Interview: Ride

Genau für diese Momente bin ich Musikjournalist. Habt ihr eine Vorstellung, wie der 21jährige Henning reagiert hätte, wenn man ihm gesagt hätte: Du interviewst mal Mark Gardner!?!?!

Mann, was habe ich RIDE geliebt, was habe ich Ride geliebt!!

Ride waren für mich (und viele meiner Zeitgenossen) die wichtigste Band auf der Welt in den Jahren 1990 – 1993. Mir laufen jetzt noch Schauer über den Rücken, wenn ich an den Moment denke, als ich zum ersten Mal „Leave Them All Behind“ hörte – ich meine, da hast du eine TOTALE Lieblingsband und wartest nägelkauend auf ihren neuen Song – und dann kommt SO EIN MONSTER, das alle Hoffnungen SPRENGT!!

Ich habe mitgelitten, als es abwärts ging. Es tat mir weh, ihr viertes und letztes Album „Tarantula“ (1996) anzuhören. Nicht weil es eine so schlechte Platte war – Jahre später zog ich sie mal wieder raus und war erstaunt, wie gut die Songs eigentlich waren. Aber damals konnte ich sie nicht ertragen, weil sie so weit weg von Ride war. Weil so klar war, dass es vorbei war.

Seit 1996 warte ich auf den 16.6.2017. Auf den Tag, an dem RIDE zurück kommen mit einer Platte, die ihrer würdig ist. Und „Weather Diaries“ ist es. Klar, es gibt Durchhänger. Aber es gibt 3, 4, 5 Ride-Momente, wie nur Ride sie erzaubern können. Für einen Fan wie mich ist das himmlisch.

Also dann. Mark Gardner am Telefon. Today, forever. 

Hallo?

Hallo, Henning hier von piranha. Spreche ich mit Mark?

Ja, ich bin’s, Mark.

Das freut mich – denn ich bin echt froh, euch zurück zu haben!

Haben wir schon mal gesprochen?

Nein, das nicht. Ich meine: ich bin einfach froh, eure Band zurück zu haben.

Hey, damit sind wir schon zwei – ich nämlich auch!

Ich rufe aus München an. Erinnerst du dich noch an deine Ride-Shows in den 90ern? Ihr wart nämlich zu  den Tourneen zu „Nowhere“ und„Going Blank Again“ bei uns in der Stadt.

Aaaalso – ein paar vage Erinnerungen habe ich, aber nicht speziell. In Deutschland hat’s uns immer prima gefallen, das weiss ich noch, darum freuen wir uns auch schon darauf, wieder zurück zu kommen. Die Trips nach Paris und Deutschland haben immer echt Spaß gemacht. Aber München selbst? Ehrlich gesagt, die Europatourneen… das verschwimmt ein bisschen. Komischerweise erinnert man sich nachträglich vor allem an die Shows, bei denen etwas schlecht lief. Wenn ich mich also an München nicht mehr so genau erinnere, bedeutet das, dass wir gute Abende hatten!

Ich erinnere mich noch genau! Ich war damals 20 – und ihr ja auch.

Stimmt.

Zur Zeit redet ihr sicher mit vielen Schreibern wie mir – Leute, die mit eurer Musik groß geworden sind.

Das ist tatsächlich so. Ich glaube, im Alter werden manche Leute ehrlicher, kann das sein? Neulich in Paris war da dieser Typ, der meinte: Als ich von eurer Rückkehr gehört habe, da rief ich „Oh Nein!“ Er meinte, wir hätten ihm früher so viel bedeutet, dass er uns verprügelt hätte, wenn die neue Platte mies geworden wäre. Zum Glück liebt er sie. Ja, sowas passiert. Es ist gut, jetzt Feedback zu bekommen. Wir haben die Platte letztlich ja recht schnell aufgenommen – auch wenn die Vorarbeiten davor natürlich auch eine Zeit in Anspruch genommen haben. Wir waren uns untereinander schon einig, dass das Endergebnis auch wirklich gut geworden ist. Aber was wissen wir schon? Die Leute draußen müssen es entscheiden!

