I Feel Finn

crowded-house-rereleasesHeute mal wieder ein Text über nix Neues, sondern eine alte Band. Die guten Crowded House. Ich LIEBE Crowded House. Neil Finn is THE MAN. Wer Crowded House nicht liebt, hat’s nicht verstanden.

Es ist ziemlich genau 19 Jahre her.
Früher Winter 1997. November wird zu Dezember. Ich sitze auf einer Matratze in Augsburg bei dem Mädchen, das bald meine Ex-Freundin sein wird. Wir beide wissen’s. Es ist diese Situation, in der man so fürchterlich hilflos ist. Sie ist einfach nicht mehr in mich verliebt. Was kann man da machen? Ihr ginge es besser, wenn ich einfach verschwände. Nur: Ich möchte doch mit ihr zusammen bleiben. Ich würde es ja retten wollen. Aber wir sind an dem Punkt, wo nichts mehr zu machen ist. Wenn ich mich jetzt total reinhängen und alle Bäume ausreissen würde, sie wäre nur genervt. Das käme an, als würde ich betteln. Wenn ich aber alles an mir abprallen lasse, die kalte Schulter zeige, so nach dem Motto: „Auch DU musst was für diese Beziehung tun“ – auch das könnte längst nicht mehr ziehen, das würde ihr nur erst recht die Tür aufmachen.

Das Radio ist an. Ich weiss nicht wieso, wir hören normal doch nie Radio. „Distant Sun“ wird gespielt, die vier Jahre alte Single vom 1993er Crowded House-Album „Together Alone“. Und fucken hell, hat mal jemals ein Song einen Moment in mein Leben so mörderisch auf den Punkt gebracht?!?!?!! 

„Tell me all the things you would change, I don’t pretend to know what you want“ singt Neil Finn, noch ganz nüchtern vernünftig klingend. Aber seine Stimme beginnt zu zittern.
„No fire where I lit my spark, I am not afraid of the dark.“  Fucken Hell.
„But your words devour my heart and put me to shame.“ 

Und dann der Refrain!
„Your seven worlds collide whenever I am by your side“
OK, die Stelle ist jetzt bildhafter, weniger konkret. Aber sie trifft’s halt umso besser.
„and the dust from a distant sun will shower over everyone.“
Wieder ein Bild, aber: Genau. das. Bild. Denn die Welt wird untergehen. Im kalten Sonnensturm. So ist das, wenn sie Schluss macht. Genau so ist das.

Neil klingt so verzweifelt bittend, wie ich mich damals fühle. „It’s easy to forget what you’ve learned, waiting for the thrill to return. Feeling your desire burn and drawn to the flame.“

Noch mal dieser Refrain. Aber der Killer, der absolute Killer wartet in der Middle Eight. Denn Crowded House sind Traditionalisten. Die schreiben Middle Eights. Weil Middle Eights gefälligst in einen Gitarrensong rein gehören. Und weil Neil Finn ein Genie ist, ist die Middle Eight nicht nur eine Formalie, sondern: Genau der Moment, der alles ballt.

Erst diese Hilflosigkeit:
„I’m lying on a table, washed up in the flood. Like a christian feeling vengeance from above…“
Und dann diese Zeile, die mir mein Leben lang die Schuhe ausziehen wird, jedes Mal, jedes Mal, wenn ich sie höre. Mit genau den richtigen Worten, mit genau dem auflösenden Akkord.
„I don’t pretend to know what you want…“ weiss Finn und nimmt alle Hoffnung und Naivität  und allen Idealismus zusammen:
„… but I offer love“.

Ich hatte nen Kloß im Hals damals. Ich war wie gelähmt. Nicht dass ich’s damals so durchschauen konnte wie im Nachhinein. Damals war ich zuerst mal geflasht, wie der Song den Moment traf. Ich habe kein Wort zu ihr gesagt. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob ich den Song wirklich bei ihr im Zimmer gehört habe oder ganz woanders, er mich aber gefühlt dorthin an den Moment zurück katapultierte.

Aber hey, so oder so – der Punkt ist: Neil Finn wusste genau, was los war und er hat es so entwaffnend und punktgenau formuliert, wie’s halt nur Pop-Texter können.
Wenn er an dem Punkt ist, dass er diese Worte sagt, liegt’s nicht mehr in der Macht des Sprechers, zu entscheiden. Selbst kann er das Steuer nicht mehr rum reissen. Er kann nur noch die Karten auf den Tisch legen.
„I offer love“.
Idealistisch und bedingungslos. Mehr geht nicht. Ich werde jetzt nicht so tun, als wüsste ich, was du brauchst. Was ich dir dennoch bieten kann: Ist Liebe.

Tja. Wenn das Lied mir die Beziehung zwar nicht rettete, hat es mir wenigstens Crowded House zurück gegeben. Denn ehrlich gesagt, ich hatte mich damals so ein bisschen losgesagt von dieser Band. Ich war damals ja full-time-Indie/Britpop. Und Crowded House, die waren ja nicht Indie. Die wurden im Radio gespielt.

Obwohl sie ja eigentlich auch kein Radiopop waren. Schon 1987, als ich mich das erste Mal in die Band reinsteigerte, als „Don’t Dream It’s Over“ zum Welthit geworden war, da waren sie ja ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Denn die 80s, das waren bekanntlich die Jahre der Synthies. Aber Crowded House waren immer eine klassische Gitarrenband. Nicht, dass sie retro gewesen wären – ganz klar war Neil Finns Songwriting von Lennon/McCartney beeinflusst, aber erkennbar auf Sixties haben Crowded House nie gemacht. Sie haben einfach immer nur Songs geschrieben, feine, stilsichere, bedächtige, gerne auch gewitzte Songs. Mit enormem Ohrwurmfaktor.

