Interview: Elbow

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… und wieder mal lasse ich als „Journalist“ (Hüstel!) alle Neutralität vergessen. Menschenskind, was ist Guy Garvey für ein guter Typ! Das neue Elbow-Album „Little Fictions“ ist seit Freitag draußen – könnte es irgendwas anderes sein als schwelgerisch, eindrucksvoll, zart und vielschichtig, wärmende, kribbelnde Salbe für ein gequältes Ohr? Ich hatte die große Freude, Guy Garvey mal wieder am Telefon zu haben: Ein Gespräch über die neue Platte und die großen und die kleinen Dinge, die uns umtreiben…

elbow-little-fictionsHallo, wie geht’s?

Vielen Dank, gut! Bei dir auch alles okay?

Das ist es, danke! Sollen wir gleich loslegen?

Ja, perfekt!

Alles klar! So, die erste große Sache bei der neuen Platte ist natürlich die, dass euer Drummer nicht mehr dabei ist. Was bei vielen Bands keine große Sache wäre – es gibt Gruppen, da gehen die Mitglieder ein und aus wie durch eine Drehtür. Ihr aber habt schon immer großen Wert auf die Darstellung gelegt, dass ihr fünf gleichberechtigte Mitglieder seid, die sich seit Schulzeiten kennen, ein ganz verschworener Haufen. Da muss euch diese Trennung schon sehr getroffen haben. 

So war es auch. Wir haben auch lange, lange versucht, unsere Differenzen zu überwinden. Wir sind auch traurig darüber, aber dennoch war es letztlich die richtige Entscheidung. Er wollte schon länger gehen, und als er sich dann entschied, auch wirklich zu gehen, fanden alle, dass es wohl die beste Lösung war. Und wenn man drüber nachdenkt: Wir haben es doch immerhin 25 Jahre zusammen ausgehalten. Ist ja nur ein Vierteljahrhundert! Das kann sich doch sehen lassen, oder?

Ganz sicher. Aber ich höre da raus, dass es durchaus Spannungen gab? Es hätte ja auch sein können, dass er sagte: „Sorry, ich habe keine Lust mehr, immer auf Tournee gehen zu müssen. Aus dem Alter bin ich raus!“

Ich glaube nicht, dass Jupp wirklich mit dem Touren aufgehört hätte, aber er ist definitiv jemand, der gerne zuhause ist. Er wollte mehr Zeit bei seiner Familie verbringen, und – tja, keine Zeit mehr mit Elbow. Also, wie ich schon sagte, 25 Jahre gut miteinander auszukommen, das ist echt keine schlechte Leistung für fünf Leute. Es hatte sich länger angedeutet, dass etwas nicht mehr stimmte, und dann staute sich das mehr und mehr auf – und irgendwann kam es dann tatsächlich zum großen Krach. Aber wir tragen ihm nichts nach.

Einen neuen Drummer habt ihr nicht an Bord geholt, sondern statt dessen mit einer Drummachine gearbeitet. Weil ihr eine zu eingespielte Einheit seid, in der ein Neuer sich nicht zurecht finden würde? Weil der all eure In-Jokes nicht verstehen könnte?

Ach, wir sind schon so lange zusammen, dass ich Geschichten erzählen kann, die sie alle schon gehört, aber wieder vergessen haben! Wir haben einen alten Freund der Band gebeten, ein paar der Drumparts einzuspielen: Alex Reeves. Aber offen gesagt wollen wir kein neues Bandmitglied mehr. Wir sind einfach zu eng aufeinander eingespielt. Außerdem geht es viel schneller, Songs zu schreiben ohne einen Drummer. Eine Drummachine kann man abschalten, weisst du? Haha.

Haha, das beantwortet quasi schon meine nächste Frage: Ich dachte mir, im Proberaum muss es doch schon ganz anders sein ohne Drummer. Beats aus dem Rechner gehen immer emotionslos linear vorwärts, Stichwort „Krautrock-Motorik“. Ein menschlicher Drummer bringt dagegen seine Dynamik ein, er kann im Refrain die Betonung setzen, er kann einen Song auch mit einer entsprechenden Drumroll abschließen… 

