Interview: Jason Isbell

…und noch ein umwerfender Künstler, den ich abhaken kann in meiner Liste der Leute, die ich unbedingt gesprochen haben wollte. Jason Isbell, aktueller Regent in Sachen Americana, Grammy-Gewinner und zweifellos spätestens seit „Southeastern“ auf einem absoluten Songwriter-Höhenflug. Freitag erschein sein jüngstes Album „The Nashville Sound“ – einmal mehr ein Meisterstück in Sachen klassischer amerikanischer Songkunst zwischen Poesie und Politik. Ich erhielt die Möglichkeit, den Kritiker- und Fanliebling anzurufen.

Hallo, Henning hier, piranha bzw Classic Rock Deutschland. Spreche ich mit Jason Isbell?

Ja, hier ist Jason.

Prima, dass das gleich so klappte. Wie geht’s?

Sehr gut, und dir?

Danke, gut – ich hatte einen faulen Tag. Hier in München ist es ja bereits Abend. Wo erreiche ich dich?

Ich bin zuhause, in Tennessee.

Und, wie ist Tennessee heute so?

Wunderbar! Meine kleine Tochter schläft friedlich, hoffentlich bleibt das die nächste halbe Stunde so. Wir haben gerade die eine Woche Frühling, die es hier im Jahr gibt, in der man es aushalten kann zwischen dem viel zu kalten Winter und dem viel zu heissen Sommer.

Also genau die Tage, von denen du im Song „Tupelo“ singst.

Das stimmt. Es ist immer nur eine kurze Phase, in der das Wetter echt angenehm ist. In wenigen Tagen wird die Hitze schon wieder drückend sein.

Zur neuen Platte – ich habe meine Fragen an die Songs angelehnt, denn ich glaube, die geben uns einen guten Einblick in deine Persönlichkeit. Sie erklären ziemlich genau: Wo bist du gerade, wie kamst du dort hin, was beschäftigt dich… 

Okay…

Aber zuvor eben: Diese Platte läuft wieder unter „Jason Isbell & The 400 Unit“. Ist es also ein Album, in das die Band mehr involviert war als bei den letzten beiden Alben?

Ja, ich denke, so ist das. Im Verlauf der Aufnahmen, nach ein paar Wochen, hörten wir uns an, was wir bis dahin erarbeitet hatten – und mir wurde in dem Moment klar, wie wichtig der Beitrag der Band war. Dass die Platte ganz anders klingen würde, wenn es nicht genau diese Typen wären, die diese Songs interpretieren – und das wollte ich damit würdigen.

Alles klar! Der erste Song ist „Last Of My Kind“ – und er behandelt ein Thema, das man als roten Faden in deinem Werk finden kann. Die Figur in dem Song ist jemand, der in der modernen Welt nicht mehr klar kommt und sich wünscht, die Welt würde wieder in einen früheren Zustand zurück kehren, als man sich noch gut darin auskannte. 

Ja, das kommt hin. Solche Dinge habe ich selbst erfahren, als ich erstmals aus der Provinz raus kam – und ein Teil von mir ist immer so geblieben, so ländlich und beinahe technikfeindlich. Aber ich denke, man muss die moderne Welt akzeptieren, wenn man in seinem Leben Frieden und Zufriedenheit finden will. Andernfalls wird man nur frustriert und verwirrt enden – tja, und über diesen Teil meiner Persönlichkeit habe ich geschrieben.

Ach, der Text geht über dich selbst? Ich hätte gedacht, hier singst du in der Rolle einer dritten Person. Jemand, den du dabei beobachtet hattest, wie er mit dem Fortschritt nicht Schritt halten kann. 

Es ist ein bisschen beides. Das ist ja das Schöne am Songwriting – man muss da keine Linie ziehen, ob man über sich selbst redet oder über jemand anderen. In der Literatur muss man dass, da trennt man zwischen Fiktion und Non-fiction, zwischen Romanen und Dokumentationen. Bei Songs muss man dies nicht trennen. Im Songwriting kann man das mischen, auf viele verschiedene Weisen.

Verstehe. Ich war mir beim Hören des Songs einfach sicher, dass du dort in eine Rolle schlüpfst – denn dein Erfolg zeigt ja, dass du in der modernen Welt keine Probleme hast.

