Vinterview: Maximo Park (I)

… und noch ein Blick ins Archiv. Am Ende der Woche erscheint nämlich mit „Risk To Exist“ das sechste Album von Maximo Park. Auch hier habe ich ein paar alte Interview-Transkripte im Speicher, drei insgesamt.  Da nutze ich doch den Anlass, das eine oder andere davon mal wieder hervor zu kramen. Also ab ins Jahr 2012, als „The National Health“ bevor stand und ich im Vorfeld mit Paul Smith und Duncan Lloyd sprechen konnte.

Freitag ist der 8. Juni, ein Tag, den sich Maximo Park-Fans schon rot im Kalender angemalt haben – denn dann erscheint das vierte Album der Herren Paul Smith & Co aus Newcastle. Hat mich das Label doch tatsächlich nach Berlin geholt, um mein Aufnahmegerät auf einen Tisch vor Paul und Gitarrist Duncan Lloyd im Michelberger Hotel zu legen und sie anzustupsen, Zitate raus zu hauen! Und was mache ich draus? Ich verratsche mich irgendwie, so dass unser Gespräch über Gebühr fürs Album letztlich irrelevante Themen anschneidet. Will sagen, dieses Interview wird im Nachhinein nicht als Highlight meiner Karriere als investigativer Skandalaufdecker gelten. Naja. Zu spät jetzt, ne? Allerdings: Die ersten Sätze sind noch Absicht. Da hat sich Paul gerade explizit eine Coke Zero bestellt, keine Cola Light, und ich halte das für einen geeigneten Ansatzpunkt, um locker ins Gespräch rein zu gleiten.

Du kannst Coke Zero und Cola light tatsächlich auseinander schmecken?

Paul: Hey, ich könnte den ganzen Tag Cola trinken, am liebsten die richtige. Aber ich muss halt auf die Kalorien aufpassen. Bei Diet Coke, da mag ich diesen Ersatzzucker nicht. Coke Zero hat eine andere Formel. Immer noch nicht so gut wie echte Coke, aber besser als Diet Coke.

Na da hast du aber empfindlichere Geschmacksknospen als ich. Ich schmecke praktisch keinen Unterscheid. Aber seit Coke Zero auf den Markt kam, wurde sie ja aggressiv als „männliche Coke“ gebrandet. Ich denke mir deswegen: Ich trinke erst recht die normale Diet Coke light, denn ich bin als Mann selbstbewusst genug, auch die „Mädchen“-Cola trinken zu können. 

Paul: Guter Mann! Das Marketing von Coke Zero ist tatsächlich regelrecht beleidigend.

Duncan: Ist das so? Witzig, das!

Paul: Doch! Diese schwarze Verpackung, das „Zero“ statt „diet“ – in der Nähe eines Mannes darf man offenbar nicht „Diät“ sagen. Echt jetzt! Aber ich ziehe Coke Zero der Diet Coke halt doch vor. Ich versuche ja, nicht zu viel Coca Cola zu trinken, weil sie nicht gesund ist, aber Limonaden sind meine große Schwäche. Also muss es eben Coke Zero sein.

Mir geht‘s ähnlich. Ich kann mich einfach nicht davon lösen. Zum Glück haben wir in Deutschland all diese Schorlen. Diese Mixe aus Saft und Mineralwasser. Früher gab‘s nur Apfelschorle, aber jetzt gibt‘s Mango, Cranberry, alles.

Paul: Und Bionade, meinst du die? Das ist auch was, was wir mögen.

Das ist noch mal was anderes. Die wird irgendwie speziell gebraut. Dies hier wird übrigens unser Maximo Park – Limonaden – Special, falls Ihr euch gerade wundert.

Paul: Aber total! Damit füllen wir jetzt die nächste halbe Stunde. Oder vielleicht auch nicht.

Dann wollen wir doch mal zum Musikalischen, zum Politischen, zum Tiefgründigen kommen!

Paul: Yeah, lass uns tiefgründig werden!

