Review: Desperate Journalist

Desperate Journalist – „Grow Up“

Einer meiner geschätzten Indie-DJ-Kollegen (Benny vom Revolver Club, Hamburg) postet auf Facebook seit einiger Zeit immer wieder Songs dieser Band, zwischenzeitlich fast ausschließlich. So ein Enthusiasmus kann ansteckend sein. Er kann aber leider auch manchmal das Gegenteil erreichen. ich meine, stellt euch vor, eine Sache ist ziemlich gut. Vorher hat man euch aber immer erzählt, sie sei DER TOTALE WAHNSINN!!! Darauf reagiert man dann zwangsweise folgendermaßen: „Na SOOO toll ist das jetzt auch wieder nicht.“

So ging’s mir, als Benny Ende 2014 übers erste Desperate Journalist-Album ausflippte. Ich hörte in die Songs rein und mochte die Cure-Basslines. Ich mochte die 80er Jahre-Gitarren. Besonders überraschen konnte mich die Band halt nicht, weil ich solche Musik aus der Zeit der Wende der 80s auf die 90s kannte. Aber ich fand’s ordentlich. Trotzdem, ein Teil von mir sagte unweigerlich „SOOO doll muss der jetzt aber auch nicht abkeulen.“ Tja.

Nun gut, inzwischen ist das Londoner Quartett bei seinem zweiten Album angekommen. Wird das, was Benny empfindet, diesmal bei mir ankommen?

Lasst mich vorausschicken: Ich kann total nachvollziehen, warum ein Typ in meinem oder Bennys Alter bei dieser Band extreme Begeisterung empfinden kann. Ich glaube, ein jeder wird in seinen späten Teenager-Jahren auf seine Musik geprägt. Für uns war das nun mal in den späten 80s, frühen 90s. Und Holla, klingen Desperate Journalist mal nach einem Rundumschlag, der aus dem Indie der späten 80s alles mitnimmt! Unsereiner macht die Augen zu und ist wieder 19. Da fließen Glückshormone!

Denn das, was Desperate Journalist machen, ist – absichtlich oder unabsichtlich, sei dahin gestellt – eine Mixtur aus vielen Lieblingsbands „unserer“ Ära. Die Gitarren verbreiten Ride/Lush-sches Shoegazing Feeling. Die treppauf- und treppab rollenden Bassläufe sind ebenfalls typisch für diese Phase der Post-Goth-Melancholia. Die Drums: DJ (so nenne ich sie jetzt mal) verwenden Muster, als hätten die letzten 27 Jahre nicht stattgefunden – keine Grooves, keine elektronische Linearität. Die Keyboards – gibt’s nicht! Auch das ist charakteristisch für einen Sound der späten 80s, denn da verbannten einige Indie-Bands alle Tasteninstrumente, weil sie  für all den 80s-Pop der Vorjahre standen. Zuletzt: Sängerin Jo Bevan. Die hübsche Blonde mit dem Kurzhaarschopf setzt ihre Stimme ein, wie es Harriet Wheeler (The Sundays), Siouxsie oder Katharina Franck (Rainbirds) taten. Klar also, dass einem Kid dieser Ära da wohlig ums Herz wird.

Im Gegensatz zum Debüt haben die Londoner auf ihrem zweiten Album mehr Muskeln, mehr Saft. Vielleicht ist’s die Produktion, vielleicht ist’s die Erfahrung – aber alles klingt voller, tighter, mächtiger. Vergleicht man die Neue mit dem Debüt, gibt es keine Frage: Die Band hat ihren Weg gefunden und baut ihren Sound aus.

Trotzdem überzeugen mich Desperate Journalist immer noch nicht komplett. Denn sagen wir’s ganz ehrlich: Ich, hüstel, finde ihre… Songs nicht so gut.  Tja, Jetzt ist’s raus.

Puh. Jetzt fühle ich mich, als müsste ich mich bei Benny entschuldigen. Also, hey! Atmosphärisch stimmt ja alles! Auch an der Dynamik habe ich nichts auszusetzen – die Bassläufe, die an- und abschwellenden Gitarren, sie geben Druck und Befreiung, so wie’s sein soll! Außerdem: Keine Frage, dass Jo Bevan eine charismatische Persönlichkeit ist, das sieht man sofort. Bei drei essentiellen Aspekten dessen, was eine starke Band ausmacht, macht das Quartett stilsicher sein Häkchen.  Aber in der Abteilung tunes, da haben die für mich einfach ein Defizit, Sorry!

Ein Vergleich: Die zwei Original-Bands aus der 80s/90s-Wende, an die mich DJ am meisten erinnern, das sind The House Of Love (zur Creation-Ära) und Lush (ca. „Spooky“). Beides Bands, die diesen Zwischenraum zwischen Schimmerguitar-Shoegazing, sehnsüchtiger Melancholia und Goth-Pop ausfüllten. Aber beides auch Bands, die ganz unwiderstehliche Ohrwürmer nur so aus dem Ärmel schüttelten. Mann, Guy Chadwick hatte ein Händchen für Melodien, das war königlich! Was Lush angeht: Alle von uns, die dabei waren, könnten sofort zwei, drei ihrer Refrains singen. (Wahrscheinlich träfen wir die hohen Töne nicht, aber trotzdem!) Aber es sind diese Melodien, die Desperate Journalist meines Empfindens (noch) fehlen, um die nächste Stufe zu nehmen.

Eins möchte ich zum Schluss noch sagen: Die Fähigkeit der Band, akkurat die Sounds und Stimmungen der Bands aus der 80s/90s-Übergangsphase zu erzeugen, ist bestimmt nicht nur an gealterte Teenager der 80er verloren. Ich bin mir sicher: Weil der Sound lange Zeit vernachlässigt wurde, kann er für manche junge Hörer neu, augenöffnend und spannend sein (siehe in dem Zusammenhang: School 94). Trotzdem, wenn sie jetzt auch noch bessere Songs hätten, die Songs, die man auf dem Heimweg noch singt – dann könnten Desperate Journalist ganz anders knallen.

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