Stimmt schon, diese Person bin nicht ich – aber ein Teil von mir steckt definitiv drin.

Die „Cumberland Gap“ wiederum – steht dieser Ort quasi für die Grenze zwischen der Küsten-Bevölkerung und den im Binnenland lebenden Menschen?

Naja, das ist einfach, was dieser Ort faktisch darstellt. Schon rein geographisch. Aber die Gegend an sich – also, es ist ja offensichtlich, dass die USA gerade gespalten sind in zwei Gruppen von Menschen. Wobei ich das auf keinen so kleinen Nenner bringen will wie „Demokraten gegen Republikaner“ oder „Trump-Anhänger gegen Liberale“ – denn ich denke, ganz so schwarz/weiss ist es nicht. Trotzdem markiert diese geographische Region diese Unterschiede. Naja, die Figur in diesem Song hat auf jeden Fall das Gefühl, nicht repräsentiert zu werden. Er glaubt, dass ihm keiner zuhört – obwohl das gar nicht stimmen muss. Oh, eine Sekunde bitte… Hallo Mercy! Wie geht’s dir heute morgen? Möchtest du Hallo sagen?

Mercy: Hallo, Pawpaw!

Ha, sie hat Pawpaw gesagt – sie denkt, du bist ihr Großvater am Telefon!

Halloooo! Hier ist leider nicht Pawpaw – hier ist Henning aus Deutschland!

Sag Hallo, Henning aus Deutschland!

Mercy: Hi, Germany!

Hallo Deutschland! Na da schau her!

Toll! Nimmst du die Kleine mit, wenn ihr später dieses Jahr auf Deutschlandtour kommt?

Ich glaube nicht – denn wir haben drüber nachgedacht, aber ich glaube, es macht erst dann für sie Sinn, wenn sie auch wirklich versteht, dass sie in einem fremden Land ist. Dann erst lohnt sich die ganze Mühe für sie. Sie ist erst zwei Jahre alt, das ist noch zu früh. Nächstes Jahr vielleicht? Wenn sie drei, vier ist – dann hat sie vielleicht auch Spaß dabei, denke ich.

Ja, aber deine Ehefrau ist doch Bandmitglied (Geigerin Amanda Shires) und dann wäre Mercy alleine. Oder bleibt deine Frau für die Tournee in den Staaten?

Ja, sie ist nicht permanent mit uns unterwegs. Vielleicht begleitet sie uns für ein paar Shows, aber sie wird nicht die ganze Tour dabei sein. Gerade tourt sie mit John Prine und ich bin derjenige, der zuhause die Stellung hält.

Alles klar. Der Hausmann.

Ja! Ich mag das! Wenn man den Dreh raus hat, wie man am Tag trotzdem alles Nötige erledigt, ist es wirklich nicht schwer, auch fürs Baby da zu sein.

Okay, ich komme mal wieder zum Album zurück. Wir sprachen über „Cumberland Gap“ und darin gibt es die Textzeile „Now they say no one wants the coal“ – das Thema wollte ich besprechen. Trump hat jetzt ja die Umweltregularien gelockert, damit man Kohle weiterhin in die Luft jagen kann. Aber man kann das ja forcieren wie man will – diese Technologie ist einfach nicht die der Zukunft.

Richtig, man kann das nicht erzwingen – vor allem kann man den Preis nicht bestimmen. Selbst wenn Trump komplett alle Umweltrichtlinen abschaffen würde, kommen die Jobs trotzdem nicht zurück, weil die Leute Erdgas kaufen, das ist billiger. Erdgas ist im Überfluss da, wir können gar nicht so viel in die Raffinerien abpumpen, wie als Nebenprodukt bei der Erdölgewinnung abfällt. Das wird sich nicht ändern. Obama hat versucht, über die Preispolitik etwas zu verändern und konnte nichts erreichen. Erdgas ist billiger, deswegen werden es die Leute kaufen – und Kohle ist einfach durch. Ich finde, es ist ein ziemlich schmutziger Trick, wenn man den Leuten erzählt, dass sie ihre Jobs zurück kriegen – wenn das, was sie brauchen, neue Ausbildung und Weiterbildung auf anderen Gebieten ist.