Eure Platte fängt interessant an. Denn auf dem ersten Song („When I Was Wild“) reißt ihr die „vierte Mauer“ ein. Ihr sprecht den Hörer direkt an.

Paul: Ja, wir wollten anfangen mit etwas, das die Leute erstaunt. Und man kennt uns ja als recht energetisch und sprunghaft, also wollten wir mit der Cello- und Piano-Ballade loslegen. 60 Sekunden, und dann mitten rein in „The National Health“.
Das wiederum ist ja sowohl der Titelsong der Platte und gewissermaßen auch der Anfang der Platte, der Song hätte deswegen den Rest der Platte auch zu sehr in den Schatten stellen können.
Aber der Rest der Platte findet ja auch in der gleichen Welt statt, in dieser Welt, in der vieles verkehrt läuft, die Platte ist sanft apokalyptisch – selbst ein Song wie „Take Me Home“, wo der Text schlicht geht „Take me home, I want you“, da sind die Zeilen trotzdem mit einer Intensität aufgeladen, und mit Instinkt. Weil die Zeilen stattfinden in dieser Zeit, in der das Land krank ist. Nicht nur unser Land, überall im Westen, in Europa, in den Staaten, versuchen die Leute, ihre Schlüsse zu ziehen: Was passiert hier eigentlich? Ist der Kapitalismus fehlgeschlagen? Oder: Was müssen wir tun, um ihn anzupassen? Aufgeben können wir ihn auch nicht, weil wir sonst alle wieder Kutten tragen müssten. Denn ein Feudalsystem, also ich weiß nicht. Es geht darum, das tägliche Leben zu führen, im Heute, und natürlich um unsere Erfahrungen im Nordosten Englands und was dort passiert. Denn ich denke, das ist bei uns nicht so anders zum Rest der Welt.

Hmm, ich denke, es gibt ein paar Unterschiede. Eure Pressebio las sich so, als würdet ihr speziell die dort herrschende Celebrity-Kultur angreifen und die Schönfärberei in der Musik  im britischen Radio. Was Ersteres angeht, glaube ich, hier ist es noch nicht so schlimm.

Paul: Stimmt.

Ich meine, ich informiere mich über britische Belange eigentlich nur über zwei Quellen: Die Websites des Guardian und der Huffington Post UK. Trotzdem weiß ich, wer Tulisa ist. WARUM weiß ich sowas?

Duncan: Echt jetzt, hahaha

Paul: Vielleicht, weil Tulisa eine so kulturell bedeutende Persönlichkeit ist? Vielleicht auch nicht. Aber manchmal können diese Infozettel, die vorher rausgegeben werden, auch in die Irre führen. Für mich geht die Platte mehr allgemein um dieses Gefühl der Unzufriedenheit. Genereller. X-Factor und Pop-Idol und all der Kram sind mir eigentlich recht egal. Das sind nur TV-Shows. Die gibt‘s halt. Es geht ihnen nicht um Musik. Und das gleiche gilt für die Playlists im Radio.

Man könnte halt argumentieren, dass das die „Brot und Spiele“-Taktik aus dem alten Rom ist. Dass man die Bevölkerung mit so etwas beschäftigt, um uns von den wahren Themen abzulenken.

Paul: Gewissermaßen, ja. Und andererseits ist da diese mutwillige Entscheidung, NICHTS zu kreieren. Sehr wenig heraus zu holen aus… sehr wenig. Wie wenn du einen Kuchen backst, der im Ofen riesengroß aufgeht und man denkt: Hey, großer Kuchen. Aber in echt ist es nur heiße Luft. Es ist nur eine große Wolke aus sehr wenig Substanz. Und irgendwie glaube ich, dass die Sehnsüchte der Menschen damit verlinkt sind. Dass die Leute in unserem Land sich wünschen, Promis zu sein. Was natürlich peinlich ist. Prominenz sollte man doch erlangen, weil man was Nobles geschaffen hat. Also, ich hoffe jedenfalls, dass man Maximo Park nicht als Promis kennt, sondern weil wir gute Musik machen. Vielleicht täusche ich mich da aber.