Ich kann dir sagen, dass ich die Platte sehr mag – aber als ich las, dass ihr eine neue Platte machen würdet, dachte ich mir sofort: Was wird euer Ziel sein? Worauf werdet ihr Wert legen, was werdet ihr vermeiden?

Also, ich glaube, vor allem wollten wir vermeiden, dass wir ein Platte machen, die enttäuschend oder uninteressant ist. Uns ist durchaus klar, dass das Erbe, das Ride hinterlassen haben, stark ist und dass es einer Menge Leute sehr viel bedeutet. Manchen Leuten bedeutet es vielleicht sogar mehr als und selbst! Wir hätten dieses Erbe unangetastet lassen können, wenn wir einfach nur auf Tour gegangen wären und keine neue Musik gemacht hätten. Gleichzeitig… ach, wenn man 20 ist, dann fühlt man sich unsterblich. Aber man wird älter und lernt, man ist es eben doch nicht. Wir sind jetzt in einem Alter, wo man erlebt, dass Freunde sterben, dass Eltern sterben. Es zeigt einem einfach: Wir werden nicht für immer hier sein. Und das, glaube ich, ist die Sache mit dem Album. Wir sind einfach sehr viel erwachsener geworden. Und wir hatten den Glauben, dass wir als Band zurück kommen können, die noch etwas besser und artikulierter zurück kommt, als wir’s zu unserer ersten Zeit waren. Wir haben uns zugetraut, ein Album zu machen, das fantastisch sein könnte. Das war das, was uns angetrieben hat – denn wie gesagt, wir wussten, dass wir das Risiko eingingen, unser Erbe zu versauen. Das wäre echt fürchterlich gewesen.

Das ist eben die Sache. Ihr habt eine treue Fanbase, die mit Ride sehr klare Assoziationen verbindet.

Das stimmt, ja.

Jetzt gibt es also die Gefahr, dass ihr deren Erwartungen, wie Ride zu klingen hat, nicht erfüllt. Genauso gibt es die Gefahr, dass ihr zu sehr auf ihre Erwartungshaltungen eingeht. Was hieß, dass ihr euch wiederholt. Wenn ihr andererseits erst recht gegen die Erwartungen anspielen wollt, ist das auch eine Gefahr. Und wenn ihr versucht, das alles unter einen Hut zu bringen, gibt es die Gefahr, dass das alles als Wischi-Waschi-Kompromiss endet. Ihr könnt also gar nicht gewinnen, oder?

Da hast du komplett Recht – und ich glaube, mir war das klarer als den anderen Bandmitgliedern. Denn ich habe ja so einige andere Dinge in der Zwischenzeit gemacht – eine Platte mit Robin Guthrie, Soloplatten, Soloshows, ich habe versucht, mich in verschiedene Richtungen zu entwickeln. Aber egal, wo immer ich auftauchte, wollten die Leute nur Ride-Songs hören. Nostalgie ist ein sehr mächtiges Gefühl – und genau, wie du es eben gesagt hast – es ist fast ein bisschen unmöglich, den Punkt zu treffen. Andererseits: Man kann’s schaffen. Na, wir werden’s sehen. Ich mache mir da nichts vor. Es wird echt hart, die Hörer so zu erreichen, dass sie die neue Platte so lieben, wie sie die alten Platten geliebt haben. Denn in all den Jahren haben die Leute mit diesen Platten gelebt und sie verbinden damit so viele Erinnerungen. Da ist diese Nostalgie. Uns ist das bewusst. Für uns musste es trotzdem darum gehen, das auszublenden. Uns ging es auch darum, etwas zeitgemäßes zu machen, eine Platte, die im Jetzt spielt – denn wir haben sie schließlich in der Jetztzeit aufgenommen. Wenn man die alten Platten anschaut, waren das gewissermaßen unsere Tagebücher aus den frühen Tagen – und es waren nicht immer gute Tage. Diesmal ist es letztlich wieder so. Na, wir werden sehen, wie die Leute es aufnehmen und was mit der Platte passiert. Letztlich kann ich nur sagen: Ich fahre zur Zeit voll darauf ab, wenn ich sie mir anhöre – und ich hoffe, anderen wird es genau so gehen.

