Review: The Charlatans

The Charlatans – „Different Days“

In diesen Wochen gab’s/gibt es neue Alben von Ride, Slowdive, The Jesus and Mary Chain, alle mit großem Medienecho. Auch ihre Zeitgenossen The Charlatans haben ’ne Neue, doch der Hype fällt gering aus. Wenn man so will, haben die Madchester-Veteranen, die den ewigen Klassiker „The Only One I Know“ geschaffen haben, also einen Fehler gemacht: Sie haben sich nämlich nie getrennt. So können sie jetzt mit keinem Comeback -Brimborium um die Ecke kommen.

Aber selbstverständlich war es KEIN Fehler der „Charlies“, all die Jahre durchzuhalten. Die Band hat die Jahre, die andere Combos liegen ließen, genutzt, um ein beeindruckendes Gesamtwerk zu schaffen. Und im Verlauf des Ganzen ist den Baggy- und Britpop-Überlebenden etwas gelungen, was andere Bands sich nur wünschen: In Würde zu altern und in einem angemessenen Rahmen relevant zu bleiben, ohne sich Trends anzubiedern.

Ein Abstecher: Charlatans-Sänger Tim Burgess hat vor ein paar Jahren seine Autobiographie geschrieben. So ein Teil besorgt man sich, weil man halt Fan und Nerd ist – aber nicht, weil man glaubt, ein tolles Buch zu lesen. Es war dann aber so, dass ich das Ding kaum weglegen konnte. Tim kommt in seinen Memoiren extrem nachvollziehbar rüber. Als ein Mensch erstens mit Hummeln im Hintern und zweitens mit unbeirrbarem und ansteckendem Optimismus. Tim weiss, dass er im Leben viel Glück hatte und dass er viel verbockt hat, aber er weiss sein Glück sehr wohl zu schätzen und seine Verbock-Aktionen einzuordnen. Diese Bio, behaupte ich, hilft dem Hörer beim Verständnis der Charlatans. Tims grundsätzlich positive und offene Einstellung spiegelt sich darin, dass die Band nach all den Tiefschlägen in ihrer Karriere immer wieder voll motiviert weitermachte. Es gab ja nicht nur Zeiten, in denen die Band nicht gefragt war oder in denen all ihr Geld futsch war – The Charlatans überstanden sogar der Tod von Mitgliedern. Keyboarder Rob Collins starb bei den Aufnahmen zu ihrem fünften Album „Tellin’ Stories“ bei einem Autounfall, seitdem ist Tony Rogers zu einer festen Säule der Band geworden. Die Aufnahmen des letzten Albums „Modern Nature“ (2015) wiederum waren geprägt von der Krebsdiagnose des Drummers Jon Brookes, seiner Krankheit und letztlich seinem Tod. Auf ein paar Tracks trommelte er noch, auf anderen gastierten Stephen Morris (New Order), Pete Salisbury (The Verve) und Gabriel Guernsey (Factory Floor).

Das macht ihr 13tes Album zur ersten Charlies-Platte komplett ohne Brookes. Als Drummer sind einmal mehr Morris, Salisbury und diesmal auch Donald Johnson von A Certain Ratio dabei, die alle Verschiedenes einbringen.

Die Besonderheit, mit der das Album wiederum beworben wird, sind die illustren Gäste: Morris hat New Order-Kollegin Gillian Gilbert mitgebracht. Johnny Marr spielt Gitarre, auch Anton Newcombe (Brian Jonestown Massacre), Kurt Wagner (Lambchop), Paul Weller, Schauspielerin Sharon Horgan und Autor Ian Rankin sind zu hören.

Ein ziemlich schräges Sammelsurium. All diese Gäste aber haben eine Gemeinsamkeit: Sie wissen Bescheid. Sie respektieren und schätzen die Charlatans nach ihren 27 Jahren Dienst am Gitarrenpop. Das bedeutet: Sie stellen sich in den Dienst der Sache. Keiner spielt sich in den Vordergrund, es gibt kein Showboating, keiner zerrt den Sound in seine Richtung. Jeder dieser Songs klingt zuallererst mal ultimativ nach Charlatans. Danach erst kommt ins Spiel, dass die Sounds durch all die Teilnehmer durchaus variabel geraten sind. Wir haben wunderbare Gitarrentracks, auf denen Johnny Marr genau so rum johnnymarrt, wie man sich das erträumt. Dagegen stehen elektronischere Tracks wie das fast housig-minimalistische „The Same House“ mit Gilbert/Morris oder das 80s-eske „Over Again“.

All diese verschiedenen Klangfarben könnten ein zerfahrenes Mischmasch ergeben, das aber passiert nicht. Denn die Tracks haben etwas gemeinsam: Die Grundstimmung. „Different Days“ ist trotz der Abwechslung eine sehr konsistente Platte, weil sie auf sehr variantenreiche Weise ein Grundgefühl rüberbringt. Und dieses Grundgefühl – da kommen wir wieder zur Tim Burgess-Bio – ist ein seliger, beinahe rührender Optimismus. Ein Positivismus, der prägende Tragödien nicht verschweigt oder verdrängt, sondern sie bewusst zur Kenntnis nimmt, sich mit ihnen befasst – und dennoch zum Schluss kommt: „Das Leben ist ein gutes.“ Das ist jedenfalls das, was ich aus der Platte ziehe.

Deswegen picke ich jetzt auch gar keine weiteren einzelnen Songs raus. Es sind einige sehr tolle dabei, speziell Johnny Marr wird bei mir immer nur Liebe ernten und diese zwei Manchester-Legenden mal gemeinsam zu hören, das war längst überfällig. Aber was ich an diesem Album nun mal so besonders mag, ist die Traurigkeit akzeptierende und dennoch ewig positive Einstellung, die sich beispielhaft in diesen Zeilen des Albumhighlights „There Will Be Chances“ findet:

„I laughed when I thought about the past
a place i love but cant go back
the present’s where it’s at
memories disintegrate
the best of them remain.“

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