Vinterview: Kasabian (II)

Weil am 05. Mai das neue Kasabian-Album kommt, habe ich versprochen, durch mein Archiv zu wühlen. Hier befinden sich noch frühere Interviews mit Serge (und manchmal auch Tom), die quasi verloren gingen, als mein alter Blog vom Netz ging. Wenige Monate nach dem Gespräch zum Album „Velociraptor“ traf ich Serge gleich wieder.

Interviews mit Kasabian machen mehr Spaß als andere. Also habe ich natürlich auch ihre Show in München noch mal genutzt, um vor Serge mein Aufnahmegerät anzuschalten. Meine Ausrede diesmal „Jukebox Heroes And Zeroes“, die unregelmäßige Serie bei uns in piranha, in der es um Lieblings- und Hassmusik geht.

Zuerst mal – kennst du das, was wir Deutschen einen Ohrwurm nennen?

Nein?

Das ist der Song, den du schier nicht aus dem Kopf kriegst. Der in seinem Groove in deinem Gehirn festhängt dort die ganze Zeit vor sich hin läuft.

Ach, Tinnitus? Yeah, yeah.

Nein, nicht Tinnitus! Das ist ja nur das Geräusch. Der Ohrwurm ist ein ganzer Song, den man vielleicht schon beim Aufstehen im Ohr hat und dann den ganzen Tag mit sich rum trägt.

Aaah, verstehe. Habe ich nicht immer, aber oft. Und dann dermaßen lebhaft, so klar, dass ich die einzelnen Instrumente heraushören kann!

Hast du einen in diesem Moment?

Gerade passiert da nichts außer weißem Rauschen und Verzerrung. Ein wunderschöner Lärm.

So? Das kenne ich selbst nicht. Aber was du erzählt hast mit den einzelnen Instrumenten – eigenartigerweise hat sich das bei mir im letzten halben Jahr auch eingestellt. Oft erfindet mein Gehirn jetzt imaginäre Instrumente und zweite Stimmen zum Ohrwurm dazu. Hattest du heute morgen einen Ohrwurm?

Nein. Wann hatte ich meinen letzten? Vor einer Woche vielleicht… ich habe den Lana del Ray-Song gelernt, weil wir eine Coverversion gemacht haben. Und ich konnte ihn einfach hören, in der Stille konnte ich ihn perfekt hören. Verrückt. Als Kind hatte ich sowas oft. Das ist schon umwerfend.

„Video Games“ ist aber auch ein toller Song. Was ist sein Geheimnis? Ich behaupte ja, dass da ein irrer Akkordwechsel drin steckt.

Das Geheimnis? Es ist einfach ein sehr traditioneller Song, in der Bacharach-Tradition. Niemand kennt wirklich das Geheimnis, oder? Das macht solche Songs doch so stark.

Aber irgendwas passiert da doch, im Refrain… es könnte ein so banales, typisches Lied sein, aber das ist es nicht.

Es ist ein ziemlich trauriger Song, das hilft immer. Die ziehen an dir, weißt du, ganz anders als happy Songs.

Ich hab mir aus dem Internet die Akkorde geladen, aber ich glaube, die stimmten nicht. Da fehlt ein Stimmungswechsel, in der zweiten Zeile des Refrains („… tell me all the things you wanna do“)

Ganz einfache Akkorde sind das. C, G, D. Keiner weiß die Antwort, oder? Wenn du sie wüsstest – dann würdest du Popsongs schreiben, oder?

Vermutlich… nächste Frage: Was ist deine aktuelle Lieblingsplatte?

Connan Mockasin: „Forever Dolphin Love“. Die sind aus Neuseeland. Das ist ein psychedlischer Trip, es ist Wahnsinn.

… kenne ich noch nicht. Was kann ich mir darunter vorstellen? 

Bowie, Syd Barrett, Can… modern, echt gute, eingespielte Musiker – die sonderbarste Stimme, eine echt abgefahrene Stimme – ein echter Trip.

Was du beschreibst, klingt ein bisschen wie eine Art Neuseeland-Tame Impala?