Also, wie gesagt, ich höre sie ebenfalls gerne. Was ich mich fragte: Waren das alles ganz brandneue Songs aus der Zeit, nachdem ihr wieder zusammen gefunden habt? Ich meine, du hast ja gerade all deine Projekte erwähnt – ich habe zum Beispiel auch eine Platte von dir mit der Band Animalhouse, das muss 2000 etwa gewesen sein?

Ja.

Andy wiederum war in Hurricane #1, in Beady Eye, in Oasis und er hat für alle Bands auch Songs geschrieben. Vielleicht hattet ihr also ein paar Songs von früher im Archiv, bei denen ihr sagtet: „Die sind gut, es wäre Verschwendung, sie nicht aufzunehmen“?

Nein. Dies sind alles Lieder, die in der neuen Ride-Zeit geschrieben wurden. Nichts, das von alten Projekten übrig geblieben wäre. Ich habe selbst ein paar Dinge von früher ins Spiel gebracht, die ich ausbaufähig fand, aber wir waren uns dann doch einig, dass alles komplett RIDE sein sollte. Wir mochten ja auch, was wir von uns hörten. Ich glaube, diese Platte ist am verwandtesten mit „Going Blank Again“. Denn wir haben eine Arbeitsweise angewandt, die wir auch damals verfolgten. Jeder von uns war wirklich sehr involviert in den Schreibeprozess – ähnlich wie auch bei „Nowhere“. Die erste Idee kam vielleicht von Andy oder von mir oder von Steve, aber erarbeitet wurde von da gemeinsam – wobei ich glaube, wir haben heute sogar mehr Farben auf der Palette als zu Zeiten von „Going Blank Again“. Das ist echt das Beste: Im Leben kriegst du normal nicht die Möglichkeit, Fehler von früher zu korrigieren. Aber wir hatten jetzt die Möglichkeit, auf alles zurück zu schauen, uns zu besprechen – und wir waren uns einig: So, wie wir bei „Going Blank Again“ gearbeitet haben, so hat es uns am meisten Spaß gemacht. Übrigens: Noch bevor wir die Wiedervereinigung bekannt gegeben haben, haben wir uns gemeinsam im Studio getroffen, erst mal nur, um zu proben. Aber damals schon haben wir, anstatt alte Lieder einzuüben, sofort angefangen zu jammen und neue Musik zu machen. Ein paar Sachen davon haben sogar aufs Album gefunden. Das Instrumental-Stück auf dem Album – das war das allererste, was wir gemacht haben, als wir wieder gemeinsam in einem Raum gespielt haben. Auch „White Sands“ und „All I Want“ basieren auf Musik, die in unseren ersten Tagen, in denen wir wieder zusammen waren, entstand. „Cali“ ist auch so ein Fall, das kommt von Tapes, die wir sofort aufgenommen haben, als die ganze Sache wieder frisch los ging vor drei Jahren. So hat sich das dann entwickelt. „Lannoy Point“ war ein Instrumental von Steve, mit dem ich mich dann sehr intensiv befasst habe, um einen Song draus zu machen. Und dann ist da natürlich noch der Song von Loz, auf dem er auch selbst singt. Die Songs kamen von überall her, aber alle stammen aus den letzten drei Jahren.

Interessant finde ich: Wenn man euch in den 90ern kritisierte, warf man euch gerne vor, ihr wäret so unpolitisch. Jetzt aber geht’s bei „Charm Assault“ um aalglatte Politiker und „Weather Diaries“ kann man auch in einen Kontext mit dem Klimawandel setzen.

