Review: One Sentence. Supervisor

One Sentence. Supervisor – „Temporär Musik 1-13“

Es ist schon lustig – oder traurig, oder beschämend. Ich meine, da halte ich mich für einen Indie-Nerd, der sich ein kleines bisschen auskennt. Ich passe auf, wenn in Melbourne oder in Perth eine Band was Spannendes veröffentlicht. Aber dann tut sich was quasi vor meiner Haustür – und ich kriege es Ewigkeiten nicht mit.

Offiziell ist heute der deutsche Erscheinungstermin von „Temporär Musik 1-13“, tatsächlich aber steht das Ding schon länger auf Spotify und in den Downloadstores. Ich schäme mich vor mir selber, dass ich das Album erst jetzt wahrnehme, denn es ist eine Platte, die mich komplett aus den Socken haut. Wobei, ein bisschen muss ich auch meine Schweizer Freunde schimpfen. HEY! Wieso ihr mich nie durchgeschüttelt und ins Gesicht geschrien: „Hallo, wir haben fei auch eine Spitzenband: One Sentence. Supervisor! Aus Baden im Aargau! Die musst du dir unbedingt anhören, verdammt noch mal!“ Gebt zu, Schweizer – das wäre verdammt noch mal eure Aufgabe gewesen!!

Aber wie klingt sie denn nun, die Platte, die zum „Independent-Album des Jahres 2016“ in der Schweiz gekürt wurde? Der Titel „Temporär Musik“ deutet an: Hier sieht sich eine Band durchaus in einer Krautrock-Tradition. OS.S verwenden folglich diese linearen Autobahn-Rhythmen, die unter dem Stichwort Motorik in die Musikgeschichte eingingen. Auch die schummrigen Gitarren der Schweizer verschwimmen in kosmischer Psychedelia. Aber nicht nur. Das Krautige ist nur ein Teil ihres Ansatzes. Die zweite Ebene dieser Band ist die Sorte Gitarrenindiepop, die mir auf ewig am liebsten sein wird: Moll-Melodien, sich ineinander verzwirbelnde Gitarrenlinien und eine gewisse Shoegazeyness. Also das, was The Cure in ihrer „Seventeen Seconds“-Phase begründeten und DIIV oder FEWS in den letzten 12 Monaten so brilliant wieder aufgegriffen haben.

Es ist blöd, Bands miteinander zu vergleichen. Sorry, aber ich tu’s jetzt trotzdem mal und sage: Werft folgende Bands in einen Topf und verkocht sie auf niedriger Flamme zu einem Geschmack: Die bereits genannten DIIV, FEWS und The Cure. Dazu Ride, Stereolab, Temples, Toy, The Notwist (zur „12“-Ära) und Tame Impala. Und jetzt legt unter diese Wunschvorstellung noch treibende Beats und einen Hang zur Spiritualized/Spacemen 3-schen Transzendenz. Läuft Euch das Wasser im Mund zusammen? Echt jetzt! So gut, wirklich, so unglaublich gut sind One Sentence. Supervisor! Ich pack’s nicht!! Aus Baden im Aargau! Aus der Schweiz!

„Algo Rhythm“ macht dich schwindlig, so wie der Song in deinem Kopf Pirouetten dreht! Das unterschwellige „Mond“ wäre ein Highlight auf The Cures „Faith“ gewesen! Das rasante „Hikikomori“ hinterlässt einen Kometenschweif! Und ausgerechnet ein nicht mal zwei MInuten langes Instrumental ist mein Favorit: „Object Subject“ baut aus den Akkorden des vorherigen Songs „Scope Explosion (Shifting Baseline)“ einen Kraftwerk-Soundtrack zu Blade Runner!

Gibt’s denn wenigstens irgendwas, irgendwas zu bemängeln? Hmm, da muss ich aber echt genau hinschauen. Vielleicht mangelt’s noch an der Ohrwurmfront? Was OS.S zum richtigen Hit noch fehlt, das ist der Song, dessen Refrain man beim Einkaufen vor sich hin pfeift. Andererseits, darum geht’s bei ihnen ja gar nicht. Die Aargauer schreiben Tracks, die schrittweise ihre Eigendynamik entwickeln, de sich über Bassloops sich in einen Groove einklinken und dann in die Sphären abheben. Da sind Refrains nicht unbedingt notwendig oder lenken sogar ab.
Okay, noch was – zwei Ausrutscher hat die Platte: Die beiden Noiserock-Flitzer „Heroic Misfits“ und „Untiteld“ (sic) sind für meinen Geschmack Fremdkörper in diesem Tracklisting. Ich sehe aber ein, dass die Band auf einem fast 58-minütigen Album gegen Ende hin zwei Mal Gas geben wollte, damit niemand abdriftet.

Das soll aber nicht mehr als kleine Mäkelei sein. Der Gesamteindruck dieser Platte ist umwerfend! HÖRT SIE EUCH AN; das ist ein BEFEHL!

Was ich zum Schluss auf alle Fäll vermeiden will, ist ein gönnerhafter Spruch a la „Wer hätte einer Band aus dem Aargau das zugetraut?“ – Wir alle kommen schließlich von irgendwo her. Ich meine, selbst ein Nick Cave wurde in einem abgelegenen Provinzkaff mit 2000 Einwohnern namens Warracknabeal geboren! Ein anderer  Sohn Badens wiederum ist der Chemiker Albert Hofmann, Entdecker des LSD. Das wiederum passt doch wie die Faust aufs Auge zu den trippigen Sounds von One. Sentence Supervisor.

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