Review: Brightness

Brightness – „Teething“

Die englische Sprache, das muss man sagen, hat ja schon ein paar prima Ausdrücke. „Teething“ kann man 1:1 gar nicht ins Deutsche übersetzen. Klar, auch wir haben „Zahnen“ als Beschreibung für den Zeitraum, in dem ein Kleinkind seine ersten Beißerchen kriegt. Aber wir benutzen’s nicht wie die Briten im übertragenen Sinne, oder doch?

Wenn jemand seine ersten Schritte macht, sagen wir, ähem, „Jemand macht die ersten Schritte.“ Zahnen aber ist ein unangenehmer, durchaus schmerzhafter Prozess, und dieser Beigeschmack fällt bei bloßen „ersten Schritten“ weg. Zahnen bedeutet eine frühe Übergangsphase, durch die man leider durch muss, aus der man aber gestärkt hervorgeht. „Teething problems“ sind entsprechend im Englischen ein feststehender Ausdruck für die nötigen Anlaufschwierigkeiten, die manchen Dingen nun mal innewohnen.

Wenn uns also ein Singer/Songwriter seine erste EP bzw Minialbum (das Teil hat 9 Tracks, davon zwei kurze Instrumentals, insg. ca 29 Minuten Spielzeit) unter dem Namen „Teething“ präsentiert, dann sagt er uns: „Okay, ich weiss, dies sind meine ersten, vielleicht noch ungelenken Gehversuche“. Aber er sagt uns auch, dass er hierauf aufbauen will und künftige Releases vermutlich mehr Spielraum, Bandbreite und Erfahrung aufweisen werden.

Nicht, dass Alex Knight, 28, ein unerfahrener Musiker wäre. Der aus dem australischen Örtchen Lake Macquarie stammende Liederautor, der sich hinter dem Pseudonym Brightness verbirgt, hat bereits sechs Jahre als Schlagzeuger in London gelebt. Keiner der Bands, mit denen er arbeitete, war jedoch der Durchbruch vergönnt. Irgendwann kehrte Alex zermürbt nach Australien zurück, um sich was Neues zu suchen. Zurück zu Hause begann er auch, etwas aus der Handvoll Songs zu machen, die er neben seinen Drummer-Jobs in London geschrieben hatte.

Brightness ist also ein Ein-Mann-Projekt, noch bedient Alex auf diesem Album (bis auf sporadische Guest Spots) alle Instrumente selbst. Auch wenn man heute auf dem Laptop bessere Aufnahmequalität erzielt als früher, so erinnert das doch zwangsläufig an LoFi-Songwriter mit Mehrspurgerät, wie sie in den 90ern zahlreich unterwegs waren: An Sparklehorse, Elliott Smith oder MacMcCaughans (Superchunk) Soloprojekt Portastatic. So nach dem Motto: Eine Tonspur für die akustische Gitarre, eine Tonspur für die sanft rauschige Gitarre, der Gesang geflüstert, nicht geschmettert. Dazu eine kleine, aber wohl bezeichnende Story: Die Single „Talk To Me“ sang Alex nachts im WG-Haus eines Freundes ein – extra leise, um nur ja keine Mitbewohner zu wecken. Einer der Mitbewohner besaß ein Kornett, das verwendete Alex dann gleich mal fürs Outro. Wir sehen: Dies ist keine aufwändige Studioproduktion, sondern eine intime Kleinarbeit, die Platz für glückliche Zufälle lässt.

Und weil ich gerade „intim“ sagte – natürlich lässt uns Alex hier tief in sein Seelenleben blicken. Passend zu einem Mann, der sich mit viel self-depricating humour in einer frühen Künstlerbio als „Fensterputzer aus Lake Macquarie, im Besitz eines 2001er Commodore Lumina mit eingedrücktem Fender auf der Fahrerseite“ bezeichnete, beschönigt Alex nichts. In „Oblivion“ singt Alex darüber „mitzuerleben, wie ein Mensch geistig verfällt und unfähig ist, etwas dagegen zu tun. Ich schrieb es in einer Phase, die man wohl am besten als ‚desorientiert‘ bezeichnen würde.“ Auch „Talk To Me“ geht um menschliche Schwäche und darum, „dass Unerfahrenheit nichts ist, wofür man sich schämen muss.“ Regelrecht wie ein Hilferuf wirkt „Holy John“ mit seinem Refrain „Stepfather, don’t look away!“ Man malt sich aus, dass Alex hier etwas verarbeitet, das ihm lange auf der Seele lag, was immer das war.

So haben wir nach 29 Minuten das Porträt eines intelligenten, einfühlsamen jungen Musikers, der schon mindestens ein mal geknickt wurde und seinen Neustart eher vorsichtig und nicht ohne eine gewisse Selbstironie angeht. Das Ergebnis sind fragile, zarte und spröde Songs, die Nähe zulassen und denen neben Melancholie auch Hoffnung und Schönheit innewohnt.

Auch wenn es gerade der Charme der Unsicherheit ist, der dieses Minialbum auszeichnet – wenn dies tatsächlich die „Teething“-Periode in Brightness’ Karriere ist, dann dürfen wir sehr gespannt darauf sein, wie Alex Knight mal mit Zähnen klingen wird. Mit Band im Rücken, als selbstsicherer, erfahrener Frontmann. Auf jeden Fall haben diese sieben Songs (und zwei Instrumental-Vignetten) die Substanz, um als Basis dafür dienen zu können.

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