Genau das wollt ich sagen. Man muss sich anpassen. Ich meine, hier in Deutschland hatten wir ja auch die großen Kohlegebiete, in England ja auch, Manchester und die Städte drum herum. Diese Städte haben sich ja auch verändert, sie mussten vor ein paar Jahren diesen Strukturwandel durchmachen. 

Das mussten sie – und je länger man diesen Wandel vor sich herschiebt, desto schwerer wird es werden – und umso mehr Leute werden zurückgelassen in ihren alten Mustern. Es wäre ja so oder so so gekommen, weil nur eine bestimmte Menge Kohle vorhanden ist. Da tickt die Uhr – wenn die Kohle aufgebraucht ist, müssen sich die Leute genauso etwas anderes suchen. Ich meine, man muss mal drüber nachdenken, was unser Weltraumprogramm alles bewirkt hat. Wie viele Mikrowellen-Geräte gibt es? Das war ein Nebenprodukt! Ein Zufall, aus der Weltraumforschung! Das Geld, das wir in die Entwicklung der Weltraumforschung gesteckt haben, hat sich um ein vielfaches ausgezahlt. Genauso sollten wir jetzt in Technologien investieren, die die Umwelt schützen – und auch dabei wird so viel Neues am Rand entstehen, das Arbeitsplätze schafft. Aber ich bin kein Politiker, was weiss ich schon?

Der Song „White Man’s World“ ist sehr interessant.

Ja.. das ist der Versuch… naja, es ist meine Aufgabe als Künstler, denke ich, als jemand, der privilegiert geboren ist… also, nicht dass ich in einer reichen Familie groß geworden wäre, aber ich bin weiss und ein Mann, und alleine das öffnet einem schon viele Türen. Überall auf der Welt.

So ist da, denke ich auch.

Ja, und das bedeutet, dass ich Energie und Zeit in die Fragestellung stecken sollte, was meine Rolle ist. Was kann ich tun, damit andere Menschen mehr Gleichstellung erfahren, die nicht in die gleiche Situation rein geboren wurden wie ich? Aber es ist keinesfalls so, dass mir peinlich ist, weiss zu sein – ich hatte ja keine Kontrolle darüber. Trotzdem versuche ich, an die Sache so bewusst und gedankenvoll heran zu gehen wie möglich.

Es ist aber ein Minenfeld, auf das man sich mit so einem Song begibt, oder? Die einen schimpfen bereits „White guilt!“ und die anderen werden sagen, dass du „Whitesplaining“ betreibst…

Ach, wen juckt’s? Wen juckt’s – ich versuche hiermit, ein Gespräch in Gang zu bringen. Hey, ich bin ein Künstler! Es ist mein Job, Leuten gegen den Strich zu gehen! Wenn du Leuten nicht gegen den Strich gehst, bist du kein Künstler.

Sehr gut. Das gefällt mir. 

Ich glaube daran! Und es ist ja so: Wenn ich an einem Song sitze und merke: Ui, das wird gefährlich, da kann ich echt Probleme kriegen – dann ist das der Moment, an dem ich weiss, ich bin auf etwas gestoßen. Das ist der Moment, an dem ich sage: Okay, wenn ich den richtigen Ton treffe, dann ist das eine Chance. Bei jeder großen Chance besteht auch die Möglichkeit, dass man sie versemmelt. Aber wenn du nicht versuchst, die Chance zu nutzen, bist du kein Künstler.

Der Song „Hope The High Road“ wiederum geht darüber, den Dialog zwischen den zwei gegnerischen Seiten wieder zu öffnen, die wir vorhin ansprachen?

Ja! Und es geht darum, das Ganze wieder würdevoll zu gestalten. Es ist doch peinlich – der gesamte Grund, dass man dieses amerikanische Experiment gestartet hat, ist doch dieser Gedanke, sich an gewisse Regeln zu halten, die uns daran hindern sollen, uns gegenseitig lebendig aufzufressen. Jetzt müssten wir den nächsten Schritt auf der Zivilisationsleiter machen – und manche Leute glauben tatsächlich, wir kämen der Sache näher und glauben, wir Amerikaner hätten dem Rest der Welt was voraus. Aber es sind immer genau die Leute, die nie aus den USA raus kamen und andere Länder gesehen haben, die glauben, dass Amerika der tollste Ort von allen ist. Mir gefällt es hier, es ist der Ort, an den ich gewöhnt bin und ich bin auch Patriot – aber ich bin Patriot, der auf die Dinge sehen möchte als jemand, der auch schon woanders war. Deswegen sage ich: Wenn wir es nicht hinkriegen, über diese Themen in einem angemessenen Ton zu diskutieren, dann ist das peinlich, es ist ekelhaft – es ist nicht nur unamerikanisch, sondern unzivilisiert.

