Bin There, Done That

Es gab‘ ne Phase im Postgrunge der frühen bis Mitt-90er, da gehörte es zum guten Ton, sich selbst zu beschimpfen. „I’m a Loser, Baby“ sang Beck. „I’m a Creep, I’m a weirdo“ klagten Radiohead. Wheatus moserten „I’m just a Teenage Dirtbag, Baby“.

Es scheint, als nimmt dieser Sound und diese Weltsicht auf die Dinge down under gerade wieder Fahrt auf. Oder ist es Zufall, dass ich alleine in der letzten Woche erst das sehr Weezer-eske Album des Neuseeländers Kane Strang (u.a. mit dem Refrain: „Kill me now, don’t think twice…“), dann das LoFi-Sparklehorse-ige Debüt von Brightness besprach und jetzt Melbournes Tiny Little Houses auf ihrer neuen Single ebenfalls in diese Kerbe schlagen? Ihr Sänger Caleb Carvountzis putzt sich darauf mit den Worten „I’m a Garbage Bin“ runter. Das ist okay, aber die großen Versprechen, die Tiny Little Houses 2015 mit ihrer Single „Easy“ machten, lösen sie damit nicht wirklich ein.

Vinterview: HAIM

Morgen erscheint nach fast vier Jahren Wartezeit das zweite Album des kalifornischen Schwesterntrios HAIM. „Something To Tell You“ wird das gute Stück heißen. Which reminds me: Ich hatte auf meinem alten, inzwischen abgeschalteten Blog ein Interview mit Bassistin Este. Ein guter Anlass, die Festplatte zu durchsuchen und das Gespräch hier in der Kategorie „Vinterview“ online zu stellen. Nach dem Break also: Der Originaltext von Herbst 2013 anlässlich ihres Debüts „Days Go By“.

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I’ve got a good feeling about this…

Musikalisch machen Francobollo aus Lund, die inzwischen in London leben, nicht unbedingt was Neues. Andere schwedische Vorläufer wie Laakso oder Niccokick haben genau diesen Sound schon vorgeführt: Purzelbaum schlagende Indiegitarren und ein Sänger, der gerne mal den derangierte-Krähe-Modus anschaltet und dabei alle Tonleitern loslässt.

Was man ihnen aber lassen muss: Ihre Videos sind echt komplett durchgeknallt. Auch der Clip zur aktuellen Single „Worried Times“ muss gesehen werden!

C’mon Billions

Es ist jetzt auch schon fünf Jahre her, dass sich The Soundtrack of Our Lives getrennt haben. Auch wenn an psychedelischem Gitarrenpop in der Zwischenzeit kein Mangel herrschte, so hat diesem Planeten dennoch die schräge Weltsicht von Ebbot Lundberg irgendwie gefehlt – denn seien wir ehrlich, er machte zwar fleißig Soloalben, aber die wurden außerhalb Schwedens praktisch nicht wahrgenommen.

Jetzt aber horcht auch der Rest der Welt wieder auf, denn Ebbot ist Frontmann einer neuen Band – und das ist praktisch eine Supergroup. Mit an Bord bei 5 Billion in Diamonds – ein Name wie eine unerfüllbare Lösegeldforderung – sind nämlich Garbage-Drummer und 90s-Starproducer Butch Vig (Nirvanas „Nevermind“), UK DJ James Grillo, Producer Andy Jenks, Gitarrist Alex Lee (Strangelove, Suede), Bassist Sean Cook und Drummer Damon Reece (beide u.a. Spiritualized) und Gesang von Helen White (Alpha), Sandra Dedrick (The Free Design) sowie David Schelzel (The Ocean Blue).