„Lannoy Point“ auch. Der Text kommt von mir und es ist ein sehr wütender Kommentar zum Brexit. So nach dem Motto: Wie bei den Dinosauriern schlägt hiermit der Komet ein und danach müssen wir wieder bei Null anfangen! Mir war das echt so peinlich, dieser Ausgang des Referendums. Die Art, wie das Thema der Öffentlichkeit verkauft wurde! Ich finde es schrecklich, dass wir die EU verlassen müssen. Das ist so rückwärtsgewandt, es ist so beschämend! Das, was ich am UK immer liebte, war die multikulturelle Offenheit – sowas bedeutet, dass ein Land sich nach vorne bewegt. Aber Brexit, das ist einen Rückschritt und das ist extrem beunruhigend. Es stimmt, Politik hat in unsere Songs Einzug gehalten. Aber es geht ja gar nicht, von den aktuellen Entwicklungen NICHT betroffen zu sein. Und man schreibt ja letztlich über die Dinge, die einen betreffen. Man versucht, positive Dinge zu schreiben, klar, aber man kann das Negative auch nicht ausblenden. Wobei ich glaube, dass am Ende wirklich alles gut werden wird. Das glaube ich – auch wenn der Nationalismus gerade im Aufstieg ist und das alles sehr häßlich ist, sehr kurzsichtig und sehr rückwärtsgewandt. Aber ich glaube, diese Hässlichkeit, die gab es schon lange, die hat nur bisher immer unter dem Teppich geschwelt. Jetzt ist sie an die Oberfläche durchgebrochen, aber das musste passieren, damit man das endlich betrachten, ansprechen und letztlich besiegen kann – so wie es noch immer besiegt worden ist. Ich glaube, dass wir, die offen durchs Leben gehen und nicht von den Ängsten regiert werden, immer noch in der Überzahl sind.

Ich stimme zu – im Verlauf der Geschichte haben sich Aufklärung und Bildung noch IMMER durchgesetzt. Ich glaube ebenfalls, dass der aktuelle Aufstieg der Rechten in historischer Perspektive nur so etwas wie die letzten Zuckungen der alten Garde darstellen wird. Trotzdem – das sind ganz schön starke letzte Zuckungen.

Da glaube ich, du hast vollkommen Recht. Es ist schwer, an diesen Tagen etwas Positives zu sehen, aber dies ist auch mein Hoffnungsschimmer, an dem ich mich festhalte. Naja, als Künstler hat man immer Inspiration um sich herum – und deswegen fühlen sich „Weather Diaries“ und auch das Artwork für uns wieder so an, als wäre es unser Kommentar zur Zeit. Wir beschwören die Macht des Volkes wieder herauf auf der Platte, und es liegt ja auch viel Widerstand in der Luft. Ich habe das Gefühl dies ist die Zeit dafür – und Kunst spiegelt die Zeit wieder, in der sie gemacht wurde.

Wenn du positive Nachrichten hören willst: Die rechte Partei AfD, die in Deutschland lange im Aufwind war, bricht gerade komplett ein. Ich bin mir sicher, dass das mit Trump zu tun hat. Denn auch die AfD haute mit Parolen um sich nach dem Motto, dass Nicht-Politiker ans Ruder müssten. Jetzt ist genau so ein besserwisserischer Außenseiter in den USA an der Macht und fährt alles an die Wand. Da wenden sich die Leute auch hier wieder ab. (Nate Silver gibt mir Recht – Ed)

Genau!

Aber zurück zu eurer Musik, dafür sind wir hier!

Sorry, ich wollte da nicht so ausarten. Aber du hast einfach Recht, früher haben wir Politisches vermieden. Damals haben wir auch immer gesagt, dass Musik eine Möglichkeit ist, diesen Problemen des Alltags und der Politik mal zu entfliehen – und ich glaube, das ist etwas, das auch heute immer noch für uns gilt. Wenn man zu uns aufs Konzert geht, dann wird man für diese Zeit nicht an all das denken. Gute Musik hat diese transzendente Fähigkeit, das liebe ich, und ich hoffe, dass es Leuten besser geht, wenn sie uns hören. Mir jedenfalls geht’s besser.

Ich habe den Song „Weather Diaries“ schon angesprochen, weil er mir besonders aufgefallen ist. Für mich ist das der Song eines gebrochenen Menschen. Im Refrain singt ihr, dass ihr dem guten Wetter nicht traut, weil es ja doch nur die Ruhe vorm nächsten Sturm ist. Der Sturm kommt dann auch, musikalisch, in einen „Dreams Burn Down“-mäßigen Crescendo.

