Review: The Creases

The Creases – „Tremolow“

Achtung! Bevor ich über diese sehr gelungene, lebhafte Britpop-Platte aus (wo sonst) Australien schreibe, werde ich mal wieder ausholen.

Zu meiner Entschuldigung: Ich bin nun mal ein Kind der 70er, ein Teenie der 80er und war als Twentysomething bewusster Anhänger des Britpop. Darauf bin ich geprägt und darin bin ich gefangen. Als ich zum Beispiel mein Abi machte, da gab’s The Smiths, Pixies, The Cure, The Stone Roses, Ride. Diese Frisuren und Attitüden waren und bleiben für mich der Zenit dessen, was cool bedeuten konnte und kann. Das waren meine Rebellen. Meine individualistischen, stylischen, kunstbeflissenen, smarten Rebellen. Aber vermutlich ging die Prägung schon in Kindeszeiten los, weil die Beatles-Filme „Help“ oder „Yellow Submarine“ oft genug im Fernsehen kamen. Vier Jungs mit Gitarre, Gitarre, Bass und Drums sind für seitdem für mich die ewige Verkörperung von Nonkonformismus, Expression, Freundschaft, Zusammenhalt, Aufmüpfigkeit und vom Glauben, dass man gemeinsam etwas schaffen kann, das man alleine nicht schafft.

Deswegen beschleicht mich ein ungutes Gefühl, wenn ich sehe, dass heute gefühlt nur noch Solisten unterwegs sind. Ob jetzt Singer/Songwriter, Electronic Landfill-Producer, Rapper, egal. Alles selbstzentrierte Egomanen: MEINE Gefühlswelt, MEIN Kopfkino, MEINE Selbstdarstellung! Ich bilde mir ein, dass diese Solo-isierung der Musiker schon irgendwie symptomatisch steht für die Jeder-für-sich-isierung einer Welt, in der jeder sich selbst über alles und alle anderen stellt, seinen Profit über das Wohl der Allgemeinheit. Dafür, dass wir verlernen, gemeinsam zu arbeiten.

Deswegen sehe ich gerne Bands. Außerdem mag ich Songs.

Na gut, wer meinen Blog regelmäßig liest, hat diese meine Bedenken schon wiederholt gelesen. Diese/r Leser/in denkt sich jetzt „Ach, der verknöcherte Heini und seine Thesen wieder!“ Vielleicht bin ich einfach offiziell an dem Punkt, dass ich zu den Alten gehöre und über „diese Jugend“ schimpfe? Neulich zum Beispiel, da gab’s so nen Moment, da wartete ich am Kleinstadtbahnhof meines Heimatortes im Allgäu auf den Zug nach München und ein Grüppchen Teenager beschallte den ganzen Gleisbereich mit dämlichem, dümmlichem, deutschen Macho-Hiphop aus der Bluetooth-Boombox. Mal abgesehen davon, wie wenig Pusher-Rap ins beschauliche Oberallgäu passt – in dem Moment wusste ich, ja, es ist so weit. Ich finde Kids von heute oft einfach scheiße.

Andererseits fiel mir auf: Hey, ich fand ja als Kid auch schon die meisten anderen Kids scheiße! Ich meine, in den 80ern hörten die Kylie Minogue und Bon Jovi! Es ist also einfach mein Ding, die meisten Dinge des Mainstream kacke zu finden. Hollywood-Blockbusterkino mit all seinen idiotischen Superhelden ja auch. ZDF-Fernsehfilme ja auch. McDonalds ja auch. Ich mag es, meine Nische zu haben, in der’s mir schmeckt und in der ich mich wie was Besseres fühlen kann.

Was hat das alles mit The Creases zu tun, Henning?

Naja, ich wollte noch mal die Ausgangsposition verdeutlichen. Ich liebe Indiegitarrenbands und wofür sie stehen. Es besorgt mich, dass Kids heutzutage nur noch selten Bands gründen wollen. Was ja niemanden wundern sollte, die Beatles sind ein über 55 Jahre altes Rollenmodell, die Sex Pistols ein 40 Jahre altes. Es wäre kein Wunder, wenn sich das überholt hätte. Ist es nicht klar, dass die Kids von heute Nimo sein wollen und nicht John Lennon? Brr, eine schaurige Vorstellung!