Also ich glaube ja, es ist wegen diesen Nacktfotos am Stand, haha!

Paul: Bestimmt! Aber wer wäre DAVON nicht beeindruckt?

(Jetzt lachen wir erst mal alle.)

Paul: Zum Glück war die Lady jetzt gerade nicht im Zimmer. Also, ich seh‘s so. Man geht in den Supermarkt. Und der Supermarkt ist ja kein Zeitungsgeschäft. Aber trotzdem, sogar im Supermarkt gibt es regalweise Magazine, mit den gleichen Leute vorne drauf, die besessen über Dinge reden, die nichts bedeuten. Wie, ob jemand jetzt Kleidergröße 12 trägt oder 14. Sie zerreißen sich das Maul darüber, wie Frauen aussehen, oder wie Männer aussehen, wenn sie älter werden – das finde ich völlig bizarr. Aber das ist nicht das, worauf es auf diesem Album geht. Echt nicht. Das Album geht mehr um eine Stimmung. Natürlich hat die wirtschaftliche Lage da wohl irgendwie reingespielt. Die Ungleichheit in der Gesellschaft – der Song „The National Health“ zum Beispiel, der Protagonist in diesem Song geht aufs Amt und fühlt sich dort völlig ausgegrenzt. Das ist so eine „wir-und-die“- Sache, die es immer gab, wenn Autoritäten im Spiel sind. Aber sie scheint extremer geworden zu sein. Es herrscht eine größere Diskrepanz zwischen dem, was die Leute brauchen, und dem, was man ihnen sagt, das sie brauchen. Das betrifft Werbung im Supermarkt genauso, da ist X-Factor nur ein kleiner Ausschnitt. Wenn jeder nur einfach dächte „Hey, das ist eine Show, die macht Spaß“ – dann wäre es auch okay. Ich gucke das ja selbst. Ich sage ja auch: „Dem drücke ich die Daumen“, und „das war schrecklich gesungen.“ Ich schau‘s halt an mit einer Distanz, ich weiß, das ist Entertainment. Das Traurige ist halt, wenn die Leute sagen: „SO will ich auch sein. Ich will auch, dass die Leute schreien, wenn sie mich sehen!“

Das ist natürlich eine uralte Diskussion, die schon oft geführt wurde. Trotzdem, was mich so ärgert, ist: Die Leute werden letztendlich belohnt für Gehorsam, fürs Männchen machen. Am Ende gewinnt nicht der beste Künstler, sondern der bravste Soldat, der seine Aufgaben mit der höchsten Punktzahl bewältigt hat.

Paul: Weil es halt nicht um Kunst geht, sondern um Reality-TV. Es geht um Erzählbögen – die legen sie ja oft vorher schon fest bei den ersten Castings. Wenn es dann nicht so klappt wie gewünscht, okay, vorher wirft man die Saat aus und guckt halt, was aufgeht. Da wird den Leuten schon ins Gehirn gepflanzt: „Oh, der ist sympathisch“ oder „Die ist aber nett“, oder irgendjemand hat eine traurige Geschichte hinter sich… man manipuliert unseren Blick auf das Menschliche, und darum geht‘s letztlich. Wenn man sich dessen bewusst ist, ist das okay, aber dass viele das nicht bemerken, das ist das Traurige.
Aber wenn man so will, ist unser Album fast ein Gegenmittel dagegen. Nicht, dass es eine Reaktion darauf ist – es sind nur TV-Shows, sie haben keinen Einfluss auf mein Leben. Aber irgendwie sind diese Shows trotzdem Symptome. Naja, aber wenn wir eine Platte rausbringen können mit Liebesliedern, die so süß und sehnsuchtsvoll sein können wie unerfüllte Liebe, und Songs, die so aufgeladen und lebhaft sind wie „Wolf Among Men“ – das ist ein Song, der dir regelrecht entgegen springt – oder aber etwas Dunkleres wie „Banlieue“, ein Song, der ziemlich krasse Themen anspricht und der etwas kreiert aus den Zeiten, in denen wir leben… dann, finde ich, ist das doch irgendwie das beste Gegengift, die beste Reaktion. Also klar, wir reagieren wie gesagt nicht direkt gegen das Radio. Und es stimmt ja, angeblich sollen gut gelaunte Songs helfen, eine gedrückte Stimmung aufzuhellen. Aber wenn man ein bisschen Feuer im Arsch hat, ist das doch auch eine gute Reaktion. So ein bisschen kontrollierte Energie und Wut ist nichts Schlechtes. Wir suchen da unsere Balance.

