Review: Jack River

Jack River – „Highway Songs #2“ EP

Man hat früher ja auch immer Lieblingslabels gehabt. Wo zum Beispiel „Creation“ drauf stand, das war normalerweise prima, weil Alan McGee leidenschaftlich und geschmackssicher unterwegs war. Aktuell lautet das Zauberwort „I Oh You“ und stammt aus Sydney. Johann Ponniah heisst der Mann, der down under als Trüffelschwein unterwegs ist und uns einige der tollsten australischen Bands zutage gefördert hat. DMA’s, Snakadaktal (leider schon getrennt) und City Calm Down gehören zu meinen Spitzenfavoriten der letzten Jahre, und auch wenn ich in Sachen Punkpop/Grunge weniger versiert bin, kann ich doch erkennen, dass DZ Deathrays, Bleeding Knees Club und Violent Soho hier ganz weit vorne sind. Was ich sagen will, ist: Wenn Johann Ponniah jemanden signt, dann sollte man sich das anhören. Jack River ist die Neue auf I Oh You.

Ein Mädel namens Jack? Holly Rankin hatte zwei Schulfreundinnen, als Teenager gab man sich zum Spaß Piraten-Alter Egos und Holly war eben Jack River. Ich finde es schon mal sympathisch, dass dieser Name überdauert hat – zumal: Shakey Graves hat eine ganz ähnliche Geschichte, da gaben er und eine Gruppe Kumpels sich gegenseitig Gruselnamen. (Das hat mit Jack River nichts zu tun, ist aber eine coole Assoziation.)

Was macht sie denn, die gute Jack? Sie ist eine Singer/Songwriterin. Und jetzt stehen wir wieder vor dem üblichen Problem: Erklären, warum der eine Singer/Songwriter prima ist und der andere nicht, obwohl beide doch in der gleichen Disziplin unterwegs sind und alles auf einer Gitarre angefangen hat.

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Interview: Miike Snow

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Im August waren Miike Snow auf ihrer Tour im Technikum in München – ich nutzte die Gelegenheit, um mit Andrew Wyatt und Pontus Winnberg (Christian Karlsson war nicht dabei, er tourt mit seinem zweiten Projekt Galantis) unseren piranha-Fragebogen namens „Bloß nichts über Musik“ durchzuspielen.

Ein „normales“ Interview zu ihrem letzten Album „iii“ gab’s hier ja schon – aber ich mag diese Fragebogen-Interview besonders gerne, weil sie in sehr interessante Richtungen abdriften können und uns Seiten der Bands zeigen, die wir normal nicht zu Gesicht bekommen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Miike Snow vor ihren Konzerten besonders gerne in den Tourneestädten durch Second Hand-Läden und Antiquitätenmärkte stöbern? Als ich vor der Halle auf die Band warte, kommt Andrew Wyatt mit einem Taxi vorgefahren und entnimmt dem Kofferraum ein postergroßes, flaches Paket. Hat er ein Bild gekauft? Ich erfahre mehr, als ich in den Backstageraum geführt werde und mich als der heutige Interviewer vorstelle. Als ich mein Aufnahmegerät anschalte, erzählt Andrew seinem Bandkollegen Pontus gerade von seiner neuen Errungenschaft…

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Review: Sticky Fingers

westway-the-glitter-the-slumsSticky Fingers – „Westway (The Glitter and the Slums)“

Das Cover des dritten Albums der Sticky Fingers aus Sydney ziert eine Bleiglas-Arbeit. Die fünf Mitglieder, ein Haufen aus Vokuhila-, Pornobart-, Reni-Hat-, Jeansjacken- und Indoor-Sonnenbrillenträgern, haben ernsthaft ein Gruppenporträt im Stile eines Kirchenfensters anfertigen lassen – komplett mit Heiligenscheinen. Ich bilde mir ein, dass das schon eine Menge aussagt über diese Heinis. Ich meine, erstens: Wie bekifft muss man sein, um auf so eine Idee zu kommen? Zweitens: Wer ist so drauf, dass er so eine beknackte Idee nicht in der Folge kichernd verwirft, sondern es echt durchzieht und dieses Fenster in Auftrag gibt (es existiert wirklich)? Drittens: Fucken Hell, das ist so bescheuert, dass es schon wieder wahnsinnig lässig ist. Ich meine, gebt euch das! Irgendwo in Sydney steht eine Bar mit Kirchenglasfenster, auf dem die Sticky Fingers verewigt sind! Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Typen coole Hunde sind.

