Interview: Paul Draper

Immer schön, einen alten Helden sprechen zu können. Paul Draper am Telefon! Menschenskind, was habe ich Mansun geliebt in den späten Nineties! „Attack Of The Gray Lantern“ und „Six“ waren DIE Platten für mich. Ich hab’ die B-Seiten gesammelt damals und alle mit meiner Obsession zugeschwallt. Okay, ihr drittes Album „Little Kix“ konnte den Level nicht halten. Aber es waren immer noch Mansun.

Ich bin nicht der Einzige, für den diese Band Kult war. Meine Zuneigung zu der Band (nur einmal und nicht öfter ihretwegen nach England geflogen) fällt aber noch moderat aus im Vergleich zu der Besessenheit vieler anderer Fans. Ich war ja noch nicht mal auf einer der jährlichen Mansun-Konventions! Echt, die gibt es, seit ein paar Jahren!

Aber irgendwas mussten die Fans ja tun. Mansun waren wie vom Erdboden verschluckt nach ihrer Implosion während den abgebrochenen Aufnahmen am vierten Album. Was war los? Was ist seitdem passiert? Fragen, die ich Paul Draper natürlich gestellt habe. Freitag erschien sein Solo-Comeback „Spooky Action“.

Hello!

Hallo, Henning hier vom Magazin piranha aus Deutschland. Spreche ich mit Paul?

Ja, hier ist Paul. Wie geht’s dir?

Oh, sehr gut, denn es freut mich sehr, dich an der Strippe zu haben. Bei dir auch alles gut?

Ja, sehr gut. Kleiner Moment eben – Jill, kannst du die Tür zumachen, ich hab hier eine sehr schlechte Verbindung.

Sorry, das ist meine Schuld. Wenn ich ein Interview aufnehme, muss ich dich auf den Lautsprecher stellen.

Ah, verstehe.

Jedenfalls, toll, dich zurück zu haben in der Musikszene. Wie verschwommen sind deine Erinnerungen an die 90er? Erinnerst du dich an euren Auftritt in München?

Ja! Wir haben damals ein paar Dinge in Deutschland gemacht. Es gab den einen oder anderen Promoaufenthalt und wir spielten im Vorprogramm der Manic Street Preachers. Also in Berlin waren wir auf jeden Fall, das weiss ich sicher. Das war aber in einem ganz kleinen Club. Na, ich hoffe, dieses Mal klappt das besser und wir kriegen ein paar gescheite Gigs hin.

Als ihr mit den Manics in München wart, da haben wir uns nämlich schon mal gesprochen. Da hatte ich ein Interview mit dir im Tourbus.

Ha, das ist doch eine kleine Welt!

Ich war nämlich damals schon Mansun-Nerd und ich werde dir ein paar Fragen über die Zeit stellen.

Schieß los!

Wobei du bestimmt mit vielen Autoren konfrontiert wirst, die dir sagen „Oh, ich LIEBTE Mansun.“ Ich hoffe, das langweilt dich nicht. Jetzt wo du doch endlich was Neues hast, sollten wir vielleicht nicht nur in der Vergangenheit rum wühlen.

Ach, schön und gut, die Trunnung der Band damals, das fühlte sich schon an wie eine Scheidung. Aber so wie sich das entwickelt hat, dass zum Beispiel die Fans die jährliche Mansun Convention veranstalten – das führt dazu, dass ich der Sache sehr positiv gegenüber eingestellt bin. Ich bin glücklich, dass Mansun weiterhin die Lieblingsband von vielen Leuten ist, im UK sogar von vielen jungen Leuten. Wie sind damals ja wirklich plötzlich weg vom Fenster gewesen. Aber jetzt gibt es diese Fantreffen! Neulich habe ich Dinge aus der Zeit für wohltätige Zwecke versteigert und die Resonanz war enorm! Mich freut das – klar, ich habe jetzt die Solokarriere und will mich als Künstler vorwärts entwickeln. Aber ich werde auf den kommenden Shows trotzdem natürlich auch Mansun-Songs spielen.

Du hast die Fan-Conventions angesprochen. Das muss doch extrem schmeichelhaft sein, dass es die gibt. Ich meine, es gibt keine Bluetones-Conventions. Es gibt nicht mal Pulp- oder Verve-Conventions!