Wo diese Sache jetzt doch auch Euch betreffend mit reinspielt, das sind die Radio-Playlists und die Charts, weil ihr hier mit diesen Songs direkt konkurriert. Und in den letzten Jahren hat es ja ein paar eurer Zeitgenossen erwischt – Viele Bands, die jetzt so beim dritten, vierten Album angekommen sind, halten sich nur noch schwer über Wasser. Inwieweit erlebt auch ihr diese Implikationen schon?

Duncan: Wir waren ja jetzt eine Zeitlang von der Bildfläche verschwunden, darum denke ich, werden wir das jetzt erst mit der Veröffentlichung des Albums herausfinden. Aber klar, man merkt schon, wie sehr das Evil Empire von Simon Cowell alles im Griff hat. Er ist ja sogar längst in den Staaten angekommen, und er hat wiederholt „gedroht“, drüben zu bleiben, wohl irgendwas wegen den Steuern. Hey bitte, geh, doch, bleib‘ drüben! Also, okay, im Radio, da hat Paul recht, da wird in schlechten Zeiten mehr positivistische Musik gespielt. Aber was die Liveszene angeht, geht es Gitarrenbands doch noch ziemlich gut.  Okay, es gab einen leichten Abfall, aber die Leute gehen weiterhin auf Shows, sie wollen diese Interaktion, sie wollen dieses Erlebnis.

Paul: Das geht doch allen so, und das wird so bleiben.

Duncan: Und es gibt sie ja, die Leute, die musikalisch sind, und die Leute hören wollen, die gemeinsam spielen. Und dann kommen wir ins Spiel, ob wir jetzt in einem kleinen Club auftreten oder im Sommer auf den großen Festivals. Wir nehmen diese Connection zu den Leuten auf. Das kann man immer noch nicht toppen. Das kann ein Pop-Act mit Session Band im Rücken nicht hinkriegen, und wenn sie noch so gute Sänger sind. Wenn es darum geht, dass Musiker und Gruppen spielen, dann merkt man, ob das Menschen sind mit Musik in ihrem Herzen.

Paul: Das ist auf jedem Level so, auch bei den Leuten, die ganz oben sind. Schau die Michael Jackson an: Hat dieser Typ die Songs? Hat er die Moves?

„Ist dieser Typ authentisch?“

Paul: Genau! Macht er das, was er tun will?

… oder ist er nur eine leere Hülle, die von Anderen mit seinen Inhalten gefüllt wurde?

