Vinterview: OMD

Auch eine Platte, die Freitag erschien: „The Punishment of Luxury“, das 13te Album von OMD bzw. Orchestral Manoeuvres In The Dark. Es ist die dritte, seit die Synthie-Pioniere sich wiedervereinigt haben und seit dieser Reunion ist es beinahe schon Tradition, dass ich mich fürs Interview anmelde. Auch zum neuen Werk habe ich ein Gespräch mit Andy McCluskey und Paul Humphries führen können. Ich kam allerdings noch nicht dazu, es auch zu transkribieren. 

Warum also nicht zur Überbrückung erst mal ein „Vinterview“ einschieben und einen meiner voraus gegangenen Dialoge mit McCluskey aus dem Archiv holen? Mein alter Blog ist ja leider vom Netz gegangen. Leider befindet sich auch mein erstes Gespräch mit McCluskey auf einem Laptop, das das Zeitliche gesegnet hat. Aber mein Interview zum Album „English Electric“ von 2013 ist noch da. 

Hello, Henning!

Hallo, hey, wie geht‘s?

Mir geht‘s gut, wie geht‘s Ihnen, Sir?

Auch sehr gut, danke – wir haben uns gesprochen, als die letzte Platte erschien.

In der Tat.

Du erinnerst Dich?

Aber ja!

Das freut mich, denn ich glaube, wir können bei dieser Platte genau da weiter machen, wo wir unser letztes Gespräch aufgehört haben. Ich habe mir das Interview kürzlich noch mal durchgelesen und bin auf all diese Fäden gestoßen, die jetzt auf den neuen Platte wieder aufgenommen werden. Wir sprachen über Retro-Futurismus und du hast zum Beispiel „Tomorrowland“ in Disneyland erwähnt – was wiederum meine erste Assoziation war, als ich den Clip von „Atomic Ranch“ sah.

Genau, ja, das ist genau diese Art Zukunftsvision aus der Vergangenheit – und was ist tatsächlich passiert? Ja, diese Nachkriegs-Vision einer utopischen Zukunft, die ist nicht ganz so utopisch ausgefallen. Wir dachten alle, wir würden vielleicht in der Zukunft in unserem Auto arbeiten und dass wir eine Roboterfrau haben könnten, die uns auch Kinder gebiert, und dass wir alle 200 Jahre alt werden könnten – aber das ist nicht eingetreten. Durchaus, das ist eine Thematik, die wir weitergesponnen haben auf diesem Album, total, ja.

Das Schlagwort „Die Zukunft“, das blieb mir immer im Kopf beim Hören dieser Platte. Ich habe mir ein paar Schlüsse gezogen, über die ich Dich befragen wollte. 

Okay.

Ich dachte mir: Vielleicht seid ihr, als Kids der 70s, als jemand, der in den 70ern ein Teenager war – vielleicht war das die letzte Generation, in der man die Zukunft mehrheitlich als ein Utopia gesehen hat. Irgendwann ist das umgeschlagen. Die heutige Generation sieht die Zukunft definitiv mehr als ein Dystopia. In unseren Filmen ist die Zukunft eine MadMax-Wüstenwelt, wir lernen, dass der Klimawandel und Religionskriege den Planeten verbrennen werden… In der Nachkriegsvision, da glaubten alle an den geeinten Planeten ohne Grenzen und Kriege, in dem alle gleichgestellt sind. Heute wachsen Kinder auf und lernen: Ihr Leben in der Zukunft wird schrecklich sein. 

Da hast Du etwas angesprochen, das eine sehr große Sache ist. Vielleicht würde ich die Linie sogar schon 1970 ziehen. In den 70s denke ich, ging es los mit den Dekaden der Dystopien, als der Optimismus der Nachkriegsjahre, der 50s, der 60s, umschlug. In den 70s hatten wir Streiks, wir hatten Arbeitskämpfe der Gewerkschaften – und dann kam Thatcher an die Macht. Mit England ging es in den 70s ziemlich den Bach runter und das war aber in vielerlei Hinsicht nur ein Spiegelbild der Entwicklung auf dem ganzen Planeten. Ich glaube, wir alle hofften… wie alt bist Du, Henning?

Ich bin 42.

