Review: Dorsal Fins

dorsal-fins-digital-zodiacDorsal Fins – „Digital Zodiac“

Bezüglich des Themas Nebenprojekte kann man ja geteilter Meinung sein. Ich habe mich auch schon richtig aufgeregt über die Angewohnheit mancher Musiker, sich neben der Hauptband auch noch ein Techno- ein Country- und ein Funpunk-Projekt zu erlauben. „Macht’s g’scheit oder lasst es!“ will man da manchmal schreien. „Erwartet doch nicht, dass wir eurem Hobby Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr selbst es nur als Spielerei nebenbei betrachtet!“

Aber natürlich gibt es die Gegenargumente. Dass sie beim Nebenprojekt mal alle Fünfe grade sein lassen und nicht jeden Ton auf die Goldwaage legen, steht manchen Musikern sehr gut. Sie zeigen sich experimenteller und lockerer. Das Fehlen gewisser Vorgaben, Zwänge oder Empfindlichkeiten der Hauptband eröffnet die Möglichkeit zu einer Freigeistigkeit und einer Kreativität, die  möglicherweise sonst gehemmt wird.

Liam McGorry aus Melbourne ist Trompeter und Songwriter der Soulpop-Band Saskwatch. Die Dorsal Fins gründete er ursprünglich als Nebenprojekt. Er scharte befreundete Musiker aus anderen Bands, die Namen wie Eagle & The Worm, The Bamboos oder New Gods tragen, um sich, um mal mit neuen Sounds rum zu spielen (als Einflüsse nennt die Band speziell DEVO, David Byrne, The Avalanches und Primal Scream). Irgendwann war man zu neunt, neben Liam war Ella Thompson (sonst als Solistin unterwegs) als zweite Sängerin an Bord gekommen – und aus den Spielereien kristallisierten sich ein paar wiederkehrende Sounds heraus: Rumpelnde Rhythmen aus der Baggy-Ära, verzerrte Bassläufe, Echo-Gitarren, gerne mal Bläsersätze, diese Elemente ergaben tanzbare und ins Ohr gehende Indie-Songs.

Mich erinnern die Dorsal Fins sowohl an Jagwar Ma als auch an die B-52’s: Eine Basis im Madchester Baggy-Sound, upgedatet, dazu überdrehte Boy/Girl-Gegenspielerei. Das Ganze ist in eine einzelne Schublade nicht rein zu pressen, denn es ist schon auch ein bisschen all over the place. Entsprechend war „Mind Renovation“, das Debütalbum der Dorsal Fins aus dem letzten März, letztlich ein mixed bag, auf dem sich auch vernächlässigbare Tracks befanden. Aber es beinhaltete auch ein paar erstaunliche Knüller wie den Primal Scream-esken Titelsong, die zauberhafte Ballade „Superstar“ und vor allem die flotte Indiepopnummer „Monday Tuesday“, die der Band down under viel Airplay und sogar internationales Echo bescherte.

Jedenfalls: Durchs Experiment haben McGorry & Co letztes Mal ein Klangbild gefunden, das für sie als Band funktioniert. Weil die Reaktionen auf das Debüt sehr positiv waren, wurden die Dorsal Fins schnell zu mehr als einem Nebenprojekt. Schon legt das Nonett (oder wie sonst nennt man eine neunköpfige Band?) das zweite Album vor.

dorsal-fins-band„Digital Zodiac“ fühlt sich weniger experimentell an. Klar, denn letztes Mal hat die Band auf ihr Klangbild gefunden, das müssen sie noch nicht wieder umstoßen. Weniger frisch klingt die Platte dennoch nicht, denn innerhalb dieses Sounds gibt es für die Band noch eine Menge Spielraum. Also gelingt es ihnen, ein abwechlsungsreiches, Spaß machendes Album zusammen zu stellen: Da gibt’s paar übersteuerte Popsongs mit satten Beats („Sedated“, „Romeo“, „High Low“), ein paar rumpelnd und blubbernd dahin fließende Groover („Roll Back The Years“,„Precious Hands“, „Man vs Woman“) und zuletzt Balladen in verschiedenen Stufen von rauschiger Hymne („When It All Comes Down To Love“, „Blind“) bis Flüster-Schlaflied („Motion“, „Full of Fear“). Zur Variation trägt bei, dass sich Liam und Ella am Mikrofon abwechseln – mal singt er, mal sie, mal beide im Duett.

Wenn diesmal etwas fehlt, dann ist es vielleicht der alles überstrahlende Song, der echte Hit, wie „Monday Tuesday“ auf dem Debüt einer war. Dafür findet sich aber auch kein Aussetzer in dieser Sammlung – alle zehn Lieder kann man wirklich prima anhören. Zuletzt ist die Platte ein Argument, um Nebenprojekte nicht kategorisch abzuschreiben. Dorsal Fins haben sich vom Experiment zu einem prima Combo entwickelt, die die Hauptbands ihrer Mitglieder gerade überflügelt.

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