Aber denk mal drüber nach: Als wir in Manchester aufwuchsen, da war das die große Zeit der Stone Roses und der Happy Mondays. Das, was Kraftwerk angefangen haben, nämlich diese Krautrock-Motorik auf Computern umzusetzen und was dann vom HipHop aufgenommen wurde, das ist in Manchester zuerst von Joy Division und Martin Hannett übernommen worden, die diese Rhythmen auf Gitarrenmusik übertragen haben. Und daraus wiederum wurde in Manchester dann Clubmusic durch die Stone Roses und die Happy Mondays. Auch die TripHop-Bewegung aus Bristol war eine ganz enorm wichtige Sache für Elbow: Massive Attack, Tricky, Portishead, Goldfrapp. DJ Shadow wurde dann ganz wichtig, als er sein komplettes Album aus Samples schuf. Und wenn du das allererste Elbow-Album anhörst, gleich der erste Song, „Any Day Now“: Da legten wir es darauf an, einen Live-Drummer wie eine Drum-Machine klingen zu lassen. Es sollte so mechanisch wie möglich klingen – das war auch genau das, worauf Jupp stand. Es war also echt kein großer Sprung. Wir haben auch früher schon oft zur Drummachine geschrieben und dann Live-Drums drüber gelegt. Es ist ja auch nicht leicht, einen Drummer wie Jupp mal eben zu ersetzen – ich glaube wirklich, er ist einer der besten in der Welt. Auf jeden Fall hat er seinen ganz unverwechselbaren Stil, auch deshalb kann man so jemanden nicht mal eben so einfach ersetzen. Trotzdem, unser Output hat das nicht gebremst. Ich glaube sogar: Weil wir uns solche Sorgen gemacht haben, wie wir ohne ihn klarkommen, ist dieses Album sogar ganz besonders beatlastig geworden. Auf jeden Fall ist es beatlastiger als sein Vorgänger.

Das stimmt. Neulich stand mein Chef im Zimmer und meinte „Hey, hörst du da Old-Skool Drum’n’Bass?“ Der war total erstaunt, als er hörte, dass das Elbow sei.

Ha, das ist großartig, das ist cool. Welcher Song war das?

Der Titelsong.

Ah, cool, ja. Total.

War das etwas, auf das ihr es abgezielt habt? Old Skool Drum’n’Bass? Ich hab keine Ahnung in diesem Bereich.

Also, wir haben uns nicht direkt auf Genres bezogen. Ich hatte gerade eine Soloplatte abgeschlossen, bevor wir mit diesem Album angefangen haben. Craig wiederum hatte gerade das letzte Album von Steve Mason produziert – das erste Mal, dass er als alleiniger Producer gearbeitet hat. Marc hatte eine neue Band namens The Plumedores gegründet und mit denen gearbeitet, als wir uns wieder trafen, um an dieser neuen Platte zu arbeiten. Ich glaube, was Craig und ich durch unsere unmittelbaren Erfahrungen davor eingebracht haben, war eine neue Lust dran, schnell zu arbeiten. Außerdem, wenn in einer Band immer unausgesprochene Konflikte schwelen – und die gab es natürlich, bevor Jupp ausstieg – dann verlangsamt das natürlich von Vornherein alles. Weil man über jede Kleinigkeit diskutiert. Das war immer, als ob man all die Begeisterung, die in einer Session herrscht, mit einer Decke erstickt. Ich glaube, das war im Nachhinein der Hauptunterschied bei dieser Platte im Vergleich zu allen anderen: „Keep it simple, make it fast!“ – das war quasi diesmal die Grundregel.

Jetzt hast du gerade deine Soloplatte erwähnt und da muss ich was gestehen: Ich habe sie verpasst. Ich meine, ich habe mitgekriegt, dass sie erschien, ich habe mir vorgenommen, sie anzuhören, aber es erscheint immer so viel Musik, dass ich sie irgendwie doch nicht mitbekommen habe. 

Haha.

Trotzdem die Frage: Hatte die Soloplatte ihre Auswirkungen aufs neue Elbow-Album? Hast du ein paar Dinge aus dem Weg geschafft, die raus mussten, hast du andere Dinge gelernt, die du jetzt anwenden konntest?