Dabei lande ich erst verspätet auf der Party der fünf Sydneysider. So spät, dass ich sie beim Aufräumen antreffe.

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Review: Public Access TV

public-access-tv-never-enoughPublic Access TV – „Never Enough“

Sie sind rar geworden, die New Yorker Bands. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Mieten auch in lange noch als Zentren der Boheme geltenden Gegenden wie Brooklyn heute so horrend sind, dass viele Musiker den Big Apple verlassen müssen und in ein Städtchen außerhalb ziehen oder sich gleich ganz in einem anderen US-Szene-Ort niederlassen.

Was natürlich extrem schade ist, denn die New York-Band hat eine ganz eigene Tradition im Rock’n’Roll. Die typische New York-Band, die schreibt peppige, schnodderige Songs, sie erfüllt dabei auch einen gewissen Art-Anspruch und sie trägt knallenge Jeans. Späte 60s: The Velvet Underground. Mitte der 70s: The New York Dolls, The Ramones, Television. Späte 70s/frühe 80s: Blondie, The Knack, Talking Heads. In den 2000ern: The Strokes, The Walkmen, Interpol, Yeah Yeah Yeahs, The Virgins, The Drums.

Public Access TV sind vermutlich nicht „die letzte New York-Band“. Aber hey, als Schlagzeile, um PATV interessanter zu machen, würde sich das doch gut anhören. Fakt ist, das Quartett um Sänger John Eatherley ist die Gruppe, die momentan die New Yorker Flagge am höchsten hält.

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Review: The Ocean Party

The Ocean Party – „Restless“

Vor, uh, einigen Jahren, als ich noch Student war und im Nebenjob im Haus der Kunst Tickets abriss oder neben Gemälden rumstand, da gab es dort eine Ausstellung des US-Künstlers Frank Stella. Stella hatte ganz streng begonnen, mit extrem reduzierter Minimal Art. Schwarze Bilder mit weissen Linien, nur rechte Winkel. Dafür war er berühmt geworden. Aber mit den Jahren kam eben doch Farbe in seine Malerei, die rechten Winkel wurden spitz und stumpf und irgendwann zu Kurven und Spiralen, und am Ende waren seine Werke dreidimensionale Tohuwabohus aus Formen und Farben. Hätte man ein Frühwerk von Frank Stella neben ein Spätwerk gehängt, niemand hätte es für möglich gehalten, dass das der gleiche Künstler war. Aber wenn man von Raum zu Raum ging, und diese Metamorphose verfolgte, machte es völlig Sinn. Ein Element nach dem anderen veränderte sich, und am Ende hatten die Skulpturen aus Kurven und Farben und die flachen schwarzen rechtwinkligen Gemälde ihre unzweifelhafte Verlinkung.

Was hat das alles mit The Ocean Party zu tun? Der superschnellen, aus Wagga Wagga stammenden, aber lange schon in Melbourne ansässigen Band, die mal wieder nur neun Monate für ihr inzwischen bereits sechstes Album gebraucht hat?

Auch bei dieser Band kann man von Platte zu Platte den nächsten Schritt erkennen. Angefangen haben die Jungs fast so reduziert wie Frank Stella in seiner schwarzen Phase. Sie machten breiigen, aber extrem lässigen Janglepop, den man gleich mal mit der Dolewave-Movement assoziierte.

Seitdem kann man The Ocean Party beim Aufwachsen zuhören. Review: The Ocean Party weiterlesen