Review: WHITE

WHITE – One Night Stand Forever

Es läuft was grundfalsch in dieser Welt. Also klar, Klimawandel, Trump, Brexit, neue Nazis… aber mal abgesehen davon – wir haben ja wenigstens unsere Indie-Bubble. Aber selbst hier hakt’s wohl! Wie kann es sonst angehen, dass kein weltweiter Hype um WHITE herrscht?

Ich meine, man stelle sich das mal vor! Rumms-Bazong-schneidiger Tanz-Stampf-Indie a la Bloc Party/Franz Ferdinand/The Rapture ideal auf 2017 upgedatet! Ein dirty Glamfaktor von Suede/Roxy Music’schen Ausmaßen! Songs, die dermaßen reinknallen, dass ich gestern abend wieder GEZWUNGEN war, das Licht auszumachen und in meiner Küche zu tanzen! On top, wie könnte es anders sein: Texte, die das Ganze mit einem zynischen Grinsen zuspitzen!

All das machen WHITE aus Glasgow – und wer meinem Blog folgt, weiss das, denn die Schotten haben in den letzten zwei Jahren alle paar Monate mit einer neuen Single begeistert, die ich hier dann euphorisch weiter postete. Wir warten und warten und warten seitdem aufs Album. Endlich, endlich, endlich ist es da. Sind nun alle Städte voll plakatiert? Hört man nichts anderes als WHITE in den Indiediscos? Nix da – die Welt kriegt’s kaum mit! Aaargh! Was ist los mit euch?

Aber regen wir uns nicht auf über das, was mit WHITE nicht passiert. Freuen wir uns über das, WAS passiert.

Wer WHITE nun länger schon verfolgt, der wird was auszusetzen haben am Album, und zwar folgendes: „Nur fünf neue Songs?“ Anders gesagt: Wir kennen sieben Tracks dieser Platte schon von Singles bzw EPs. Aber sehen wir’s so: Denkt an die, die die Band jetzt erst kennenlernen. Denn die kriegen ein Album, das schon sieben Singles hat, wenn es überhaupt erst ANFÄNGT! „Thriller“ von Michael Jackson hatte sieben Singles. Way to go! Es wäre um jeden der frühen Supersongs schade gewesen, wenn er nicht auf dem Album Platz gefunden hätte, also passt das.

„One Night Stand Forever“ geht demnach schon mal mit vier bereits-Single-Faustschlägen los. ZACK! „Living Fiction“! PENG! „Fight The Feeling“! ZACK! „Future Pleasures“! FETZ! „Blush“! Okay, wir  kennen die Nummern schon. Aber erstens wurden sie fürs Album noch mal schnittig neu gemischt, zweitens bleibt das eine Vierer-Kombination, die links trifft und rechts und dann einen Kinnhaken setzt und dann einen Magenschwinger. Will sagen: Ein Start ins Album, der gnadenlos umhaut.

Dann kommt mit „This Is Not A Love Song“ die erste neue Nummer. Sie ist super. Sänger Leo Condie zeigt sich erstmals so halbwegs im Klavierballaden-Modus. Aber keine Angst, der Song ist kein Schleicher, sondern eine Hymne. Was halt wirklich bezeichnend ist für diese Band: WHITE schaffen es, auch eine verwirrte Herzschmerz-Trennungs-Nachtrauer-Nummer so zu schreiben, dass man das Gefühl hat, hier wird gelästert. Nicht über die Ex. Sondern über sich selbst. Über diese Gesamtsituation – dass man doch tatsächlich reingefallen ist auf diese Illusion, es könnte Partnerschaft und Liebe geben. Das jedenfalls ist das, was ich aus diesen Tönen, aus diesen Zeilen, aus WHITE allgemeinem Gebaren ziehe. Das sind coole, unsichere, coole Säue. Die sich sowohl ihrer Unsicherheit als auch ihrer Coolness bewusst sind. Sie können über sich selbst lachen, und zwar dreckig. Das dann als Ballade, und man hat „This Is Not A Love Song“.

Kurzer Einwurf: WHITE ist die Band, die stolz von sich sagt „Wir haben Google ausgetrickst!“, weil man sie per Suchmaschine kaum findet. Was soll man auch eingeben? „White Band“? „White Album“? Oh Mann – das ist beknackt und genial gleichzeitig! Es ist wirklich herrlich bescheuert – denn mit Google nicht zu finden sein, wird ihnen viel mehr schaden als was bringen. Aber das zeigt uns, woran wir bei WHITE sind, oder? Bei einer Band, die kommerzielle Vernunft komplett ignoriert, wenn sie eine Idee abgefahren findet. Was zweifelsfrei lässig ist.

Aber zurück zur Platte. Auch „Be The Unknown“ ist neu und fährt die bpm wieder umso höher. Ein Synthpop-Knaller. Das passt nicht nur super in den Albumzusammenhang – der Song fetzt auch so richtig rein. Er wäre (wie auch „This Is Not A Love Song“) eine prima Single.

A pro pos Single: Auch „I Liked You Better When You Needed Me“ war natürlich schon eine. Eine Killer-Nummer, über deren ganze Wahnsinns-Glorie ich schon mal einen eigenen Post raus lassen musste. Vielleicht mein Lieblings-WHITE-Lied?

Oder ist mein Lieblings-WHITE-Lied nicht doch „One Night Stand Forever“? Der Titelsong der Platte stampft wie Franz Ferdinands „Take Me Out“ – nur gespielt von einer Band aus Monstertruck-Transformers mit Lichterketten um die Stirn und Federboa um den Chrom-Hals. Ein Song mit Schlachtruf! GET OFF – LOOK AROUND – OPEN UP TO THE MODERN CROWD – LOVE YOURSELF! – TOUCH YOURSELF!! Gebt Euch das!

Jetzt wieder drei Neue. „Sweat“ wummert auf einer Synthbass-Loop und erinnert uns daran, dass Electroclash eigentlich mal eine ziemlich gute Idee war. Man könnte diese knarz-bombige-Elektronummer im Club nach Fischerspooners „Emerge“ spielen und träfe den Ton.

Es folgt eine Ballade. „How Can You Get Love So Wrong“ transportiert uns ins Jahr 1985. Human League wären stolz auf diese Nummer, vor allem, weil sie dann eine so lässig-stinkfiese Zeile wie „You say that you’ve got standards, but they’re in decline“ geschrieben hätten.

Jetzt noch mal aufs Gaspedal. „Hit Hit Hit“ ist ein Song wie ein Stroboskop zickt und zackt als verzerrte Hi-NRG-New Wave Nummer mit Duran Duran-Gitarren.

Und das war’s schon wieder? Wer hat an der Uhr gedreht? Zum Abschluss kommt nur noch „Private Lives“, welches wir von der „Cuts That Don’t Bleed“-EP schon kennen. Von der ich, wenn man mich gefragt hätte, ja eher das galoppierende „Step Up“ fürs Album ausgesucht hätte. Aber gut, man kann nicht alles haben. Das, was WHITE auf diesem Album abliefern, ist Synthie-Indie-Schmirgel-Schlauberger-Bazong!-Discorock in Perfektion. In P E R F E K T I O N! Die fünf neuen Songs sind alle als Single denkbar, die sieben anderen waren es schon. Mann, Ich hab’s schon oben gesagt, aber ich beneide alle, die WHITE gerade erst kennen lernen. Weil denen gleich zwölf(!) mal der Kiefer runterklappt.

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