Okay, du bist also ein Stückchen jünger als ich, ja. Also, das Gute ist: Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit bis 1989, als wir wirklich immer glaubten, jemand stünde kurz davor, den roten Knopf zu drücken und wir würden alle in einem nuklearen Holocaust sterben. Wenigstens DAS ist nicht passiert! Aber yeah, stimmt, wenn das Album ein übergeordnetes Thema hat, dann geht es um das Utopia, das zum Dystopia wurde. Darüberhinaus geht es um den menschlichen Umgang mit Technologie und Maschinen, im Guten wie im Schlechten. Nein, wir fliegen heute nicht in unserem Raketenauto zur Arbeit.  Dafür haben wir heute diese unfassbaren Mobiltelefone, die keiner erahnte. Die Musikindustrie ist am Arsch, aber wir haben alle permanenten Zugriff zu Musik durch unsere iphones, wir gucken Filme auf youtube. Das hat sich unglaublich demokratisiert, nur dass niemand mehr dadurch Geld verdient. Als Beispiel: Die Sexfilmindustrie wird auch gerade zerstört durch zu Hause gedrehte Filmchen. Als nächstes werden Sexroboter die Prostituierten ersetzen. Ist das gut, ist das schlecht? Du lachst…?

Sorry, meine Kollegin kann dich durch den Lautsprecher hören. Ich muss kichern, wie schnell unser Gespräch über Eure neue Platte zum Thema Sexroboter wanderte.

Hey, du weißt doch: Kissing The Machine!

Genau, Euer Song!

Was ich interessant finde: Der große Dystopia-Film meiner Generation war „Blade Runner“. Wir sind nicht mehr weit weg von dem Jahr, in dem „Blade Runner“ spielt. Spielt der nicht 2019, oder so? Und Pris aus Blade Runner war doch ein Sexroboter! So finden all die Referenzen zueinander.

Ich war 14, als das Jahr 1984 tatsächlich eintrat. Ich erinnere mich, wie bis zum Jahr 1983 eine regelrechte Angst davor herrschte, dass dieses Jahr kommen sollte. Dass es jetzt echt so weit war.

Unsere Vorhersagen der Zukunft werden nie wahr.

Aber es doch so, dass die Kids von heute in ihrer Zukunft nicht eine große, leuchtende Chance sehen – vielleicht gibt es auch deswegen so viel Retro-Musik. Die Leute sind nostalgisch nach einer Vergangenheit, die ihnen verherrlicht wird. Vielleicht gibt es deswegen all die Amy Winehouses und Adeles oder einen Typen wie Gary Clark Jr., der der neue Hendrix sein soll. Deine Meinung?

Also, ich denke – wenn ich mit meinen Kinder rede, die leben definitiv in einer postmodernen Umwelt. Für sie gibt es ja auch keine linearen Moden – sie sehen verschiedene Pools der Moden. Ich mag hiervon dies, von diesem Stil das – da ist keine klare Linie mehr da. Nicht wie früher: das ist in, das ist out. Das ist eine flache, dreidimensionale Landschaft postmoderner Stile. Aus allen Äras. Du hast also Recht insofern – es gibt auch nichts Neues, wo man hingehen könnte, weil es alles schon gemacht worden ist. Auch das zwingt ja die Leute schon, auch zurück zu schauen. Das ist ja nicht nur in der Musik so, das ist ja in allen kreativen Kunstformen so. Film, Mode, Architektur, alles bezieht heute Referenz auf sich selbst. Das war zu unserer Zeit schon viel einfacher. Da kam etwas Neues in Mode, und es ersetzte das, was aus der Mode kam. Dann kam die nächste neue Mode, die wiederum die vorige alt aussehen ließ. So ist das heute nicht mehr. Mein Sohn sagt mir das manchmal. „Ich wünschte, ich wäre früher geboren worden. Ich kann ja gar nichts Neues mehr machen!“ (lacht)

Auch darüber haben wir letztes Mal gesprochen und auch damals zitierte ich den Typen aus dem Jahr 1890, der sagte, jetzt sei alles erfunden worden, was erfunden werden könnte. Der Punkt ist ja der, dass etwas Neues etwas ist, dass wir jetzt nicht auf dem Schirm haben und das von hinter dem Horizont kommt. Vielleicht baut sich da schon etwas auf, das passieren wird.