Ja, die Fans sind ganz schön Hardcore, das muss ich echt sagen. Aber hey, wir waren damals blitzschnell riesengroß, und dann ist auch genauso schnell alles vorbei gewesen. Wir hatten diese riesige Fanbase, für die es plötzlich nichts mehr gab, keine Konzerte mehr, die sie besuchen konnten. Nächstes Jahr wird die Convention in London sein, die 2019-er Convention soll sogar in Tokio stattfinden! Wie gesagt, ich stehe der ganzen Sache extrem positiv gegenüber. Ich verdrehe nicht die Augen und sage „Uh, was machen die Fans da?“ Hey, wir waren ihre Lieblingsband! Und sie waren Teenager! Prince! Prince ist mein Lieblingskünstler aller Zeiten! Wenn nächste Woche in meiner Heimatstadt eine Prince-Convention stattfände, dann würde ich da auch hingehen! Ich finde das ganz toll!

Hast du jemals eine dieser Conventions selbst besucht oder ist das zu schräg? Von den Massen so angehimmelt zu werden?

Also, der NME, die britische Musikzeitung, wollte ein Interview mit mir machen, auf einer dieser Conventions. Ich war nicht wirklich auf der Convention, aber backstage. Ich warf einen kleinen Blick ins Innere, aber da kamen mir gleich mehrere Typen entgegen, die aussahen wie ich. Ich kam mir vor, als wäre ich R2D2, der die Star Wars Convention besucht, das war mir ein bisschen zu schräg.

Die Zeit nach Mansun: Ich habe gelesen, dass du in den ersten Jahren auch aus medizinischen Gründen nicht in der Öffentlichkeit unterwegs warst. Du hattest einen Krebs – und zwar im Finger? Habe ich das richtig verstanden? Denn von einem Fingerkrebs habe ich noch nie gehört. Kannst du mich da ins Bild setzen?

Also, der Name dafür ist Bowen-Karzinom. Es ist eine Form des Hautkrebs. Die sich halt zufällig an meinem Finger befand. Das war ganz am Ende der letzten Mansun Aufnahme-Sessions. Es war einer der Gründe, weswegen ich entschied, zu gehen. Aber ich wurde durch Bestrahlung geheilt, das ist alles in Ordnung. Klar, aber damals war ich durchaus krank und das war eins der vielen Elemente, deretwegen die Sache aufs Ende zusteuerte.

Das heisst, die ganze Sache ist verheilt, sie stört dich nicht beim Gitarrespielen, es musste nie was amputiert werden oder so.

Nein, nein. Damals gab es den Moment, wo man mir den Finger abschneiden wollte. Aber da habe ich gleich gesagt: „Keine Chance, das ist mein Lebensunterhalt!“ Also, die letzte Mansun-Tour, da tat es höllisch weh. Damals hatte ich gerade eine Bestrahlungstherapie hinter mir. Da spielte ich wirklich unter unglaublichen Schmerzen. Ich habe es durchgestanden, aber damit war’s das für mich damals, wirklich. Da hatte ich echt genug. Und Mansuns Zeit war einfach abgelaufen.

Ach so, ich dachte, der Krebs sei erst nach dem Ende der Band aufgetaucht.

Nein nein, das war während der Aufnahmen am letzten Album.

Trotzdem muss es dir doch echt Angst gemacht haben. Ich meine, es ist eine Begegnung mit dem Tod.

Ja, so war’s. Was damals echt nervenaufreibend war: Die Ärzte waren sich nicht sicher, ob der Krebs sich im Körper ausgebreitet hatte. Ich gehe immer noch regelmäßig zu Gesundheitschecks. Aber zum Glück war das wohl nicht der Fall, der Krebs hat sich bisher nicht wieder gezeigt.

Hat diese Erfahrung sich auch auf deine Songs ausgewirkt, hast du etwas darüber geschrieben? Ich meine, schon auf „Six“ gab es einen Song namens „Cancer“ 

Stimmt, das war wie eine Vorahnung, was? Na, den Song hätte ich mal besser „A Hundred Years Of Health“ genannt! Aber auf die neue Platte hat diese Erfahrung nicht gefunden. Die Dinge, die zu Mansuns Auflösung geführt haben, waren persönlicher Natur, und das sind die Dinge, über die ich auf der Platte singe. Nicht das Bowen Karzinom, das ist mir wurscht. Das war damals nur ein weiterer Faktor von vielen.

Und wenn ich das richtig verstanden habe, hast du dich in den ersten Jahren nach der Trennung erst mal völlig aus der Musik raus gehalten? Hattest du sowas wie einen Writer’s Block?

