Review: Rolling Blackouts C.F.

Rolling Blackouts Coastal Fever – „The French Press“

Bei Teenage Fanclub ist es bekanntlich so: Die Schotten haben gleich drei Sänger bzw. Songwriter. Wer sich in die Band verguckt, erkennt schnell: Dieser Song ist typisch Norman Blake, diesen hier hat Gerard Love geschrieben und der hier ist garantiert von Raymond McGinley.

Auch Melbournes Rolling Blackouts Coastal Fever haben drei Songwriter bzw. Sänger. Noch bin ich aber leider nicht so weit, Tom Russo, Joe White und Fran Keaney auseinander zu halten. Weder, was ihr Songwriting angeht, noch an ihren Stimmen. Allerdings erschweren die Jungs uns das auch. Denn während bei TFC immer der jeweilige Songwriter sein Lied singt und die anderen vielleicht noch Harmonien beisteuern, wechseln sich RCBF häufig innerhalb eines Songs ab, als antworteten sie aufeinander. Manchmal fallen sie sich sogar ins Wort. Was natürlich eine interessante Eigendynamik zur Folge hat: Wir hören Songs aus verschiedenen Perspektiven, die sich auch widersprechen können. Manchmal reden/singen die Stimmen aneinander vorbei, ganz wie im realen Dialog. Das kann die Songs mit sehr viel Leben erfüllen.

Im Großen und Ganzen bewegen sich Rolling Blackous Coastal Fever im Genre Dolewave. Also in diesem Melbourne-Sound, der von Bands wie den Twerps, Dick Diver, The Ocean Party, Lower Plenty und eigentlich auch Courtney Barnett fabriziert wird: Holpriger, unpolierter Jangle-Indiepop, bei dem man auf die Texte horchen sollte. Denn in scheinbaren Alltagsbeobachtungen finden Dolewave-Texter die kleinen und großen Wahrheiten des Lebens. Innerhalb ihres Genres zeichnen sich RBCF dadurch aus, dass ihre Songs flotter sind als die meisten ihrer Kollegen. So dass man sie auch in der Indiedisse nach, sagen wir, den Strokes spielen könnte, ohne dass gleich alle vom Dancefloor fliehen.

Die Sache mit den verschiedenen Stimmen in verschiedenen Rollen aber ist nicht nur im Dolewave was Besonderes. Das ist eine Herangehensweise, für die ich in der gesamten Indiepopwelt keine wirkliche Entsprechung finde. July Talk vielleicht, mit ihren Boy-Girl-Dialogen? Die arbeiten trotzdem ganz anders.

Zu was diese Band mit diesem Ansatz fähig ist, zeigen sie gleich auf Song Nummer Eins: Auf „The French Press“, dem Titellied der zweiten EP dieses Quintetts nach dem letztjährigen, brillianten Debüt „Talk’s Tight“.

Also, der Song „The French Press“. Die zwei Sänger dieser Nummer schlüpfen in die Rollen eines Brüderpaars, das ein Ferngespräch am Telefon führt. Sänger 1 ruft aus Europa an und erzählt, was ihm so alles passierte. Eine Beziehung ging kaputt (ob er deshalb nach Europa ging oder er sich dort erst trennte, ist offen). Er lebt sich ein, liest jetzt die französischen Zeitungen („I’ve been reeading the French Press“). Sänger 2 spielt den Bruder, der in Australien fest hängt. Wo nichts passiert und er zu Hause in der Küche rum sitzt („Drinking from a French Press“ / French Press = Kaffeepresse). In diesem Gespräch: Leise knisternde Rivalität. Der Daheimgebliebene spürt Neid, dabei ist der Bruder in der Fremde erkennbar nicht happy. Schließlich wird die Verbindung schlecht und bricht ab – was natürlich auch eine Parallele zur Verbindung der Brüder ist.

Holla, das ist eine komplette Kurzgeschichte! Und die haben die Herren in ganze drei Strophen (und ein schratteliges Gitarrensolo, das die Gefühlsturbulenzen prima einfängt) kondensiert. Hey – ist Gitarrenpop nicht großartig?

Es ist aber jetzt nicht so, dass die Band diesen Trick bei jedem Song einsetzt. Was gut ist, denn es soll ja auch kein Gimmick sein. Song 2, „Julie’s Place“, wird ganz normal aus einer Perspektive gesungen, ist aber trotzdem ein rasanter, dynamischer Killer-Indiegitarrensong. Ebenso flott, vielleicht etwas weniger spannend: Das unerwiderte-Liebe-Lied „Sick Bug“ . Worum’s in „Colours Run“ geht, habe ich ehrlich gesagt nicht ganz durchstiegen, aber dafür hat die Nummer ein prima Gitarren-Break. „Dig Up“ und „Fountain of Good Fortune“ bremsen ab auf normale Dolewave-Midtempo-Geschwindigkeit, wobei speziell letzterer Song noch mal ein echtes Highlight für mich ist. Irgendwie hat der Refrain „Holding on to my own, burn it down when I’m gone, holding on to my own“ etwas, das mich voll packt. Diee abschließende Guitar Line, die Johnny Marr nicht anders gespielt hätte, hilft natürlich auch. Herrlich.

So, Fazit.
Als letztes Jahr die erste EP dieser Band erschien, sagte ich gleich: „Wir werden noch viel Freude miteinander haben“. Auf ihrer zweiten kleinen Songsammlung bestätigen Rolling Blackouts Coastal Fever diese hohen Hoffnungen, die ich in sie setzte. Ich mag Indiegitarren nun mal, das ist mein Ding, seit einer gefühlten Ewigkeit. Umso begeisterter bin ich dann, wenn eine Band es schafft, sowohl einige der schönsten Regeln dieses Genres anzuwenden als auch ihren Songs trotz der Genretreue ihren eigenen Stempel aufzudrücken. RBCF tun das, weil sie diese Mehrgleisigkeit haben. Die drei verschiedenen Stimmen bringen verschiedene Ansätze und Perspektiven in ihr Songwriting: „French Press“ ist erzählerisch und konkret, „Colours Run“ eher abstrakt und assoziativ. Wenn das widerum etwas diskrepant wirkt, der flotte Dolewave-Gitarrensound bügelt das aus, denn er sorgt für einen breiten roten Faden. Also: Prima Band, weiter so!

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