Sicher wird es Veränderungen geben. Auch das Internet hat niemand voraus gesehen, und was das Internet alles bewirken könnte – als soziales Medium, als Musikmedium, als Filmmedium. Veränderungen wird es immer geben. Aber in Sachen musikalischer Stile? Ich glaube, die Leute sind ganz happy, wie es ist, Sie wollen nicht mehr, dass es geradeaus nach vorne geht in einer klaren Richtung. Es gibt keine Zukunftsmusik, es gibt nur, was eben gefällt. Das ist auch einer der Schlüsse, zu dem Paul und ich kommen mussten, denn unser Mantra beim Machen von „English Electric“ war: Wie klingt die Zukunft? Das wird sogar gesagt auf der Platte, in „The Future Will Be Silent“. Wir haben uns auch geeinigt: Von einigen de modernen Musikstile können wir was mitnehmen – aber können wir ernsthaft Dubstep adaptieren? Können wir eine Glitch-Platte machen und immer noch Orchestral Manoeuvres In The Dark sein? Am Ende entschieden wir: Wir leben nun mal in einer postmodernen Welt und wir haben unseren eigenen Stil, unsere eigene Palette, das heißt: Die Zukunft klingt so, wie wir verdammt noch mal wollen! Die Zukunft klingt nach Orchestral Monoeuvres In The Dark! So wie sie scheinbar auch nach den Beatles klingt, und Led Zeppelin und Jay Z.

Ich wollte Dich in der Tat zu Dubstep befragen – weil das ja als der Sound gilt, der wirklich neu ist. Es ist auch ein Sound, der mir nichts gibt, weil ich vielleicht dafür in der Tat schon zu alt bin. 

Das einzige Neue, das Dubstep gebracht hat, ist doch der Wobble-Bass-Sound. Wir haben ihn sogar eingesetzt, auf „The Future Will be Silent“, die erste Hälfte des Songs hat einen Dubstep-artigen Bass.

Als ihr damals in den späten 70s, frühen 80s angefangen habt, Musik für die Zukunft zu machen – war das damals Musik für ein Utopia oder ein Distopia? Wenn ich an einen Songtitel wie „Genetic Engeneering“ denke – vielleicht war das bereits distopisch.

Das ist interessant, denn wir waren gar nicht gegen Gentechnik. Die Leute nehmen automatisch ein, das sei eine Kritik gewesen, tatsächlich aber klingt doch das genetische Modifizieren von Dingen, um sie zu verbessern, um Krankheiten auszuschalten oder negative Mutationen nicht schlecht –  das kann man doch als sehr positive Sache sehen. Dagegen schrieben wir auch „Electricity“ und das war distopisch. Wir sagten mehr oder weniger: „Nuklearenergie ist gefährlich, fossile Brennstoffe sind endlich und führen zur Zerstörung der Umwelt“ – schon damals sprachen wir von erneuerbaren Energien! War das negativ, war das positiv? Da gab es immer eine Mischung. Wir wollten auf jeden Fall die Musik der Zukunft machen, wir wollten uns die neue Technologie zueigen machen – aber wir hatten auch immer einen bestimmten Stil, von dem manche Leute sagen würden: Er hatte eine Art nostalgische Melancholie inne?

Und wie ist es mit der neuen Platte? Ist die mehr utopisch, oder distopisch?

Also, auf viele Arten ist die Zukunft, die wir uns erhofft haben, nicht eingetreten. Und auch das ist relativ. Wir im Westen, uns geht es ganz schön gut, also wirklich. Aber wir sind 7 Milliarden Menschen auf dem Planeten und mehr als die Hälfte davon lebt in der täglichen Angst, zu verhungern. Ein paar von uns leben im Utopia, und die anderen leben in einem Horror. Ein Song auf dem Album berührt beide Themen: Der Song namens „Our System“. Was du dort hörst, am Anfang am Schluss und auch mittendrin, das sind Geräusche der Nasa, die ihre interplanetaren Raumsonden eingefangen haben. Der Hauptsound ist Voyager, wie sie durch die Magnetosphäre des Jupiter fliegt. Ein wirklich schöner, bewegender Sound. Was wir aber tun in dem Song: Wir kontrastieren diese schöne Perfektion der Maschinen – von denen ein paar inzwischen das Sonnensystem verlassen haben! –  wenn wir also sagen „Our System“, dann kontrastieren wir…

… das Sonnensystem mit dem menschlichen System.

