Review: Mew

Mew – „Visuals“

Wer Mew sagt, muss auch „Frengers“ sagen. Das dritte Album der Dänen (bzw. ihr erstes, das auch auf den internationalen Markt kam) bleibt ihr Meisterwerk. Allerdings – schon als ich vor zwei Jahren hier über Mews letztes Album „+-“ schrieb, habe ich die ersten Absätze erst mal mit einem Liebesbrief an ihre brillante 2003er-Platte verbracht. Also überspringen wir das diesmal und wenden uns direkt dem siebten Album der Kopenhagener zu, ja?

Recht schnell ging’s. Zwischen Mews fünftem Album „No More Stories“ (2009) und „+-“ lagen noch sechs(!) Jahre, diesmal sind’s auf die Woche genau zwei, die das Trio für seinen siebten Longplayer benötigte. Halt, Trio? Ja, Mew sind geschrumpft seit dem letzten Album. Gitarrist Bo Madsen hat die Band nach 20 Jahren verlassen.

Ein tiefer Einschnitt, sollte man denken. Und, klar, die Gitarren sind auf „Visuals“ weniger dominant als bei Mew gewohnt. Letztlich aber machen Sänger Jonas Bjerre, Bassist Johan Wohlert und Drummer Silas Jørgensen ziemlich genau da weiter, wo sie das letzte Mal absetzten.

Es gibt Element im Mew-Sound, die sind inzwischen ihre Markenzeichen. Jonas Bjerres Glockenstimme, klar. Die kristallkar-zuckersüßen Soundscapes, die wuchtigen Power-Passagen und die mal mehr, mal weniger abrupten Übergänge zwischen diesen, oft im gleichen Stück. Der Einsatz komplexer Rhythmen, vertrackter Songstrukturen und arty Arrangements. Schön dabei: Mew verstehen es, für diese Elemente immer wieder neue Variationen zu finden, so dass sie es schaffen, sich quasi nie zu wiederholen. Man wird Mew nie vorwerfen können, dass sie den gleichen Song ein zweites Mal geschrieben hätten.

Was für Songs gilt, gilt aber sonderbarerweise nicht für Alben. „No More Stories“, „+-“ und jetzt auch „Visuals“ zeichnen sich durch eine sehr ähnliche Grundstimmung aus. Will sagen: Ein Song von „Stories“ klänge auf „Visuals“ nicht fehl am Platz und umgekehrt. Damit fehlt auch irgendwann das Überraschungsmoment. Wir kennen Mew jetzt lange genug und ahnen beim Hören bereits: „Ui, das war jetzt aber eine harmonische Stelle – na, da wird jetzt wohl bald zum Kontrast eine bleischwere Bulldozer-Gitarre ins Bild stampfen.“

Kann man den Dänen also den Vorwurf machen, auf „Visuals“ zu stagnieren? Jein, denn wenn man’s dann Song für Song betrachtet, findet man viel, das prima ist.

Gleich die erste Nummer ist so ein Fall: Mit Hörnern, Harfen und Streichern triumphieren Mew auf „Nothingness And No Regrets“ beim Mercury Rev-Soundalike-Wettbewerb – und das ist bitte als Lob zu verstehen. „The Wake Of You Life“ ist eine temporeiche Indiepop-Nummer, „In A Better Place“ schwelgt in herrlich harmonischem Glam-Synthie-Kitsch und in „Learn Our Crystals“ machen Mew mal einen auf Phoenix und blieben doch erkennbar sie selbst.

Letztlich ist es wohl so: Die ehemaligen Filmstudenten haben ihren Sound und ihre Identität gefunden. Es ist ein beeindruckender Sound / eine starke Identität, dafür darf man Mew beglückwünschen und all dies macht „Visuals“ zu einem variantenreichen, aber in sich geschlossenen Art-Indiepop-Album.

Aber vielleicht war das Spannende an „Frengers“ ja, dass Mew hier ihre Stärken erst kennenlernten. Ja, auch da kontrastierten sie schon Sensibilität und Dynamik („156“, „Snow Brigade“). Highlights wie das sich über acht Minuten Schicht um Schicht steigernde „Comforting Sounds“ oder die schlichte Melanchopop-Nummer „She Came Home For Christmas“ kann man sich auch „Visuals“ jedoch nicht mehr vorstellen. Weil die Mew von „No More Stories“ bis heute vermutlich viel zu ungeduldig Rhythmuswechsel, unerwartete Instrumente oder sonstige Sperenzchen einstreuen würden, anstatt einfach mal sparsam zu bleiben oder eine Idee bis zum Äußersten auszureizen, ohne sich vorher ablenken zu lassen.

Naja, trotz allem: Ein gelungenes Album einer Band, die was kann und ihren Faden konsequent weiterspinnt.

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