Auf jeden Fall. Ich bin zum Beispiel ein bisschen besessen von Blechbläsern, vor allem mit afrikanischen Blechbläsern sowie von Afrobeats – und ich wollte endlich mal eine Platte machen, die so richtig Groove hat. Wo ich das sage – auch dieses neue Elbow-Album hat unbedingt Grooves, das ist ein echt beatlastiges, triphoppiges Album. Meine Soloplatte wiederum hat auch eine Menge Funk. Wenn du nicht dazu kommst, dir die ganze Platte anzuhören, höre dir zwei Songs an: „Unwind“ und den Titelsong „Courting The Squall“ – ach ja, und „Open The Door“, wohl der erfolgreichste Song der Platte. Dieser Song war beeinflusst von Fela Kuti und Co. Also ja, ich habe ein paar Dinge aus dem Weg geräumt – und ich habe gemerkt, wie sehr mir Leute fehlen, mit denen ich mir das Schreiben teilen kann. Darum war es echt super, die Jungs wieder zu treffen. Es war sehr traurig, Jupp zu zu verlieren, aber wirklich super, die Jungs wieder zu sehen. Seit unserer ersten Platte hatten wir keinen solchen Spaß mehr dabei, ein Album aufzunehmen.

Alles klar, dann reden wir doch über ein paar Songs der neuen Platte. Als erste Single habt ihr „Magnificent“ verfügbar gemacht. Wenn ich den Song und seinen Text richtig verstehe, sehe ich ein Mädchen vor mir, das an einem Strand spielt – dazu dein Text „The world doesn’t know how much it needs this little girl“… dieser Song sagt uns quasi „Die Hoffnung liegt in unseren Kindern“ – nur auf eine nicht so kitschige Weise – richtig?

Ganz genau. Präzise. Ich war mit meiner Frau im Urlaub – ich habe geheiratet…

Congratulations, übrigens!

Vielen Dank! Also, jeden Morgen wurden wir wach zum Klang von Kindern, die am Meer spielten. Meine Frau erzählte mir: Als Kind war das Kostbarste für sie im Leben „Glaskies“. Also Scherben, sie vom Meer abgeschliffen wurden, so dass sie abgerundet wie Steinchen sind. Ach, dieses Jahr gab es so viele schlechte Nachrichten, und ich wollte einfach mal davon wegkommen. Die Sache mit dem Brexit ist so unglaublich beschämend – immer, wenn ich mit jemandem aus dem Rest Europas spreche, ist es mir echt wichtig zu sagen: Die Hälfte des Landes hat anders gestimmt. Wir haben das nicht gewollt.

Von meinen britischen Facebook-Freunden sind alle völlig konsterniert. Alle, die ich kenne, haben für „Remain“ gestimmt. Tja, das sind wir in unserer Bubble. 

Genau so ist es. Was ja noch dazu kommt: Alle Umfragen waren falsch. Weil es den Leute peinlich war, in Umfragen ihre echte Meinung weiter zu geben. Genau wie später in den USA bei Trump. Es ist aber ja auch so: Die Hälfte der Leute in Großbritannien, die unter der Armutsgrenze lebt, hat Jobs. Diese Leute arbeiten, aber trotzdem sind sie unter der Armutsgrenze! Das System versagt bei ihnen – und diese Wahl ging gegen das System. Es ist ein verdammtes Desaster. In den USA ist es ja das Gleiche: Das System versagt für viele Leute, deshalb wählte man Trump, nur damit das System sich ändert. Aber es ist zum Verzweifeln. Ich meine, meine Heimat Manchester war immer schon die Stadt mit den meisten ausländischen Studenten. Man nennt Manchester heute „The Northern Powerhouse“, denn auch in Zeiten, als überall alles gekürzt wurde, ging es in Manchester immer noch aufwärts. Manchester blühte trotzdem auf! Einer der Gründe war, dass die Stadtverwaltung immer sicher in Hand der Labour Partei war, sie konnten also mehr als vier Jahre voraus planen. Eine andere Sache war, dass Manchester immer voll junger Leute und neuer Ideen war aus aller Welt war, aufgrund der Universität, die jedes Jahr eine Ladung neuer, internationaler Gesichter und Ideen in die Stadt brachte. Eine durch und durch moderne Stadt. Ich mache mir ganz große Sorgen, dass dieser Zufluss austrocknet. Also, ein fucking Desaster.

Aber vor diesem Hintergrund sah ich also diese Kinder am Meer. Und das Meer macht uns alle zu Sechsjährigen. Jeder, der länger nicht am Meer war, stolpert ihm mit offenem Mund entgegen. Das ist das erste, was du dann tust. Und dann hast du da ein kleines Mädchen, das im Sand neben dem Meer spielt und sie vertraut noch jedem Menschen, den sie trifft. Was wird aus diesem Teil von uns, der jedem traut, den er trifft? Dazu eine Geschichte: Ich mache gerade den Führerschein.