Nun, nach der Trennung von Mansun arbeitete ich erst mal als Autor und Producer, zum Beispiel machte ich das zweite Soloalbum von Skin von Skunk Anansie. Dann stellte ich ein Boxset aus unveröffentlichtem Material von Mansun zusammen, das dauerte auch mehrere Monate. Und dann setzte ich mich hin, um mein Soloalbum für die EMI zu machen. Aber ob man das jetzt Schreibblockade nennen will – ich glaube, ich hatte einfach einen Burnout. Und die damalige musikalische Landschaft, da passte das einfach nicht rein, was ich machte. Also sagte ich mir: Ich habe in London mein eigenes Studio, ich werde jetzt erst mal für andere Künstler schreiben und produzieren. Ich habe nie aufgehört, Musik zu machen. Aber die Öffentlichkeit nimmt mich erst jetzt wieder wahr, weil ich halt mein Soloalbum rausbringe.

Dass du mit Skin gearbeitet hattest, habe ich noch mitbekommen. Aber nicht, dass du danach weiter aktiv warst. Mit welchen Musikern hast denn zum Beispiel gearbeitet? 

Mit Steven Wilson.

Aaach.

Ja, wir sind eng befreundet. Ich mag ihn wirklich gerne. Als dann später wieder Angebote für ein Soloalbum bei mir eintrafen, war er auch der erste, den ich zu Rate zog. Wir gingen essen und er meinte: Mach das! Wir haben auch einen gemeinsamen Song gemacht, auf meiner ersten EP. Steven hat mich auch gefragt, ob ich auf seiner neuen Platte spielen würde, also spiele ich die Synthies auf dem ersten Song seiner neuen Platte. Dann gibt es noch ein paar Tracks, an denen wir gemeinsam gearbeitet haben, wir überlegen, eine EP daraus zu machen. Wir haben auf jeden Fall ziemlich eng zusammen gearbeitet.

Dass du und Steven heute auf der gleichen Plattenfirma seid, das ist mir schon aufgefallen. Da wollte ich schon fragen, wie es dazu kam.

Steven hat sie vorgeschlagen, das war sein Tipp. Es lief damals so ab: Bei einer Mansun Convention wurden meine ersten zwei Solostücke vorgestellt. Die Resonanz war, dass die Tageszeitung Guardian und der NME daraus gleich die „Single Of The Week“ machten. Daraufhin kriegte ich auf einmal lauter Angebote von Plattenfirmen, Sony, Universal… aber ich wollte nicht wirklich zurück in diese Welt der großen Labels. Also traf ich mich mit Steve und fragte ihn über sein Label aus – und er legte mir KScope sehr ans Herz, also machte ich meine erste Soloplatte jetzt mit ihnen.

Das muss sich aber gut angefühlt haben, dass die Reaktion auf die ersten Solosongs so enorm waren. Damit hast du nicht gerechnet, oder?

Nein, ich rechne mit gar nichts, Ich lebe von einem Tag auf den nächsten und eigentlich bin ich der Typ, der immer erwartet, dass morgen alles in sich zusammenstürzt. Im Moment aber läuft tatsächlich alles ganz gut.

Was ja irgendwie schräg ist: Weil ich als Fan dich so mit Mansun assoziiere, sehe ich einen Songtitel wie „You Don’t Really Know Someone, Until You Fall Out With Them“ und denke automatisch: „Oha, geht es wohl um die Trennung der Band?“ Dabei ist das jetzt 13 Jahre her. Viel wahrscheinlicher ist, dass du über deine letzte Beziehung singst. 

Da kann ich dir ganz geradeheraus sagen: Die Texte für dieses Album zu schreiben, das fiel mir viel leichter im Vergleich zu allen anderen Alben. Als ich sie runter schrieb, in längerer Ausführung, da war es quasi ein einziger fortlaufender Gedankengang. Das war etwas, das sich so lange in meinem Hinterkopf aufgestaut hatte – die Trennung von Mansun, die Animositäten, die Verletzungen, durch die wir alle durch gingen… es war ein kathartischer Vorgang, das alles raus zu lassen. Das ganze Album ist quasi ein Kursbericht meiner emotionalen Stabilität, beginnend in der Zeit, als ich Mansun verließ, bis zu dem Moment, als durch die Sache durch war und ich auf der anderen Seite wieder als Mensch ankam.

Na, das erklärt Songtitel wie „Friends Make Best Enemies“ und „Jealousy Is A Powerful Emotion“.

