Interview: Kasabian

So. Es ist so weit. Seit Freitag ist das aktuelle Kasabian-Album „For Crying Out Loud“ draußen. Es ist famos, was auch sonst? Ich war in Berlin und hab‘ Serge zum Gespräch getroffen. Yippieh!

Übrigens: Was du noch gar nicht weisst: Ich schulde dir einen Kasten Münchner Bier.

Aaaah!

Ich habe diesen winzigen Blog, den kein Mensch liest. Aber wir haben trotzdem einen Preis ins Leben gerufen für den „Song des Jahres“ und der Sieger kriegt einen Kasten Münchner Bier.

Okay!

Ihr habt in dem Jahr gewonnen, als „eez-eh“ raus kam.

Ha, lässig!

Jetzt müssen wir einen Weg finden, wie wir Euch das Bier überbringen. Seitdem seid ihr nicht in München gewesen.

Wir spielen im September.

Die Idee war ja eigentlich eh so: Kennst du diese Bücher, wo Leute irgendwelche Wetten einlösen müssen? So nach dem Motto: Mit einem Kühlschrank durch Irland? 

Ja, verstehe.

Der Plan war also, dass wir die Band tatsächlich aufsuchen und das Bier vorbei bringen. Aber dann haben dauernd Australier gewonnen. 

Hahaha!

Bis jetzt haben wir’s also so gemacht, dass wir abgewartet haben, bis eine Band von selbst in München vorbei geschaut hat.

Aber das ist super!

Alright – fangen wir an!

Los geht’s!

Die offensichtliche Sache ist die, dass mehr Gitarren auf dem Album sind.

Das stimmt, ja.

Aber vielleicht gibt es ja noch weitere Veränderungen, die uns Hörern gar nicht sofort auffallen, die aber nicht weniger signifikant waren.

Ja, also um ganz vorne anzufangen: Die letzte Platte, das war diese tief gehende, gewaltige mentale Reise. Das Gegenteil davon war, alles ganz schnell zu machen. Ich bin also ins Studio gegangen, ich habe von dem Equipment, das ich auf der letzten Platte verwendet habe, kein einziges Gerät verwendet. Ich sah die Gitarre, ich sah das Klavier und ich sagte: Das ist das alles, was ich verwenden darf. Und dann entschied ich, dass ich das Album in sechs Wochen geschrieben haben wollte. Die Ära der 70er-Gitarren war definitiv in meinem Kopf und auch der klassische Motown-Ansatz in Sachen Songwriting: Mit den ersten acht Takten gleich die Leute packen! Gib ihnen eine Bridge, gib ihnen einen Refrain – und der Refrain ist bombig, die Lyrics sind klasse, man verbindet was mit ihnen – all diese Dinge. Das Gegenteil also von dem, was ich zuletzt gemacht hatte. Das fand ich spannend. Und jetzt, wo wir damit fertig sind, habe ich das Gefühl, das erreicht zu haben, was ich mir zum Ziel gesetzt hatte. Zwischendurch habe ich mal Urlaub gemacht, kam zurück, machte alles ein bisschen irrer – und da haben wir’s.

Da muss man aber schon Selbstvertrauen haben, um mal eben zu sagen: Hey, das schreibe ich in sechs Wochen. 

Ja. Aber das hat mich aufgekratzt. Weil’s davor ein bisschen der Horror war. Mit der letzten Platte haben wir so lange getourt und alles war so riesig – da hieß es „Ach, die nächste Platte bringt ihr dann raus, wenn euch danach ist!“ Aber was würde das denn bedeuten? Dass man ab und zu mal ins Studio stolpert und sagt: „Och, jetzt mach ich mal hier was, und mal da…“ Aber wenn du eine Deadline hast, die dich zwingt, gezielt zu arbeiten – das ist Wahnsinn. Ich LIEBE das Gefühl.

Echt? Hey, vielleicht hättest du einen „richtigen“ Job ergreifen sollen, da gibt’s solche Deadlines dauernd! Ha!

Aber man muss doch verdammt noch mal was arbeiten! Die Frage ist: Rolle ich mir noch nen Spliff und schaue die nächsten zehn Stunden youtube? Ich meine, das kann man machen. Aber wenn’s so ist: „Weisst du, ich habe da meinen Scheiss fertig zu kriegen!“  Dann kriegst du’s auch hin.

