Review: The Jesus and Mary Chain

The Jesus and Mary Chain – „Damage and Joy“

Keine Frage – The Jesus and Mary Chain sind Legenden. Dass sie sich 19 Jahre nach ihrem letzten Album mit einer neuen Platte zurück melden, macht viele Leute sehr, sehr happy. Aber seien wir ehrlich: Da wird eine Menge verklärt.

Ich hoffe ja immer, dass nicht nur die Langzeit-Indiefans, sondern auch ein paar Kids auf meinem Blog landen. Denen muss man vielleicht erklären: Warum gelten die zwei ewig zankenden Brüder Jim und William Reid aus dem schottischen East Kilbride als solche unantastbar ewigcoole Schweinepriester? Deswegen zuerst eine Rückblende.

Also ab ins Jahr 1984. Auch in einer Zeit des Postpunk war der Ansatz der Brüder ganz schön radikal. Jim und William verknüpften in ihren Songs zwei polare Gegensätze: Einerseits schrieben sie klassische, bewusst simpel gehaltene Ohrwurm-Songs, die sich an den Sixties und nicht an ihren Synthpop-Zeitgenossen orientierten. Parallel starteten sie brachiale Feedback-Attacken auf die Gehörgänge – damals ein so nie gehörtes Stilmittel. Obendrein waren die zwei natürlich Typen, die Streit suchten. Das war die Attitüde, die sie an den Tag legten. The Jesus and Mary Chain spielten anfangs Konzerte, die nur 15 Minuten dauerten. Woraufhin das Publikum regelmäßig den Laden zerlegte. Schnell hatten sie einen Ruf weg.

Gehen wir kurz ihre Diskographie durch. 1985 erschien „Psychocandy“. Eine Platte wie ein Stinkefinger. Alle anderen machten auf Haarspray, Neon und Schulterpolster – aber diese dürren Schotten in eng anliegendem Schwarz betraten die Szene mit ihrem Feedback wie zwei Psychos eine Cocktailparty mit Kreissägen. Das Album sollte nicht nur zum Grundstein nicht ihrer eigenen Karriere werden, es war auch der Startschuss fürs kommende, aus Feedback entwickelte Genre Shoegazing.

Zwei Jahre später kam „Darklands“ (1987). Auf den Überraschungseffekt konnten JAMC jetzt nicht mehr setzen, dafür drehten sie ein wenig an der Popschraube. Mit „April Skies“ und „Happy When It Rains“ finden sich zwei der größten Hits der Band auf diesem Album. Außerdem war Drummer Bobby Gillespie ausgestiegen, um Primal Scream zu gründen. Die Beats kamen jetzt aus der Drummachine.

1989 kam „Automatic“. Im Nachhinein ein Cousin von „Darklands“ mit Synthbass, aber auch mit dem einen oder anderen echten Volltreffer (auch wenn „Head On“ in der Coverversion der Pixies erst so richtig zur Geltung kommt).

Als 1992 dann „Honey’s Dead“ erschien, war inzwischen Shoegazing passiert. Ride, My Bloody Valentine, Slowdive, Swervedriver, Chapterhouse und Co hatten The Jesus and Mary Chain in Sachen Gitarrenmalerei überholt – aber dabei die Aggression und die Fuck-You-Attitüde der Schotten vergessen. Mit Songs wie „Reverence“ oder „Teenage Lust“ zeigten die Reids, dass sie immer noch für Skandale gut waren. Trotzdem war auch „Honey’s Dead“ ein weiterer Schritt auf einer Treppe nach unten, denn was ebenfalls passiert war, war Grunge. 1992 wollte die Welt Nirvana hören und Rage Against The Machine, und neben deren artikulierter Rage, die gerade wirklich die Welt zu verändern schien, wirkten JAMC mehr wie Außenstehende, die  nur stänkern wollten.

Insofern war’s richtig, dass sie auf ihrem nächsten Album auf solche Posen verzichteten. „Stoned & Dethroned“ (1994) war – und das kam komplett unerwartet – die Akustikplatte. Hier betonten die Reids mal einzig ihre melodiöse Seite. Ich fand’s super. Als Nerd machte ich damals schon meine Lieblingsalben-Listen und „Stoned & Dethroned“ war 1994 meine persönliche Nummer Eins. Aber jetzt ging’s mit Britpop los, die spannenden Bands der Saison hießen Oasis, Suede und Blur – da landeten JAMC schon ein bisschen unter ferner liefen.