Das Sonnensystem mit dem sozial-ökonomischen System. Was noch abgefahrener ist: Seit wir den Song geschrieben haben, hören wir von interplanetarischen Minen! Große Wirtschaftsunternehmen werden Raketen bauen, auf Kometen fliegen und die beanspruchen: „Das ist unserer!“ Warum ist das Euer Komet? „Weil wir ne gefickte Rakete bauen werden und drauf landen und weil wir dort Mineralien abbauen werden! Und wenn wir als Erste da sind, ist das UNSERER!“ Beängstigender Gedanke, was?

Ein sonderbarer Gedanke. Schon auch armselig, dass solcher Fortschritt immer nur wegen der finanziellen Entlohnung passiert. Andererseits: Wenn jemand tatsächlich hergeht und diese Rakete baut, kann ich auch schlecht sagen: „Hey, das ist genauso MEIN Komet!“

In der Tat. Fakt ist ja auch, selbst die Expeditionen auf den Mond oder die Apollo-Missionen – die waren ja auch nicht unternommen worden, um einem utopischen Traum näher zu kommen. Sondern nur der geopolitischen Machtverhältnisse wegen! Es ging nicht um Schönheit oder Entdeckergeist, es ging um die Amerikaner, die den Russen zeigen wollten, dass sie besser sind! Geopolitische Muskelspiele!

Du hast den Klang von Voyager erwähnt. Kommt man an das Soundfile leicht ran oder musstet Ihr Beziehungen spielen lassen?

Nein, man kann die Files der NASA benutzen. Umsonst, sie lassen sie von jedem verwenden.

Wenn ich also versuche, speziell diesen Sound zu finden, wo finde ich ihn? Und wie klingt er?

Gleich der erste Ton, den du hörst, wen „Our System“ anfängt, dieser spukige, schwebende Klang, das ist der Klang von Voyager auf der Reise durch Jupiters Magnetosphäre. Später hört man ein kleines Knattern, krk kl chrk – das ist Cassini. Und es gibt noch ein paar andere, wir haben, fünf, sechs Space-Sounds dort verwendet.

Als ihr die ersten Clips dieses Albums gepostet hast, da spekulierten viele Fans, das neue Album könnte „Dazzle Ships“ Teil 2 werden. Was witzig ist, denn damals wirkte die Platte wie ein Stock in Euren Speichen. Heute hat sie mit den besten Ruf.

Schon, sie ist unser heiliger Gral, was? Hahahahaha! Aber das zeigt doch besser als alles andere, wie die musikalische Landschaft sich verändert hat. Man sieht die Platte heute rückwirkend durch 30 Jahre Sampling und Mash-Ups und verschiedene Styles und plötzlich klingt sie gar nicht mehr so beängstigend und ausgeklinkt, oder?

Wohl nicht!

Ich glaube, was wir im Nachhinein gemerkt haben, ist folgendes: Auf unseren ersten vier Alben, da haben wir experimentiert. Vor allem haben wir mit musikalischen Moden experimentiert. Als wir bei „Dazzle Ships“ ankamen, entschieden wir, unsere Experimente wirklich als wissenschaftliche Blaupause behalten, aber keinen Zuckerguss mehr drüber gießen wollen, in Form von Melodien und Romantik. Vielleicht waren ein paar der Songs einfach etwas zu roh für die Leute, als dass sie sie verdauen konnten.

Wir haben sehr bewusst entschieden, für dieses neue Album zu unserer ganz frühen Art, Songs zu schreiben, zurück zu kehren. Damals folgten wir keinen Regeln, die uns andere Leute aufdrücken wollten. Unsere Songs mussten keine Strophe, Refrain und Middle Eight haben. Die konnten so sein, wie immer wir sie haben wollten. Klar, auf dem Album sind Tracks wie „Atomic Ranch“, „Decimal“ und „Please Remain Seated“, die gleich ALLE Regeln wegwerfen. Trotzdem finde ich, dass sie sehr gut ins Ohr gehen, dass sie eine sehr musikalische Basis haben. Aber es zeigt, wie sehr die Zeiten sich geändert haben, dass wir damit niemand mehr vor den Kopf stoßen! Nicht so, wie „ABC Auto Industry“ oder „Timezones“ das vor 30 Jahren taten!