Aber es ist dann nicht so, dass du dir denkst: „Was, wenn ich in zwei Monaten einen NOCH besseren Song schreibe?“ Ist es eher so, dass du intensive kreative Phasen hast? So dass du dich für ein paar Wochen vom normalen Leben zurück ziehst und dafür führst du dein Leben außerhalb dieser Phasen, ohne zu schreiben?   

Also, es lief so ab: Ich schrieb diese Songs, und sie waren super, also sagte ich: „Das ist es jetzt. Konzentrier dich jetzt auf diese Titel.“ Wenn ich in der Zwischenzeit doch noch was Neues geschrieben habe, und das nicht richtig dazu passte, dann sagte ich: Die verwende ich für etwas anderes. Ich wollte halt wirklich diese Inspiration und dieses Instinktive aus den sechs Wochen einfangen. Das war’s. Kein Kopfzerbrechen. Dann nahm ich kurz Abstand, kam zurück, machte meine Graffitis drüber, wie ich das nenne, dann schrieb ich noch zwei neue Stücke, nämlich „Acid House“ und „Ill Ray“ und die zwei machten dann ein rundes Ding draus. Mit den ersten zehn wäre ich zufrieden gewesen, aber ich bin jetzt auch superfroh, dass ich den Urlaub gemacht habe, ein bisschen gechillt habe, zurück kam und noch die zwei Songs schrieb. Denn ich finde, diese zwei Songs, die geben der Platte noch mal das letzte Extra.

Die erste Single ist „You’re In Love With A Psycho“ – wer ist der Psycho? Du?

Das ist jeder, finde ich. Jeder hat doch ein bisschen Psycho in sich. Den Song soll man bitte nicht superernst nehmen. Das ist einfach nur eine lustige kleine Empfindung. Jeder von uns hat seine Macken, oder? Du MUSST doch auch mal in einer Beziehung gewesen sein und was gemacht haben, worüber du hinterher sagst: „Herrjeh, was habe ich mir da gedacht?!“ Vielleicht warst du mal so richtig eifersüchtig, oder einfach nur ein Arschloch. Das haben wir doch alle schon gemacht. Ab und zu.

Aber ICH doch nicht!

Haaarghg!

Weil niemand mit mir Beziehungen eingeht! Schnief!

Hahaha! Aber du weisst, was ich meine.

Das interessante an diesen Zeiten ist ja, dass man alles irgendwie politisch auslegen kann. Eine Deutung des Songs wäre zum Beispiel, dass es um einen Trump-Wähler geht.

Vielleicht? Kann man schon machen, wenn man will.

Als wir das letzte Mal gesprochen haben, war Leicester gerade in die Premier League aufgestiegen.

Ha – ne Menge ist passiert seitdem, was?

Allerdings. Eine Menge ist passiert. Und ihr wart mittendrin. Die Mannschaft läuft zu euren Songs ein… 

Ja!

ihr habt in ihrem Stadion gespielt, ihr habt zur Meisterfeier auf dem Stadtplatz gespielt.

Ja!!

Erzähl doch mal, wie das war. Das ist doch auch, worum’s bei Rock’n’Roll geht, diese gemeinsame Euphorie.

Nun, die Musik, die wir machen, unsere Liveshows – das sind Orte, wo die Leute hingehen können, um aus dem Alltag auszubrechen. Und um teilzunehmen an diesen großen Freudenfeiern, bei denen jeder willkommen ist. Wenn dieses Feeling ein ein Stadion transportiert wird, dann funktioniert es. Denn das ist einfach, was es ist: Ein Moment, an dem wir alle zusammen kommen und feiern! Wenn also diese Songs bei Leicester gespielt werden – dann passt das einfach zusammen. Aber jedes Mal im Stadion erinnere ich mich zurück an die Zeit, wie ich als Kind in der Kurve war. Die Vorstellung, dass das möglich ist! Man stumpft ab, man gewöhnt sich dran, dass einem gute Dinge passieren. Manchmal muss man sich kneifen und zurück denken an den Jungen, der ausflippen würde, wenn man ihm das erzählt. Der das niemals auch nur für möglich gehalten hätte! Ich meine, deine Songs werden in diesem Stadion gespielt! Das Leben ist schon unglaublich.