Echt jetzt?!

Doch, ich nehme gerade Fahrstunden! Und ich bin völlig entsetzlich. Aber was mir aufgefallen ist: Ich habe den Wagen an Ampeln abgewürgt, ich habe in engen Straßen den Verkehr aufgehalten – ich muss Tausenden Autofahrern Schwierigkeiten gemacht haben. Aber 99,9% reagierten unglaublich geduldig, charmant und liebenswert. SO sind Menschen im normalen Umgang miteinander. So sind sie! Im Kern sind sie gut drauf.

Das ist schön zu hören. Ich hatte bei der Einleitung erwartet, dass du jetzt von ungeduldigen Menschen erzählst, die hupen und die Faust schwingen.

Nein, sie waren einfach nur nett. Denk mal dran, wie die Leute sich verhalten, wenn ein Krankenwagen durch den Verkehr muss. Dann arbeiten alle zusammen und machen Platz. So sind wir, im Kern.

Da habe ich neulich eine gegenteilige Geschichte gehört. Durch die deutschen Nachrichten ging ein Fall von einem Ferienflieger, der notlanden musste, weil ein Fluggast einen Herzanfall hatte. Die anderen Gäste sollen sich echauffiert haben. Ich dachte mir: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Denn man muss sich doch vorstellen, man selbst wäre die Person, die den Herzanfall im Flieger bekommt. Dann ist es doch gut, zu wissen, dass alles für die Rettung getan wird. Die Vorstellung, dass einem dann nicht geholfen wird, um anderen Mitfliegern nur bloß keine Umstände zu bereiten, ist ja fürchterlich. 

Aber weisst du was: Man braucht ja nur ein, zwei schlechte Äpfel, die den Anderen alles versauen. Mir ist mal folgendes passiert: Ich war auf einem Flug mit einem extrem übergewichtigen Menschen. Dieser Mann hatte extra einen teuren Platz in der ersten Klasse gebucht in der Hoffnung, da habe er mehr Platz. Was aber nicht wirklich der Fall war. Dieser Mann hatte also einen sehr, sehr unangenehmen Flug – ich meine, er war echt krankhaft adipös. Obendrein musste er wohl auch noch Medikamente nehmen. Als es dann Zeit war, den Flieger zu verlassen, da wurde er bewusstlos. Er war so dick, dass er nicht mal auf den Boden fallen konnte im Gang – aber er war bewusstlos. Alle, die hinter ihm feststeckten, begannen zu tuscheln. Weil er so dick war. Aber ein Typ war dabei, der schon den ganzen Flug auffällig mies gelaunt war. Die Stewardess sagte zu allen Gästen: „Bitte haben sie Geduld, damit wir uns um diesen Herren kümmern können“ und zu ihm selbst sagte sie: „Bitte bleiben sie erst mal liegen!“ Woraufhin dieser unangenehme, aggressive Typ, laut wurde. Und er schrie den Dicken an: „Hast du sie gehört? Stay down, or I’ll put you down!“ („Bleib unten, oder ich bringe dich um!“) Drei Mal rief er das und der ganze Flieger kriegte so richtig Angst vor diesem Aggressivling. Ich wurde wütender und wütender, aber ich bin ein verdammt schlechter Kämpfer, deswegen biss ich mir erst auf die Zunge. Aber nachdem er das dritte Mal den Mann angeschrien hatte, rief ich: „Sie sind KEINE Hilfe! Und dieser Mann könnte sterben!“ Und in dem Moment, in dem ich das gerufen hatte, schlugen sich all die Leute, die getuschelt hatten, auf meine Seite. Die Leute folgen gerne dem Hund, der am lautesten bellt, will ich damit sagen. Vor allem, wenn man in einem Flugzeug feststeckt.

Ja, Flughäfen und Flugzeuge sind echt Orte, an denen die Leute offenbaren, ob sie gute oder schlechte Menschen sind.

Oh ja!

Zum Beispiel in diesen langen Schlangen. Da sieht man immer Leute, die sich vordrängeln. Das finde ich so unmöglich! Warten müssen wir hier alle – aber DU glaubst, das gilt für dich nicht? Und du findest es okay, dass alle hinter Dir deinetwegen umso länger warten? 