Ja, da muss man wirklich nicht besonders lange drüber nachdenken, um zu ahnen, worum es geht.

Ach! Und ich dachte, das bin ich, der das alles auf die Band projiziert!

Nein, es geht buchstäblich so ziemlich alles um meine Erfahrungen bei der Trennung einer Rockband. Die habe ich irgendwann mal gesammelt nieder geschrieben, und das ist es auch. Naja, es war nun mal das Wichtigste in meinem Leben.

Das verstehe ich. Aber du hast ganz schön lange gebraucht, um das zu verarbeiten, das merkt man.

Ja. Also die ersten Jahre, als ich mich mit anderer Studioarbeit beschäftigte, da habe ich das noch lange einfach verdrängt. Aber mich dann eines Tages hinzusetzen und alles runter zu schreiben, das war letztlich die beste Therapie. Wer sich auskennt mit Therapie, der weiss, dass diese Art Verarbeitung eine zeitaufwändige Sache ist. Es dauert, bis der Kopf das erledigt hat.

Nun war es so, dass Mansun immer auch eine witzige Note hatten, nehmen wir mal den Song „Stripper Vicar“. Wenn du jetzt so einen Song wie „Friends Make Best Enemies“ schreibst, ist da auch noch ein bisschen Parodie dabei, ein bisschen Übertreibung?

Nein, gar nicht. Nein. Nein, das kannst du 100% ernst nehmen, haha. Also, textlich ist diese Platte  wirklich sehr viel düsterer als alle anderen Alben, die ich machte. Mal abgesehen vom letzten Song „The Inner Wheel“. Der ist ein bisschen lustig.

Ich hatte nach Parallelen gesucht. Der „Stripper Vicar“ zum Beispiel damals: „He’s wearing plastic trousers“. Und auf der neuen Platte gibt’s auch ein „Who’s Wearing The Trousers“.

Ja, hmmm. Tja „Who’s Wearing The Trousers“ klingt als Titel vielleicht ganz lustig, aber es ist schon ein sehr ernst gemeinter Song. Ich würde die beiden Lieder nicht verbinden.

Auf dem Song hören wir übrigens ein extrem sonderbares Geräusch und ich habe keine Ahnung, was das ist. Was gibt’s dazu zu erzählen?

Das ist ein TC Electronic Fireworx.

Ist das ein Keyboard, ein Synthesizer?

Nein, einfach nur ein Effektgerät. Unsere Idee war einfach: Lasst uns die aller-nervtötendste, melodiefeindlichste Sequenz mitten rein platzieren in diese Platte und schauen, ob wir damit durchkommen.

Ihr habt absichtlich ein nerviges Geräusch verwendet.

Ja! Aber lustigerweise ist das für viele ihre Lieblingsstelle! Alle, die die Platte gehört haben, sprechen mich drauf an!

Also, sie ist jeden Fall mal auffällig, diese Stelle. Man braucht aber einen Moment, um sich damit anzufreunden.

Ganz genau! Beim ersten Mal sagt man: „Das ist ja nicht mal Musik!“ Aber wenn man sie ein paar Mal gehört hat, mag man die Stelle sogar.

Mansun waren natürlich zu viert. Du warst der Hauptsongwriter, aber am Ende waren bestimmt alle darin involviert. Ist es für dich heute leichter, ohne Gegenstimmen dein Ding zu 100% durchzuziehen, oder vermisst du auch das kreative Feedback? 

Oh, es ist SO viel leichter! Es nicht drei anderen Leuten Recht machen zu müssen! Mir ist das jetzt viel, viel lieber.

Was, findest du heute, macht einen guten Song aus? Was versuchst du rüber zu bringen?

Ach, als ich jünger war, da war ich so besessen vom Thema Songwriting! Ich las alle Bücher zu dem Thema, ich probierte jeden Akkord aus – heute arbeite ich einfach nur mit dem, was spontan aus mir heraus kommt. Wobei, wie gesagt, beim letzten Song „The Inner Wheel“, da verändere ich bei jedem zweiten Schlag im Takt die Akkorde. Und wenn irgendjemand Ahnung von dem Thema hat: Das ist die schwierigste Aufgabe, die ein Songwriter sich stellen kann. Aber wenn du das hinkriegst, dann bist du ein guter Songwriter.

