Review: Kings Of Leon

wallsKings Of Leon – „Walls“

Das nennt man wohl Luxusproblem. Viele Bands würden sich die Finger danach ablecken, so viele Alben zu verkaufen, wie es den Kings Of Leon mit „Come Around Sundown“ und „Mechanical Bull“ gelang. Aber offenbar gilt, wenn man an dem Punkt ist, dass man als Band Stadien füllt,  immer nur der größte bisherige Erfolg als Maßstab.

Familie Followill ist also gewissermaßen verflucht durch „Only By The Night“ (2008). Durch das Album, das mit „Sex On Fire“ und „Use Somebody“ ihre zwei Mega-Hits beinhaltete. Das sie in die Stratosphäre katapultierte – in eine Position, in der man sich als räudige Indie-Südstaatenrock-Band eigentlich nicht wieder findet. Was die Aufgabe, diesen Erfolg zu wiederholen, eigentlich unlösbar macht. Deswegen gelten die zwei weltweit mehrfach mit Platin und Gold ausgezeichneten Nachfolger, das in der Tat recht schläfrige (aber reizvolle) „Come Around Sundown“ (2010) und auch „Mechanical Bull“ (2013) als Misserfolge. Gleichzeitig haben viele Fans ihrer ersten Alben sich von der Band abgewendet – obwohl letztere Platte meiner Meinung nach eigentlich ein gelungener Rundumschlag war, der auch die knurrig-rauen Ur-Kings Of Leon ziemlich gut wieder einfing.

Also hat man dem Krisengerede Glauben geschenkt und alles ein mal kräftig durchgeschüttelt. Hatten die Herren uns nicht vor „Mechanical Bull“ happy erzählt, wie gut es ihnen tat, ein eigenes Studio in Nashville gebaut zu haben, in das sie immer ohne Zeitdruck gehen konnten, wenn die Inspiration zuschlug? Diesmal haben sie genau diese „Komfortzone verlassen“, wie man es dann getreu dem Klischee formuliert. Gingen nach LA, weil sie „einen Tapetenwechsel brauchten“. Vor allem: Zum ersten Mal ist Angelo Petraglia, der bisher doch im Hintergrund die Fäden zog und die Followills schon vor „Youth And Young Manhood“ als Teenager angeleitet hatte und bei den Songs mitschrieb, nicht mehr an Bord. Der neue Mann im Produzentensessel ist Markus Dravs, dessen Namen man von den Plattencovern von Arcade Fire, Mumford & Sons, Coldplay, The Maccabees und Florence & The Machine kennt.

Ganz ehrlich, das ist kein Name, den ich gerne gelesen habe. Meine Lieblings-Kings Of Leon sind die rauen Kojoten von „Youth And Young Manhood“ und „Aha Shake Heartbreak“. Wenn sie bombastischen Stadionrock machen, dann mag ich sie am wenigsten. Aber die Wahl von Markus Dravs deutet an, dass letzteres auf der Agenda stand. Denn Arcade Fire, Mumford & Sons, Coldplay, The Maccabees und Florence & The Machine, das sind alles Bands, die keine kleinen Plätzchen backen, sondern die alle bevorzugt mehrschichtige Cremetorten auftürmen.

Aber gut, es ist passiert. Die Kings of Leon selbst jedenfalls geben sich begeistert von dem, was Dravs aus ihnen heraus gekitzelt hat (aber gut, wer würde auch im Vorfeld einer Veröffentlichung was Anderes sagen?).

kings-of-leon-1Zum Glück kann man sich bei den Kings Of Leon einer Sache immer sicher sein: Jared brennt was ab. Als zur Bandgründung die Instrumente verteilt wurde, kriegte er den Bass, weil er der jüngste war. Heute ist er zweifellos derjenige der vier, der es auf seinem Instrument zur Meisterschaft gebracht hat. Echt jetzt, wenn diese Umfragen gemacht werden a la „Wer ist der beste Bassist des Rock?“, dann gehört Jared ganz weit nach vorne. Der Junge erfüllt die Aufgaben des Bass, nämlich einen dynamischen Unterbau zu liefern – aber er baut in diese Aufgabe Melodie und Spielerei rein. Was Philipp Lahm für die Außenverteidigerposition ist, das ist Jared Followill für den Bass. Defensiv fehlerfrei, für den Spielaufbau versteckt genial.

Das zeigt sich gleich zum Auftakt. „Waste A Moment“ könnte ein ziemlicher Standard-KoL-Rocker sein. Das „Whoooooh“ im Refrain spiegelt wohl nicht ganz zufällig das „Whoooooh“ von „Sex on Fire“, das kann man auch durchschaubar finden. Aber die Killer-Bassline von Jared, mit der er ganz offenbar „Debaser“ von den Pixies seine Referenz erweist, die propellert den Song nach vorne, dass es eine Freude ist. Auch Gitarrist Matthew fallen hier ein paar schöne Gimmicks ein und so haben wir insgesamt einen echten Knaller. Einen Ohrwurm, der auch Biss hat. Erster Markus Dravs-Test: Bestanden.

