Review: The Cribs

The Cribs – „24-7 Rockstar Shit“

Das letzte Mal, dass ich einen der Cribs interviewte, war zur „In The Belly Of The Brazen Bull“, denn zu dem Zeitpunkt hatten die drei in Deutschland noch ein Label, dass sich auch ein bisschen um sie kümmerte. Ryan Jarman erzählte happy von der USA-Tour seiner Band. Die drei Brüder waren wieder im Kleinbus unterwegs, lösten sich als Fahrer ab – genau so, wie es sich seiner Meinung nach gehörte. Die riesigen Hallen in England, in denen sie gelandet waren nach ihren Hitalben, der Majorlabel-Deal – mit diesen Dingen fremdelte er. Auch wenn Ryan jahrelang mit blutiger Lippe für NME-Schlagzeilen sorgte, wusste er doch, dass seine Band da eigentlich nicht hin gehörte. Seine Lieblingsbands, das waren die, die mit Punk-Ethos für eine Handvoll eingeweihter Fans durch die Undergroundclubs tourten. Idealisten, für die Verkaufszahlen und Chartpositionen keine Rolle spielten.

Ich will nicht sagen, dass The Cribs jetzt absichtlich ihre Karriere sabotieren, um sich zu einer solchen Fans-only-Band runter zu schrumpfen. Aber es ist ein Prozess, der stattfindet und gegen den sie offensichtlich nicht ankämpfen. Wer auf ihrem neuen Album jedenfalls ein neues „Man’s Needs“ sucht, wird’s nicht finden.

(Uh, Ich bin gerade abgelenkt. Ich schreibe diesen Text im Zug, auf dem Weg nach München nach einem Heimatbesuch. Kinders, wissen die Leute nicht mehr, wie man sich benimmt? Ein hässliches Pärchen ist in Kaufbeuren zu mir mit ins Abteil gestiegen. Er: Übergewicht, Shorts, Schirmmütze. Das erste, was er tut, als er sitzt? Die Schuhe ausziehen und die Füße auf den Sitz gegenüber. Es muchelt. Was für ein peinliches Ferkel! 

Seine Alte? Schmiegt sich an dieses widerliche, eklige VIECH jetzt an! Oh mein Gott. Was für Gesocks unterwegs ist! Ich bin so froh, ein bisschen Anstand mit auf den Weg gekriegt zu haben!

Oh na super. Jetzt hat sie auch die Schuhe aus und die Füße hoch. Na da haben sich zwei gefunden. Hey, manchmal bin ich so froh, dass die Menschheit sich auslöscht. Es ist so notwendig!)

Anyway. The Cribs. Menschenskind, jetzt würde ich auch gerne so in die Saiten hauen, dass es röhrt und das Feedback nur so klirrt!

Es ist nämlich das, was die Jarman-Brüder tun. Nach dem durchaus nicht unpoppigen Vorgänger „For All My Sisters“ klingen sie auf Album Sieben dreckiger und schroffer als auf jedem ihrer vorherigen Alben, abgesehen vielleicht von „Brazen Bull“. Steve Albini hat wieder zugeschlagen – man erkennt sofort, dass er wieder als Producer fungiert.  Die Sounds kommen aus der alten Grungekiste. Die Gitarren rauschen und kreischen, als würden sie mit dem Sandstrahler gespielt. Die Drums rumpeln, als lägst du mit deinem Kopf direkt in der Bassdrum. Und immer, wenn das Mikro offen ist, scheint gleichzeitig mit dem Gesang auch ein Industriestaubsauger mit aufgenommen zu werden.

Die Cribs haben oft schon richtig noisy geklungen. Auf ihrem Debüt zum Beispiel. Sie haben aber auf dieser Platte auch Melodien geschrieben, die ABBA zur Ehre gereicht hätten. Ein Talent, das sie hier nicht völlig vernachlässigen: Auch unter meterdicken Schichten aus Radau kriegt man noch mit, dass „Year Of Hate“ ein Killerriff und durchaus poppige Strophen hat. „Rainbow Ridge“ und „Partisan“ würde beide auf einer Nirvana-Raritäten-Sammlung glaubwürdig als neu ausgegrabene „In Utero“-Outtakes akzeptiert werden. Die Refrains von „In Your Palace“ und „What Have You Done For Me“ bleiben im Ohr. Trotzdem, die Klangbild bleibt insgesamt abweisend und spröde.

Okay. Fair enough. The Cribs haben es nicht mehr nötig,  für irgendwen poppig zu sein. Sie haben ihre treue Fanbase, die „24-7 Rockstar Shit“ in die UK Top10 kaufte. Singles in den Charts brauchen sie nicht mehr – ihr letzter „Hit“ ist sieben Jahre alt ist erkletterte und gerade mal die schwindelerregenden Höhen von Platz 105 der UK-Hitlisten („Housewife“, mit Johnny Marr, 2010). Singles veröffentlichen The Cribs nur noch auf 7″, denn sie haben heute die Möglichkeit, zu 100% die Band zu sein, die sie sein wollen – und sie wollen ein sperrige Grungepunkband sein, die 7″es veröffentlicht, im Sprinter Van für Benzingeld von Show zu Show reist und niemandem Rechenschaft schuldig ist. Das respektiere ich. Das bewundere ich sogar ein bisschen.

Aber die Sache ist die: Ich bin halt doch ein Popkid. Ich MOCHTE all ihre Indie-Dancefloor-Knallbonbons! „Man’s Needs“ „Hey Scenesters“, „We Can No Longer Cheat You“, „Mirror Kissers“. „Another Number“ – das sind The Cribs für mich! Meine Lieblings-Cribs-Platte ist ihre vierte, „Ignore The Ignorant“, ihr Album mit Johnny Marr. Das, das vielen Fans sogar zu gefällig war. Grungerock mit Albini-Stempel? Kann ich hören. Hörte ich auch ziemlich viel, in den frühen 90ern. Aber wirklich LIEBEN tu ich halt andere Musik.

Tja. Im Endeffekt bedeutet das: „24-7 Rockstar Shit“ ist für mich ein Album, das ich akzeptiere und The Cribs bleiben eine Band, von der ich viel halte. Aber ich hoffe, sie haben ihre Verbundenheit zum Indiepop noch nicht ganz gelöst.

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