Wobei ich gestehen muss, ich selbst würde mir schwer tun, den Ton zu wahren. Hier in Deutschland gibt es ja auch – zum Glück nur eine recht kleine Minderheit – rechtsgerichtete Menschen. Wir haben nun mal diese Geschichte – so dass die Leute sehr argwöhnisch reagieren, wenn sich solche Umtriebe wieder einstellen.

Verstehe. Hier ist es auch so, dass die Leute gar nicht merken, wie klein die Gruppe der ganz rechtsaußen stehenden ist, Man denkt, die Gruppe sei viel größer, weil sie so viel lauter sind als andere.

Stellen wir uns trotzdem mal vor, ich sollte mit einer Gruppe Nazis diskutieren. Okay, bei einer ganzen Gruppe hätte ich eh Schiss, dass sie Gewalt anwenden… na, sagen wir, es ist nur ein einzelner Nazi, dem ich gegenüber sitze. Ich kann mir vorstellen, dass ich sehr schnell die Geduld verlieren und herablassend werde, wenn ich mit ihm diskutieren soll.  

Ja, klar – aber wenn das einfach wäre, gäbe es keinen Grund, ein Lied drüber zu schreiben. Das ist wie friedlicher Protest: Eine super Sache, aber nur, wenn sie funktioniert. Aber wenn du in dem Gespräch drin steckst und der Frust ansteigt, wird trotzdem einer von euch beiden meistens Recht haben und einer meistens Unrecht. Trotzdem sollte man die Diskussion so zivilisiert wie möglich führen. Denn die Person, die Recht hat, muss diejenige sein, die die sich mit ihren Argumenten durchsetzt. Das wäre der Lohn dafür, auf den Anderen zugegangen zu sein. Also wäre das tatsächlich wahrscheinlich das, was du machen solltest, wenn du einem Faschisten oder so jemand über den Weg läufst – ihn mit den Argumenten überzeugen. Wobei ich nicht dagegen bin, solchen Leuten wenn nötig mal ins Gesicht zu hauen. Aber worum es mir geht, ist: Die meisten Streits, die so geführt werden, führt man nicht mit Faschisten oder Nazis. Hierzulande gehen die großen Streits über den Essenstisch hinweg. Wenn jemand erst mal so weit ist, seinen Kopf rasiert zu haben und sich tätowieren zu lassen, an den wird man wohl nicht mehr ran kommen. Aber vielleicht kann ich jemanden überzeugen, der beim Angeln war und hinterher noch entschied, die Show zu besuchen. Oder jemanden, der aus meiner Heimatstadt stammt und der vielleicht bisher nicht so weltoffen war, der sich Leuten gegenüber nicht einfühlen konnte, die ein wenig anders sind als er. Das sind eigentlich die Leute, um die es mir geht – ich versuche nicht, die radikalen Randgruppen zu meiner Sichtweise zu bekehren, ich denke ich versuche eher, zu sagen: „Ihr müsst ein bisschen über den Tellerrand hinaus schauen, nicht nur das sehen, was in eurer unmittelbaren Umgebung passiert.

Das ist das Gute an Songwriting – dass man etwas, das aus dem privaten Inneren kommt, an eine Öffentlichkeit richten kann.