Aber tja, in den späten 80ern wurde ich zum Indie-Kid, ließ erst mal nur noch die Smiths, die Pixies, die Sugarcubes, MBV, Ride etc gelten. Neben all diesen Bands waren Crowded House definitiv zu brav. Ihr zweites Alben „Temple Of Low Men“ (1988) hatte ich noch knapp vor meiner Wandlung zum Indie-Nasehoch gekauft und geliebt, deswegen kam ich auch an „Woodface“ (1991) nicht vorbei, als ich es im Laden sah. Aber ich hörte das Album regelrecht heimlich. Im Crowded House-T-Shirt hätte ich mich niemandem gezeigt, erst recht nicht, als in Deutschland dann ausgerechnet „Weather With You“ zum Hit wurde – ein Lied, das ich für eins ihrer schwächsten hielt und halte. Als „Together Alone“ 1993 erschien, war es das erste Crowded House Album, bei dem ich darauf verzichtete, es meiner Sammlung hinzu zu fügen.

Zum Glück erschlug mich „Distant Sun“ dann eben ein paar Jahre später auf einem Bett in Augsburg und rieb mir wieder rein, dass Neil Finn zwar kein Indiefuchs war, aber seine Songwritingkunst trotzdem ganz, ganz oben anzusiedeln ist und dass ich Crowded House gefälligst würdigen sollte.

Im Nachhinein betrachtet ist vieles an dieser Band natürlich TOTAL indie. Weil’s intelligentes, komplexes Songwriting ist. Auch, weil der Begriff Indie sich gewandelt hat und heute viele gefällige Bands als Indie gelten, die man in den späten 80ern/frühen 90ern als glattgebügelt wahrgenommen hätte. Jedenfalls: Hört man sich die Diskographie der Band heute durch, so findet man auf jedem Album schräge, unkonventionelle Ideen und  echte Wagnisse. Ich meine, wenn man einer Band sagt „Schreibt mal wieder was für den amerikanischen Markt“ und sie erwidert mit „Chocolate Cake“, einer ironische Hymne an die US-Tendenz zur Übersättigung – dann traut sie sich was!
Bemerkenswert auch, wie wenig veraltet die Platten klingen, obwohl sie doch aus den 80ern/90ern stammen. Da zahlt es sich aus, dass Crowded House damals schon nicht den Trends des Monats folgten, sondern ihre Lieder eher klassisch arrangierten.

Die Diskographie von Crowded House durchhören, das kann man zur Zeit besser als je zuvor. Denn alle Alben, inklusive der Raritätensammlung „Afterglow“ und der Reunion-Alben „Time On Earth“ (2007) und „Intriguer“ (2010) sind als wunderhübsche Deluxe-Versionen neu aufgelegt worden. Alle diese Reissues beinhalten eine Bonusdisc und schnieke Booklets voller Bilder, Texte und Liner Notes, in denen man die Historie der Band noch mal nachverfolgen kann. Und weil eben eine solche Bandgeschichte in diesem Text noch fehlt, schreibe ich eben eine Kurzfassung.

Aaalso. Neil Finn war ursprünglich gemeinsam mit seinem Bruder Tim Mitglied der neuseeländischen Band Split Enz, die schon in den späten Seventies anfing und Mitte der 80er weltweit einen ordentlichen Bekanntheitsgrad erreichte.

Nach der Trennung der Split Enz rief Neil mit zwei Australiern, dem Bassisten Nick Seymour (der auch immer alle Covers der Band malte) und dem Drummer Paul Hester, Crowded House ins Leben.

Ihr erstes Album (schlicht „Crowded House“) erschien 1986 und die ersten Monate tat sich nichts, doch dann wurde der Song „Don’t Dream It’s Over“ in den USA verspätet zum Riesenhit und der Rest der Welt zog nach.
Das zweite Album „Temple Of Low Men“ (1988) ist ein Kritikerliebling, konnte den Erfolg aber nicht wiederholen. Danach fiel Neil Finn erst mal in ein Kreativloch. Aus diesem kam er raus, indem er mit seinem Bruder Tim Songs für ein Nebenprojekt schrieb. Doch statt ein Nebenprojekt draus zu machen, stiegt Tim fürs Album „Woodface“ (1991) einfach bei Crowded House ein. „Woodface“ wurde insbesondere in England, wo die Band vorher nicht so richtig landen konnte, zum Megaerfolg. Es folgte „Together Alone“ (1993), doch 1996 trennten sich die Wege der Band. Man gab ein Abschiedskonzert in Sydney vor 100.000 Australiern, Neil Finn machte danach Soloalben und Platten mit Bruder Tim als The Finn Brothers.

2005 sorgte Drummer Paul Hester für traurige Schlagzeilen – er hatte sich in einem Park in Melbourne erhängt. Dies brachte Finn und Seymour wieder zusammen, sie begannen auch, gemeinsam Musik zu machen. 2007 erschien das Reunion-Album „Time On Earth“ und 2010 folgte „Intriguer“.


Tja. Crowded House also. Wunderbare Songs. Wer’s nicht cool genug findet, verpasst so viel!

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