Review: Husky

Husky – „Punchbuzz“

Es ist ein Frage, die ich in meinen Interviews ganz gerne mal raus hole: „Wie viel Einfluss hat die  Umgebung, in der man einen neuen Song schreibt?“ Ich weiss von mir schließlich: Wenn ich zu Hause in meinem Heimatort in den Alpen bin, bin ich irgendwie anders drauf, als ich es in München bin. Klar bin ich nicht plötzlich ein anderer Mensch, aber so eine Kleinstadt ist halt ganz anders getaktet. Es ist, als habe sie einen anderen Puls als so eine Millionenstadt. Wobei München ja noch mal wieder ganz anders tickt als, sagen wir, London. Wenn ich mal in London bin, nehme ich gleich eine gewisse Nervosität auf, bin schneller gehetzt, beunruhigt, alleine weil alles um mich herum so wuselt. München ist mein Normalzustand, mittelschnell. Im Allgäu kann ich in einer Zen-artigen Ausgeglichenheit einpendeln, als läge ich vor Anker.

Aber es geht hier ja nicht um mich, es geht um Husky. Um Chaskiel (genannt Husky) Gawenda und seinen Cousin Gideon Preiss, das Melbourner Duo, das uns mit zwei sehr schönen Harmoniegesang-Folk-Alben schon große Freude gemacht hat. Nach dem zweiten Album wiederum verbrachten die beiden mehrere Monate in Berlin. Es ging darum, die Karriere in Europa anzukurbeln, Festivalshows und Tourneen durch mehrere EU-Staaten waren gebucht – da machte es keinen Sinn, jedes Mal heim nach Australien zu fliegen. Statt dessen mietete ihr Label eine kleine Wohnung im 13ten Stock eines Hauses in Kreuzberg, die den beiden dann ein halbes Jahr als Homebase diente. Sicher ist es eine Vereinfachung, für die Veränderungen, die auf „Punchbuzz“ stattfinden. alleine Berlin verantwortlich zu machen. Aber Husky und Gideon sagen selbst, dass Berlin ein Hauptauslöser für die Neuerungen war.

Was sind denn nun die Veränderungen? Nun, Husky sind einfach flotter geworden. Bisher waren die filigranen Balladen ihre Spezialität, jetzt haben ihre Songs Tempo angezogen. Nicht so, dass wir hier plötzlich Punkrocker vor uns hätten, keine Angst, Husky sind keine HiSpeed-Band geworden. Aber das Ganze hat halt ’nen anderen Puls und klingt dichter, oft auch experimenteller. Schon bei ihren frühen Alben erinnerten mich die Australier gerne mal an das Songwriting von ihren Südhalbkugel-Kollegen Crowded House  – jetzt sind sie in der Tat nahe dran. Der Gesang mehrstimmig, die Melodien Ohrwürmer, die dennoch nicht der offensichtlichen, ausgetretenen Pfaden folgen.

Er schreibe seine Songs meistens nachts, so gegen drei, vier Uhr, hat Husky Gawenda mal erzählt. Das macht Sinn, denn es war immer schon eine Qualität von Husky, dass ihre Songs so was reflektierendes, poetisch analytisches hatten. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie Husky drei Uhr nachts am Schreibtisch sitzt, sich noch mal Gedanken machend über, sagen wir, eine Beziehung, die zwei Jahre zuvor auseinander ging. Er sammelt in der Nachteinsamkeit die Assoziationen, er zieht seine Schlüsse und am Ende steht ein Song. Zu den faszinierenden Dingen des Songwritings gehört ja, dass Dinge auf unbewusstem Level transportiert werden können – und dieses Nachdenkliche, dieses Nächtliche, das haben Husky immer raus gefunkt auf den Frequenzen, die man mit der Antenne des Unterbewusstseins empfängt.