1998 war auch Britpop schon wieder vorbei und die beiden Brüder so zerstritten, dass sie jeweils nur abwechselnd mit dem Rest der Band ins Studio gingen. William schrieb „I Hate Rock’n’Roll“, Jim antwortete mit „I Love Rock’n’Roll“. So wurde ihr letztes Album „Munki“ dann zwar wieder eine störrische Feedback-Schmirgel-Platte, aber kein Fortschritt. Außerdem, seien wir ehrlich: Zu der Zeit interessierte sich einfach niemand mehr für The Jesus and Mary Chain. 1998 galt nicht mehr, dass die Band vor 13 Jahren vielleicht mal der heisseste Scheiss war, jetzt sah man sie als gestrige, ergrauende Grantler, die auf der Stelle traten. The Jesus and Mary Chain trennten sich und alle sagten nur: „Wie, die gab’s noch?“

In den Folgejahren kriegten Jim und William keinen Fuß auf den Boden. Weder Williams Soloprojekt Lazycame noch Jims Band Freeheat stießen auf größeres Interesse. Beide arbeiteten auch zwischendurch mit ihrer Schwester Linda an deren Band Sister Vanilla, aber auch das blieb quasi unbemerkt.

Dann aber passierte etwas, das ja gerne mal passiert, wenn einem etwas fehlt. In ihrer Abwesenheit wurden The Jesus and Mary Chain, nach denen doch kein Hahn mehr gekräht hatte, wieder zur Kenner- und Kultband. Groß war der Jubel, als die Brüder Reid, immer noch grummelig, aber nicht mehr verfeindet, 2007 fürs Coachella Festival ihre Wiedervereinigung bekannt gaben.

Tja, und seitdem touren sie wieder. Sporadisch, aber sie touren und spielen Festivals. 2008 erschien sogar ein neuer Song „All Thing Must Pass“, für den „Heroes“-Soundtrack. Seit 10 Jahren sind JAMC also wieder aktiv – und da stellt sich die Frage: Sollten sie für immer die Nostalgie-Schiene fahren und die Hits aus der Jugend aufwärmen – oder mal wieder kreativ werden und was Neues machen?

Und damit sind wir endlich, endlich bei „Damage and Joy“ angekommen. Sorry, dass es so lange gedauert hat. Aber ich glaube, die Vorgeschichte kommt uns noch zugute, wenn’s um die neue Platte geht.

The Jesus and Mary Chain standen vor dem gleichen Problem wie die Pixies. Die reformierten sich ein paar Jahre früher und merkten auch irgendwann, dass sie drohten, zu ihrer eigenen Parodie zu verkommen. Sie kamen sich doof dabei vor, den Rest ihres Lebens von den paar Jahren zu zehren, in denen sie ihre Hits geschrieben hatten. Sie gingen also wieder ins Studio und versuchten, die alte Magie noch mal zu beschwören. Ihre bisher zwei Alben nach der Wiedervereinigung sind auch okay. Nicht essentiell, aber respektabel. Das Problem: Das, was die Pixies wieder ins Studio trieb, war ja kein Sendungsbewusstsein. Nicht der kreative Drang, unbedingt etwas ausdrücken zu müssen, wie damals, vor der Trennung. Mehr ein Pflichtbewusstsein: Wir sollten das tun, weil’s andernfalls blöd wäre.

Man vergleiche das mal mit der Post-Reunion-Platte von Blur. „The Magic Whip“ ist wahnsinnig gut. Die Geschichte lief ganz anders – keiner rechnete mit einem Album, denn Blur haben ihre Wiedervereinigung nie so gemolken, wie es ihnen möglich gewesen wäre. Sie haben eben keine jährliche Welttour gespielt und nicht jedes erdenkliche Festival abgeklappert. Dafür war Damon Albarn mit Gorillaz, Opern, Soloplatten und und und viel zu sehr in anderen Projekten beschäftigt. Aber als Graham Coxon ihn mit den beinah zufällig entstandenen Instrumentaltracks für „The Magic Whip“ begeisterte, flog Damon noch mal nach Hongkong, wo man die Musik erarbeitet hatte, und schrieb ein Konzeptalbum über die Megacitys der Zukunft. „The Magic Whip“ funktioniert, weil die Platte einen Kern hat, der aus kreativem Zusammenspiel und Aussage besteht.