Aber dass sich gar keine Bands mehr gründen, das stimmt ja auch nicht. Denn es gibt sie ja, die Ausnahmen. Da bringen dann vier Jungs aus Brisbane, die ausschauen, als gingen sie noch auf die Schule, so eine richtig klassische Indiepop-Platte raus. Wenn sowas passiert, dann freut mich alleine die Tatsache, dass es passiert.

Wir haben The Creases ja hier schon länger im Auge. 2013 veröffentlichten sie ihre erste Single „I Won’t Wait“, die gleich für Aufmerksamkeit sorgte, sogar im UK Wellen machte. 2014 gab’s die sehr gute EP „Gradient“ mit dem Strokes-esken Ohrwum „Static Lines“. Wenn man sich Creases-Sänger Joe Agius anschaut, der immer noch wie 18 aussieht, fragt man sich, ob die Boys damals wohl 14 waren. Anyway, seitdem tröpfelten weitere Singles ein: „Point“ (2015), „Impact“ (2016) und dieses Jahr „Everybody Knows“, „Is It Love“ sowie zuletzt „In My Car“. Alle die Singles ab „Point“ finden sich auf „Tremolow“.

All diese Songs waren sehr ordentlich. So richtig feine, schmissige Gitarrenohrwürmer. Ein unvergesslicher Knüller war keiner, aber alle waren echt sehr okay. Die anderen Songs des Albums halten diesen Level. Und das reicht mir.

Es sollte mir nicht reichen, ich weiss. Auch und gerade als festgefahrener Indie-Nerd sollte ich dieses Album kritischer zerpflücken. All das bemängeln, was alles nicht eben originell ist. Wenn ich zum Beispiel Blur in der Leisure-Ära gemixt mit Teenage Fanclub („At Last You Find“) wieder erkenne, den Chart-New Wave von The Cars („It’s Alright“) oder einfach ganz generischen Indiepop, wie ihn Bands wie The Drowners und 485c machen („Do What You Wanna“). Ich könnte bemerken, dass sogar all diese Songtitel irgendwie austauschbar sind und nicht hängenbleiben – was ja letztlich andeutet, dass man die Texte vernachlässigen kann. („Richtige“ Indie-Songtitel tragen Namen wie „November Spawned A Monster“, „Monkey Gone To Heaven“ oder, um ein aktuelleres, ebenfalls aus Brisbane stammendes Beispiel zu nehmen: „Icecream On My Own“. Titel, die sofort andeuten, dass es um mehr geht als um unschlüssiges Aufarbeiten von Ex-Beziehungen.)

Aber ich habe mich entschieden, all diese Mäkeleien nicht gewinnen zu lassen. Denn grundsätzlich überwiegt bei mir die Freude über diese Platte. Weil hier gewitzte Kids das Richtige tun: Gute, peppige, aufgeweckte Gitarrensongs schreiben. Denn auch wenn The Creases niemals aus dem Indiepop-mit-Synths-Rahmen ausbrechen, bleiben sie innerhalb ihres Spielfeldes abwechslungsreich genug, dass sie nie langweilen: Der melodische Opener „Answer To“. Der stampfende Beat von „Everybody Knows“. Der Synthie-Schub von „In You Car“. Der rasante Abschiuss „Something’s Gotta Break“.

The Creases folgen einer Plattensammlung, in der The Kooks stehen, The La’s, The Charlatans, The Strokes und die Sixties-Klassiker. Wer eine ähnliche Sammlung führt, kann „Tremolow“ dort mit gutem Gewissen integrieren. Nicht, weil The Creases das Rad neu erfinden, aber weil ihr Album einfach eine runde Sache ist.

2 Kommentare zu „Review: The Creases“

  1. Herrlich..: „..in dem Moment wusste ich, ja, es ist so weit. Ich finde Kids von heute oft einfach scheiße.“

    Ich musste sehr lachen gerade beim Lesen.. und gerade auch wegen der „Vorgeschichte“ eine ziemlich grandiose Besprechung..

    Von der Band hatte ich übrigens noch nie gehört..

    Danke hierfür, schönen Sonntag & viele Grüße
    Jens

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s