Review: The Secret Sisters

The Secret Sisters – „You Don’t Own Me Anymore“

Eine Platte, zu der man ihre Geschichte erzählen muss.

Okay, wir haben hier also The Secret Sisters. Am Anfang sind sie des Countrys Glückspilzinnen. Laura Rogers aus Muscle Shoals, Alabama, ist 22, da sieht sie, dass eine Plattenfirma in Nashville ein öffentliches Casting veranstaltet. Sie singt mehr aus Jux als aus echter Ambition ein paar Lieder und die Herren sind begeistert. Laura soll wiederkommen. Beim nächsten Mal bringt sie, ein bisschen eingeschüchtert durch das Gerede von Plattenverträgen, ihre Schwester Lydia mit. Man schlägt den beiden vor, gemeinsam zu singen. Das tun sie seit ihrer Kindheit, die Harmonien kommen von selbst. Jetzt sind die Labelfritzen erst recht begeistert. Einer von ihnen ist Andrew Brightman, renommierter Manager. Ein anderer ist Dave Cobb, heute als Super-Producer (Jason Isbell, Sturgill Simpson, Christ Stapleton) und Grammygewinner bekannt.

Kurz und gut, die Girls kriegen einen Vertrag. Man fliegt sie nach LA und zurück, sie dürfen mit Dave Cobb aufnehmen, danach sogar mit Jack White und T-Bone Burnett. Ein erstes Album („The Secret Sisters“, 2010) besteht größtenteils aus Coverversionen, doch die Schwestern beginnen bereits, eigene Songs zu schreiben. Das zweite Album „Put Your Needle Down“, diesmal mit ca 2/3 Songs aus eigener Hand, erscheint 2014 und wird zum weltweiten Kritikerfavorit. Das Label hat große Erwartungen. Americana boomt schließlich und der traditionelle, dabei leicht angerauter regelrecht historische Harmonie-Country passt perfekt in die Playlists. Lydia und Laura touren mit Ray Lamontagne, Levon Helm, Brandi Carlisle, den Punch Brothers, Willie Nelson. Es läuft so gut, die zwei schämen sich fast dafür – sie wissen schließlich, andere Bands arbeiten sich jahrelang ab, ohne solche Chancen zu bekommen. Ihnen jedoch scheint alles Gute wie von selbst zuzufliegen.

Dann aber das böse Erwachen in der Realität. Es zeigt sich: Beide Alben kriegten zwar tolle Kritiken und die Rogers-Schwestern haben damit ein durchaus respektables Publikum erreicht. Massiv draufgezahlt hat das Label mit seinen Investitionen in teure Producer und Amerika- und europaweite Support-Tourneen bisher trotzdem. Republic Records entscheidet, das Duo aus seinem Vertrag zu entlassen. Auf einmal stehen die Secret Sisters vorm Nichts. Sogar vor noch weniger. Denn auch das Verhältnis zu Andrew Brightman, ihrem Manager, ist zerrüttet. Die beiden suchen sich ein neues Management – was Brightman überhaupt nicht akzeptieren will. Er geht vor Gericht und verklagt die zwei auf Summen, die sie im Leben nicht aufbringen können. Die Schwestern müssen Bankrott anmelden.

Die so lange so rosig aussehende Zukunft liegt in Trümmern. Die Schwestern verzweifeln, landen im kreativen Loch. Nur vereinzelte Shows halten sie seelisch über Wasser. Da kommen alte Freunde zur Hilfe. Brandi Carlisle und ihre zwei Musiker, die Zwillinge Tim und Phil Hanseroth, fragen bei einem gemeinsamen Konzert, was los ist. Als sie die Geschichte hören, schalten sie sich ein. Ihr unbedingter Glaube an das Ausnahmetalent der Schwestern ist ungebrochen und für die beiden enorm motivierend. Brandi und ihr Team helfen, eine Crowdfunding-Kampagne für ein drittes Secret Sisters-Album zu organisieren. In wenigen Tagen ist das Album finanziert. Brandi und die Hanseroths werden das neue Werk produzieren und mit einspielen.

Ist es ein Wunder, dass die Platte „You Don’t Own Me Anymore“ heisst? Ganz klar ein kleines Nachtreten gegen Andrew Brightman, der nicht mehr über die Musik und die Karriere der Schwestern verfügen kann. Es ist natürlich klar, dass die Zeit der Sorgen, aber auch das Wiedererlangens ihres Selbstbewusstsein zentrale Themen der Songs dieses Albums sind. Man merkt es: Ihre dritte Platte ist diejenige, auf der die Secret Sisters selbst das Zepter in der Hand haben.

Klar, T-Bone Burnett hat „Put Your Needle Down“ stark produziert – aber es gab duchaus Stimmen, die damals schon sagten, er drücke den Sängerinnen zu sehr seinen Stempel auf.  „You Don’t Own Me Anymore“ klingt femininer. Die Rogers-Sisters und Producerin Brandi Carlile drehen die Flamme ein bisschen runter. So hören wir die perfekt korrespondierenden Nachtigall-Stimmen der Secret Sisters in einer harmonischen Zartheit und Samtweichheit, die es auf dem Vorgänger selbst auf den Balladen nicht zu hören gab. Ein Vergleich? Da drängen sich Schwedens First Aid Kit auf, bekanntlich ebenfalls Schwestern.

„You Don’t Own Me Anymore“ ist also ein Album, das aus großen Schwierigkeiten geboren wurde. Die grazilen Songs vermitteln Unsicherheit und Melancholie, aber auch Trotz und Stärke. Und wenn die Schwestern früher selbst fanden, ihre bisherige Karriere sei ihnen ein bisschen in den Schoß gefallen und sie hätten sich das Erreichte nicht hart genug erarbeitet – dann hat die Vorgeschichte ihres dritten Longplayers diesen „Makel“ aber mal definitiv beseitigt.

Wie so oft befindet sich auf dem Album-Inlay auch eine Liste, auf der die Band sich bei allen möglichen Leuten bedankt. Die letzte Zeile lautet hier folgendermaßen: „And to Andrew, we forgive you and wish you well“. Wow. Das ist mal ein souveräner Kiss-Off – und wahrscheinlich sogar ehrlich gemeint. Diese Zeile passt ins Bild. Für das Album, auf dem The Secret Sisters sich, nachdem sie zuvor beinahe untergegangen sind, letztlich freischwimmen konnten und am Ende sogar so richtig mit sich im Reinen zu sein scheinen.

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