Review: Slowdive

Slowdive – „Slowdive“

Ohne Slowdive zu nahe treten zu wollen – aber ich glaube, von all den early-90s-Bands, die sich in den letzten Jahren wiedervereinigt haben, haben sie den leichtesten Job, wenn es darum geht, an ihr altes Schaffen anzuknüpfen. Ich meine: Suede müssen glamourös und verrucht bleiben, auch als gegen den Bierbauch ankämpfende Familienväter. Blurs Alben müssen immer irgendwie einen Kommentar zum Zeitgeschehen abgeben. My Bloody Valentine müssen cutting edge, revolutionär und „out there“ bleiben. Auf den Schultern der Stone Roses und Rides lasten zentnerschwere Erwartungen von Fans, für die sie mal das Ein und Alles waren. Slowdive waren aber immer nur: Neblig und verträumt.

Natürlich, sie waren herrlich und majestätisch neblig und verträumt. Ihre verschwommene, aber erhabene Melancholie ließ den Hörer abdriften, in Sphären schweben. Die Gitarren schnurrten ineinander und schichteten sich wie hauchfeine Schleier. Ihr wolkiger Gesang blieb unkonkret, vage, für alle Interpretationen offen. So wurden Slowdive in den frühen 90s zur Poesiealbum-Band unter den Shoegazern – und ich sage das mit aller Zuneigung. Mann, ich erinnere mich genau an den Tag, als ich das erste Mal die „Morningrise EP“ auflegte! Es war ein sonniger Frühlingstag, ich bin danach im Wäldchen an der Dülferwiese spazieren gegangen und das blendende Licht des zwischen den Bäumen klang wie die Musik in meinen Ohren.

Die Hater, wie man sie damals noch nicht nannte, hatten sich Slowdive schnell als Ziel ausgeguckt. Ihr weltabgewandtes Ding war durchschaubar, manche empfanden es als saccharinsüß. (Obligatorisch muss an dieser Stelle das dödelige Manic Street Preachers Zitat stehen: „WIr hassen Slowdive mehr als Hitler!“ Gut, das ist schon mal abgehakt.) Aber hey, wer die Band liebte, der LIEBTE diese Band. Slowdive, diese braven Kids aus gutem Hause, berührten uns brave Kids aus gutem Hause wie der warme Atem der Liebsten im Nacken.

Diese Wirkung hat ihre Musik über die Jahre behalten. Nu-Gazer wie Sigur Ros, Engineers, The Radio Dept oder Nothing zollten ihr Tribut. Slowdive wurden von neuen Generationen von Fans entdeckt und die Nachfrage nach einer Reunion immer größer. Beispielhaft: In Australien gründete sich eine Band namens Lowtide. Deren Name reimte sich nicht nur auf Slowdive, sie ahmten den Sound so täuschend echt nach, dass man ihnen dieses Kopieren nicht zum Vorwurf machen wollte, sondern die Augen schloss und von Slowdive träumte.

Dass nun sogar andere Bands Slowdives Sound 1:1 auf den Punkt bringen können, unterstreicht uns aber eins: Wenn man nur ein paar Elemente berücksichtigt, dann wird’s auch neblig und verträumt. MIt etwas Mühe wird’s auch herrlich und majestätisch. Deswegen habe ich mir keine Sorgen gemacht, dass Slowdive selbst uns mit ihrem Post-Reunion-Album enttäuschen könnten.

Auf „Slowdive“ trauen sich Neil Halstead, Rachel Goswell & Co sogar ein paar Dinge, die sich all ihre Imitatoren aus Ehrfurcht nicht trauen: An ein paar Slowdive-Traditionen zu rütteln. Klar bleibt’s sphärisch, klar bleibt’s betörend. Aber schon der Opener „Slomo“ liefert kristallklare Gitarrenlinien und wird mit seinem handfesten, griffigen Drumbeat zu einer Popnummer, für die sich in der bisherigen Slowdive-Diskographie kein Äquivalent findet. Die Single „Star Roving“ wagt das Unglaubliche: Geschwindigkeit! 144 bpm! Das ist ja das Tempo eines Titels für den Indie-Dancefloor! Es folgt „Don’t Know Why“. Mit seiner komplexen Struktur und der Wendeltreppen-Melodie seiner Strophen hätte dieser Song gut auf Lushs „Gala“-Album gepasst. Auch wunderschön, klar. Das müssen wir nicht dazu sagen, oder?

Diesen hohen Level behalten Slowdive durchgehend bei. Sie machen auf ihrem Comeback-Album vom ersten bis zum letzten Ton Musik, die den Faden von „Just For A Day“ und „Souvlaki“ nahtlos aufnimmt und sogar ein minimales Bisschen in Richtung Poppigkeit trimmt. Damit machen sie genau das, was wir Fans uns gewünscht haben. Kein überambitioniertes Update, kein billiger Abklatsch, sondern genau das, wofür wir sie früher so geliebt haben.

Ja, es mag sein, dass ihr Sound an sich leicht entschlüsselbar ist und es für Slowdive nicht so schwer war, zurück in diesen Groove zu finden. Aber das zu bemängeln, hieße, zu Yves Klein zu sagen: „Bilder in blau kann jeder malen“.

Nach den abschließenden acht Minuten „Falling Ashes“ muss jedem klar sein: Slowdive ist das International Klein Blue des Klangs. Mehr muss und darf auch gar nicht sein. Es reicht zur Perfektion.

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