…ja, auch. Aus der Gegend kommt im Moment ein ganzer Pool von Bands, nach denen ich regelrecht süchtig bin. Die spielen einfach die Musik, die ich liebe. Die sind alle so jung, aber sie spielen, als wären sie besessen von diesen uralten Spirits. Wahnsinn!

Man fragt sich, was die angezapft haben…

Ich weiß es nicht, vielleicht hat man sie einfach von kleinauf mit guter Musik großgezogen. Aber die peilen es einfach, die kriegen‘s einfach hin! Was ihnen gemeinsam ist, ist, dass sie alle tolle Musiker sind.

Ich muss ja gestehen, dass ich meine Vorurteile gegen deutsche Bands habe. Deutsche Bands sind nur gut, wenn es von vornherein nicht um Soul und Psyche geht, wie Kraftwerk. Eine Tame Impala-Version aus Deutschland könnte nicht gut sein.

Aber ihr habt doch Amon Düül, und die gehören zu den Besten! Can natürlich, Cluster.

Da hast du mehr Ahnung als ich…

Hey, die musst du dir anhören. Die sind mind-bending!

Okay, nächste Frage: Gibt es eine Platte, wegen der du zum Musiker wurdest? Einen Moment der Erleuchtung? Sowas hört man ja immer wieder, so nach dem Motto „Ich hab‘ David Bowie bei ,Top Of The Pops‘ gesehen und wusste, DAS wird mein Leben sein!!“

Ich glaube.. der erste Auslöser war die Rave-Szene bei mir daheim in Leicester. Damals habe ich einem Kumpel seinen Sampler und seinen Computer abgekauft, das waren die ersten Schritte. Was Platten angeht, da hatten wohl „Definitely Maybe“ und „Endtroducing“ den gleichen Effekt. Das, was man wohl „Heureka!“-Moment nennt, man hört‘s und sagt: „DAS ist es, DAS ist der Sound!“ Die beiden werden für mich immer heraus ragen, denn die haben wirklich mein Leben verändert.

Da warst du so 15, 16?

Vierzehn war ich.

Das ist ziemlich früh. Denn wenn man von Leuten hört, die sagen: „Diese Band hat mein Leben verändert“, dann ist die Person vermutlich so im Alter von 16-19 auf die Band gestoßen. Weil das ein Alter ist, in dem man geprägt wird und zur eigenen Persönlichkeit reift. Deswegen kann man auch als Retro-Band Leben verändern. Mit 16-19 stößt man vielleicht nicht auf Joy Division, weil die schon zu lange her sind. Aber man stößt dafür vielleicht auf Interpol, und erlebt diesen Moment mit denen.

Wahr, sehr wahr. Also „Endtroducing“ war für mich das Wichtigste auf der Welt, denn die Platte machte mir klar, wie Rock‘n‘Roll klingen sollte.

Man kann vielleicht heute noch sagen, dass Kasabian eigentlich die Kombination aus „Endtroducing“ und „Definitely Maybe“ sind.

Yeah, definitiv. Da sind Elemente von beiden Alben, definitiv. Aber elektronische Musik war uns immer wichtig, Samples, Beats, die sind das Blut in unseren Adern.

Nächste Frage: Was mochtest du als Kind, was ist ein peinliches Lieblingslied?

„Come On Eileen“ habe ich immer gemocht. Mir ist das nicht peinlich, aber Andere würden das vielleicht so empfinden. Ich finde, das ist ein umwerfendes Lied.

Ich find‘s auch nicht peinlich. Ich lege den Song manchmal auf, wenn ich DJ‘e. Dexy‘s sind doch längst wieder cool.

Ja, der Kreis hat sich wohl wieder geschlossen. „Geno“ ist auch irre gut.

Was ich auch immer gerne spiele: „Jackie Wilson Said“

Yeah, auch ein toller Song!

Nächste Frage: Diese Platte fliegt aus dem Fenster?

Wie, eine Platte aus meiner Sammlung, die ich wegwerfe?

Och, sie muss ja nicht aus deiner Sammlung sein. Einfach etwas, das du wegschmeißen würdest. Vielleicht ein Geschenk von jemandem, der keine Ahnung hat.

