Review: INHEAVEN

INHEAVEN – „INHEAVEN“

„Talent borrows, genius steals“ wird immer behauptet. Ein Satz, den ich gar nicht unterschreiben will. Wenn ich das Gefühl kriege, dass eine Band mir nur aufgewärmtes und kopiertes Zeug vorsetzt, kriege ich ganz gerne mal die Krise. Immer wieder, wenn ich hier meine Texte schreibe, fordere ich von Musikern, dass sie eine gewisse Originalität und Persönlichkeit einbringen.

Aber – um noch eine ausgelutschte Redewendung zu zitieren – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Das Londoner Quartett INHEAVEN macht nun echt keine Musik, die man so oder so ähnlich nicht schon gehört hat. Sie machen sogar Musik, die man so schon ganz präzise akkurat genau gehört hat. Aber es ist die Musik, wegen der wir uns einst in Indie verliebt haben. Und INHEAVEN machen das Ganze mit der Wucht und dem Spaß bei der Sache, dass der Funke überspringt.

Es gehört eine gewisse Unverschämtheit dazu, so ungeniert zu klauen. Aber Unverschämtheit ist im Indie eine wichtige Tugend. Man muss unverschämt sein, um zu überzeugen, Wenn man schon alles Glänzende aus den Regalen im Indiestore mopst, darf man sich nicht dafür entschuldigen.

Ich meine, welche Indie-Klassiker-Platte hat vielleicht den trockensten, rockendsten Einstieg von allen? „Doolittle“ von den Pixies ist zumindest ein Kandidat. Die satten Drums, die sägende Gitarre und der Bass – viel mehr der Biss, mit dem „Debaser“ loslegt… legendär!

INHEAVENs „Baby’s Alright“ geht quasi 1:1 so los. Das ist frech. Und es knallt.

Ab da ist es Song für Song ein fröhliches Bandraten: An wen erinnern die Londoner, die sich mit Boy- und Girlgesang von James Taylor und Chloe Little abwechseln, auf dem nächsten Lied am meisten?
„Treats“? The Vaccines.
„Stupid Things“? The Psychedelic Furs, so richtig mit „Pretty in Pink“-Saxofon.
„All There Is“? Ash.
„Vultures“? Wieder Then Vaccines, diesmal mit einem Schuss Jesus and Mary Chain.
„World On Fire“? The Subways in einem ihrer besten Momente. „Drift“? Wolf Alice und eine Schippe Blondie.

You get the picture. Einerseits kriegen INHEAVEN zwar keine Punkte für Ideenreichtum. Aber sie gleichen das spielend aus, durch ihren Enthusiasmus und durch ansteckende Energie. Die Bands, bei denen sie sich bedienen, wählen sie sehr geschmackssicher aus – und dann gehört ja auch einiges dazu, den Ohrwurm- und den Luftfaustfaktor der Vorbilder auch wirklich so optimal auf den Punkt zurück zu bringen.

INHEAVEN ist also keine Band, an die man sich deshalb in der Zukunft erinnern wird, weil sie ein Genre ungekrempelt hätte, weil sie Pionierarbeit geleistet und neue Bahnen gebrochen hätte oder weil sie das Zeitgeschehen ihrer Ära so präzise auf den Punkt gebracht hätte. Aber „INHEAVEN“ das Album, ist dafür ein runde Sache, die einfach großen, satten, fetzigen, melodiebombigen Spaß macht. Kein Autorenkino, fair enough. Aber große Popcorn-Unterhaltung mit Explosionen, Verfolgungsfahrten und Ritt in den Sonnenuntergang. Auch das muss man erstmal so hinkriegen.

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