Wenn du zurück denkst zum Beispiel auf euer Konzert auf der Meisterfeier – welche Gefühle gingen durch dich durch? Und spiegelt sich davon vielleicht etwas auf der Platte?

Das tut es, das ist mir auch aufgefallen. Also nichts spezifisches, dass ich jetzt über Fußball singen würde oder so. Aber einfach diese begeisterte Stimmung! Alleine jeden Morgen aufzustehen, hat dich aufgebaut! Man hat die Tage runter gezählt – und alle haben mitgefiebert, die ganze Familie. Ich habe ja zwei junge Söhne, die waren voll dabei. Und ich war dauernd im Studio und kritzelte das alles auf Papier! Dieses Gefühl, dieses mitreissende Gefühl. Das ist einfach was ganz Anderes!

Gibt’s denn auf der Neuen einen Song, von dem du dir wünscht, er wäre zur Leicester Party schon fertig gewesen?

„Comeback Kid“ wäre cool gewesen. Das wäre phänomenal gewesen. Weil wir ja in der Saison davor nur ganz knapp am Abstieg vorbei geschrammt sind!

„Wasted“ hat, finde ich, auch dieses Feier-Gefühl.

Yeah! Das ist einfach nur ein Song über den Sommer, über einen super Sommer. Ich dachte dabei an Fleetwood Mac, an Nile Rogers, an die Mamas & Papas, dieser 70s-Vibe.

Der Song ist „triumphal“, das Wort habe ich mir dazu notiert.

Triumphal. Ja, das trifft’s.

Aber obwohl in Leicester alle feierten, hat Tom in der britischen Presse erzählt, dass er kein gutes Jahr hatte.

Das stimmt leider.

Was kannst du als sein Bandkollege tun, um das positiv zu beeinflussen? Ich meine, ich weiss ja gar nicht, wie euer Bandleben genau abläuft. Wenn ihr nicht auf Tour seid, seid ihr dann trotzdem viel miteinander unterwegs oder gibt es da eine Trennung?

Also es nicht so, dass die Tour vorbei ist und jeder geht seines Weges. Wir treffen uns oft. Als das alles ablief, da war die Frage nicht so: „Wie kann ich Tom jetzt helfen?“ Ich dachte nur: Wenn ich uns schnell eine Platte schreibe, dann hat er was zu tun. Die tunes haben positive Stimmung verbreitet, und auch das, hoffte ich, würde helfen. Jedenfalls wäre es nicht so toll für hin gewesen, wenn er im Studio auch noch voll depressive Lieder hätte singen müssen. Das war schon gut, dass er durch die Arbeit mal rauskommen konnte aus dem Loch.

Der Prozess ist also der, dass du im Studio vor dich hin schnitzt und den anderen Bescheid gibst, wenn du sie brauchst? Tom kommt zum Singen, klar, aber wie ist dass mit dem Bass und den Drums?

Je nach dem. Manche Songs schreibe ich von Anfang an auf dem Bass, die sind dann ja praktisch schon fertig. Mal so, mal so. Normal, wenn ich einen Lauf habe, folge ich meinen Instinkten, und dann schauen wir, was passiert.

Ich habe dieses Zitat von dir gelesen, wonach diese Platte „die Gitarrenmusik retten wird“.

Ach je. Ich stehe auf große Zitate, nicht wahr?

Muss die Gitarrenmusik denn gerettet werden?

Lass mich bitte erst klarstellen, dass das Zitat mit einem Augenzwinkern gesagt wurde. Also – ich finde halt, ich HÖRE nicht viel Gitarrenmusik um mich herum. Ich höre keine Gitarren. Also ich stehe auf elektronische Klicks und auf fette Bassdrums, du weisst das, du hast unsere Musik ja gehört. Ich fand nur: WO sind die Gitarren? Und ich entschied: Ich will eine Gitarrenplatte machen. Eine echt gute, mit tollen Songs drauf. Damit die Leute sich dran erinnern, wie gut Gitarrenmusik ist.

