Review: The Horrors

The Horrors – „V“

(Jaja, ich weiss, ich bin spät dran.)

Wenn man mir vor zehn Jahren gesagt hätte, dass The Horrors 2017 noch existieren würden! Mehr noch – dass ich sie gut finden könnte! Mann, als sie ca 2006 auftauchten, da habe ich diese Heinis VERACHTET!

Und dabei bin ich jemand, der eigentlich für Hypes und Brimborium durchaus anfällig ist. Ich bin normal nämlich gar kein grimmiger Bärbeiß, der Muckerqualitäten von seinen Bands fordert oder dass sie sich „ihre Sporen verdienen“, indem sie sich langsam durch die Clubs hocharbeiten. Nein, von vielen Hypes, bei denen andere argwöhnisch die Nase rümpften, habe ich mich über die Jahre mit Freuden mitreissen lassen. Mensch, ich besitze das Menswe@r-Album!

Aber bei The Horrors, da war sogar mir das Missverhältnis zu krass. Die konnten so gar nichts! Die waren SO SCHLECHT!! 2006 waren das einfach nur reiche Besserwisser mit extra viel Taschengeld für Kajal und Haarspray mit Beziehungen in die Medien. Sie hatten nen interessanten Look, das ja. Aber ihre Musik, die war ein regelrechter Affront. Ihr grummeliges Garagen-Surf-Zeug machten zig andere Bands zuhauf seit den 60s, und zwar erheblich besser. Das Debütalbum „Strange House“ war die arrogantestmögliche Manifestation des Prinzips „Style over Substance“, die einem in die Hände fallen kann. Der NME jubelte weiter, aber niemand nahm dem zunehmend schwindligen Blatt das ab. Platz 37 in den UK-Charts! Wow, so viel war der Hype wert! 

Es waren dann auch die üblichen verdächtigen Babyshambles-Fans (noch so ’ne unfassbar überbewertete Band, die mich rasend machen konnte), die auf diesen Scheiss reinfielen und am DJ-Pult nervten, ich solle damit im Atomic die Tanzfläche leeren. Ich habe mich geweigert.

Mein Gott, The Horrors machten mich wütend. Das zweite Album „Primary Colours“ habe ich mir gar nicht erst angehört. Der NME jubelte über die Single „Sea Within A Sea“, sie sei so ein irrer künstlerischer Durchbruch – aber ich als jemand, der genug Spaceman 3 – Platten und Shoegazing zu Hause hat, war sowas von unbeeindruckt. Kopierten die jetzt halt nen anderen Sound schlecht. Na toll. Es war ein Aufstieg, okay, aber in dem Sinne, wie ein Aufstieg von der dritten lettischen Senioren-Bowling-Liga in die zweite ja auch ein Aufstieg ist. Keiner, über den man gleich jubeln musste, wenn man nicht selbst mitspielte.

Platte 3: „Skying“, 2012. Vom NME zum Albums des Jahres erklärt. Ja klar. Okay, „Still Life“ war ein Hit, das musste ich zähneknirschend eingestehen. Die Band war mir immer noch unsympathisch.

Weil Album 4 („Luminous“, 2014) dann durchgehend in die Kerbe von „Still Life“ schlug, konnte ich mich dann sogar erstmals anfreunden. Ich fand den Pathos-80s-Pop, den die Horrors nun machten, echt durchgehend anhörbar. Aber an dieser Formulierung merkt man schon: Ich war noch nicht wirklich überzeugt. Der Argwohn, dass diese Band immer noch im Kern die eitlen Fatzken von 2007 waren, die jetzt halt ein weniger irritierendes Verpackungsmittel gefunden hatten, den konnte ich nicht ganz ablegen.

Jetzt aber ist es so weit. Mit „V“ haben sie mich bekehrt.

Bevor ich nun erkläre, wie sie das gemacht haben, ein Abstecher. Zu Alt-J, ausgerechnet. Alt-J ist nicht meine Lieblingsband. Die finde ich affig. Alt-J haben, finde ich, echt keine guten Songs. (Ich meine, einer ihrer Hits geht halt echt „Please don’t go, I love you so“. AAAARGH!) Für mich sind Alt-J die Könige der Ablenkungsmanöver. Auf ihren Songs blubbert’s und es pfeift und es wummert und es macht „Tirili!“ und „Schnupp!“ und „Gnorf!“ – und mit all diesen Effekten blenden sie den Hörer. Sie lenken ihn von der eigentlich ziemlichen Beschissenheit ihrer Lieder ab. So wie eine Gruppe Erstklässler vom Zauberclown mit bunten Tüchern und billigen Knalleffekten vom banalen Trick abgelenkt wird.