Haha, meine Schwester ist echt super, wenn es um unhöfliche Menschen geht. Ich habe schon gesehen, wie sie jemanden die Straße runter gejagt hat, der nicht „Danke“ sagte, nachdem sie die Tür aufgehalten hatte. „Hey! Weiss deine Mutter, wie schlecht erzogen du bist?!“
Egal. Das Leben ist zu kurz, um sich über solche Menschen zu ärgern.

Du hast übrigens damit schon eine Frage beantwortet, die ich notiert hatte. Ich wollte in der Tat darüber reden, dass der Refrain „It’s all gonna be magnificent!“ so positiv ist. in Zeiten, in denen uns die Präsidentschaft von Donald Trump bevorsteht und alle um uns herum nur pessimistisch in die Zukunft blicken – da ist es regelrecht schräg, eine solche Botschaft zu hören. Der Song ist sehr treffend instrumentiert, der Optimismus kommt wirklich rüber in der Musik – aber ein solcher Optimismus ist zur Zeit sehr unüblich.

Singt: „What the world needs now, is love, sweet love“ – Kennst du den Song? Den hat mir meine Mutter immer vorgesungen. Vor vielen Jahren hat meine Mutter mit diesen Song vorgesungen, als ich mal Probleme mit dem Schreiben hatte. Da sang sie: „What the world needs now, is love, sweet love“. Ich kann nichts dagegen tun, ich fühle mich optimistisch. Ich bin verliebt, ich habe dieses Jahr geheiratet, die Dinge laufen großartig. Das, was mir Angst macht, der Hintergrund, vor dem all dies stattfindet, all die Sorgen, die ich mir deswegen mache – die überwiegen nicht, dass meine Familie gesund und glücklich ist, dass meine Frau witzig und wunderschön ist, dass meine Stadt besser und besser aussieht – und ich werde mir von der Gesamtsituation, in der das stattfindet, mein kleines individuelles Glück, das ich von Tag zu Tag empfinde, versauen lassen. Und wenn die Leute das kitschig finden, dann dürfen sie es kitschig finden. Es kommt vom Herzen, und deshalb schäme ich mich nicht dafür.

Na, da freue ich mich für dich. Das klingt doch sehr gut. Es beantwortet gleich noch eine meiner Fragen – hier habe ich nämlich in der Tat notiert: Kann Musik ein Werkzeug des Guten sein?

Weisst du was? Ich werde es dir sagen, Henning, und all euren Lesern, die Musik machen. Und all deinen Freunden, die schreiben, ob Bücher, Artikel, ob sie Filme drehen:
Seht euch um, seht was passiert! DIES ist der Beweggrund, den ihr immer gesucht habt, als ihr entschieden habt, Künstler zu werden. Hier ist eure raison d’etre:  Was jetzt abläuft! Das läuft unter eurer Aufsicht als Künstler ab. Darauf müsst ihr antworten. Ihr MÜSST antworten!

Ja!

Das ist das, was ich mir gewünscht habe, als ich als Jugendlicher die Flower Power Bewegung sah und mir dachte: Mann, ich wünschte, ich hätte auch Teil von so etwas sein können. Tja. Sei vorsichtig, was du dir wünscht, was? Dies ist unsere Zeit, dies ist unsere Aufsicht. Ich will nicht Tagebuch darüber führen, es gibt so viele Beweise für das, was passiert. Aber wir müssen gegen diese Flut anschreiben, wir müssen es!

Noch so eine Frage, die ich notiert hatte: Ob mit den neuen Entwicklungen auch dein Schreiben politischer werden wird.

Ich wüsste nicht, wie es noch politischer werden könnte! Ich wüsste nicht, wie! Meine positiven und negativen Einstellungen über das, was in meinem Land passiert, sind über das ganze Album ausgegossen. Besonders in einem Song wie „K2“. Alles, was ich fühle, von den großen existentiellen Fragen bis zu den kleinen, unbedeutenden Streitereien, die man hat mit der Person, die man am meisten liebt und trotz ihrer Kleinigkeit deine Welt zum Beben bringen – es ist alles dort. Ich könnte nicht rein politisch schreiben. Das wäre schwer, anzuhören, und erst recht zu schreiben. Aber ich wüsste nicht, wie ich über die Zustände noch mehr schreiben könnte, als ich es tue.

Wenn Bands sagen, sie seien „nicht politisch“, finde ich das eh immer Quatsch. Selbst, wenn man „unpolitisch“ ist, ist man politisch. Man ist vielleicht apolitisch, man sagt also: „Mir ist egal, was passiert.“ Denn: Was immer du sagst, sagst du als Bürger, als Individuum, das Teil einer Gesellschaft ist. 