Durch Ebbots Gesang ist TSOOL natürlich die erste Assoziation, die sich beim Hören aufdrängt. Allerdings, 5 Billion In Diamonds sind zweifellos poppiger. Die Tatsache, dass hier DJs und Chart-Producer mit am Werk sind, bedeutet, dass so manches, was bei Soundtrack schroff oder schräg gewesen wäre, geglättet wird und dass wir bei den Gitarren Loops statt Livetakes zu hören kriegen. Was der Sache aber nicht schadet – es soll ja gar nicht 1:1 wie Ebbots alte Band klingen, sondern wie was eigenes.

Das aktuelle Video heisst: „I’m Becoming You“

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Review: Brightness

Brightness – „Teething“

Die englische Sprache, das muss man sagen, hat ja schon ein paar prima Ausdrücke. „Teething“ kann man 1:1 gar nicht ins Deutsche übersetzen. Klar, auch wir haben „Zahnen“ als Beschreibung für den Zeitraum, in dem ein Kleinkind seine ersten Beißerchen kriegt. Aber wir benutzen’s nicht wie die Briten im übertragenen Sinne, oder doch?

Wenn jemand seine ersten Schritte macht, sagen wir, ähem, „Jemand macht die ersten Schritte.“ Zahnen aber ist ein unangenehmer, durchaus schmerzhafter Prozess, und dieser Beigeschmack fällt bei bloßen „ersten Schritten“ weg. Zahnen bedeutet eine frühe Übergangsphase, durch die man leider durch muss, aus der man aber gestärkt hervorgeht. „Teething problems“ sind entsprechend im Englischen ein feststehender Ausdruck für die nötigen Anlaufschwierigkeiten, die manchen Dingen nun mal innewohnen.

Wenn uns also ein Singer/Songwriter seine erste EP bzw Minialbum (das Teil hat 9 Tracks, davon zwei kurze Instrumentals, insg. ca 29 Minuten Spielzeit) unter dem Namen „Teething“ präsentiert, dann sagt er uns: „Okay, ich weiss, dies sind meine ersten, vielleicht noch ungelenken Gehversuche“. Aber er sagt uns auch, dass er hierauf aufbauen will und künftige Releases vermutlich mehr Spielraum, Bandbreite und Erfahrung aufweisen werden.

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Review: Kane Strang

Kane Strang – „Two Hearts And No Brain“

Es ist natürlich blöd, einen Text über ein Album damit zu beginnen, wie’s nicht klingt. Aber neulich stieß ich auf einen Artikel, in dem bestimmt drei, vier Mal der Vergleich Elliott Smith fiel. Was meiner Meinung nach Quatsch ist. Elliott Smith, das bedeutet: Extrem komplexe Songs, verzwickte Tunings der Gitarre, flatterige Leichtigkeit und ungewöhnliche Rhythmen (immer mal wieder Walzer) – und im Text sehr empfindsame, regelrecht poetische Formulierungen.

Für den jungen Neuseeländer Kane Strang, dessen zweite Platte prima ist (dieser „er ist nicht Elliott Smith“-Start ist nicht gegen ihn gerichtet, nur gegen die Laus, die mir beim Lesen jenes Artikels über die Leber gelaufen ist), gilt all das nicht.

Im Gegenteil. Die Songs: Meistens im Midtempo in extra straighten 4/4 Skischuh-Beats durchgezogen, an denen sich auch die Instrumente orientieren. Die Texte: Smart, gewitzt, aber halt nicht poetisch gedichtet. Die Single „My Smile is Extinct“ mag da ein Beispiel sein. Es ist die Story eines Typen, der von seiner Freundin betrogen wurde: „Yes you were the best I’ve ever had, I’ll say it to your face and I’ll say it to your dad“ singt Kane, um im Refrain, als die Lady ihm gestanden hat, „Kill me now, don’t think twice, I’ve heard that there’s a chance of an afterlife“ zu klagen. Das ist ja definitiv drollig formuliert, aber komplett unverklausuliert, hundertpro direkt. Elliott Smith hätte in der gleichen Situation nur Andeutungen gesungen.

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