Auch The Horrors überzeugen echt nicht mit ihren Songs. Auch auf „V“ nicht. Kompositorisch ist das Kindergarten. Meistens marschieren sie nur stoisch durch die ewig gleichen vier, manchmal sogar nur zwei Akkorde. Ohne Variation beim Refrain, ohne Tonartwechsel, ohne rhythmische Rafinesse.

Aber gut, erstens ist das ja auch ein Stilmittel. Die Hypnotik des Repetitiven wird seit Krautrock-Zeiten sehr bewusst eingesetzt. Zweitens: Faris Badwan hat diesmal richtig gute Gesangsmelodien dabei. Die Gleichförmigkeit des Soundbetts betont seine Tonbögen – und wenn es die unterliegenden Akkorde nicht unbedingt tun, unternimmt er doch mit seinen Melodien die Aufteilung der Lieder in Strophen und Refrains.

Drittens und wichtigstens: So sehr die Lieder in der Substanz wenig Variation zeigen, so sehr verändern The Horrors die Klänge. Sie legen Klangschicht um Klangschicht auf und tragen sie wieder ab: Wuchtige Synths, sirrende Synths, schwebende Synths. Bollernde Bässe, rauschende Bässe, grummelnde Bässe. Knirschende Beats, pushende Beats, klirrende Beats, walzende Beats. Schimmernde Gitarren, sägende Gitarren, wolkige Gitarren, gleißende Gitarren.

Da könnte man jetzt sagen: Also machen sie doch genau das, was du Alt-J vorwirfst! Sie maskieren eine fadenscheinige Bausubstanz mit Popanz-Verputz!

Aber es ist halt doch anders als bei Alt-J. Bei Alt-J nervt’s mich. Da passen mir die Geräusche nicht zusammen. Das wirkt auf mich willkürlich, effektheischerisch, albern.

Bei The Horrors nervt’s mich nicht. Ich gebe zu, dass das eine komplett subjektive Wahrnehmung sein kann. Aber bei The Horrors klappt mir der Kiefer runter, wie zielsicher sie die Klänge finden, die zur Stimmigkeit dieser Gebirge aus Sound beitragen, die sie mittlerweile schaffen – und wie interessant sie diese Klänge verweben und schichten, variieren und sie bewusst wieder entziehen. The Horrors schaffen heute Atmosphären, so dicht, dass man sie fast greifen kann. Schwermütige 80s-Stimmungen, wie sie The Cure auf „Disintegration“ oder „Pornography“ beschworen, Gary Numan oder Ultravox zu „Lament“-Zeiten.

Okay, es gelingt ihnen nicht immer. „Ghost“ zum Beispiel wabert erst ziellos rum und kulminiert in einem klirrenden Unwetter, das wohl mutig sein will, aber halt doch abtörnt. Auch „Weighed Down“ entwickelt keine Dynamik und stagniert im Soundbrei.

Aber diese Fehlschläge bleiben die Ausnahme. Wenn The Horrors ins Ziel treffen, dann treffen sie perfekt punktgenau ins Zentrum. Mit einem Raketenwerfer.

Der Opener „Hologram“ beantwortet die Frage „Are Friends Electric“ mit einem gruselig groovigen „Affirmative“. Die Single „Machine“ ist nicht einfach nur mitreißend – sie ist mitSCHLEIFend wie eine langsam fahrende Lokomotive, in der sich dein Trenchcoat verhakt hat. Das federleichte „Point Of No Reply“ hebt wie ein Silbergleiter ab in den hellblauen Himmel – und „Something To Remember Me By“ ist der melancholische Synthpop-Song, nach dem das Genre „melancholischer Synthpop-Song“ sich zur Ruhe setzen kann, denn diesen Gipfel wird vielleicht niemand mehr übergipfeln.

Tja. Okay, The Horrors. Ich ziehe und ich fresse meinen Hut. Ihr habt hier ein sehr gutes Album abgeliefert. Ein Album mit gleich mehreren Momenten schierer Genialität, die kein Zufall sind. Wenn man mir das 2007 gesagt hätte!!

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