Ich war nie so ein großer Stevie Wonder-Fan. Habe nie verstanden, warum da so viel Wind rum gemacht wird. „Songs In The Key Of Life“, die Platte käme in die Tonne.

Da hätte ich jetzt Schlimmeres erwartet, irgendwelchen Chart-Pop-Mist. 

Nee, niemand wäre so verrückt, sich zu trauen, mir sowas zu schenken. Stevie Wonder, der läuft einfach an mir vorbei. Den lieben so viele, aber ich hör‘s und sage: Verstehe ich einfach nicht.

Als ich aufwuchs und mich für Musik zu interessieren begann, da waren die ersten Songs, die ich Stevie Wonder zuordnen konnte „Ebony And Ivory“ – nicht besonders cool – und dann „I Just Called To Say I Love You“ 

Oh mein Gott! Der Song tut WEH! Der ist fürchterlich.

In meinem Kopf bin ich also dermaßen darauf geprägt, dass Stevie Wonder Dreck ist, dass es mir immer noch schwerfällt zu glauben, er sei mal cool gewesen in den 70s.

Genau.

Weiter: Es gibt Musik, mit der kann man Leute nerven. Ich weiß noch, was ich auflegen musste, um bei meinen Eltern den Reflex „Was ist DAS denn?!“ hervor zu rufen. Fällt dir was in der Art ein?

Squarepusher! Das ist mein mein Favorit dafür. Das tut ja sogar meinem eigenen Kopf weh – aber wenn Du der bist, der‘s auflegt, bist du ja eingeweiht in den Witz. Ich glaube, das macht er nicht mit Absicht, aber er schert sich einfach nicht drum,. was die Leute davon halten. Deswegen mag ich‘s auch, selbst wenn der Sound meinem Kopf weh tut.

Wie hat die sein Elektro-Bandprojekt gefallen aus dem letzten Jahr? Shobaleader One?

Habe ich nicht mitgekriegt. So genau halte ich mich dann doch nicht auf dem Laufenden. Was war das?

Das war ein Projekt, offenbar von ihm und – so wurde es gesagt – den Mitgliedern einer Metalband. Aber immer noch sehr elektronisch. Die Reviews waren aber nicht berauschend.

Wow. Wie hieß das noch mal?

Shobaleader One. 

Shobaleader. Das finde ich im Netz.

Oookay. Wenn eine Dame zu Besuch kommt, was legst du dann auf? Jetzt mal abgesehen von einem Bademantel (okay, der Witz funktioniert nur auf Englisch)

Hehe. Aftershave. Was lege ich danach auf? Das ist ne gute Frage… Syd Barrett! „Madcap Laughs“. Wunderschön!

Die Platte habe ich gar nicht…

Sowas von schön!

Ich meine, ich kenne ein paar Leute, die total auf Syd Barrett stehen…

Irgendwie ist die Platte sehr unschuldig, aber auch sehr clever. Und irgendwie ist sie so… schwebend, die kannst dich hinsetzen und mitschweben.

Das ist also die Platte, um sich zu dazu zu unterhalten, nicht die Verführungsplatte.

Stimmt wohl – aber das ist ja meine Art, zu verführen. Außerdem, wenn sie „Madcap Laughs“ durchhält, dann ist sie dabei. Wenn sie sagt: „Mach den Müll aus“, dann raus mit ihr! Wenn sie nicht auf die Plattensammlung steht, war‘s das!

Als nächstes kommt: Dieser Song fühlt sich an, als wäre er über dich geschrieben worden.

Wow – das ist ne gute Frage. Äh… heh… es gibt einen Song auf „Let It Be“ namens „Two Of Us“. Ich und meine wunderschöne Frau, sie ließ mir eine Kette machen, ich denke mal, das ist unser Song, der von mir und meiner Missus.

Wir nähern uns so langsam dem Ende. Zuerst noch: Ein klassisches Album. 

Für mich… Add N To X: „Avant Hard“. Ich sage das, weil die Platte vielleicht von nie so vielen Leuten gehört wurde, aber weil auch sie mir eine ganze neue Welt erschlossen hat.

