In Bed With Morrissey

Morrissey hat also eine neue Single draußen und schon wird wieder heftig diskutiert. Ich wollte mal eben meine Deutung des Textes beitragen.

Obwohl es wenige Leute gibt, die so direkt und konkret werden in ihren Texten, ist schon interessant, was die Leute so hinein lesen. Ich glaube, jeder Fan will, das Moz auf seiner Seite steht und legt die Texte entsprechend in seine Glaubensrichtung aus.

Es gibt schon seit Anfang der 90er Stimmen, die wollen Morrissey in die rechte Ecke stellen. Wohl der Hauptauslöser hierfür ist sein Song „The National Front Disco“ vom Album „Your Arsenal“, und wie er ihn im Sommer 1991 auf dem „Madstock“-Festival im Londoner Finsbury Park performte. Madstock war ein Comeback-Festival von Madness, die in ihrer Fanbase eine hohe Skinhead-Quote haben. Bekanntlich ist nur ein Teil der Skins auch rechtsgerichtet – aber weil Morrissey damals auch noch einen Union Jack schwang, als er die Nummer auf dem Festival sang, war das Geschrei groß, er habe sich diesen Leuten angebiedert. Moz redete fortan über Jahre nicht mehr mit dem NME.

Moz singt in „The National Front Disco“ über einen gewissen David, der der National Front beigetreten ist und die Brücken zu seinen Freunden abgebrochen hat. David trägt innere Aggressionen mit sich und will es eines Tages mal allen zeigen. Für mich war immer völlig klar, dass Moz mit diesem Text sagt: Die National Front ist eine Sekte, die leicht beeinflussbaren Leuten eine Gehirnwäsche gibt und deren Ziele albern sind: „David, we wonder – we wonder if the thunder is ever really gonna begin.“ Dass er diesen Song vor genau diesen Leuten die britische Fahne wedelnd sang, war das Tüpfelchen auf dem i. Heute würde man sagen: Er trollte die Nazi-Skins.

So sah ich das jedenfalls. Andere glaubten, Morrisseys Text sei nicht ironisch. Er preise wirklich den Zusammenhalt in der Front und der Refrain „England For The English“ sei nicht herablassend belächelnd, sondern voll ernst gemeint. Moz hat sich immer geweigert, darüber zu reden. Wenn es ihm zu blöd war, seine offensichtlichsten Texte Leuten zu erklären, die ihm eh nur das Wort im Mund herum drehen wollten, wäre das ja auch nachvollziehbar. Aber: Dadurch hat er zugelassen, dass die andere Deutung am Leben blieb.

So stürzen sich die Leute nun, da sie „Spent The Day In Bed“ hören, auf die Zeilen:

I recommend you stop reading the news
because the news contrive to frighten you,
to make you feel small and alone
to make you feel that your mind isn’t you own.

Schon glauben Leute, dass Morrissey die „Lügenpresse“ und „fake news“ attackiert – was ja eine Idee ist, die speziell das rechte Spektrum für sich in Anspruch genommen hat.

Stichwort fake news: Da hat Trumps Team viel von Ex-KGB-Chef Putin gelernt. Wie lautet eine der bekanntesten KGB-Taktiken noch mal? Genau: Unterstelle deinem Gegner genau das, was du selbst machst! Siehe:
– Entwickle Taktiken zum Wahlbetrug wie Gerrymandering und erschwerten Zugang zu den Urnen für bestimmte Teile der Bevölkerung -> unterstelle den Wahlbetrug deinen Gegnern. Egal, wenn du keine Beweise hast – behaupte zum Beispiel nur laut genug, es wäre jemand gesehen worden, der doppelt wählte. Man hört dir mehr zu als denen, die technisch langweiligeren, aber realen Wahlbetrug verfolgen.
– Bezahle Wissenschaftler mit deinen Petrodollars, damit sie den Klimawandel verleugnen -> Unterstelle den 98% der legitimen, sich mit dem Thema über Jahrzehnte befassenden Forscher, SIE seien es, die ja nur ideologische Hintergedanken hätten.
– Baue ideologisch geprägte Sender wie Fox oder Breitbart auf -> Unterstelle den etablierten Medien, SIE seien die Fake News.
So läuft das, und es klappt. Denn der Gegner hat den ersten Schlag gefangen und seine Antwort „.aber … aber… das machst doch DU!“ wirkt wie eine jämmerliche Retourkutsche.

Aber zurück zu Morrissey.

Der Song heisst „Spent The Day In Bed“ und das ist für mich auch der Kern des Liedes. Es geht um Leute wie mich. Leute, die es besser wissen müssten. Die auf der Straße sein sollten und protestieren müssten. Aber wir bleiben gemütlich im Bett liegen und können uns nicht aufraffen. Weil wir uns das auch „mal“ gönnen. Der Job ist stressig genug, da will man in der Freizeit nur seine Ruhe, anstatt als Aktivist für das einzustehen, von dem man weiss, dass es richtig ist. Wir bleiben im Bett, wir fahren in Urlaub, wir gönnen uns das gute Bio-Gemüse, wir bingewatchen eine Serie, wir lavieren uns durchs System. Die Arbeiter bleiben versklavt und wir hören auf jemanden, der uns sagt, wir sollten die Nachrichten nicht schauen, weil die uns am Ende nur aufrütteln.

Tja, das ist meine Deutung.

Eines Tages werden die Archäologen neuer Zivilisationen unsere Bohrinseln, unsere Tankstellen und unsere Hühnerfarmen ausgraben und sich fragen: „Was haben die sich dabei GEDACHT?“ Vielleicht, wenn wir Glück haben, ist es früher schon eine höhere AI, die uns diese Frage stellt. Wir werden antworten müssen: Wir sind Affen. Wir kamen doch quasi gerade erst vom Baum. Wir haben gelernt, in die Zukunft zu schauen, wir wussten, was uns bevorsteht. Aber weil wir im Kern immer noch  Stämme aus der Savanne waren, waren unsere Gehirne noch nicht so weit, wirklich zwanzig, dreißig Jahre nach vorne zu FÜHLEN. Wir lasen die Daten, aber es war uns immer noch zu abstrakt. Deswegen dachten wir immer: „Bis es so weit ist, fällt uns schon was ein.“ Wir sahen die menschenfeindlichen, unterdrückenden Systeme, aber es war uns zu weit weg, es war nicht unser eigener Schmerz. Wir beruhigten uns mit „Ich alleine kann da ja nichts ausrichten“. Wir suchten uns die kleinen Nischen unseres Friedens. So perfide schlau war das System, uns dies zu ermöglichen. Wir blieben den ganzen Tag lang im Bett.

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