„Reverend“ geht dann schon eher in die Richtung, die ich befürchtete. Der Song kommt nicht wirklich in Fahrt und versucht, das mit Hall und Echo zu kaschieren. Das klingt schwer nach Stadion – und leider auch noch nach dem Song, in dem man ein Bier holen geht.

Jetzt wird’s ganz kurios: „Around The World“ ist ganz offenbar die Antwort der Burschen auf Cyndi Laupers „Girls Just Wanna Have Fun“. Wollten wir die hören? Hmmm. Ach Gottchen. Tja. Noch mal Hmmm. Und dann: Na sowas – eigentlich ist das sogar ganz drollig! Diese überdrehte Heissa-Hoppsassa-Radiopop-Nummer ist ein Song der Kings Of Leon, für den es auf den sechs bisherigen Alben keine Entsprechung gibt. Das kann man ihnen ja auch als Wagnis auslegen. Nee, ganz ehrlich, das ist erstaunlich gut anzuhören. Eine Warnung muss ich aber aussprechen: Das Video ist so beschissen, dass man Augenkrebs kriegt.

Next: „Find Me“. Eigentlich eine ganz rasante Rocknummer. Hier stört mich aber definitiv die Dravs-Produktion. Hätte diese Nummer auf „Youth And Young Manhood“ stattgefunden, sie hätte als Kläffer aus Haut und Knochen so richtig mit den Zähnen gefletscht. Hier aber kleistert Dravs alles mit flächigen Synthies zu und schafft damit einen austauschbaren US-Rock-Breitwandsound, der nicht anders klingt als späte Foo Fighters o.ä.

Auch „Over“ spart nicht mit dem dicken Farbauftrag. Aber diese Nummer geht in eine andere Richtung: Das Ganze hat was atmosphärisch-düsteres, Interpol-Style. Wieder mal ist es Jareds Bass, der das Besondere rausholt. Sind das noch Sechzehntel oder schon 32stel, in denen er seine Melodie zucken lässt, wie mit einem Stroboskop, das statt Blitzen Dunkelheit raus schießt? Das klingt stark und lässt uns über die U2-Gitarren von Matthew hinweg sehen.

kings-of-leon-0Jetzt wird’s leiser. „Muchacho“ macht mit Kastagnetten ein kleines Bisschen auf Texmex und auch wenn der Song zu glatt gebügelt wurde, um als schöne Americana-Ballade durchzugehen, widersteht er doch Versuchung, sich zur endgültigen Kitschballade aufzuplustern.

Das folgende „Conversation Piece“ ist ein ziemlich genauer Re-Write von Radioheads „No Surprises“. Ich mag „No Surprises“, also kann ich damit leben. Aber einen Originalitätspreis verdient sich hier niemand.

Weiter geht’s mit „Eyes On You“. Auch da bin ich happy mit, weil’s eine recht flotte Nummer ist im Stile von „The Bucket“. Gegen Ende wird der Song (siehe „Find Me“) ein bisschen mit halligen „Whooohoohoo“s und einer Schicht Synthies überfrachtet, was meiner Meinung nach den Song eher abstumpft als ihm Profil gibt. Aber gut, Markus Dravs wollte es so.

„Wild“ fängt vielversprechend an, mit einer Gitarre, die so schräg aufjault, dass wieder mal die Pixies grüßen. Leider hat dieses Intro dann wenig mit dem Song zu tun, der sich eher farblos dahin schleppt wie eine B-Seite aus der „Come Around Sundown“-Ära.

Fehlt noch der Titelsong „Walls“, was für „We Are Like Love Songs“ steht. Eine Ballade mit Klavier, erstaunlich sachte und zart, die mich in ihrer stillen Würde an zwei Dinge erinnert: Erstens Ryan Adams, zweitens Bruce Springsteens „I’m On Fire“ in Zeitlupe. Das ist zum Schluss noch mal ein absolutes Highlight.

So. Wie fasse ich’s zusammen? Die Kings Of Leon haben auf dieser Platte mit der Rekrutierung von Producer Markus Dravs etwas reparieren wollen, was meiner Meinung nach nicht wirklich kaputt war. Dravs hat ihren Sound mächtig aufgeplustert, was nicht immer das ist, was ich von KoL hören will. Aber es ist zum Glück nicht so, dass er alles verschlimmbessert hätte. Auch wenn die Followills hier wieder aufs Stadion setzen, hat die Platte trotzdem Songs, die mit Biss und Charme punkten können.

Es gibt ja inzwischen viele Indie-Puristen, die sich von den Kings of Leon distanzieren und in ihnen ein Stadionfeindbild sehen. Die übertreiben. Klar ist „Walls“ kein „Aha Shake Heartbreak“ – so ein Geniestreich wird nicht noch mal kommen. Aber die Platte ist voll okay.

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