Ja, genauso ist das gedacht, das hast du genau getroffen. Es geht um den stetigen Wandel und darum, dass man nie weiß, was im Leben hinter der nächsten Ecke wartet. Na, und man kennt uns Engländer ja auch dafür, dass wir viel übers Wetter reden. Insofern steckt da auch eine Prise englischer Humor drin.

Du hast vorhin schon Euren Producer Erol Alkan erwähnt. Was hat er alles eingebracht?

Also, Erol war schon echt super. Weisst du, am Anfang wollten wir das Ganze selbst produzieren, so wie wir das auch früher schon gemacht haben. Aber es hat auch was Befreiendes, mal loszulassen und es war gut, dass wir das getan haben. Wir hatten uns überlegt, ob wir einen Produzenten an Bord nehmen wollen und waren uns einig, dass es jemand sein sollte, der musikalisch nicht vom gleichen Ort kommt wie wir, sozusagen. Ich meine, wir mögen elektronische Musik genau so wie Gitarrenmusik, das verbindet uns letztlich auch mit Erol. Nach den ersten Tagen, die wir gemeinsam aufgenommen haben, haben wir schon gemerkt, dass es passt. Erol ist ein Musikfanatiker, fast noch mehr als wir – und er hat eine sehr positive Energie. Er ist auch studiotechnisch sehr beschlagen. Das hat mir große Erleichterung verschafft, denn bis dahin war ich derjenige, der sich um all die Files kümmern musste. Ich habe in den letzten Jahre selbst als Produzent gearbeitet und ein paar Bands produziert, so rutschte ich in diese Rolle. Aber eigentlich wollte ich das bei Ride nicht unbedingt übernehmen – da wollte ich einfach nur einer von den Jungs in der Band sein. Als Erol an Bord kam, war ich also schon mal von dieser Verantwortung befreit. Erol war lange schon Ride-Fan. Er hatte schon vor unserer Trennung Konzerte besucht und verstand, worum es bei uns geht. Er hörte die neuen Songs und liebte sie – und er hat uns echt geholfen, das Beste aus diesen Songs heraus zu holen. Er ist an die Grenzen gegangen – das Crescendo in „Weather Diaries“ zum Beispiel, da hat er uns hin gepusht. Es ist durch seine Mitarbeit auf jeden Fall eine bessere Platte geworden. Wir denken deswegen auch schon darüber nach, mehr gemeinsam zu machen. Er hat einfach eine tolle Energie.

Ich komme mal zurück auf eure Trennung – es wird ja einen Grund gegeben haben, warum ihr auseinander gegangen seid. Ihr müsst euch damals ja wirklich nicht mehr miteinander verstanden haben. Habt ihr euch deshalb bei der Wiedervereinigung hingesetzt und so etwas wie Vorkehrungen getroffen, damit es nicht noch mal dazu kommt? Vielleicht habt ihr so etwas wie Verhaltensregeln aufgestellt?

Interessant, dass du das fragst. Es ist ja so, dass es bei Musik immer um Gefühle geht. Und es wird auch immer gewisse Spannungen in unserer Band geben, denn hier sind vier Typen, die alle wirklich gut auf ihrem Gebiet sind, die vier sehr starke Meinungen haben und die alle ihren Beitrag zur Musik leisten. Und natürlich glaubt jeder, dass sein Beitrag der Beste ist. Da muss man manchmal lernen, loszulassen und den anderen zu vertrauen. Da muss halt offen drüber gesprochen werden. Es ist so, wir waren damals ja jahrelang beste Freunde. Gegen Ende hatten wir Probleme miteinander, aber das lag vor allem daran, dass wir so viel Zeit miteinander verbracht hatten, dass es unnatürlich war. Irgendwie war uns aber auch immer klar, dass wir mal abstürzen würden – denn wir waren nie eine Band, die auf eine Karriere vorbereitet war, aber plötzlich steckten wir mittendrin. Mit unserer Plattenfirma (Creation) war es ja damals genau so! Im Nachhinein ist es fast das Tolle daran – dass da etwas passierte, das niemals so hätte weitergehen können.