Ich habe eins der Interviews gelesen zu dem Album. Du erzähltest, wie ihr diskutiertet und den groben Plan für die neue Platte ausarbeitetet. Ihr machtet also eine Art Lagebesprechung. „Wo stehen wir heute: Wir spielen wieder große Hallen, wir haben uns mit dem Comeback-Album unsere Position manifestiert, die Leute schreiben wieder nette Dinge über uns…“ so in etwa. Der letzte dieser Punkte war mir aufgefallen:Ist Es Euch denn so wichtig, dass man über Euch gut schreibt? Es klingt, als sei die Zeit, in der man Euer Output eher belächelt hat, Euch richtig an die Nieren ging…

(Er seufzt. Lange.) Niemand mag es doch, wenn er sein gesamtes Herzblut in etwas steckt, und das dann zurückgewiesen wird. Klar ist es immer schöner, was Nettes zu hören, und wahrgenommen zu werden. Wenn die Leute versuchen, zu verstehen, was du machst. Also, ich war ja nie in einer anderen Band. Ich weiss nicht, wie das in anderen Bands läuft, und wie deren Ethos ist. OMD fing an mit einem Ethos, und zwar in der Tat als Kunstprojekt – nicht als Popgruppe. Wir waren erstaunt, dass man uns als Musikgruppe wahr nahm und noch mehr, als wir als Popgruppe angesehen wurden und plötzlich Millionen Platten verkauften. Das war etwas, das wir nie und nimmer vorhergesehen hatten. Dann aber rutschten wir da hinein, dass wir das musikalische Spiel mitspielten, dass wir uns plötzlich von der Plattenfirma sagen ließen, was wir tun sollten. Da wurde es unsere Karriere, da war es unser Job, da sollte es unsere Rechnungen bezahlen. Das Ergebnis war, dass dann die Musik schlechter wurde. Da spielten wir nicht mehr nach unseren eigenen Regeln. Aber wenn wir nach unseren eigenen Regeln spielten, waren wir einfach besser. Als wir also vor ein paar Jahren wieder zueinander fanden, da war es natürlich toll, dass auch das Publikum wieder seinen Spaß daran hatte, dass Leute auf uns zukamen und sagten, die Songs waren toll, einige sogar zeitlos. Dass junge Bands sagten, sie seien von uns beeinflusst. Irgendwo war es ganz schön gefährlich, sogar blöd, es zu wagen, eine neue Platte aufzunehmen – denn, wenn man so will, jetzt waren wir endlich rehabilitiert. Das Letzte, was man dann will, ist doch, all die wiedergefundene Credibility zum Fenster raus zu jagen, weil man ein Scheißalbum hingelegt hat. Aber wir haben es gewagt mit „History Of Modern“, weil wir uns sicher waren, dass ein paar sehr gute Ideen und ein paar sehr gute Songs auf diesem Album waren. Aber im Nachhinein erwarten wir mehr von uns, und wir haben auch gesehen, dass unser Publikum mehr von uns erwartet. Wir sind eine ungewöhnliche Band, so sonderbar das klingt. Gute Songs, für sich selbst, reichen bei uns nicht! Das bringt zwar eine Menge Leute dazu, Platten zu kaufen, man liebt einen guten Song, eine nette Melodie. Ich liebe Motown – ist das wegen dem konzeptuellen, intellektuellen Element? Nein, mir reichen die Melodien! Aber wir fordern von uns selbst, dass da auch ein konzeptuelles Element in der Musik ist, das wir bei diesem Album eingebracht haben. Versteh mich nicht falsch – klar ist es immer noch ein sehr musikalisches Album, es geht immer noch leicht ins Ohr. Aber es hat auch einen intellektuellen Content. Mehr, als wir seit langer, langer Zeit in ein Album gesteckt haben.

Ich denke, alle waren von der Comeback-Platte positiv überrascht. Aber auch ich mag diese sogar noch ein Stück lieber.

