Review: Timo Räisänen

Timo Räisänen – „Tro, hat, stöld“

Er kann’s noch. Er kann noch so richtig Purzelbaum schlagen mit der Gitarre. Er kann noch krähen wie der Pumuckl und in Sekundenbruchteilen von Jubelfreu-Hurra auf Jammertal und zurück umschalten. Jetzt halt nur auf schwedisch. Der Timo!

Ich hatte mir so ein bisschen Sorgen gemacht, er wäre erwachsen geworden. Also nicht wirklich Sorgen – es wäre ja auch interessant gewesen, wie ein gereifter, weiser Timo Räisänen klingt. Aber das hat ja alles noch seine Zeit. Das eilt ja nicht.

Aaaalso. Timo Räisänen. Wer is’n das? Das fragt nur, wer kein Schwede ist. Also die meisten von uns. Anyway, in Schweden, da kennt man Timo Räisänen seit der Jahrtausendwende.

Zuerst, weil er als Gitarrist und Sidekick den Aufstieg des SWE-Superstars Håkan Hellström begleitete. 2005 reichte dem Göteborger Gitarrenvirtuosen die Rolle des zweiten Mannes nicht mehr, also begann Timo eine produktive Solokarriere. Mehr als ein Album pro Jahr machte Timo bis 2008, erst als er Papa geworden war, bremste er ein bisschen ab. Und musste er sich nach dem Ausstieg bei Hellström auch in Schweden seinen Status erst wieder von fast Null an erarbeiten, war er doch spätestens um 2010 rum auch als Solist eine prominente Figur. Bis dahin hatte ein paar Hits gelandet und sogar wiederholt die Sendung zum schwedischen Musikpreis, die „Grammisgalan“, moderiert.

Aber Timos letztes Album „Endeavour“ ist von 2012. Für jemanden, der mal so schnell Platten machte, ist das eine lange Pause. Nur vereinzelte Singles tauchten seitdem auf. „Lyckliga Gatan“ aus einer Reality-Show. „Fördelsedag“ für einen Benefiz-Sampler. Vor eineinhalb Jahren dann „Timo sjunger Ted“ – eine sehr schöne Platte, ein Tribut an den Sänger Ted Gärdestad, so richtig mit Orchester. Mit dem Programm war Timo vorher schon länger durch Schweden getourt. Aber es war eben kein eigenes Album.

Außerdem, noch mal mit Betonung: Das war ein Album mit Orchester! Da durfte man sich schon fragen, ob der einst so energetische Kobold jetzt wohl seriös geworden war.

„Tro, Hat, Stölt“ gibt Entwarnung.

Übrigens: Tatsächlich ist dies schon Timos zweites schwedisches Album mit eigenen Songs. Er hat vor ca acht Jahren schon mal eins aufgenommen, wie er der schwedischen Presse nun erzählte. Aber er war damals mit dem Endergebnis so unhappy, dass er alles in die Tonne trat. „Die Platte war sehr gut durchdacht und sie hatte sehr gute Songs. Aber sie fühlte sich nicht ehrlich an. Ich will keine Platten, die gut durchkonstruiert sind. Ich will Platten, die klingen wie ICH!“ Es war dann in der Tat die Arbeit an Ted Gärdestads Songs, die Timo einen neuen Weg aufzeigten, mit der schwedischen Sprache umzugehen.

Nun spreche ich kein Schwedisch. Ein paar Wortfetzen kann ich verstehen, mehr nicht. Aber ein paar Sachen kriege ich noch gerade so mit. Zum Beispiel, dass Ted Gärdestads Hit „Jag vill ha en egen mane“ hieß – auf deutsch etwa: „Ich werde mir meinen eigenen Mond besorgen“. Dass Timos Album also mit einem Song namens „Jag vill ha en diagnos“ („Ich werde mit eine Diagnose besorgen“) beginnt, könnte sich darauf beziehen. Aber ob das nun Absicht war oder nicht – ein Song mit diesem Titel, der Bazong! gibt wie Timo es quasi seit „Fear No Darkness, Promised Child“ (2006) nicht mehr getan hat, und in dessen Hispeed-Refrain ein Kinderchor vom Diagnose-Einholen singt, das ist doch mal ein rasanter Auftakt!

„Hemliga Polisen“ („Geheimpolizei“) hat nicht weniger Karacho. Er sei politisch auf dieser Platte, denn er habe jetzt so einige Dinge zu sagen, hat Timo verlautbart. Tja, offenbar ist dies einer seiner sozialkritischen Songs. Wie gesagt, mein Schwedisch ist nicht gut genug.

Jetzt geht Timo ein leicht vom Gas. Es folgt „Kampen och Härligheten“ („Kampf und Ruhm“), die Single, die so verwirrend an eine Indiegitarrenversion von M.I.A.s „Paper Planes“ erinnert. „Eid & Aceton“ („Feuer und Aceton“) beginnt gar als Klavierballade, nimmt dann aber doch ziemlich Fahrt auf.

Ich will aber nicht wieder Song für Song besprechen. Jedenfalls: Dies ist, anders als „Timo Sjunger Ted“, wieder ein fetziges Indiepop-Werk. Dabei ist die Platte sogar ein kleines bisschen rauer als Timos englische Alben. Auf denen legte er sehr viel Variation in sein Spiel, da kamen akustische Gitarren zum Zug und die die elektrischen Gitarren klangen mal klarer, mal verzerrter, da gab es alle möglichen Gitarren-Klangfarben. Dagegen bleibt „Tro, Hat, Stölt“ mit durchgehendem Fuzz-Faktor seinem Soundbild treu.

Wichtige Frage: Ist ein potentieller Indie-Dancefloor-Hit auf der Platte? Einer vom Kaliber „Sweet Marie“, das ja ein Atomic-Britwoch-Stammgast war? Ich glaube, schon alleine das Schwedische erschwert das, weil’s ja doch für die meisten ungewohnt klingt. Aber „Tiden glöder“ („Glänzende Zeiten“) hat die Leiser Anfang/flotter Schluss- Dynamik von Timos Hitsingle „Numbers“ und „Autobahn“ flitzt auf fröhlichen Zickzack-Gitarren einher. Die Platte behält jedenfalls ordentlich Schwung bei – mal abgesehen vom sechsminütigen Rausschmeißer „Ingenting“ („Nichts“), der typischen Schlussballade, die uns mit sanft-subtilem Saxofonduett in den Schlaf wiegt.

Anyway. Auf jeden Fall ist es ne schöne Sache, dass wir unseren Timo zurück haben. Auch auf schwedisch behält sein Indiepop die Qualitäten, für die wir seine englischen Lieder liebten: Überbordende Energie, kindliche Begeisterung, beinahe manisch-depressive Stimmungsschwankungen zwischen Vollgas und leisem Weinen – und das alles zu prima Gitarren und feinen Melodien.

Früher schrieb ich immer: „Wieso ist Timo nicht längst außerhalb Schwedens viel bekannter?!“ Dass sein europäischer Durchbruch mit einer Platte auf schwedisch kommt, können wir aber wohl vergessen. Trotzdem: Dieses drollige Indiepop-Album sei auch Nichtschweden ans Herz gelegt.

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