Das stimmt.

Du hast den Song „K2“ erwähnt – den wollte ich ansprechen. Ich dachte, es geht um den Berg. Der K2 ist der zweithöchste Berg der Welt und berüchtigt dafür, wie schwer er zu besteigen ist. 

Der Refrain ist sehr lang und verschlungen. Er geht: „I’m given to believing in love. I’ve written the word in my blood. And I perch on a shelf at the K2 made ofthe believers that love opens the fist just enough for the hand to slip into the hand.“ Was ich sage, ist: Wir alle befinden uns in einer prekären Situation. Wir stehen am Rand eines absoluten Desasters. Einem amoralischen, anarchischen Desaster, in dem jeder sagt „Scheiß drauf!“ und die Welt in ihre Einzelteile zerbricht. Aber wir stehen dabei auf diesem Vorsprung eines Berges, und dieser Berg, er ist gemacht aus uns allen. Wir sind noch genug, um alles beisammen zu halten.

Ich hab übrigens fast den Namen des Songs geändert. Damals, als ich gehört habe, dass K2 nur die Koordinaten einer Landkarte waren. Da hat ein britischer Kartograph in der Kolonialzeit diesem Berg einfach nur den Namen einer Koordinate gegeben. Ist das nicht irgendwie typisch? Statt den richtigen Namen zu verwenden.

Der echte Name ist glaube ich superkompliziert. K2 kann man sich halt leicht merken. 

Das mag stimmen, aber trotzdem ist es doch was typisch kolonialistisches, diesen Namen zu wählen.

Stimmt schon. Man denkt normal nicht drüber nach. Man weiß: Der höchste Berg der Welt ist der Mount Everest, und der nächsthöchste ist der K2 – das passt auch noch so gut, mit der 2 im Namen.

Yeah, ha.

Mount Everest ist aber ja auch nicht der richtige Name. Das ist ja genauso ein Kolonial-Name.

Richtig. Heißt er nicht im Original in der Landessprache „Mutter“? Jedenfalls, ich wollte, dass der Text von K2 klingt wie ein verstörter Traum. Ich habe ihn geschrieben, als ich in Indien war. Ich war vorher noch nie in Indien und die Armut dort hat mich total umgehauen. Die Armut, aber auch die Schönheit. Ich habe mich auch noch nie so nutzlos gefühlt. Das war echt ein umwerfender Trip – was ja alle sagen, die Indien mal besucht haben. Aber was mich am meisten umhaute, das war diese Menschlichkeit – und diese völlig anderen Bedingungen, in denen die Leute dort lebten. Einfach Wahnsinn. Aber von zu Hause fort zu sein, das gab mir auch diesen Abstand, aus dem mir vieles klar wurde. In dem Song schreibe ich auch über, die ich von zu Hause vermisst habe. Das Parfum meiner Mutter – aber ich schrieb auch die Dinge, vor denen ich Horror habe, diese Oberflächlichkeit. Oh, und was ich wirklich verstörend finde in vielerlei Hinsicht, sind die sozialen Medien. Die tragen Mitverantwortung für viele der Änderungen, die wir gerade erleben. Gute und schlechte Veränderungen, aber völlig außer Kontrolle. Auch deprimierend – jetzt hat jeder eine Stimme, aber wozu wird sie benutzt? Dafür, dass die Leute Fotos machen von dem, was sie als nächstes essen. Schlimm, haha.

Das verwirrt mich auch. Man hat in seiner Timeline Leute, bei denen man nie gedacht hätte, dass das ihr Ding sein würde. Dann wiederum: Ich habe zum Beispiel diesen Kumpel, von dem wir schon dachten, er sei regelrechter Autist. Er sagt einfach nie was. Aber auf facebook ist er so aktiv, dass man ihn schon fast blocken will. Für manche Leute ist dies das perfekte Outlet, das sie gebraucht haben.

Absolut. Und in der Hinsicht ist es eine großartige Sache. Die Einsamkeit ist für viele vorüber, und das kann ja nur eine tolle Sache sein. Gleichzeitig: All dieser Lärm, dieses Geklapper! Ich sag dir, worüber ich neulich lachen musste: Kennst du den Ausdruck „Walk of shame“?

Ja – das ist, wenn man nach einem One Night Stand am Morgen nach Hause geht.