Danke! Einer der Gründe, warum diese Platte vermutlich stärker ist, ist, dass Paul und ich unseren Schreibeprozess perfektioniert haben – indem wir zurück gegangen sind dorthin, wie wir es früher gemacht haben. Schick keine Songs übers Internet! Sei gemeinsam im gleichen Raum! Erschaffe den Funken, erschaffe die Chemie, lass es passieren! Die Idee, ein Konzept zu vereinigen mit Melodien und der unbedingte Wille, Lieder nur nach unseren eigenen Regeln zu schreiben und nicht nach denen von irgendwem sonst, du der Faktor, dass wir jetzt ja wieder seit ein paar Jahren zusammenarbeiten und die Maschine gut geölt ist,  das hat dazu geführt, dass wir jetzt bei etwas angekommen sind, das – so gut „History Of Modern“ war – Ja, auch wir finden die Platte besser und ich freue mich, dass Du das auch denkst.

Vorhin hast Du „Kissing The Machine“ angesprochen, und offenbar geht es darin, wie ich jetzt weiss, um Sexroboter…

Nein, das habe ich nicht gesagt!

Das ist jedenfalls der Song, den Du mit Karl Bartos geschrieben hast, Ex-Kraftwerk. Was ich besonders lustig fand, war dass Ihr darin den Cheap Trick-Hit von 1979 zitiert.

Welchen meinst Du?

Ich dachte, das war Absicht? Die hatten diesen Hit: „I want you to want me, I need you to need me, I love you to love me…“ – erinnerst Du Dich nicht?

Oh ja! (er singt) „I want you to want me““… weißt Du was? Das ist mir noch nie vorher aufgefallen!

Nie?

Ich bin aber auch KEIN Fan von Cheap Trick.

Ja, dessen war ich mir sicher! Ich dachte mir – das war ein Hit ca 1979. Da machten Kraftwerk gerade die „Mensch-Maschine“ und ihr fingt an. Ich dachte mir: Cheap Trick müssen doch zu der Zeit des genaue Gegenteil dessen verkörpert haben, für was ihr standet. Ich dachte, dass da bestimmt eine sehr gewollte Ironie in diesem Zitat drin steckt.

Nein, so niedlich sind wir nicht. Es ging wirklich nur darum: Was würde man wollen, das der Roboter zu einem sagt? Der muss natürlich sagen: „Ich liebe Dich!“ oder „Ich will Dich!“, „Oh, du bist SO ein toller Liebhaber!“, „Gib’s mir, Baby“ „Oh Baby, du bist wundervoll!“ Das ist doch alles, was man hören will von seinem Lover, oder? Also diese Idee „Kissing The Machine“, die kam aufs Album, weil es da diese Connection gibt zwischen der Beziehung von Mensch und Maschine sowie von Mensch und Roboter, von Menschen und Technologie in der Zukunft. Was ich aber auch daran mag, ist, dass man es in so verschiedenen Arten lesen kann. An kann es als Metapher sehen: Spreche ich von einem Menschen, der von einer Maschine so begeistert ist, dass er sie quasi liebt?  Oder spreche ich von einem Menschen, der eine Maschine wirklich liebt und sich wünscht, sie wäre menschlich? Ist des meine Roboter-Ehefrau? Ist meine Ehefrau ein Roboter?

Ist man nicht in Japan schon sehr weit in der Entwicklung von Robotern, die sich um die Alten kümmern? 

Oh, das kommt! Es WIRD so sein, dass wir eines Tages Roboter haben, die laufen können und für uns shoppen gehen oder unseren Wagen fahren, oder die sich um uns kümmern – da bin ich mir sicher, das verspreche ich Dir! Hör zu, es gibt eine amerikanische Firma, die stellt Sexpuppen, sogenannte „Real Dolls“ her. Da gibt man tausende Dollars aus und kann sie designen: Ich will diese Hautfarbe, diese Augenfarbe, diese Haarfarbe und Frisur, diese Körperform – als nächstes stülpen sie diese über einen mechanischen Roboter, so dass sie sich tatsächlich bewegen. Und bald reden sie mit Dir und sagen „Ooh Baby, das ist super! Gib’s mir härter!“ Da geht’s hin! Und es gibt ja genug Leute, die entfremdet und enttäuscht genug sind von der Realwelt, dass sie eine Roboterfrau bevorzugen werden! Und ein Auto, zwei Kids, eine Yacht und das perfekte Leben!

Interessant, dass es immer entweder wirtschaftlicher Gewinn oder Sex sind, die diese Entwicklungen am schnellsten voran treiben. Das sind die zwei Motoren.