Zurück zu „Damage and Joy“. Wenn man sich das Tracklisting anschaut, fällt auf: „All Things Pass“, der inzwischen neun Jahre alte Song vom Soundtrack, ist drauf. „Get On Home“ und „Facing Up To The Facts“ von Jims Band Freeheat sind drauf. „Can’t Stop The Rock“ und „The Two Of Us“ gab’s 2005 von Sister Vanilla.

Quasi die halbe Platte besteht aus über zehn Jahre alten Songs. Was einerseits okay ist, denn es sind gute Nummern, bei denen es schade wäre, wenn sie auf übersehenen Platten für immer untergingen. Was andererseits aber zeigt: Nein, ein kreativer Drang, an itch that needed to be scratched war’s nicht, der die Reids wieder ins Studio trieb. „Damage and Joy“ ist die pflichtbewusste Compilation einzelner Tracks der letzten 19 Jahre, damit die Band weiter auf dem Festival Circuit ihre Slots kriegt. So unromantisch ist das.

Trotzdem jubeln ein paar meiner Kollegen über die Platte. Einerseits einfach, weil’s The Jesus and Mary Chain sind und die nun mal inzwischen den Rang von Halbgöttern haben. Wir Alten, wir freuen uns, dass wir sowas mal wieder hören. Es erinnert uns an gute Zeiten. Deswegen verzeihen wir unseren Helden von früher gerne, dass sie alte Kampfschauplätze besuchen wie auf einem Sightseeingtrip. Mehr noch als „Munki“ ist „Damage and Joy“ ein Überblick über das, was die Band im Verlaufe ihrer Karriere so gemacht hat, vom Krachpop („Presidici“) bis zur „Stoned & Dethroned“-mäßigen Boy/Girl-Ballade („Song For A Secret“)

Die Frage muss aber auch lauten: „Was sagt die Platte den Kids im Jahr 2017?“

Ich glaube, dies darf man mit „Och, durchaus einiges“ beantworten. Denn was die Platte davor bewahrt, ein reiner Nostalgietrip zu werden, das ist das spöttische Stänkertum, das Jim und vor allem William sich bewahrt haben. Und sowas macht ja zur Zeit keiner. Zahlreiche Bands wie die Raveonettes oder die Dum Dum Girls mögen sich sich zwar die Sound template von JAMC abgegriffen haben, aber das „Fuck You!“, das haben sie nicht mit übernommen. Wer heute 20 ist, hat eine so direkte Zeile wie „I hate my brother and he hates me – and that’s the way it’s supposed to be“  („Facing Up To The Facts“) von Bastille oder alt-J mal auf jeden Fall noch nicht um die Ohren gehauen bekommen. Für ihn könnte auch diese aggressiv aufgeladene Spannung in den dissonant kratzenden Gitarren was Neues sein. Das aufmüpfige Hintergrund-Knistern, Schrubben und Pfeifen in „Amputation“ zum Beispiel, das nur auf den ersten kleinen Anlass zu warten scheint, um einem die Ohren auszukratzen.

Und wie fassen wir das jetzt zusammen? The Jesus and Mary Chain sind eine wichtige Band. Mit ihrem Post-Reunion-Album haben sie zwar nichts Neues zu sagen und bestimmt nicht ihr stärkstes Album gemacht, aber alte Fans dürfen sich über ihr Comeback freuen, weil sie ihrem typischen Sound und ihrer Attitude treu geblieben sind. Dass JAMC auch junge, neue Fans sammeln, ist mit dieser Platte denkbar, denn sie bietet Dinge, die die aktuelle Indie-Szene nicht bietet. Als Einstieg in ihre Diskographie ist „Damage and Joy“ auch nicht ungeeignet. Daher: Eine essentielle Platte ist dies nicht, aber deswegen auch keine schlechte.

JAMC History

PSYCHOCANDY

DARKLANDS

AUTOMATIC

HONEY’S DEAD

STONED & DETHRONED

MUNKI

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