Genau. Man wacht im falschen Bett auf und muss in den Klamotten von gestern nach Hause gehen. Vor allem für eine Frau kann das als beschämend gelten. Jedenfalls, eine Freundin von mir, die in ihrer Zeit echt kein Kind von Traurigkeit war – sie war ein Party-Tier! Aber heute ist sie eine sehr respektierte Dame der Gesellschaft – jedenfalls, sie machte ein Foto von einer Frau, die sie am Morgen durch die Stadt laufen sah, und sie postete es auf facebook mit den Worten: „Ich sah diese Frau heute morgen um zehn auf ihrem Walk of Shame.“  Aber die Dame auf dem Bild ist erkennbar eine Prostituierte. Die Kommentare waren auch entsprechend: „Ähem – das ist nicht das, was hier gerade passiert…“ Da musste ich herzlich lachen. Dass jemand so daneben liegt, erlebt man auch nur auf facebook. Na, ob sich das gut macht als Zitat im Interviewtext? Wohl kaum!

Macht nichts, ich ich habe ja genug andere prima Zitate von dir bekommen. Man wird uns jetzt wohl gleich unterbrechen, mein halbe Stunde ist praktisch um. Trotzdem noch eine kleine Frage. Vielleicht irrelevant, aber es ist etwas, das mir einfach nicht aus dem Kopf ging. Ihr habt für die neue Platte euer Bandlogo geändert. Die letzten drei Alben davor war es gleich geblieben. Wenn ich so was sehe, frage ich mich einfach: Wie läuft das wohl ab? Wer ist derjenige, der bestimmt: „Wir müssen mal wieder das Logo ändern“? Geht das von der Band aus oder vom Label? Setzt ihr euch dann als Band zusammen und diskutiert das aus? Oder überlasst ihr sowas komplett der Marketingabteilung? 

Also, alles was es zu entscheiden gibt, entscheiden wir in der Gruppe. Es ist dann also immer derjenige, dem das Thema gerade am wichtigsten ist, der das ansprechen wird. Aber wenn ich ehrlich bin – immer wieder kommt es auch vor, dass wir das Artwork auf den allerletzten Drücker bearbeiten. Dieses Mal ist es wirklich sehr gelungen, ein wunderschönes Set aus Illustrationen, ganz herrlich, und alle Bilder sind verbunden mit den Texten. Vor allem das Bild zu „Magnificent“. Es kommt von einem Künstler, den wir alle lieben, da fiel die Entscheidung dieses Mal leicht.

Es ist also nicht so, dass ihr durch das Logo andeutet: „Dies sind neue, veränderte Elbow“.

Vielleicht ja doch? Unbewusst? Also, ich finde, „The Take Off And Landing of Everything“ war auf jeden Fall ein Album, mit dem wir etwas abschlossen. Diese Platte und ihr Vorgänger „Build a Rocket, Boys“, die sind für mich quasi ein zusammen gehöriges Paar. Die zwei stehen sich näher, als sich alle anderen Elbow-Alben nahe stehen. Diese beiden Platten behandeln ähnliche Themen, und diese beiden Platten, das sind praktisch unsere Dreissiger-Jahre. Die neue Platte fühlt sich einfach anders an. Ich glaube, man darf von jetzt an mehr Alben von uns erwarten. Am liebsten wären mir alle zwölf Monate, realistisch sind aber wohl eher alle 18 Monate. Denn trotz allem negativen, was so passiert in der Welt, finde ich trotzdem, dass wir großes Glück haben zu dieser Zeit aktiv zu sein. Ich kann mir nicht helfen, ich muss es feiern!

So, und damit bin ich jetzt schon bei 32 Minuten und damit bedanke ich mich für deine Zeit, deine Antworten – und für deinen Optimismus! Den sollten wir alle teilen. 

Haha, Danke, Henning! Ich hoffe, wir können ein paar Leute damit aufmuntern, und wenn sie nur über mich lachen!

Nun, ich habe nicht gelacht, ich habe nichts anderes empfangen von der Platte als Warmherzigkeit!

Ach, du liebenswerter Mensch! Es war wundervoll, wieder mit dir zu sprechen, Kumpel!

Das Kompliment gebe ich zurück! Dann hoffe ich, dass Eure Tour in München vorbei führen wird!

Danke, das hoffe ich auch!

Vielen Dank, bye!

Auf Wiedersehen!

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