Eine Sache haben wir festgelegt: Wenn jemand mit etwas nicht einverstanden war oder ihn irgendetwas wütend machte, dann sollte es immer gleich angesprochen werden. Auch wenn es dann mal kracht, ist so ein offener Streit VIEL besser, als wenn man einen Groll ewig mit sich herum trägt. Sich aussprechen, das war nämlich genau das, was wir beim ersten Mal echt nicht gut drauf hatten. Naja, damals waren wir auch oft stoned, das half natürlich auch nicht. Na, jedenfalls ist unsere Kommunikation heute eine sehr viel bessere – und das ist wirklich äußerst hilfreich. Wenn eine Sache falsch läuft, sprechen wir es im Hier und Jetzt an und lassen die Sache nicht gären, bis es explodiert.

Ich hatte aber von Anfang an ein sehr gutes Gefühl. Deshalb, weil wir, als wir uns im Studio das erste Mal wieder trafen, sofort wieder aufeinander abgestimmt waren. Das hatte mir vorher Sorge bereitet. Ich meine, wir alle hatten den gemeinsamen Ride-Trip, aber danach erlebte jeder von uns für sch ein ganz anderes Leben. Es hätte ja sein können, dass wir uns nach den Jahren wieder treffen und einfach nicht mehr alle auf einer Wellenlänge liegen. So war es aber überhaupt nicht. Wir waren sehr wohl noch komplett aufeinander eingespielt. Ich glaube auch, dass die Platte das widerspiegelt. Ich glaube: Wenn wir nicht mehr zusammen gepasst hätten, wenn das Gefühl nicht mehr gestimmt hätte – dann würde das durch in der Musik durchscheinen. Das hätte man gehört.

Dass jetzt so viel Aufhebens um Euer Comebackalbum gemacht wird und dass eure Reunion-Shows in Windeseile ausverkauft waren, das muss ja auch eine Genugtuung sein, oder? Ich meine, damals in den 90ern gab es eine Zeit, da haben bestimmte Medien wirklich aktiv versucht, euch fertig zu machen. Das kann ja auch nicht immer spurlos an euch vorbei gegangen sein.

Richtig, das ist es nicht. Es hat einen schon mindestens abgelenkt oder irritiert – wobei, wenn du die Medien ansprichst, da geht es um ein, zwei britische Zeitungen und da wussten wir ja nun mal, wie der Hase läuft. Das ist nun mal die Art, wie sie arbeiten. Das „Build ’em up, knock ’em down!“-Ding, das haben wir von den englischen Medien nicht anders erwartet. Die anderen Medien in der Welt waren ja auch nicht so.

Aber das, was wirklich hart war, das war das Wissen, dass die Sache, die dein ganzes Leben war, zu Bruch gegangen war. Es war schon schwer, denn alles danach fühlte sich erst mal wie ein langer Antiklimax an. Wir hatten uns daran gewöhnt – wenn du in einer Band wie Ride warst und all diese Dinge erlebt hast, dann fühlt sich das normale Leben danach einfach wie eine reine Enttäuschung an. Das war eine harte Zeit für mich, keine Frage. Aber dafür ist diese Platte für mich jetzt wieder wie ein Debüt. All die Jahre, all die Gefühle, die ich seit der Trennung durchlebt habe… naja, große Kunst entsteht ja nicht selten aus großem Schmerz. Aber es sind die harten Zeiten, in denen man sich ändert und entwickelt, nicht die Zeiten, in denen alles super läuft. Durch diese Zeiten sind wir alle einzeln durchgegangen, ob wir in anderen Bands waren oder nicht.

Was die Genugtuung angeht – doch, die ist da. Denn ich fand immer, dass wir was Gutes gemacht hatten. Dass wir Integrität hatten, wir haben keine Spielchen gespielt sondern waren immer ehrlich in unserer Musik. Die Leute sagten, wir sind Shoegaze, wir sind Psychedelic Rock, wir sind Spacerock – aber diese Namen sind doch alle egal. Letztlich hatten wir einige echt gute Songs, wir machten ein paar wirklich interessante Platten. Es gab ja auch lange Zeit noch richtig viele Bands, die uns mehr oder weniger nachgeahmt haben  und viel davon war richtig mies.