Na, man kann niemandem etwas vormachen. Damit einem zugehört wird, muss man die eigene Geschichte erzählen. Das ist ein alter Trick. Man muss persönlich sein, man muss das Private preisgeben, man muss die Leute in sein Innenleben hinein lassen, du musst sie auch das hören lassen, wovor du selbst Angst hast. Denn wenn du das nicht tust, kauft dir niemand ab, was du ihnen weismachen willst. Vor allem, wenn das, was du verkaufen willst, Mitgefühl ist. Dann werden die Leute sagen: „Na, wenn du schon zu feig bist, mir zu erzählen, wie es wirklich in dir aussieht, wieso sollte ich dir dann glauben?“ Deswegen läuft es oft so beim Songwriting: Man konfrontiert sich beim Schreiben mit seine eigenen Problemen und versucht, sie zu lösen. Das tut man so öffentlich, wie man es sich gerade noch erlauben kann und hoffentlich, ohne dass es unschuldige Opfer gibt. Man lässt die Dinge raus, man macht aus ihnen Songs, und am Schluss, wenn man es richtig gemacht hat, und wenn man sich selbst halbwegs im Griff hat – dann kann man seinen Blick nach außen wenden und sich um die Leute Sorgen machen, die vielleicht nicht so viel Glück hatten wie man selbst. Das ist wie bei Jackson Pollock: Der lernte erst mal fotorealistisch zeichnen und malen, bevor er anfangen konnte, abstrakt die Farbe über die Leinwand zu spritzen. Wer einfach nur mit Farbe spritzt, ohne den Background zu haben, wird nie so gut sein wie Pollock.  Und genauso kann man nicht über das Innenleben von anderen Leuten schreiben, wenn man sich nicht mit seinen eigenen Dämonen schon ausführlich auseinander gesetzt hat.

Deine privaten Songs geben uns ja auch einen sehr guten Einblick in dein Innenleben. Da gibt’s zum Beispiel das Liebeslied „If We Were Vampires“, das auch die Sterblichkeit des Menschen zum Thema hat. Die Zeile „Maybe time running out is a gift“ fand ich dabei sehr interessant.

Das ist die wichtige Zeile in dem Text, darum geht es in dem Lied. Es freut mich, dass du das erkannt hast. Das ist wirklich die eine Zeile, die den ganze Song trägt. So muss man es doch betrachten: Der Tod ist ein Teil des Lebens. Wenn wir nicht sterben müssten, was wäre unsere Motivation im Leben, zu irgendjemandem eine Verbindung aufzubauen, oder irgendeine Arbeit zu verrichten? Ich glaube, das, was am ehesten einem Sinn des Lebens nahekommt, ist, das zu entdecken, was man für seine Berufung hält. Wenn man eine Ewigkeit Zeit hätte, was würde einen dann noch antreiben? Der Tod ist das Feuer, das unter all unseren Hintern gemacht wird!

Darüber wollte ich in der Tat was besprechen. Ist dir der Name Ray Kurzweil ein Begriff?

Nein, ich glaube nicht.

Kurzweil ist jemand, der mich zur Zeit sehr beschäftigt. Ein Erfinder und Zukunftsforscher, der viele Prognosen über die Zukunft stellt. Man kann offenbar relativ präzise voraussagen, wie weit sich erstens die Rechnerkapazität entwickelt und zweitens die stetige Verkleinerung der Computer. Was bedeutet, dass wir laut Kurzweil schon in den 2030er Jahren mit Nanobots unsere Gehirne verstärken können, Zugang zu einer Cloud des Wissens erhalten können bzw. neues Wissen in unsere Gehirne downloaden können. Kurzweil sagt auch, dass medizinisch-technologische Fortschritte und die neuen Speichermöglichkeiten die Menschheit so etwa im Jahre 2045 unsterblich machen werden.     

Wow, das ist ganz schön bald.

Das ist es, in der Tat. Naja, was geht dir durch den Kopf, wenn du hörst, dass die Unsterblichkeit möglicherweise tatsächlich erreichbar wird?

Na, zuallererst werden wir immer noch die Ungleichbehandlung der Menschheit in den Griff kriegen müssen. Im Jahre 2045 werden sicher nur die allerreichsten unter uns unsterblich. Auch dann wird es immer noch eine Menge Unantastbare auf der Welt geben. Dieses Problem wird es immer geben. Was wiederum die Frage angeht: Was wird uns die Motivation aufrecht erhalten, weiterhin etwas zu erschaffen? Das weiss ich nicht. Ich tu mir ja jetzt schon schwer genug, meiner Lebensphilosophie zu folgen. 1+1 = 2, so weit komme ich noch. Wenn wir tatsächlich nie sterben, klar, das würde ich schon gerne sehen, was dann passiert. Aber ganz ehrlich, ich glaube auch, dass es nicht stimmt. Wenn wir wirklich bald unsterblich sein sollen, dann wären wir jetzt auf jeden Fall schon weiter in der Krebsbekämpfung. Und was den Krebs angeht, da sterben die Menschen hier immer noch weg wie die Fliegen.

