzt auch dazu. Wer Blink 182 und Jimmy Eat World mag, wird hier viel finden. Aber wer The Smiths, Idlewild und Billy Bragg mag, kann eben auch erstaunlich viel entdecken.

 

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