Ich bin ja Gitarrenmusikfan und habe als solcher meine Scheuklappen auf. Was in den Charts passiert, kriege ich gar nicht mehr mit.

Klar – und du verpasst da nichts.

Jedenfalls fand ich, dass echt gute Gitarrenbands unterwegs sind zur Zeit. Viele davon aus Australien. 

Ja!

Ich habe hier ein paar Lieblingsbands notiert und wollte deine Meinung dazu. Wie findest du zum Beispiel die DMA’s?

Die DMA’s kenne ich nicht.

Echt nicht? Die klingen wie die frühen Oasis. 

Ach, dann kenne ich sie doch! In Australien hat man sie uns vorgespielt. Doch, gute Typen. Jetzt, wo du’s sagst. In Australien hat mir jemand sie vorgespielt, in seinem Auto.

Schon lustig, wie ähnlich die Oasis klingen. Aber ich liebe die SO SEHR! ich fahre denen hinterher, wenn sie touren. 

Doch, die sind gut. Daumen hoch!

Lustigerweise hat der Gitarrist der DMA’s seine erste Band mit dem heutigen Sänger von Jagwar Ma gegründet, als sie 13 waren. Die gingen in die gleiche Klasse. 

Jagwar Ma sind auch stark. Das erste Album war super.

Schon länger dabei: Spoon sind auch toll. 

Ja, die haben ne neue Platte draußen, richtig?

Die zwar nicht so gitarrenlastig ist diesmal, aber auf seine Weise ist es ja trotzdem gefühlt Gitarrenmusik. Wen du bestimmt super findest, das ist King Gizzard.

Oh ja, die mag ich gerne! Die neue Nummer („Rattlesnake“) ist saugut!

Was hältst du von ihren Gitarren, mit all den Halbtönen?

Die sind schon stark, keine Frage.

Würdest du so eine verwenden?

Da müsste ich mich natürlich erst mal richtig drüber schlau machen. Aber ja, warum nicht?

…und zuletzt: Lustigerweise ein absoluter Favorit von mir, Sturgill Simpson.

Der sagt mir nichts.

Ein Country-Sänger.

Okay.

Aber was für einer! Jetzt hat er sogar den Grammy gewonnen. Ich mochte ja Americana immer schon gerne, aber der hat mich echt zum Country bekehrt.

Stark.

Was ich jedenfalls sagen wollte, war: Gitarrenmusik wird noch lange weiter existieren. Was ich auch glaube: Sie wird jetzt wieder eine Renaissance erleben, weil Gitarrenmusik immer Protestmusik ist. Es ist die Musik der Opposition. 

Ja, das stimmt.

Und bei all der politischen Idiotie, die zur Zeit passiert, mit Trump, mit dem Brexit, da glaube ich, dass die jungen Leute wieder aus Protest zu den Gitarren greifen werden. 

Da glaube ich, dass du Recht hast. Ich mache das seit 12 verdammten Jahren! Schon interessant, was so abläuft. Ich habe für jedes Album Protestmusik und Riot music geschrieben. Aber jedes Mal habe ich mir auch gedacht: Weisst du was? Besser, ich verbreite auch Positives nach draußen. Gute Vibes, Schönheit, etwas Hoffnung. Etwas, das aufbaut.

Dieser Protest wird nicht immer wahrgenommen.

Nein.

Nervt dich das?

Och…

Ich meine, für Viele seid ihr nun mal die Band der Lads. Was ja nerven muss, denn – aber da haben wir in früheren Interviews drüber gesprochen – für mich seid ihr die Band, die „XTRMNTR“ weiter entwickelt. 

Wir sind schon fortschrittlich. Aber weisst du, das ist so ne Sache, die einen irgendwann nicht mehr tangiert. Das ist mir echt egal heute. Ich sitz in meinem Zimmer und mache Musik. Ich liebe das, und ich gebe das Ergebnis nach draußen. Ich weiss, was es ist, und die Leute verstehen, was es ist. Zum Beispiel „Stevie“. Ich bin mal auf der Straße angesprochen worden von diesem Typen. Er meinte, „Stevie“ hätte sein Leben gerettet. Er hörte „Stevie“, erkannte sich darin wieder und sagte sich: „Daran muss ich was ändern!“ Das ist nur ein einzelner Typ, aber ich habe sein Leben verändert. Was über uns gezeigt oder geschrieben wird, ist ihm egal, er braucht niemand, der ihm sagt, was er denken soll. Du legst eine Platte auf, du setzt deine Kopfhörer auf, du startest den Song und er trifft dich im Herzen – und das ist alles, was zählt.