Wenn ihr heute ein Festival spielt, dann ist es sehr gut möglich, dass ihr eine Band trefft, die damals schon mit euch unterwegs war. Slowdive, Blur, Suede, The Jesus And Mary Chain, My Bloody Valentine, Swervedriver – alle haben sich wiedervereinigt und die Liste ist noch nicht mal zu Ende. All die Lieblingsbands meiner Plattensammlung, als ich so 20, 22 war, spielen heute wieder. Ganz offensichtlich steckte wohl doch mehr dahinter bei ihnen. Hast du eine Erklärung dafür, dass all diese Bands es nicht lassen können?

Schwer zu sagen – ein paar dieser Bands aus unserem Umfeld ist vermutlich bewusst geworden, dass ein Publikum für sie da wäre, wenn sie zurück kämen. Sowas kriegt man ja mit in Zeiten der sozialen Medien. Wenn man dann ein gutes Angebot von einer Agentur erhält, ist es ja eine tolle Sache, um sie wieder aufzugreifen.

Ich finde aber auch: Diese Bands, die du da genannt hast, das waren wirklich gute Bands. Okay, ich war nie Suede-Fan, aber auch sie hatten zweifellos besondere Qualitäten. Naja, auch wenn es jetzt aussieht wie eine große Welle, dürfen wir ja nicht vergessen: Damals gab es auch Berge von Bands, die heute total vergessen sind. Diese Bands hatten vielleicht nie diese Qualität. Ohne jetzt mit dem Finger auf jemand bestimmten zeigen zu wollen – da gibt es einige Bands mit kurzen Namen, von denen man nicht mehr hören wird. Naja, ich glaube, dass in der Musik vieles zyklisch verläuft – und ich möchte mir gerne einbilden, dass Qualität sich auf lange Sicht durchsetzt. In den sozialen Medien von heute werden die guten Bands auch von neuen Fans geteilt. Weisst du, Ride waren sehr erfolgreich in den Jahren ihrer Abwesenheit. In den letzten 15 Jahren haben sich unsere Alben weiterhin stetig verkauft und mehr und mehr neue Leute wurden zu Fans der Band. Das ist natürlich etwas, das dich aufbaut und das dich motiviert, wieder nach draußen zu gehen und den Leuten zu zeigen, warum all das passiert ist – deswegen, weil du nämlich wirklich gut warst und weil du es verdienst. Dieser Vorgang ist vermutlich einer, den die anderen Bands auch auf ihre Weise durchlebt haben.

Und noch was: Ich LIEBE es, wieder in der Band zu sein. Und letztlich geht’s bei Musik immer zuallererst um Leidenschaft. Wenn du das alles mal erlebt hast, dann ist das Leben außerhalb einer Band ganz schön tough – es macht einfach riesigen Spaß, in einer Band zu sein. Warum sollte man diese Chance nicht wahrnehmen?

Angenommen, ihr trefft bei einem Festival dann so jemand wie Slowdive oder Swervedriver – gibt’s dann ein großes Hallo?

Ja, total – mit Swervedriver bin ich immer noch ganz eng, Adam ist ein guter Freund von mir. Wir sehen uns oft – er hat zum Beispiel alle Vocals fürs neue Swervedriver-Album hier in meinem Studio eingespielt. Ich kenne ihn also sehr gut, und ich kenne auch Neil von Slowdive echt gut – und ich habe seine Band immer sehr gemocht. Wir haben uns vor wenigen Jahren mal gemeinsam beim Primavera Festival getroffen und es war echt richtig toll, ihn so wieder zu treffen. Ich hoffe, dass es ihnen so geht wie uns und dass auch sie eine gewisse Genugtuung erleben. Genugtuung ist aber nichts, das lange anhält. Irgendwann kommt die Motivation, auch mit interessanter neuer Musik nachzulegen. Das ist jetzt der wahre Test für uns alle.