Paul: Ja! Wobei, selbst da gibt‘s Unterschiede. Ich mag zum Beispiel Justin Timberlake, auch wenn es für eine Gitarrenband nicht cool ist, das zu sagen. Mir egal. Ich denke einfach, Bands sollten sich keine Gedanken machen um ihre Stellung in Sachen Erfolg. Ob sie jetzt mal große Arenen spielten und jetzt zurück in den Clubs sind – klar, in der Musikindustrie sieht man das nicht gerne, da sieht man nur Erfolg oder Misserfolg. Und nichts dazwischen. Zum Glück hatten wir nie so den Mega-Erfolg. Wir sind immer gerade so unter dem Radar geblieben, erfolgreich genug, aber gerade noch Outsider. Klar, wir treten gern auf und wir drehen auch Videos – aber dieses Spiel mitzuspielen, das für uns fängt das bei der Musik an. Die muss super sein. Wenn du ein Album gemacht hast, hinter dem du voll und ganz stehst, dann ist es leicht, es vor hundert Leuten zu spielen oder vor zehntausend, denn du glaubst an die Songs. Klar, in der Musikindustrie herrscht dieser Glaube, dass es immer aufwärts gehen muss. Dass du, wenn du von deiner letzten Platte mehr verkauft hast als von der Neuen, gescheitert bist. Aber so zu denken, das ist doch peinlich. Die meisten meiner Lieblingssänger haben nicht viele Platten verkauft. Aber denke ich deshalb, Bill Callahan sei gescheitert? Sind Nick Drake gescheitert und Ian Curtis, weil sie nicht auf der Nummer Eins waren oder die Brixton Academy ausverkauft haben? Leider gibt es wohl zu viele Bands, deren Ambitionen darauf gründen, mehr Erfolg zu haben, anstatt richtig gut zu sein. Aber wir versuchen nur, gut zu sein. Klar wollen wir so viele Leute wie möglich erreichen, aber ich habe halt keine Kontrolle über die Radio-Playlists. Ich habe keine Kontrolle darüber, was die Presse schreibt, abgesehen davon, dass ich jetzt hier mit dir rede.

Aber ich hab doch schon gesagt, ich mach hieraus unser Limonaden-Special!

Paul: Und in genau diesem Moment kommt meine Cola! Danke!

(Die Dame von der Universal: „Leider keine Coke Zero.“)

Paul: Das passt, ich mag Afri-Cola. Also, jedenfalls. Wenn man die Sache so beurteilt: „Wo haben sie beim letzten Mal gespielt? Sind sie ins Radio gekommen?“ Ich weiß nicht, also, klar, sowas nehme ich wahr, klar möchte ich, dass so viele Leute wie möglich auf unsere Konzerte kommen und klar denke ich, dass unsere Songs auch im Radio problemlos neben Rihanna laufen können – deswegen, weil ich‘s schon gehört habe. Hiermit im Kopf gehe ich in die dunkle Nacht und schaue, was passiert. Man kann es ja nicht vorhersagen. Kontrolle haben wir nur über unsere Liveauftritte und darüber, wie wir unser Album den Leuten erklären – all das Andere, das ist mir zwar bewusst und es betrifft natürlich den kommerziellen Part meines Lebens. Und klar, wenn man Geld verliert, dann hat man Angst davor, davor hat jeder Angst. Aber wir verlieren kein Geld, also passt‘s. So lange ich klaren Kopf behalte und weiterhin Musik machen kann, ist das alles, worum es mir letztlich geht. Alles andere ist peripher. Es ist da, aber man sollte sich nicht darauf fokussieren. Das sollen die Manager und die Plattenfirmen tun. Das ist das, was sie können. Und wir versuchen, dafür das Beste zu machen, was WIR können.

Zwischen der letzten und dieser Platte habt ihr eine Pause eingelegt. Wenn Bands normalerweise bei der vierten Platte ankommen, fragen sie sich: Wie gehen wir‘s diesmal an, wie vermeiden wir, dass wir unbewusst in gewisse Schemata verfallen, was machen wir anders und neu? Ihr habt diese Fragen umgangen, durch die Pause?

Paul: Es war auf jeden Fall unsere Methode, mal alles aufzubrechen und zum Stillstand zu bringen. Es war das Gegenteil von dem, was man von uns erwartet hat. Was erwartet wurde, war dass wir haargenau weitermachen und die nächste Platte runterreißen.

Duncan: Dass wir Kapital schlagen aus unserem Erfolg und weitermachen, weitermachen. Aber wir hängen in dieser Geschichte wegen der Musik, und die Musik hätte gelitten. Wenn du live auf der Bühne einen Song spielst, hinter dem du nicht total stehst, dann kannst du es gleich lassen.