Hör zu, der Mensch braucht schließlich einen Anreiz für alles. Einfach nur nett sein zu den Leuten, das scheint als Motivation nicht auszureichen. Mitgefühl, Liebe und Geistiges scheinen die Menschen nicht zu motivieren. Deswegen ist auch jede Religion – man könnte ja behaupten, in Religionen ginge es um Liebe – aber wie bringt man die Leute dazu, bei deiner Religion zu unterschreiben? Du sagst ihnen, sie verbrennen in der Hölle, wenn sie’s nicht tun! Es muss eine Motivation geben für alles – und Sex und Geld, das sind wohl zwei der größten, oder etwa nicht?

Tja, das ist wohl so. 

Da haben wir das nächste Album: „Sex and Money“, das wird der Titel!

Wir sprachen von Menschen und Maschinen – und ich glaube, die Zukunft könnte bionisch sein. Es gibt jetzt schon all diese Implantate. Und es gibt jetzt die Google Glasses – die nicht wirklich Implantate sind. Eher eine Extension.

Das stimmt, ich glaube auch, dass das Bionische kommt. Auf dem Flug nach Berlin las ich, dass es jetzt Chips gibt, auf denen man die Erinnerungen einer Ratte speichern und diese Erinnerung nun auf eine andere Ratte übertragen kann.

Oh. Wow.

Yeah – es kommt! Es ist unterwegs! Definitiv!

Wie würde ein bionisches Instrument aussehen oder klingen?

Das ist interessant, was?! In der Tat mochten wir zu Beginn unsere elektrischen Instrumente auch deswegen besonders, weil wir fanden, sie seien natürlicher, biologischer! Das klingt nach einem Widerspruch, aber überleg’ mal, wie lange man braucht, um die Violine zu lernen! Du quälst einen Körper, deine Hand, um dieses Holz und diese Sehnen zu manipulieren. Da bist Du der Sklave der Maschine! Aber eine Drum Machine oder ein Synthesizer? Da bist DU derjenige, der sagt, was sie zu tun hat! Brian Eno redet schon seit langem davon: Stell Dir vor, man könnte einen Synthesizer an dein Gehirn anschließen! Auch da gibt es ein Experiment – ein Affe hat es geschafft, telepathisch etwas aufzuheben und sich etwas zu Essen zu geben, nur durch den Gedanken „Essen“. Da ist dieser Roboterarm, der seine Gehirnwellen empfängt, und der ihn tatsächlich füttert. Vielleicht kommt man an den Punkt, an dem man Musik machen kann, nur weil man gerade daran denkt, weil man direkt das Gehirn anzapft! Auch das wird passieren!

Wirst Du noch eine Platte auf diese Weise aufnehmen können?

Tja, das weiss an nicht! Die Frage ist ja, ob das Gerät rausfiltern kann – da sind so viele unkoordinierte Gedanken in meinem Kopf, alle möglichen irren Klänge, die die Leute besser gar nicht hören sollten!

Du bist damit jedenfalls schon viel weiter, als ich dachte. Ich dachte zum Beispiel an den Dänen Rangleklods, ein elektronischer Musiker, er hat dieses Instrument gebaut, das wie eine elektronische Theremin ist. 

Ja?

Er moduliert seine Musik mit Handbewegungen, er kann seine Musik praktisch ertanzen, wenn man so will. Klar verwendet er vor allem sein Laptop.

Ziemlich spannend aber. Schon Kraftwerk haben von Instrumenten gesprochen, die sie kontrollieren wollten, ohne sie zu berühren. Ich kenne die Arbeit von diesem Typen leider nicht, ich sollte ihn mir mal angucken, wie war sein Name?

Rangleklods. R-A-N-G-L-E-K-L-O-D-S, aus dem Whomadewho-Umfeld, das sagt dir vielleicht mehr.

Den werde ich auschecken! Schade, jetzt gibt man mir Zeichen, dass ich gehen muss!

Vielen Dank, es war einmal mehr sehr nett!

Danke, Sir.

Viel Erfolg mit der Platte – und der Zukunft!

Danke für die positiven Kommentare über die Platte – vielleicht haben wir ja die Chance, uns zu treffen, wenn wir im Mai auf Tour sind?

Gerne, ich gucke Euch bestimmt an! Bye!

Goodbye!

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