Interessant finde ich ja auch – du hast die Platte mit den Loose Tapestries gemacht. 

YEAH!

Das ist natürlich eine Band, bei der alles erlaubt ist. Nichts wird diktiert durch die Frage „Wird sich das verkaufen?“

Total.

Meine Frage: Hat diese Freigeistigkeit auch Kasabian zurück beeinflusst?

Ich glaube, vielleicht schon. Mit Noel zu arbeiten, weisst du, er ist mein Bruder. Wir sind wie die Bonzo Dog Doo Dah Band, weisst du? Das war ja auch Musik für die Show – ein richtiges Album haben wir noch nicht gemacht. Das bisherige Album ist für seine Show, aber wir werden ein richtiges Album machen, und das wird komplett durchgeknallt! Ich liebe das so! Ich bin ein Riesen-Comedy-Fan, Comedy steht bei mir gleich neben der Musik. Die Platte kommt, keine Frage, das wird ein total krankes Album!

Kommt auch eine gemeinsame Liveshow?

Vielleicht ja. Würden wir gerne machen. Das wird wie Alice Cooper meets The Wu-Tang Clan. Irre.

Wow, das will ich sehen. Ich stimme dir zu, wenn du sagst, Comedy ist wie Rock’n’Roll. Comedy erweitert das Vorstellungsvermögen. Man wird mit etwas konfrontiert, womit man noch nicht konfrontiert wurde. Und das stimuliert dein Gehirn. Es reagiert mit Lachen. 

Yeah!

Deswegen bringen uns Dinge, wegen denen die Leute sich vor 50 Jahren weggeschmissen haben, oft nur noch zum müden Lächeln. Weil Humor sich rapide weiter entwickelt. Wir sehen die Pointen von früheren Witzen heute von weitem kommen.  

Ja, genau.

In ein paar Jahren lachen die Leute vielleicht nicht mehr über The Boosh, weil es dann veraltet sein wird. Aber das wird okay sein, weil es nur zeigt, dass die Zeit und die Menschheit sich fortentwickeln. 

Genau.

Jetzt eine Frage, die nicht so viel mit Musik zu tun hat und ich muss dazu ausholen. Also, in letzter Zeit habe ich das Radfahren als Hobby entdeckt.

Ah, ja.

Auch bin ich als Jugendlicher in den Alpen aufgewachsen und habe in den letzten Jahren meine Liebe zu den Bergen wieder entdeckt. Also besuche ich meine Eltern und schwinge mich auf mein Fahrrad und klettere eine Serpentinenstraße hoch und irgendwann hänge ich meine Beine in einen Bergbach… und ich bin in dem Moment einfach im Frieden mit mir selbst. Ausgeglichen und glücklich. Das ist mein Happy Place.

Ja, verstehe, ja.

Meine Frage dazu: Was ist dein Happy Place?

Das ist das Studio! Aber echt. Wenn ich die Tür schließe und es bin nur ich da drin, umgeben von Musik, das ist der Moment, in dem ich sage: Haach! Das Telefon ist abgestellt, niemand tippt dir auf die Schulter. Und du setzt dich hin und sagt: Alright. Was werde ich heute bauen? Was werde ich heute heraus finden? Doch, für mich ist dieser Ort das Studio.

Also schließt du die Tür ab und lässt niemanden rein?

Nein, meine Jungs kommen die ganze Zeit rein, und das ist super. Wenn sie von der Schule heim kommen, dann kommen sie rein gestürmt und sie stürzen sich auf die Mikrophone und auf die Gitarren: „Dad! Nimm das auf! Wir haben was!“ Es ist der Wahnsinn – sie kennen’s ja nicht anders! Sie sehen ihren Daddy und sie denken, so läuft das nun mal. Die kommen rein und rufen: „Ich hab ein tune, Mann, nimm’s auf, nimm’s auf!“ Ich habe lauter Tapes von ihnen.

