Review: Soulwax

Soulwax – „From Deewee“

Die Pfade einer normalen Rockband haben Soulwax natürlich lange schon verlassen. Ihr letztes Album als Band, „Any Minute Now“, ist tatsächlich 13(!) Jahre alt. Der Ruhm der Brüder Stephen und David Dawaele aus Gent als Remixer, Superstar DJs, MashUp-Pioniere und Partymonster hat derweil alles, was sie in ihren Anfangstagen als tanzbare Indierocker erreicht hatten, weit übertroffen. Ihr jüngstes Projekt, das war schon fast Angeberei: Für den Soundtrack „Belgica“ (2016) schlüpften Soulwax in die Rollen von nicht weniger als 15 imaginären musikalischen Acts und tobten sich in verschiedenen Genres aus, von diversen Dance-Spielarten über New Wave bis Pixiespop und Punk – als wollten sie uns nur mal eben zeigen, dass sie das spielerisch drauf haben.

Klar also, dass sie bei der Wiederinbetriebnahme des Namens Soulwax auf keinen Fall eine „normale“ Bandplatte machen würden. Es gibt entsprechend ein Konzept bei diesem Album. Erstens ist es eine elektronische Platte, in dem Sinne, dass es keine Gitarren o.ä., sondern ausschließlich Synthies und Drums zu hören gibt. Zweitens ist es dennoch eine Live-Platte. „From Deewee“ wurde von den Dewaeles und ihrer Band am Stück und ohne Overdubs in einem Sitz eingespielt. Aufteilung der Band: Vier Keyboarder, drei Drummer.

Halt mal – DREI Drummer? Ja, drei Drummer. Einer davon ist Igor Cavalera (Sepultura), was uns schon zeigt: Rhythmik ist einer der absoluten Schwerpunkte dieses Longplayers.

Nun ist die Idee, Computer-Musik live nachzuspielen, ja nicht wirklich neu. The Whitest Boy Alive, Bonobo oder LCD Soundsystem sind nur drei Acts, die einem spontan einfallen und die drei ganz verschiedene Ansätze verwenden, um den Kontrast menschlich/organisch vs maschinell/elektronisch als Spannungsquelle zu nutzen. Diese Breite zeigt aber auch: Da ist noch Platz für Soulwax und eine neue Herangehensweise. Dem Album zugrunde liegt ein Bandprogramm, mit dem Soulwax letzten Herbst bereits auf Tour waren.

Zwei Dinge. Erstens: Soulwax machen hier trotz allem vom Gefühl her eine Rockplatte. Auch als DJs haben sie’s ja immer geschafft, das Publikum so richtig mitzureißen und ihnen mit Binärem so richtig in den Hintern zu treten. Das tun sie hier wieder. Die Synths geben echt Druck. Ob sie bassig knorzen, klackernd keckern, mittig pushen, Pew-Pew-Laserkanonen abschießen, rumpelnd bollern, titschen, gluckern, dengeln oder wie Feedback im Ohr kratzen… die analog-synthetische Klangpalette ist so breit, wie sie strahlend und schnittig ist. Die Arrangements der Songs orientieren sich auch mehr an Rock als an, sagen wir, House. Es gibt keine Endlos-Loops, die vor sich hin laufen und zu denen langsam addiert oder subtrahiert wird – nein, es gibt stetige Dynamikwechsel innerhalb der Songs, klare Kontraste zwischen Intro, Strophe, Refrain, Middle Eight und allem zwischendrin.

Das bedeutet zweitens: Wie prima ein Track funktioniert, hängt hier oft tatsächlich vom SONG ab. So interessant, chic und berauschend die Sounds sind, wie impulsiv die Rhythmen auch powern – die besten Nummern leben von ihren Hooklines und davon, dass man mitsingen will. Case in point: Die Single „Do You Want To Get Into Trouble“. Sie hat zwei Hooks: Erstens die zuckende One-Note-Elektrobassline, die das Intro des Songs gibt, zweitens der mantraartig wiederholte Titel des Songs. Schon geil, diese zwei Elemente sind geradezu aggressiv primitiv. Aber erstens: Sich das zu trauen, da gehört schon ein Schuss Genialität zu. Zweitens: Was Soulwax um diese Elemente herum für ein Soundgeflecht anlegen, wie sie Spuren ums Gerüst wickeln und wieder entfernen – wow, da bleibt einem schon mal die Spucke weg.

Geil auch: Weil alles live auf einen Sitz eingespielt ist, gehen die Songs ineinander über. Aus „Do You Wanna…“ wird fast unmerklich der Synthpop-Track „My Dying Eyes“. Auch ein Top-Highlight der Platte und eine Nummer, die gut auf LCD Soundsystems „This Is Happening“ gepasst hätte.

Das ist schon stark. Denn mit so einem theoretischen Überbau in eine Albumaufnahme zu gehen, das hätte auch als überkanditeltes Experiment enden können. Als Kopfgeburt, die nicht wirklich im Tanzbein oder im Herzen des Hörers ankommt. Dort aber erreicht uns „From Deewee“. Die Platte groovt, atmet, glänzt und glitzert, brodelt elektrisch atmosphärisch und nimmt den Hörer vom ersten bis zum letzten Ton auf eine Reise mit.

Das Einzige, was etwas schade ist: Weil dieses Album ein zusammenhängendes Ganzes ist, ragt kein Song wirklich heraus. Ich habe ja den Traum, dass das Crisp eines Tages doch mal auf macht und ich wieder den DJ gebe – und ich bewerte Songs aus alter Atomic-Gewohnheit auch immer ein bisschen nach der Frage: „Würde ich das auf dem Dancefloor spielen?“ Einerseits schreit die Rhythmik dieses Albums regelrecht danach, dort aufgelegt zu werden. Andererseits, der Killerhook, der die Leute dazu bringen würde, ausrastend an die Diskokugel zu springen, der drängt sich nicht auf.

Aber gut, das ist ein Randaspekt, der für die Dewaeles gerne nebensächlich sein darf. Als Album ist „From Deewee“ jedenfalls stark, weil es eine interessante Idee elektrisierend umsetzt, weil es einem stringenten Klangfluss folgt, ohne dabei je zu langweilen und weil auch die einzelnen Songs es in sich haben – gerade eben beim Schreiben fielen mir zum Beispiel die erstaunlichen Akkordwechsel in „Here Come The Men In Suits“ erstmals so richtig auf.

Fazit also: Soulwax können was und sie verstecken’s nicht. „From Deewee“ ist ein art-Electronic-Album, das nicht vergisst, rein zu knallen. Ein echt beeindruckendes Stück Musik.

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