Da sollen die Nanobots angeblich auch helfen können. Anders als unsere eigenen Abwehrzellen, die Krebszellen nicht von eigenen Zellen unterscheiden können, sollen künftige Nanobots dazu beispielsweise in der Lage sein.

Aaaha. Naja, all diese Langzeit-Methoden, sich selbst umzubringen wie Rauchen oder Tabakkauen – vielleicht werden diese Methoden nur effektiver. Was ich meine: Die Leute werden vielleicht öfter mal selbst entscheiden „Jetzt habe ich genug“, als es zur Zeit noch der Fall ist. Abgesehen davon: Wenn wirklich JEDER irgendwann für immer leben kann, wird es ein Platzproblem geben, oder? Wo soll man die denn alle unterbringen? Und ich glaube nicht jeder würde das wollen. Wir alle würden irgendwann genug haben von diesem Ort, oder? Weiss nicht.

Naja, die Zukunft gehört vermutlich eh Mensch-Cyber-Hybriden. Und dann stellt sich auch die philosophische Frage: Was IST ein Mensch? Wenn man so will, sind wir jetzt ja auch nur Verbindungen aus Kohlenstoff – die aber irgendwie Informationen und Erinnerungen speichern können. Wenn wir erst mal so weit sind, diese Information auf anderen Trägern zu speichern…

… brauchen wir keinen Körper mehr, um weiter zu existieren, sondern können das virtuell tun. Und dann: Was ist Realität?

Ist diese virtuelle Person dann nicht genauso wichtig wie eine „reale“ Person? Kann man die virtuelle Person auf einen künstlichen Körper laden, mit dem man auf dem Mars leben kann? Aber Sorry, ich komme total von dem Album ab…

Ja, wir sind bei dem heavy Zeug angekommen, was? Aber wenn man sich überhaupt Gedanken übers Leben macht, muss man bei Fragen wie diesen ankommen: „Was tun wir, wenn dieses Problem gelöst ist?“ Aber neulich habe ich mit einem Freund ein privates Gespräch gehabt und er sagte: Die Menschheit hat eine Kiste voller Problemen, und diese Kiste muss immer gefüllt bleiben. In dem Moment, wo ein Problem gelöst ist und man es aus der Kiste nehmen kann, wird man auch ein neues nachfüllen. Ich glaube, wir werden für immer nach Gott suchen, und ihn irgendwie für uns erschaffen, aus Regelbüchern oder aus Argumenten. Man kann Gott aber nur finden, man kann ihn nicht erschaffen, und deswegen werden wir ihn für immer suchen.

Noch ein heavy Thema sprichst du in deinem Song „Anxiety“ an: Der Titel sagt schon alles: Du sprichst deine Unfähigkeit an, mal etwas zu genießen, du schreibst darüber, ein generell sorgenvoller Mensch zu sein. Wir erfahren eine Menge über dich auf dieser Platte.

Ja, das stimmt – ich weiss nicht, ob ich diese Eigenschaft von meiner Familie geerbt habe – aber das liegt zweifellos in meiner Natur. Es ist sicher mit ein Grund dafür, dass ich Alkoholiker war, es ist etwas, womit ich kämpfe. Aber ich habe es nicht auf einem klinischen Level, ich erlebe keine Panikattacken, in denen ich komplett zumache. Ich habe mir bei diesem Song von meiner Frau helfen lassen, denn ich wollte, dass auch jemand die Außenperspektive einbringt, damit ich genauer sein kann. Sie weiss mehr über diese meine Eigenschaft als ich es selbst tue. Also haben wir den Song gemeinsam geschrieben – und bisher habe ich noch jeden Song auf meinen Soloalben alleine geschrieben, also war das mal eine interessante Erfahrung. Wir haben schon andere Dinge gemeinsam geschrieben, aber trotzdem war es besonders gut, hier ihre Perspektive mit hinein zu kriegen. Denn wenn ich sage „Anxiety“, da gibt es ja verschiedene Stufen. Wenn der Song beispielsweise „Hunger“ hieße – den normalen Hunger, den kann man mit einer Mahlzeit stillen, aber es gibt auch viel schlimmeren Hunger. Meine Ängste gehören nicht zu den schlimmsten. Der Song hätte auch „Worries“ heißen können. Es gibt aber Leute, die von der Angst kaputt gemacht werden, aber das wollte ich auch ansprechen.