Das finde ich herrlich. Wirst du etwas davon veröffentlichen, so quasi a la Loose Tapestries?

Vielleicht ja – also es kann gut sein, dass sie auf dem Loose Tapestries Album auftauchen. Gut möglich!

Klasse! Das ist jetzt also euer sechstes Album. Wenn du heute euer erstes Album hörst, denkst du dir dann: „Wow, haben wir uns verändert!“ oder eher: „Wow, sind wir uns treu geblieben“?

Definitiv das zweite. Ich kann meinen Schreibstil schon definitiv erkennen. Ich sehe, ich habe damals schon Kurs genommen auf das, worum es bei mir geht. Ich höre das, total. Aber es war ne interessante Reise hier her, oder? Ich meine, bei vielen Bands kann man in etwa vorhersagen, was als nächstes passiert. Aber bei uns ist das mehr so eine Schlangenlinie, mit Kurven und Drehungen. Und als Gesamtwerk finde ich, sind die sechs Alben zusammen fast unglaublich.

Da stimme ich zu. So, wie viel Zeit haben wir noch? Ich habe nämlich nicht nur Musikfragen notiert. Ich bin heute auch hier, um deinen Schädel zu sprengen. 

Okay!

In unseren bisherigen Interviews haben wir oft auch über andere Dinge abseits der Musik gesprochen – und zuletzt bin ich auf diesen Typen namens Ray Kurzweil gestoßen, der mich beschäftigt. Hast du mal von ihm gehört?

Nein.

Was irre ist – denn der Typ ist ein Genie unserer Zeit. Er hat unglaublich viele Dinge erfunden. Aber die Leute wissen, wer Kim Kardashian ist! Ray Kurzweil hat den ersten Sampler erfunden, all die Stimmenerkennungs-Technologie stammt von ihm – und er ist auch Zukunftsforscher.

Verstehe.

Er macht also wissenschaftliche Vorhersagen über die Zukunft und hat dabei eine enorme Trefferquote.

Okay.

Okay. Eine seiner Vorhersagen ist, dass im Jahre 2029 die Computer so weit sein werden, dass sie die gleiche Kapazität haben wie ein menschliches Gehirn.

Aha.

In den 2030er-Jahren, sagt er, werden die Computer auch so klein sein, dass wir sie in unsere Gehirne implantieren können – und dann können wir sie als Teil unserer Gehirne verwenden und haben Zugang zur Cloud oder können Dinge runter laden. So nach dem Motto: Willst du eine neue Sprache sprechen, geh auf die Cloud, lade sie auf deinen Nanobot, und du kannst sie sprechen.

Wie jetzt – und dann kann ich zum Beispiel auf einmal deutsch sprechen? Oder rede ich englisch und es kommt auf deutsch raus, läuft das so?

Also, wenn ich das richtig verstehe, kann man dann sogar deutsch denken und sprechen.

Oh Mann, da weiss ich nicht, was ich dazu sagen soll. Wenn das stimmt, Ray Kurzweil, dann bin ich raus! Damit will ich nichts zu tun haben, das klingt für mich wie die Hölle auf Erden!

Echt? Findest du?

Ja! Wenn man nichts mehr lernen muss, dann nimmt es einem doch den Sinn des Lebens! Eine Sprache zu lernen, ist doch zum Beispiel unglaublich. Das ist schwer! Es benötigt Hingabe, es benötigt Nachdenken – sich das einfach ins Gehirn zu beamen, das ist doch fürchterlich, was soll das? Das verstehe ich nicht! Ich hasse ja jetzt schon, dass alles so leicht zugänglich ist. Das klingt vielleicht blöd, aber – ein kleines Beispiel: Ich habe immer nach Samples geforscht. Man sucht zum Beispiel ein bestimmtes Drumbreak. Und früher, wenn man Glück hatte, dann fand man eins pro Woche. Man tauchte ein, in Kisten und Kisten alter Schallplatten, stundenlang, und man hörte einfach nur zu. Und wenn man was gefunden hatte, dann war das wie verdammtes Gold. Das war die beste Woche deines Lebens, denn vielleicht war das Sample die Basis für einen neuen Song. Und das war Wahnsinn. Jetzt, wenn ich genau das Break suche und eine Million mehr, dann gehe ich einfach auf youtube und da ist es. Da findet man alles! Und es bedeutet einem nichts mehr. „Ja, gut, ganz nett.“
Das ist doch genau das Gleiche. Man muss dann nichts mehr tun, um etwas zu erreichen. Ich weiss echt nicht, Mann. Für mich fühlt sich das an wie die Hölle.

