Review: Spoon

Spoon – „Hot Thoughts“

Die konstanteste Spitzenqualitäts-Band dieses Jahrtausends denkt nicht daran, ihren Level zu senken. Beim neunten Album sind sie angekommen, einmal mehr schrauben und justieren sie an ihrem Sound, der längst ihr unverkennbar eigener ist. Spoon, how do I love thee? Let me count the ways…

Verfolgt ihr Spoon? Habt ihr mitgekriegt, was die machen? Wie die das machen?

Spoon waren immer Meister der Reduktion. Kein Gramm Fett, habe ich immer gesagt. Nur Haut und Knochen und Sehnen. Keine Klangmalerei – Klangtuschezeichnung! Aber mit jedem Instrument in seiner andere Farbe. Linien, Formen, rund, kantig, winklig, spiralig, Flecken, Spritzer, Dynamik.

Spoons Songs sind immer ganz distinktiv instrumentiert. Will sagen: bei anderen Bands verschwimmen die Klänge manchmal ineinander. Was ja okay ist und oft beabsichtigt, siehe Shoegazer. Aber Spoon arbeiten halt anders. Jeder Ton ist klar umrissen. Wenn man den Kopfhörer aufsetzt, sitzen alle Instrumente an ihrem festen Platz. Zum Beispiel: Ein bisschen links die Gitarre. Etwas versetzt rechts das Klavier.

Dabei spielt jede Stimme – wichtig – mit sehr viel Luft. Pausen. Das Jazz-Credo: Die nicht gespielten Noten sind so wichtig wie die gespielten. Diese Instrumente atmen ein, sie atmen aus. Und so korrespondieren sie miteinander. Wenn der eine Platz macht, kommt der andere. Oder er unterbricht ihn. Oder er stimmt mit ein.

Diese Vorgehensweise hat immer dafür gesorgt, dass auch in einer Welt voller Indie-Gitarrenbands keine andere so klang wie Spoon. Egal, wie vielseitig sie ihre Songs schrieben, wie sie experimentierten. Sie haben dieses Gerüst, mit dem sie arbeiten, an dem sie die Klänge befestigen, das was immer sie tun, immer zu Spoon macht.

Auch wenn sich durchaus was verändert. So ist seit ihrer letzten Platte „They Want Our Soul“ mit Keyboarder Alex Fischel ein neuer Mann man Bord. Dessen Stil ist, sehr wohl mit Schichten und Flächen aus Sound zu arbeiten. Spoons Sound ist seit seiner Ankunft nicht mehr nur Haut, Knochen, Sehnen. Aber trotzdem noch ohne Fett. Er gibt ihnen Muskeln, habe ich woanders schon mal geschrieben. Stimmt aber nicht immer. Manchmal gibt er ihnen auch Haar. (Sorry – versteht man mich noch?)

Anyway. Was ist neu an „Hot Thoughts“? Die Platte ist, wenn man so will, das elektronischste Album von Spoon. Es gibt mehr synthetische Sounds und Drums als je zuvor. Was aber gar nicht so viel ausmacht. Sagen wir, sie haben jetzt eine zusätzliche Farbe auf der Palette. Die setzen sie auch ein. Aber ihr Duktus ist ihr Duktus. Spoon bleiben Spoon.

Klar, dass auch Britt Daniel wieder das macht, was Britt Daniel nun mal macht: Er ist der nervöse Frontmann mit der Raspel-Stimme. Immer irgendwie verspannt. Britt Daniels Gesang erzeugt Reibung, Er lädt die Songs immer auf, dass sie knistern.

Spoon.

Wie umwerfend diese Band ist, das zeigen die letzten zwei Lieder auf diesem Album. „Shotgun“ ist ein Knallbonbon, das – ohne Scheiss – die Diskobassline und das Zickzackriff von Kiss’ „I Was Made For Lovin‘ You“ für den Indiedancefloor kidnappt. Yeah! „Us“ dagegen ist ein schwebendes Ambient Freejazz-Instrumental mit Bläsern und Vibraphon. Die zwei Tracks könnten nicht unterschiedlicher sein. Aber beide Songs hört man und nickt: „Yup, Ganz klar Spoon. Die machen sowas.“

Klar, dass die acht Songs, die diesem Abschluss voraus gehen, auch herausragend sind. Gehen wir sie durch? Es beginnt mit dem Titlsong „Hot Thoughts“, der auch die erste Single war. „DAS ist ne Single?“ fragt man wie immer, denn NATÜRLICH ist sie mit ihrem schleppenden Groove nicht die poppigste Nummer auf der Platte. Aber sie reisst einen mit, früher oder später. Mit der sanfter Gewalt eines Erdrutsches, der sich Dezimeter um Dezimeter nach vorn wälzt.