So, meine halbe Stunde ist so gut wie vorbei. Ich muss gleich Schluss machen – und zum Schluss frage ich immer nach einer Anekdote. Was war denn seit eurer Rückkehr eure bisher verrückteste Show?

Also, die verrückteste Show.. die war in Honolulu auf Hawaii. Da spielten wir, weil wir ein bisschen Zeit hatten zwischen dem Ende einer US-Tour an der Westküste und weiteren Konzerten in Japan. Tja, da guckten wir auf den Globus und sagten: Ein paar Tage Hawaii, das wäre doch was – und vielleicht können wir ja sogar noch ein Konzert in Honolulu organisieren! Die Show war mal was Anderes, sie war durchaus schrägt – vor allem aber: Zum Soundcheck, da jammten wir vor uns hin und wir haben uns dabei aufgenommen. Diese Aufnahme, das ist die Basis für den Song „Impermanence“. Wären wir also nicht in Hawaii gewesen, wäre der Song vielleicht nie entstanden. Schon sonderbar, darüber nachzudenken – zumal der Song ja null nach Hawaii klingt. Er klingt mehr nach vier Leuten, die sich fragen: „Was genau haben wir hier eigentlich verloren?“

Wird es denn jetzt mehr Post-Reunion-Alben geben? Gibt es da schon Pläne?

Ach – also, ich würde mir das schon gerne so vorstellen. Die Neue läuft ja ziemlich gut an. Aber wir werden jetzt wohl mal abwarten – naja, aber wenn diese Platte gut genug läuft und uns die Möglichkeit gibt, dass wir irgendwie unseren Lebensunterhalt durch die Band bestreiten können, dann JA! Ich schreibe jedenfalls schon fleißig neue Songs. Klar, wir müssen jetzt erst mal mit dieser Platte so richtig arbeiten. Aber ich wünsche mir doch, dass es auf jeden Fall eine weitere gibt. Tja, so wie die Welt gerade läuft, weiss man eh nicht, was morgen passiert. Also: Wenn die Welt nicht explodiert und wir auch nicht, dann sehe ich keinen Grund, warum nicht.

Darauf freue ich mich – und ich freue mich auf eure Tour! Vorausgesetzt, es verschlägt euch nach München oder wenigstens in die Nähe.

Doch, das soll passieren. Wir setzen uns demnächst für die Planungen zusammen und ich werde mich für Deutschland starkmachen. Ich habe gute Freunde in Hamburg und bin großer Deutschlandfan! Wir werden kommen!

Dann möchte ich zum Schluss eben noch sagen, dass ich die Platte wirklich sehr mag. Mir ist klar, dass Nostalgie da vielleicht eine Rolle spielt – aber „Cali“ zum Beispiel, der hat was von „OX4“ von „Going Blank Again“, das ist ein echter Favorit. 

Danke, das bedeutet mir viel! Es ist nur natürlich, denke ich, wenn etwas an die frühen Alben erinnert – denn dies ist nun mal unser Stil und wir sind an das Album ja genau wie an „Going Blank Again“ heran gegangen. Wenn die Leute etwas Vertrautes spüren, dann ist das gut.

Es zeigt ja nur: Wenn diese vier Typen gemeinsam in einem Raum spielen, dann ist das eben die Art Musik, die entsteht.

Ja, ich denke, das ist so. Ich glaube zwar, dass wir auf den Platte auch ein paar ganz neue Dinge tun, aber es gibt eben auch vieles Vertrautes.

Jetzt habe ich meine Zeit aber wirklich überzogen. Da sitzt jetzt vermutlich irgendwo ein anderer Journalist genervt am Telefon und wartet darauf, dass er endlich durchkommt… also lasse ich dich jetzt frei!

Es wartet gar kein Journalist – aber ich muss jetzt was ganz Rock’n’Roll-mäßiges machen und meine Tochter von der Tagesstätte abholen, haha.

Ganz vielen Dank! Und viel Erfolg für Album, es hat mich sehr gefreut!

Schön, mit dir zu sprechen – Vielen Dank, Bye!

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