Da sind wir unterschiedlicher Meinung. Ich bin total deiner Meinung, dass man sich manche Dinge verdienen muss. Aber ich denke auch, wenn es die Menschheit klüger macht, ist es eine gute Sache.

Aber wir werden doch nicht klüger! Wovon du redest, das ist doch nur einen Schritt davon entfernt, die Erde zu zerstören! Du redest von Robotern, buchstäblich von wandelnden Robotern! Das ist scheiße! Damit will ich nichts zu tun haben.

Okay. Also ich glaube einfach, es wird kommen. Wichtig wird sein, dass wir, während es sich entwickelt, einen moralischen Kompass dafür entwickeln. Zum Beispiel muss es jedem zugänglich sein und nicht nur irgendwelchen Eliten. 

Also das wird schon mal nicht passieren. Schau mich an. Wenn es einen Stecker fürs Internet gäbe – ich würde ihn sofort ziehen! Raus damit! Neu anfangen! Das ist mein Standpunkt zur Technologie. Das Ganze ist irre geworden – und da steh’ ich nicht drauf.

Sieh an. Da habe ich jetzt eine andere Reaktion erwartet. Du hättest ja auch sagen können: „Wow! So viele Möglichkeiten!“

Also, mir klingt das so, als wird es nicht in die Hände der richtigen Leute fallen. Das ist nur eine Möglichkeit mehr, wie sie uns verfolgen können. Du weisst schon, dass sie uns jetzt schon nachverfolgen! (Zeigt auf mein iphone auf dem Tisch) Irgendwo sitzt jemand, der genau weiss, was wir gerade tun! Wenn die jetzt auch noch Zugang zu deinem GEHIRN haben…! Das werden ja keine coolen Hippies sein, die sagen: „Juhu, jetzt können wir alle miteinander deutsch reden!“ Sondern es wird so sein: „Recht so! Check seinen Blutdruck, check, was er gegessen hat, check, was er gerade tut!“ Das ist die totale Information, und mehr noch – sie steckt in deinem Gehirn! Und das ist doch beängstigend! Du gibt diesen Leuten Zugang zu deiner kompletten Persönlichkeit! Das macht mir Angst.

Ray Kurzweil sagt dazu, das die Verschlüsselungs-Technologie der Entschlüsselungs-Technologie immer einen Schritt voraus sei.

Ach, gut. Also ich weiss nicht. Ich bezweifle das.

Ein anderes Beispiel für die Fähigkeiten der Nanobots wäre, dass sie unserem Immunsystem helfen. Bekanntlich erkennen unsere Abwehrzellen Krebszellen nicht – aber Nanobots könnten das tun. 

Phhrrfrft!

Kurzweil sagt auch, im Jahre 2045…

2045

… sind wir unsterblich.

2045! Wann ist das? Wie alt werde ich sein? Das hat doch keinen Sinn. Naja, ich werde 65 sein.

Dich werden sie behalten wollen, denn du bist Künstler. Haha.

(die Lady von der Plattenfirma kommt rein: „Seid ihr so weit?“)

Ich glaube schon.

Also, meinen Schädel hast du auf jeden Fall gesprengt! Danke!

Das höre ich gerne!

Es war mal wieder ein echtes Vergnügen.

Halt, ich wollte dir ja eigentlich noch den nächsten Albumtitel vorschlagen: „GNR“. Das steht für Genetics-Nanotechnics-Robotics. Dann aber fiel mir auf: Es steht halt leider auch für Guns’n’Roses.

Ha! Das gefällt mir aber. Das könnte passieren.

Also Cheers, es war mir eine große Freude.

Danke, bis September in München – ich zähle auf das Bier!

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