Song 2: „WhisperI’lllistentohearit“. Stark ist nicht nur, wie der Song sich stetig aufbaut und mit jedem Klangfragment weitere Spannung generiert, sondern wie nach 2 Minuten offenbar die Schwelle überschritten ist, der Damm bricht und der Song sich zum stampfenden Rocker umstülpt – wobei, das ist der Trick, Britt Gesangsmelodie und Singstil beibehält. Es ist, als wäre das die experimentelle Idee dahinter gewesen: „Was passiert, wenn wir die relativ monotonen Strophen über den Verlauf eines Lieds komplett unterschiedlich untermalen?“ So eine Idee könnte ziemlich fehlschlagen, aber sie tut’s nicht.

„Do I Have To Talk You Into It“ wendet eine typische Spoon-Taktik an: Es ist ein Song, der marschiert. Ein stampfender Rhythmus, dem sich niemand entgegen stellen kann, von Britt Daniel gelenkt wie einen Monstertruck.

Das folgende „First Caress“ zieht das Tempo an, stampft aber nicht weniger unwiderstehlich. DAS wäre eine starke Popsingle gewesen! Hiermit hätten Spoon die Alternative Singlecharts aufgerollt! Aber das ist ne Sache, die ihnen egal ist.

Interessant: „Pink Up“. Denn bei der Nummer fragt man sich, ob’s wohl ein Tribut an The Notwist ist. Die Sounds, bei denen man nicht erkennen kann, ob sie elektronisch oder organisch erzeugt wurden, der schummrige Aufbau, der stoisch-statische Gesang, das hat definitiv was von „Neon Golden“. So oder so: Herrlich, wie sie auch hier wieder die Klanglinien verflechten, bis der Track eine innere Motorik hat – und wie sie erst so richtig Wirkung erzielen, wenn sie dem Song seine Elemente gezielt wieder entziehen. (Elbow können sowas auch, übrigens.)

Es geht weiter mit „Can I Sit Next To You“. Auch Wahnsinn. Die Gitarre und die Handclaps sagen Late-Sixties-Soul – aber bei 1:30 setzt ein Synthie-Schub ein, der das Ganze Richtung Captain Future ins All schießt. Was für eine krass geile Kombi! Wer kommt auf sowas?

Bei „I Ain’t The One“ wird’s leiser. Deswegen droht der Song ein bisschen zu verblassen neben den anderen. Dass auch und gerade dieser Track ein irres Highlight ist, ist mir erst aufgefallen, als ich neulich die Live-Performance bei James Corden sah. Es ist einmal mehr ein Meisterstück des Weglassens – die Momente, in denen Drums und Keyboardlinien aussetzen, betonen erst ihre Einsätze.

Bleibt noch „Tear It Down“. Ein Song, der in der Strophe auf einer holprigen Klavierloop vorwärts rollt wie ein Auto mit viereckigen Rädern, was eine ganz eigene Dynamik erschafft. Wenn im Refrain dann alles rund wird und Britt in der Middle Eight sogar ein Abba-eskes „Nanana nananana“ singt, schüttelt man mal wieder den Kopf vor soviel Genialität. Wie setzen Spoon nur wieder all diese schrägen Elemente zu etwas zusammen, das sich dann als so krasse MASCHINE entpuppt?

Die letzten zwei Nummer nahe ich schon erwähnt. Ich habe jedem Song seine paar Worte gewidmet, weil es echt jeder hier verdient hat. Jede Nummer für sich ist ein Kunstwerk.

Umso begeisternder, dass diese einzelnen Stücke sich stimmig zu so einem koheränten Ganzen ergänzen. Schon stark, dass eine Band, die (wenn auch mit stetigen Personalwechseln) seit Mitte der 90er existiert, immer noch zu solchen Metamorphosen, zu so konstanter Weiterentwicklung und zu so frischen Sounds fähig ist. „Hot Thoughts“ ist fantastisch und der erste Kandidat auf das Album des Jahres 2017.

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