Okay, da muss beim nächsten Mal genauer drauf achten. Die nächste Frage meiner Liste ist eigentlich schon beantwortet. Ich hätte fragen wollen: „Politisch sind zuletzt schräge Dinge passiert – findet sich auch dazu eine Art Kommentar auf der Platte?“ Wir haben aber ja schon festgestellt, dass das Album quasi vollständig um die Nachbearbeitung des Mansun-Fallouts geht. 

Ja, das stimmt. Da ist die Platte sehr eingeschränkt. Aber ich kann dir meine politische Meinung natürlich gerne sagen. Zuerst mal: Ich wollte die EU nicht verlassen, ich bin pro-Europa, aber tja, das ist jetzt passiert.

Jetzt, wo du das Mansun-Verarbeitungsalbum fertig hast, über was schreibst du heutzutage? Jetzt, wo du das hinter dir hast?

Zu Zeit arbeite ich am zweiten Anchoress-Album, an ihrem Debüt habe ich vor der Soloplatte gearbeitet. Dieses Album produziere ich gerade und ich schreibe daran mit, weswegen meine Gedanken sich gerade erst anfangen, sich mit meinem zweiten Album zu befassen. Textlich… ich weiss es noch nicht. Du hast Recht, unsere erste Mansun-Platte hatte Comedy-Einflüsse, unser zweites Album hatte all die Literatur-Einflüsse, die neue Platte geht über meine Gedankenwelt in der Zeit, als ich Mansun verließ. Das heisst, ich muss auf jeden Fall wieder ein neues Thema suchen, über das ich etwas zu sagen habe. Wenn man nichts hat, über das es einen antreibt zu singen, ist es schwierig. Wenn man aber was zu sagen hat, dann macht es die ganze Sache sehr viel leichter. Bei diesem Album gab es eine Menge Dinge, die ich zu sagen hatte. Deswegen fiel mir das Schreiben der Texte so leicht. Für die nächste Platte werde ich daher in mich gehen müssen und ein neues Thema finden müssen, das mich genauso antreibt, bevor ich mich an die Texte setze.

Es kann ja gut sein, dass sich das ganz von selbst ergibt.

Ich habe auch noch eine Menge übrig von den Aufnahmen fürs erste Album, vielleicht landet davon auch was auf Nummer zwei.

Wie ist denn heute dein Verhältnis zu den anderen Mansun-Mitgliedern? Klar, eure Trennung lief sehr negativ ab, aber wenn ihr euch heute in der Straße treffen würdet, würdet ihr dann sagen: „Hey, jetzt gehen wir auf einen Drink“?

Nein, so weit sind wir noch nicht. Ich und Andy, der Drummer, wir gehen manchmal ein Glas trinken. Aber dass alle vier Mansun-Mitglieder mal gemeinsam in einem Pub sitzen werden? Das bezweifle ich. Es ist nicht ausgeschlossen, man soll nie Nie sagen. Aber ich kann’s mir nicht vorstellen.

Als nächstes geht es für dich auf Tour…

Ja, erst mal nur im UK. Wir haben erst mal nur sechs Konzerte bekannt gegeben, nur um zu sehen, wie die Nachfrage ist – und die waren sofort ausverkauft. Also legen wir im Februar noch mal 15 Shows nach. Jetzt kriegen wir Anfragen aus China, Japan, Australien… Europa bisher nicht so. Tja, das hängt jetzt davon ab, wie gut dein Artikel wird, ob sie uns nach Deutschland einladen. Aber wenn man uns einlädt, komme ich! Ich käme sehr gerne und würde gerne eine gescheite Tour spielen, aber es wird davon abhängen, wie viele Platten wir dort verkaufen, schätze ich mal.

Ja, leicht wird das nicht. Es war ja damals schon so, auch als Mansun im UK so richtig riesig waren. Auch damals hat Deutschland nicht so richtig gepeilt, worum es bei Mansun geht.  

Tja, wir waren nicht oft dort Eine kleine Clubtour, die Support-Shows mit den Manics, eine kleine Promotour – wir haben Deutschland nie besonders intensiv bearbeitet. Aber vielleicht ändert es sich diesmal? Vielleicht kriegen wir diesmal etwas mehr Presse, etwas Radio? Die Zusammenarbeit mit Steven Wilson könnte etwas bewirken, er ist doch ziemlich groß in Deutschland, richtig? Also ich sage: Ich würde total gerne eine Deutschlandtour machen. Aber ob das passiert, das hängt von anderen Leuten ab.

Du wirst natürlich eine Liveband um dich geschart haben.

Ja, wir proben schon fleißig.

