Review: Wavves

Wavves – „You’re Welcome“

Alben haben ja immer irgendwie eine Geschichte und die Geschichte, die am letzten Wavves-Album „V“ (2015) dran hing, das war der Streit zwischen Nathan Williams (dem Kopf, Frontfigur, Macher, Denker der Kalifornier, die zwar nominell ein Quartett sind, aber faktisch letztlich Williams +3) und seinem Majorlabel Warner Music. Da gab’s ein großes Hin und Her: Nathan stellte Songs auf Soundcloud, Warner sperrte sie wieder, drohte gar mit einer Klage. Nathan wollte ein Albumcover, die Warner wollte ein anderes, Nathan stellte seins ins Netz, um vollendete Tatsachen zu schaffen und schrieb wütende Tiraden nach dem Motto: „Die Sesselfurzer, die in mir nur ein Dollarzeichen sehen, peilen eh nicht, was ich mache!“ Das sechste Album „You’re Welcome“ erscheint konsequenterweise auf Nathans Eigenlabel und er schickt sinngemäß voraus: „So wie die Warner mein letztes Album in den Sand gesetzt hat, kriege ich das ja sogar komplett alleine besser hin.“

Jetzt könnte man sich fragen, warum überhaupt je ein Majorlabel glauben konnte, für eine so gerne Streit suchende Band die richtige Heimat zu sein. Schon die frühen Alben der Wavves lebten schließlich davon, dass sie ihre Songs mit einer gewissen Wurschtigkeit und spürbarer Verachtung hinrotzten. Das war von Anfang an erklärt ihr Ding: Extraknackige Noisepop-Songs einerseits – aber mit latent aggressiver Slacker-Attitude andererseits. Zerzaust, um elf Uhr früh schon betrunken, geht-mir-nicht-auf-die-Eier, Stinkefinger-Musik.

Was ich witzig finde: Die Wavves zu hören, das weckt den inneren Majorlabel-A&R in mir. Wer hätte gedacht, dass so einer in mir drin steckt? Vielleicht bin ich schon zu lange in diesem Business drin? Jedenfalls, ich höre die Wavves und ich erkenne: Mensch, einerseits hat das fast den Grunge-Crunch von Nirvana, andererseits die College-Schlauberger-Poppigkeit von Weezer und drittens kann man sogar ein bisschen kalifornisches Surfpop-Erbe, einen Schatten der Beach Boys, erkennen. Die Band ist immer nur so knapp davon entfernt, ihr „Smells Like Buddy Holly“ zu liefern – den mörderischen Banger, mit dem sie weltweit explodiert. Wäre ich bei nem Majorlabel, würde ich genau das machen: Wavves einen Vertrag geben, aber ein kleines bisschen an ihren Stellschrauben drehen wollen, nur hier und da, hier eine Nuance Sperrigkeit raus, dort ein paar Gramm Radiotauglichkeit rein… und schnell würden Nathan und ich total aneinander geraten, weil er sich genau diese Einmischung absolut verbitten würde. Hihi.

Na, nun ist es so wie’s ist und Wavves bleiben Wavves bleiben Wavves. Also ist auch Album sechs eine fröhliche Kollektion aus Radaupop-Songs, geschrubbt, nicht gespült, die sich einen Spaß draus machen, knapp am Ziel vorbei zu schießen.

Wobei der Opener „Daisy“ noch ziemlich perfekt killt, mit einem Schmirgel-Pixies-Riff, fetten Bulldoze-Beats und Überholspurtempo. So weit, so YEAH! Der Titelsong „You’re Welcome“ ist dann aber schon wieder so ne Sache: Der Track hat das Riff und den Refrain eines Welthits, aber Strophen kommen nicht in die Gänge. Auch „Million Enemies“ hat ein Brett von einem Chorus – das ist fast Abba-meets T-Rex! Aber auch hier hängt der Refrain in der Luft zwischen Strophen, die ihn bremsen. „Come To The Valley“ ist dann einer der Momente, wo die Beach Boys durchscheinen – vergraben, eh klar, unter dicken Brocken aus Fuzz, Noise und Verzerrung.

Ich bin mir sicher, dass die Wavves Fans haben, die genau dieses ewig Patzige an ihnen lieben. Es hat ja auch was. Und: Es gibt den Wavves eine Identität. „Stupid In Love“ zum Beispiel paart Sandstrahler-Gitarren mit „Lalalas“, die extra albern gesungen werden. So, dass man sich fragt, ob Nathan Williams den Hühnerchor der Muppets-Show für die Background-Vocals verpflichtet hat. Der Grund ist klar: Der Song heisst nun mal „Stupid In Love“ und irgendwie muss ja dargestellt werden, dass sich zu verlieben nach Nathans Meinung blöd ist. Diese gewollt dämlichen „Lalalas“ transportieren also auf ganz drollige Weise einen gewissen Spott. Ich kann verstehen, wenn irgendwo jemand vor den Boxen sitzt und genau dazu eine enge Verbindung aufbaut.

Aber da ist halt auch der innere A&R in mir, der sich denkt: „Wieder knapp am Hit vorbei geschrammt!“ Da ist der Indie-DJ in mir, der gerne einen absoluten Wavves-Kracher für den Partyhöhepunkt hätte und der von der Band die Bälle nie richtig in den Lauf gespielt kriegt. Immer ist ein Break hier oder ein Noise-Element dort im Weg.

Nun gut. Wavves bleiben Wavves, Nathan Williams bleibt Nathan Williams. Seine Dickköpfigkeit hält ihn hie und da zurück, aber letztlich ist sie sowohl sein Markenzeichen als auch die Stärke, die ihn bis hier gebracht hat. Also macht er’s letztlich schon richtig.

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