Hattet ihr das Gefühl, dass die dritte Platte vielleicht eine gewisse Formschwäche offenbart hat? Schon zu der Platte hatte ich mit Paul ein Interview. Damals ist es mir nicht aufgefallen – als ich das Album neu hörte, fand ich es stark. Aber ich bin auch DJ in einem Indieclub – und mit den älteren Songs hat man immer garantiert den Dancefloor gefüllt. Auf die Songs vom dritten Album haben die Leute einfach nicht reagiert. 

Duncan: Naja, wir wollten was anderes machen, haben den Bass und die Drums nach vorne geholt. Dahingehend würde man eigentlich erwarten, dass sie für den Dancefloor geeigneter gewesen wäre. Aber vielleicht waren die Refrains irgendwie weniger refrain-ig.

Paul: Wir haben definitiv versucht, „Grower“ zu schreiben. Das kam ja sogar in einer Textstelle vor: „If it‘s a grower, why can‘t we take things slower?“

Duncan: Irgendwie war ja jede unserer Platten eine Reaktion auf die davor. Die erste war poppiger, die zweite dafür rockiger, und auf der dritten haben wir versucht, Grooves in den Vordergrund zu bringen. Diese Platte jetzt ist wie ein Neuanfang, denn bei der dritten – naja, wir könnten auch der Zeit die Schuld geben, es gab die eine oder andere Sache, die wir anders hätten machen können – aber sie hat sich richtig angefühlt, als wir damals mit ihr fertig waren.

Das ging mir ja genauso. Aber irgendwie hat die Platte eine andere Entwicklung genommen als die zwei davor.

Paul: Also, ganz zweifellos war sie weniger unmittelbar. Aber Radiosender wollen natürlich die Dinge, die unmittelbar sind. Und wenn die Songs nicht im Radio laufen, kennen die Leute sie weniger gut. Wenn die Leute einen Song schon aus dem Radio oder von youtube kennen, und dann hören sie ihn im Club, dann reagieren sie natürlich ganz anders. Aber ob die Platte besser oder schlechter ist, das kann ich nicht beurteilen, weil ich sie selbst gemacht habe. Ich stecke zu sehr drin, um von außen drauf zu gucken. Ich glaube halt nur, dass es einen Unterschied macht, ob dein Song im Radio läuft oder nicht. Aber Bands reden da nicht gerne drüber, weil Radiomacher das nicht gerne sehen, wenn man den Vorhang des Wizard Of Oz lüftet und erzählt, dass Radiofritzen ja auch nur Typen mit einer Maschine sind. Wären „The Kids Are Sick Again“ und „Questing, Not Coasting“ damals auch im Radio gelaufen, wären die Kids sicher auch auf die Tanzfläche gekommen. Aber unser Album erschien auch zu einer Zeit, in der eine Modeströmung gerade abflaute. Als Gitarrenbands zumindest in England nicht mehr im Radio liefen. Da war etwas, das eine Zeitlang sehr in war, plötzlich out, zumindest in den Medien. Ich würde jetzt nicht sagen, dass die Lieder schwächer waren als die der ersten beiden Platten, aber dass es halt etwas ausmacht, ob Leute etwas gezeigt bekommen oder eben nicht. Das wäre meine Erklärung, für den Anfang. Das sind die Fakten, das sind die Statistiken. Aber letztlich ist es immer die Entscheidung des individuellen Hörers, ob eine Platte besser ist oder schlechter, oder?

Ihr habt jetzt wieder mit Gil Norton gearbeitet, der auch die zweite Platte produziert hat. Wolltet ihr diesen Funken wieder einfangen?