Für dich ist diese Unrast vielleicht sowas wie Fluch und Segen gleichzeitig – denn vielleicht ist sie ja auch einer der Auslöser, die dich antreiben, Künstler zu sein? 

In gewisser Weise vermutlich ja. Heute früh habe ich einen Bericht gesehen, der besagte, dass Musiker mit drei mal höherer Wahrscheinlichkeit Angstzustände erleben als Nicht-Musiker. Es gibt da also offenbar eine Verbindung oder eine Kausalkette. Tja, vielleicht ist meine Fähigkeit, mich auf diese Weise selbst zu therapieren, tatsächlich ein Grund, warum ich am Ende in diesem Job gelandet bin, mit meiner Frau. Man muss eben einen Weg finden, damit zu leben, ohne sich umzubringen.

Jetzt hast du eben selbst deine Probleme mit dem Alkoholismus angesprochen – du hast ja schon sehr früh als Musiker angefangen. Mit 22 bist du als Junge vom Lande bei den Drive-By-Truckers eingestiegen und konntest plötzlich durch die USA touren. War das im Nachhinein vielleicht zu früh?

Hmmm – vielleicht? Aber das ändert letztlich nichts, oder? So ist es nun mal passiert und ich kann nachträglich nichts dagegen machen. Also, 22 zu werden, ohne mit einer Band zu touren, das war schon eine Herausforderung, denn wäre es nach mir gegangen, hätte ich schon früher damit angefangen. Ich wollte schon als Teenager loslegen. Aber ich war auf jeden Fall unreif, auch für mein Alter. Ich bin schließlich mitten im Nirgendwo aufgewachsen, in Alabama, in einer sehr engen Familie und das hat mich auch vor vielen Dingen behütet. Natürlich gab’s dann einen Steinschleuder-Effekt. Bei mir daheim gab es nichts zu erleben und folglich war ich ein Jugendlicher, der nie in Schwierigkeiten geriet. Plötzlich war ich alleine und hatte all diese Freiheiten, da habe ich eine Überdosis abgekriegt. Aber es steckt mehr dahinter als das, es hatte einfach mit meinen Umständen zu diesem Zeitpunkt zu tun, es gab verdrängte Probleme von früher, mit denen ich klarkommen musste. Die Gründe, warum ich trank, hatten nur wenig damit zu tun, wo ich war, mit wem ich unterwegs war und was mein Job war, als ich 19-23 war. Da geht es um Dinge, die noch viel früher passiert waren.

Viele Künstler sagen ja, sie verwenden Alkohol oder andere Substanzen, um einen Kanal zum Unterbewusstsein zu öffnen. Als Methode, um zu schreiben.

Jaa, das sagen sie! Aber das ist nicht der Grund! Sie sagen’s nur!

Ich fragte mich, ob dein Schreibstil sich verändert hat, seit du trocken bist.

Na, ich bin offensichtlich ein riesiges Stück besser geworden! Alleine, weil ich endlich Zeit hatte, an etwas zu arbeiten, und mich dabei nicht beschissen gefühlt habe! Weil ich nicht mehr jede Nacht losziehen und bis in den frühen Morgen saufen musste! Ich bin erheblich besser geworden, und so würde es allen Musikern gehen, wenn sie sorgsamer und gründlicher arbeiten. Was man ja zwangsweise tut, wenn man mehr Zeit hat und mehr Fokus. Und wenn ein Künstler wirklich behauptet, er verwende Substanzen, um zu bestimmten Teilen seines Gehirns Zugang zu bekommen, dann glaube ich, dass da die Sucht spricht, die versucht, ihn selbst davon zu überzeugen. Ich muss aber so ehrlich sein, zu sagen, dass ich Marihuana und Psllocybin nicht mitzähle bei diesen Substanzen. Ich verwende nichts, das unnatürlich ist, das nicht im Boden wächst. Was ich nicht verwende, sind Dinge, die man destillieren musste oder sonstwie chemisch herstellen musste.