Jetzt Berlin: „In Berlin ist nachts noch was los. Wenn man aus dem 13ten Stock nach unten schaut, herrscht immer noch ein reges Treiben.“ Ich behaupte also, ohne den Beweis dafür zu haben (außer „Punchbuzz“, dem Album selbst): Dass Husky in den Berliner Nächten beim Schreiben aufgekratzter war, bzw. später daheim in Melbourne, wo er Songs über die Berliner Zeit schrieb, das kommt in den Songs rüber. Husky zeigen auf dieser Platte eine gewisse Unrast, einen gewissen Buzz. Keine nervenzerreissende Panik, sondern einfach nur diese unbestimmte Verunsicherung, wenn man eigentlich seinen Plan hat, aber halt fernab von zu Hause ist, ankerlos, und alles irgendwie anders ist. Naja, das ist jedenfalls das, was ich auf der Gefühlsebene von der Platte mitnehme.

Einfacher ist natürlich, einfach nur aufs Songs und Sounds selbst zu achten. Auf die Fakten. Husky haben dieses Mal mit einem Produzenten gearbeitet: Matt Redlich spielt in den Bands Holy Holy und The Trouble With Templeton und speziell in der Brisbane-Szene hat er bereits mit einigen Bands gearbeitet (u.a. Ball Park Music, The Cairos). Mir sagte der Name bisher noch nix, aber künftig werde ich auf ihn achten, denn zweifellos macht er seine Sache herausragend. Die Arrangements sind ideenreich, ohne dabei unnötig flippig nach Aufmerksamkeit zu heischen. So lohnt sich auf jedem Song das aufmerksame Lauschen: Nehmt euch zum Beispiel mal nur die Zeit für der Titelsong „Punchbuzz“: Mindestens sieben Gitarrensounds, eine Bassline/Tambourine-Kombi mit Dangermouse-Feeling, subtiles Drumming, dezente Keyboardschichten, gekonntes Lückenlassen – und all diese Spielereien so feinsinnig in den Dienst des Songs gestellt, dass sie kaum auffallen, wenn man nicht bewusst drauf achtet.

Das Songwriting ist nicht Redlichs Sache, sondern Huskys. Aber checkt auch mal als Beispiel die Struktur der Single „Late Night Store“: Die geht nicht einfach ABABAB, sondern ABCDABCDED. Noch mal aufgedröselt: A (Strophe) B (Bridge) C (Refrain 1) D (Refrain 2) E (Middle Eight) – fünf verschiedene Segmente hat der Song, beim Übergang sprenkselt die Band fast immer Rhythmuswechsel ein, als wäre das nix. Beim ersten Durchlauf nimmt C, also Refrain 1 („I’ve spent my money in the late night store“) dabi die Drums raus, beim zweiten drückt er sie erst so richtig durch. Stark! Sorry, falls sich das jetzt gerade blöd kompliziert las – was ich sagen will, ist: Hui, das ist mal echt komplexes Songwriting. Aber: Trotz allem klingt der fertige Song ganz mühelos und natürlich. Das ist schon ne echte Kunst.

Also, zusammengefasst: Das dritte Album von Husky versammelt echt viele subtile Qualitäten. Sehr smarte Arrangements, sehr raffinierte Songstrukturen, poetische Texte und ohrenschmeichelnder Harmoniegesang sind das eine – fast noch wichtiger aber ist mir die emotionale Connection, die ich im ersten Teil dieses Text angesprochen habe. Die Tatsache, dass Husky mit diesen Liedern die Übermittlung einer Gefühlswelt gelingt. Dass man sie im inneren Auge vor sich sieht, die zwei nachdenklichen Australier, drei Uhr nachts, im 13ten Stock in Kreuzberg. Sie waren in zwei Bars und auf dem Heimweg noch beim Späti, jetzt blicken sie hinunter auf Berlins Nacht und machen sich einen Reim aufs Leben. So klingt „Punchbuzz“.

HIER mein Interview mit Husky zum letzten Album „Rucker’s Hill“

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