Review: Jonas Nicholls

jonas-nicholls-time-no-longerJonas Nicholls – „Time No Longer“ EP

Wo wäre ich auf diesem Blog nur ohne die Australier? Schon wieder geht’s nach Sydney. Von hier kamen die Sures. Eine meiner echten Lieblingsbands der letzten Jahre. Dabei hat das Quartett nur zwei EPs gemacht. Okay, zwei mal fünf Songs, das ergibt ja eigentlich ein Album. Aber trotzdem, in der Karriere einer Band gilt die EP als erster Schritt. Mit einer EP klopft man an, mit einem Album tritt man ein. Mein Gott, was haben die Sures angeklopft. Aber sie sind nicht eingetreten, im bildlichen und im tatsächlichen Sinne.

Die erste EP kam 2012. Fünf knusprige Gitarrenpop-Songs die sich durch meine Lieblings-Indie-Styles schlängelten wie ein Zauber-Glitzeraal. „Stars“ hatte den schmissig-netten Shoegaze-Jangle wie Pains Of Being Pure At Heart. „Poseidon“ beschwor Lo-Fi-Phil Spector und Indie-Beach Boys herauf, so dass es eigentlich auf Elephant Six hätte erscheinen müssen. „The Sun“ erinnerte mich immer an Tame Impala, ohne was spezifisch Tame Impala-mäßiges zu haben. Es muss der Vibe gewesen sein. Der Vibe, dieser abstrakte Hund! Das ist doch irgendwie lässig, oder?

EP 2 (2013) war sogar noch besser! Jeder einzelne Track auf „The Night, Hero, Waste, Time, Getting Better“ verdiente es, Titelsong dieser EP zu sein – deswegen wohl der Name. Sänger Jonas Nicholls gab „The Night“ und „Waste“ crunchy Grunge-Biss mit, aber die Melodien blieben Killer. „Hero“ und „Getting Better“ waren super, weil sie ein bisschen gebremster, gedämpfter daher kamen. „Time“ letztlich war die Ohrwurmballade für die Ewigkeit. Also ernsthaft, diese EP ist perfekt, von der ersten bis zur letzten Sekunde.  Ich habe so sehr auf das erste Album der Sures gewartet!

Aber es kam nix.

Endlich, diesen Herbst plötzlich Aktivität auf der Sures-Facebook-Seite. Sie wurde umbenannt in MK OK. Dann in Spirit Lobby. Hä? Montag schließlich eine konkrete Nachricht. Sures-Kopf Jonas Nicholls meldete sich zu Wort. Kurzfassung: Sorry, man hatte zwar die Songs für ein Album, aber irgendwie fiel die Band auseinander, bevor es ins Studio gehen sollte. Neue Mitmusiker hat Jonas gesucht, aber einfach nicht gefunden. Schließlich hat er sich ins Thema Studiotechnik reingefuchst und die Lieder komplett im Alleingang eingespielt.

jonas-nichollsZwei Emotionen: Erstens: Erstaunen, dass jemand, der solche Songs schreibt wie Jonas, in einer Stadt wie Sydney, in der es vor Indie-Bands nur so wimmelt, keine Leute findet. Zweitens: Große Freude, auch wenn’s mit den Sures vorbei ist (das war zu erwarten, nach der Wartezeit), so sind jetzt doch endlich neue Lieder aus Jonas’ Feder zu hören. Eine EP namens „Time No Longer“ – auf Bandcamp HIER zu bestellen.

Klar, dass ich alles stehen und liegen ließ, die EP sofort runterlud und sie in den letzten Tagen so oft wie möglich hörte.

Nun mein erstes Urteil: Doch, schon super. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Vor allem sind’s die Melodien, die Jonas wieder auszeichnen. Die schreibt der Junge einfach genau so, wie ich sie liebe: Es sind Ohrwürmer – aber es sind keine banalen, offensichtlichen Ohrwürmer.

Auch die Arrangements mag ich. Der letzte Song „Spinning“ zum Beispiel hat eine wurbelige Bassline-Schleife, die dem Song ihren Halt gibt und wenn diese Schleife dann im Refrain von der Gitarre erwidert wird, das ist schon ein Moment. „These Times“ rollt so richtig schön dahin und klingt damit ganz anders als die MK OK – Version, die Jonas vorher schon kurzzeitig geteilt hat und die mehr Zug hatte – wenn auch die neue Variante dem Song einen nicht weniger attraktiven, wurligen Flow abgewinnt.

Trotzdem bringt uns das zu der Sache, die ich dann leider an der EP bemängeln muss: Früher war mehr Druck.

Also, nicht falsch verstehen. Zuerst mal Respekt an Jonas, dass er sich das draufgeschafft hat, alle Instrumente einzuspielen und zu mischen und so weiter. Aber es ist halt erstens doch was anderes, wenn da vier Leute zusammen spielen und gemeinsam eine satte Dynamik entwickeln, als wenn einer da einzeln die Songs zusammen stöpselt. Zweitens ist es was Anderes, wenn da ein Label mit Budget dahinter steht und ein Producer, der genau weiss, wann er welches Reglerchen um welche kleine Nuance verschieben muss, damit’s ideal klingt.

Der Sound der „Time No Longer EP“ ist nicht schlecht, aber wenn man den Biss von Sures‘ „Waste“ kennt, dann kommt man nicht daran vorbei, sich vorzustellen, wie viel geiler der neue EP-Opener „Bad Lover“ klingen könnte, wenn zum Beispiel Ric Ocasek am Pult säße und wenn er wie beim ersten Weezer Album jeder Gitarre so richtig Raketenschub geben würde. Wie er jeder Pause eine kraftvolle Betonung geben würde, wie er den Gesang entzerren und schichten würde und wie jede von diesen famosen Melodien, ob Gesang oder Gitarre, in voller Pracht präsentiert werden könnte. Wenn man sich die Songs so umgesetzt vorstellt, würden sie alle dem „Blue Album“ zur Ehre gereichen. „High Tide“ zum Beispiel! Das könnte in den richtigen Händen sowohl zum „So Alive“-mäßigen Ryan Adams-Burner als auch zum kreischend-sägenden Swervedriver-Power-Schmirgel-Shoegaze perfektioniert werden. In dieser EP-Version deutet das Lied diese Macht an, aber deutet es eben nur an.

Nun gut, ich habe die Möglichkeit ausgeklammert, dass es Jonas’ spezifischer Wunsch sein könnte, ein bisschen breiig, verschwommen und handgebremst zu klingen. Dass er dieses Klangbild aktiv gewählt hat, aus einer Indie-Ästhetik heraus. Aber ich glaube es auch nicht wirklich.

Also, Sydney! Also, Labels! Gebt Jonas Nicholls gefälligst ne Band! Gebt ihm gefälligst nen ordentlichen Vertrag! Setzt einen Spitzenmann in den Produzentensessel! Ich kann euren Argwohn verstehen, auf einen Sydneysider mit Nachnamen Nicholls langfristig zu setzen. Aber hey! Was ich hier höre, sind nicht nicht nur fünf prima Indie-Songs, die aus ihrer Situation echt viel raus holen – ich höre hier das Potential für etwas ganz, ganz Großes.

jonas-nicholls-ranking

Hier noch die SURES Videos.

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