Machst du dir da auch ein bisschen Sorgen? Nach den Erfahrungen, die du mit Mansun gesammelt hast? Dass der Tourkoller einsetzt?

Also, als wir den Vorverkauf begonnen haben, da machte ich mir Sorgen. Aber als die Tickets sofort ausverkauft waren, da war ich wieder locker.

Trotzdem, wenn du das vor dir siehst, 15 Tage on the road mit Band – worauf freust du dich am meisten – und wovor hast du ein bisschen Horror?

Das kann ich nicht beantworten – ich habe wirklich kein Ahnung, wie man mich wieder aufnehmen wird! Ich meine, Mansun waren zu ihrer Zeit auch eine Popgruppe, viele Fans waren Teenager. Ob diese Leute heute wohl noch körperlich in der Lage sind, eine Moshpit zu starten? In einem dampfend heißen Raum? Vielleicht sind heute alle mehr zurückhaltend und sie lauschen einfach nur den Liedern und klatschen danach. Ach, zweischneidige Sache. Auf einige Sachen freue ich mich total, auf andere weniger. Die Vorstellung, mehrere Wochen in einem Sprinter-Bus übers Land zu fahren, das ist keine Sache, wegen der ich vor Freude ausflippe, das muss ich zugeben. Aber wenn ich erst mal auf der Bühne stehe und der erste Song gespielt ist – ab da werde ich mich freuen.

Jetzt hast du schon gesagt, dass du auch Mansun-Songs spielen wirst. Obwohl das ganze Album sich damit befasst, wie negativ alles war. Wird es da nicht schräg, trotzdem alte Songs rauszuholen.

Na, der Fokus liegt schon darauf, dass es vorwärts geht. Das muss ja so sein, es geht ja um den künstlerischen Fortschritt. Das Set besteht zum größten Teil aus dem neuen Album und Songs von den Solo-EPs. Ich werde nur so drei Mansun-Songs etwa spielen, mehr nicht. Na, und ich bin natürlich auch stolz auf die alten Lieder und will den Fans was Gutes tun. Aber zu viele alte Songs sollen’s nicht werden.

Du warst jetzt aber ganz schön lange auf keiner Bühne mehr. Kommt da nach so langer Zeit wieder Lampenfieber auf?

Ach nö – Lampenfieber ist echt nichts, womit ich mich aufhalte. Jetzt bin ich bis hierher gekommen, da werde ich nicht wieder einpacken, weil plötzlich Lampenfieber ausbricht. Das kriegen wir schon hin.

Wann warst du denn das letzte Mal auf einer Bühne?

Das war eine Protestshow, als das Astoria schließen musste, ein traditionsreicher Club in London. (Ein bisschen Googlen ergibt: Das war 2009!) Später spielte ich noch mal ein paar Shows mit The Joy Formidable, einer walisischen Indierockband. Ein paar Mal habe ich schon live gespielt in den letzten zehn Jahren.

Okay, ich bin so ziemlich durch mit meinen Fragen. Haben wir irgendwas Wichtiges ausgelassen? 

Hmmm – ach, ich glaube, wir haben so praktisch alles abgehakt!

Na, dann vielen Dank! Ich muss so ehrlich sein, zu sagen: Ich glaube, dass es in Deutschland noch mal was wird mit einer Tour, wird nicht leicht. Ich meine, selbst Mansun sind damals hier nicht wirklich durchgestartet.

Ja, ich weiss. Aber vielleicht schaffen wir’s nach Amsterdam ins Melkwerk, das ist ja nicht so weit weg von Deutschland.

Ja, vielleicht muss ich das einrichten. Jedenfalls freut es mich, dass du wieder am Start bist, ich habe ja schon erwähnt, ich war ein echter Mansun-Fanatiker. 

Das höre ich gerne – tja, vielleicht schaffst du es auf einen unserer kleinen Kontinentaleuropa-Termine.

Was mir gerade einfällt: Mein allererster Auswärtstermin, als ich gerade anfing als Musikjournalist – damals hatten die Labels noch Geld und Journalisten wurden dauernd nach England geflogen – mein allererster Auslandstermin 1997 ging nach Bristol, um Mansun zu sehen. 

Kannst mal sehen!

Ja echt! Ich hab’ History mit euch.

War’s eine gute Show in Bristol?

Ja, Travis waren eure Vorband! Naja, jedenfalls, schön dich zurück zu haben! Alles Gute fürs Album!

Vielen Dank, das ist sehr nett! Bye!

Bye!

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