Duncan: Das hatte mehr damit zu tun, dass wir mit ihm so gut arbeiten können, als damit, etwas wieder zu nachzubauen. Gil ist einerseits sehr gründlich, aber er hat es auch drauf, dass man sich sehr relaxt fühlt. Er ist aus Liverpool, also auch aus Nordengland, wir machen also immer unsere Späße. Wir lachen viel, und dann geht alles leichter, man ist sofort gelöster. Und natürlich ist er sehr musikalisch, und er hinterfragt viel. Und er ist sehr offen und ehrlich und sagt, was er denkt. Bei ihm wussten wir einfach, wie‘s mit ihm läuft und woran wir bei ihm sind. Also, als wir anfingen, da wollten wir noch, dass wir auf jeder Platte mit einem anderen Produzenten arbeiten. Aber bei dieser Platte, da war es ein bisschen so, als wären wir auf offener See, und wir brauchten jemand, der uns ein etwas lenkt. Die Songs hatten wir ja, er war nur derjenige, der sie in Form gebracht hat, ihnen den letzten Schliff gegeben hat und der uns das Zutrauen in diese Songs gab. Nicht, dass wir nicht schon an sie geglaubt hätten, aber man braucht schon eine Außenperspektive. Jedenfalls, alles war sehr relaxt, und man kann das einfach hören, dass wir uns besser gelungen ist, den Sound dem anzunähern, wie wir ihn uns im Kopf vorher vorgestellt hatten. Mit ihm wieder zu arbeiten, diese Entscheidung trafen wir wegen dem guten Verhältnis, das wir mit ihm haben. Nicht weil wir ein neues „Our Earthly Pleasures“ machen wollten.

Paul: Ich glaube auch, letztes Mal waren wir zwar an einem warmen Ort, als wir aufnahmen – in LA nämlich – aber trotzdem, der Aufnahmeprozess, der war irgendwie kälter. Im Rückblick fühlen wir uns einfach mehr wie eine Familie, wenn wir mit Gil zusammen sind. Das brauchten wir, weil sich unsere Leben abseits der Band ziemlich stark verändert hatten, damit wir wieder zur Gruppe werden konnten. Ich meine, letztes Mal haben wir sehr viel getrennt voneinander gearbeitet. Ich habe meine Vocals alleine aufgenommen, und bin dann wieder raus aus dem Studio. Ich hörte die Gitarre dann im Nebenzimmer, wenn sie gespielt wurde.

Die erste Assoziation, die ich bei Maximo Park habe, ist: Diese innere Spannung. Da ist immer eine Aufgekratztheit. Ihr erzählt mir jetzt, die Sessions waren relaxt. Dabei empfand ich beim Album, dass es speziell diese Unrast ist, die auf der Platte wieder ganz stark zum Vorschein kommt.

Duncan: Auf jeden Fall. Wenn ich sage, es war relaxt, dann meine ich: Wir konnten mehr wir selbst sein.

Paul: Und das ist nun mal aufgekratzt.

Duncan: Genau, und letztes Mal stand unter einem gewissen Zeitdruck: Du musst deinen Gitarrenpart bis dann und dann aufgenommen haben, also hast du nur eine gewisse Zeit dafür. Diesmal haben wir uns die Zeit genommen, zu sagen: Wir spielen das jetzt so oft ein, bis es hundertpro sitzt. Gil sagte: Und wenn es etwas länger dauert, ich stelle sicher, dass wir das hinkriegen, und das wir es abschließen. Letztlich haben wir deswegen viel schneller gearbeitet, Wahnsinn eigentlich, wie schnell wir waren. Weil wir genau halt wussten, was wir taten, weil wir in uns relaxt waren, weil wir gut auskamen miteinander als Freunde und Gruppe, und uns in einer guten Atmosphäre bewegten. So konnten wir sagen: Okay, jetzt lasst uns das tun, was wir am besten können, und wie du sagst, das ist diese Aufgekratztheit, diese Reizbarkeit, dieser Wunsch, dieses Feuer, wirklich etwas zu machen. Und wir finden auch: das macht außer uns gerade niemand, das ist unser einzigartiger Sound, lass uns das JETZT machen, lass uns das aufnehmen und veröffentlichen und dann soll die Welt drüber ihr Urteil bilden – aber diese Situation, die Vorbereitung, die Mikrofone sind aufgebaut und alle sind scharf drauf, loszulegen – dieses Umfeld hat Gil geschaffen.

(jetzt unterbricht uns die Dame vom Label…)

Und damit ist leider meine Zeit um – vielen Dank, es war mir ein Vergnügen! 

Paul, Duncan: Danke, ebenfalls!

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