Der Song „Hotshot“ aber befasst sich mit einem früheren Ich von dir, als du noch Trinker warst, korrekt?

Ja, und damals dachte ich, so würde ich für immer weitermachen. Ich hatte mir eingeredet, dass das mein Leben sein würde. Ich hatte das romantisiert und mir eingeredet, dass dieses Leben meine Bestimmung war. Ich merkte nicht, dass ich mir damit selbst im Weg stand und meiner wirklichen Arbeit, für dich ich hier bin. Ich hatte mir damals selbst ein Versprechen gegeben, mich nie zu ändern. Dass ich immer so bleiben würde, damit ich nachts schlafen konnte. Aber dann habe ich mich eben doch sehr wohl verändert und das hat eine Menge bewirkt.

Wenn du diesen 22-jährigen heute treffen würdest, was würdest du ihm sagen?

Haha, ich würde dem Kerl verdammt aus dem Weg gehen! Mit dem würde ich gar nicht reden wollen! Und er würde mir nicht zuhören, haha! Ach weisst du, es hätte sich ja letztlich nicht besser auflösen können, echt nicht. Was auch immer passiert ist, an diesem Punkt in meinem Leben weiss ich, dass ich vor Herausforderungen gestellt sein werde. Es gibt schlimme Dinge, die Leuten passieren, die ihr Leben lang nüchtern blieben und sich immer um ihre Familie gekümmert haben, die einfach nicht das Glück haben. Ich habe viele gute Entscheidungen in meinem Leben getroffen und selbst die schlechten waren notwendig, denn ich musste gewisse Dinge nun mal erst lernen. Ich musste lernen, wie es war, so zu leben – und hätte ich nicht selbst mal so gelebt, würde ich mich immer noch fragen, wie ein solches Leben wohl wäre.

Alles klar. Ich bin mit meiner halben Stunde durch. Darf ich noch eine letzte Frage dranhängen?

Ja, kein Problem

Es ist nämlich so: Wir werden in Kürze einen Artikel über dein Management/Label Thirty Tigers bringen. Deswegen die kurze Frage: Was bedeuten Thirty Tigers für dich und welche Rolle spielen sie für dich? Auch wenn man das wohl nicht auf wenige Zitate reduzieren kann…

Ich glaube, ihnen sind die Künstler wichtiger als das, was unter dem Strich steht. Das macht letztlich den Unterschied. Sie gehen mit einer nachhaltigen Arbeitsweise an die Sache, wenn es darum geht, im Musikbusiness die Ernte einzufahren. Ich glaube, sie möchten, dass Talent für seine Arbeit belohnt wird und sie spannen ihre Talente nicht vor den Pflug, um selbst einen größeren Gewinn einzufahren. Viele der Arbeitsweisen der althergebrachten Musikindustrie sind immer noch wirksam – aber viele sind es nicht mehr. Das, danke ich, ist was Thirty Tigers tut: Sie sind sehr interessiert daran, zu lernen, was heutzutage funktioniert, was Künstlern von heute eine Langlebigkeit ermöglicht und ich glaube einfach, sie sind ehrlicher als die meisten Plattenfirmen mit den großen Namen. Ihr System funktioniert sehr gut für einen Künstler auf meinem Level.

Nun, damit vielen Dank für deine Zeit! ich glaube, ich habe viel erfahren!

Der Dank ist ganz meinerseits!

Tja, jetzt wollte ich sagen: Ich freue mich auf die Tour – aber München steht leider nicht auf dem Plan. Ich hoffe, dass die Stadt eines Tages wieder in euren Kalender findet. 

Das hoffe ich auch! Die Stadt mag ich sehr, aber es ist natürlich in Europa immer eng mit dem Zeitplan.

Damit überlasse ich dich jetzt aber deiner Tochter, vielen Dank noch mal!

Das war ein echt gutes Interview, Danke dafür!

Hach, das höre ich gerne, Danke!

Hab einen tollen Tag!

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