… war das ihre erste oder ihre zweite?

Ich glaube es war die erste. (Tatsächlich war‘s die dritte)

Ich weiß nur noch, ich musste damals ihr erstes Album rezensieren, und ich habe es gehasst.

Das kann nicht stimmen, die muss dir doch gefallen!

Vielleicht waren meine Ohren damals noch nicht wieder bereit für Synthies. Ich erinnere mich noch, dass mich die Platte damals wirklich genervt hat. Sie kam mir vor, als wollte sie so unglaublich schlau sein, aber dass sie‘s eben längst nicht war…

Ich hör dich, ich hör dich! Aber ich mag die Platte, ich will dazu headbangen! Außerdem muss rein: „Music Has The Right To Children“ von Boards Of Canada. Auch ein phänomenales Werk!

Das ist so Ambient-Zeugs, richtig?

Sehr, ja.

Das ist auch so ein Genre, in dem ich echt schlecht bin. Denn Ambient Sound langweilt mich so schnell. 

Hey, hör zu! Das ist MEINE Liste, ich darf auswählen!

Aber klar, klar. Ich rede halt nur gerne über mich selbst!

Weiß ich doch, ich mach doch nur Spaß.

Es wäre halt so ideal, wenn ich immer jubeln könnte: YEAH! Hi-Five, auch MEINE Lieblingsplatte! Wenn ich dann nicht so mitreden kann, will ich‘s wenigstens erklären.

Weißt du, immer, wenn ich diese Fragen kriege, dann will ich halt auch nicht „Electric Ladyland“ sagen. Die hat doch jeder längst gehört! Ich will nicht „Exile On Main Street“ sagen, denn wir alle kennen diese Alben und wir wissen alle, dass es Klassiker sind. Ich denk mir, ich stelle vielleicht was vor, das die Leute noch nicht so kennen, und vielleicht liest das dann jemand und hört mal rein und sagt: „Stimmt, das ist echt ne klasse Platte und ich bin froh, davon erfahren zu haben.“ Und DU sagst mir hier, sie wären Müll!

So meine ich das doch gar nicht!

Das war doch ein Witz, mein Bruder!

Ich würde einfach gerne tiefgründiger mit dir über Boards Of Canada reden, aber die sind nun mal immer an mir vorbei gelaufen. Ich brauche meine Texte und meine Melodien und etwas, woran ich mich festhalten kann.

… und Ich brauch einfach nur etwas Weed und Pilze, und bin bereit.

Na, das könnte es erklären. Ich bin nämlich nur ein Alkoholtrinker. Das ist vielleicht mein Fehler.

Das ist kein Fehler, Kumpel, da hat jeder seine Vorlieben.

Und jetzt zum Abschluss: Ein Single-Klassiker

Lass mich nachdenken.. eine klassische Single… da sage ich: „Starman“ von David Bowie. Pop wird nicht besser als hier.

Das ist einer der Songs, da hört man nur den Titel und schon singt das Gehirn: „Staaaar-Maaaan waiting in the sky…“

Mann! So ein unglaubliches Werk! Und was für ein Held, echt jetzt!

Vielen Dank, das war‘s! 

Gut dich zu sehen, Mann.

Jetzt freu ich mich auf die Show!

Mann, die wird massive! Du wirst deine Freude haben.

Zu schade, dass man die Halle nicht upgraden konnte. Die Show ist ja seit Monaten ausverkauft, aber man konnte nicht umziehen – in Münchens nächstgrößere Halle findet heute ein Nachtflohmarkt statt. Ihr habt also gegen den Nachtflohmarkt verloren.

Aber wir hätten theoretisch wechseln können? Wir waren lange ausverkauft?

Seit Monaten! 

Naja, aber vielleicht ist es keine schlechte Sache, wenn es schwer ist, rein zu kommen. Dann redet man drüber. Es kommt ins Rollen, Deutschland läuft immer besser für uns. Wir kommen langsam an. Es geht Schritt für Schritt, aber wir kommen an.

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